(14) Die Frauen(in)bewegung

von Sandra Mastropietro am 3. Juni 2014

>>> Läuferleben <<<

Die Frauen(in)bewegung 

oder auch

Von Wohlfühl-Laufveranstaltungen 

Guten Morgen liebe Leser,

heute möchte ich meine Kolumne mal etwas anders beginnen; und zwar mit einem kleinen Ratespiel 🙂

Was wird hier beschrieben:

Tausende Frauen in „Einheitskleidung“ auf abgegrenztem Terrain. Sie reden (natürlich!), lachen und diskutieren. Ein süßlicher Mix aus Schweiß, Deodorant und Parfüm schwebt in der Luft. Einige von Ihnen liegen (noch) entspannt in der Sonne, andere posieren und wieder andere rätseln über die richtige Kleidung; Jacke an oder aus? Die spürbar wachsende Anspannung verrät, das etwas Großes bevor steht.

So! Ich hoffe, Ihr seid mehr vom Titel der Kolumne als von einer gewissen deutschen Fernsehserie mit Katy Karrenbauer geleitet 😉 Die Rede ist natürlich nicht von einer Freigangszene bei „Hinter Gittern“, sondern von dem Big Happening vor jedem beliebigen Frauenlauf; in Deutschland, in Europa – weltweit!

Am konkreten Falle vom Nike WE OWN THE NIGHT Frauenlauf vergangenen Freitag in Berlin, möchte ich versuchen zu beschreiben, wie das Laufen bei einer Laufveranstaltung zur Nebensächlichkeit werden kann und warum wir Frauen unsere eigenen Laufevents haben.

Berliner Mauerpark, Freitag der 30 Mai, 2014:

In meinem üblichen Stechschritt biege ich links in den Mauerpark am Friedrich-Ludwig-Jahnsportpark ein. Uffff; abrupt bleibe ich stehen, denn hinter der schwarz-türkisen WE OWN THE NIGHT Absperrung erwartet mich eine andere Welt.

Tausende von Frauen stehen in unendlich vielen kleinen und großen Grüppchen auf dem gut gepflegten Rasen, lächeln in Ihre Handykamera (Selfie-Time), warten in einer endlos-scheinenden Schlange auf das perfekte Make-Up vom Visagisten, um sich anschließend in einer weiteren Schlange vor den Fotoboxen einzureihen.

Posing Time:

Das Resultat sind sehr viele witzige und vor allem aber sau coole Fotos 😉 mit den liebsten Laufpartnerinnen, die man sonst nie im Leben gemacht hätte. Das schweißt nicht nur zusammen, sondern ist auch noch unwahrscheinlich gut fürs Ego.

Hier und heute, an diesem Freitagnachmittag im Mauerpark, darf Frau einfach nur Frau sein. Jung, verspielt und ein bisschen selbstverliebt.

Es macht den Anschein, als ob die Frauen nicht nur Ihre Teilnahmebestätigung gegen den reich bestückten Startbeutel eintauschen, sondern gleich noch mindestens 100 Kilo Alltagssorgen mit an der Garderobe abgeben.

So lässt sich meiner Meinung nach zwar über den Inhalt des Beutels streiten, denn der enthält neben dem pastell-türkisen KISS MY RACE DryFit T-Shirt unter anderem auch noch Lippenstift, Nagellack und Lidschatten; dennoch scheint er seinen Zweck zu erfüllen:

die sonst mit beiden Läuferbeinen im Business stehende Frau verfällt mit Hingabe zurück in die längst abgelegte Mädchenrolle.

Haare werden geflochten, Nägel lackiert und Klamotten getauscht. Getrunken wird Kokoswasser, Balance-Quellwasser und Bionade; gegessen Frozen Yogurt, Bio-Wraps und Erdbeerkuchen.

Gegen halb neun Uhr abends holt uns eine Stimme zurück in die sportliche Wirklichkeit und erinnert daran, dass wir eigentlich zum Laufen hier sind. Zumindest offiziell! Wir werden zum Warm-Up gebeten (Nein, auch um das muss sich nicht selbst gekümmert werden)

Ein kurzes Klo-und Garderobenchaos später finden wir uns in dem imposanten Startblock ein. Der Bass vibriert unter unseren Füßen und lässt uns im Takt des Warm-Ups mit Nike Mastertrainerin Nina Otto tänzeln.

Als der Startschuss um Punkt 9 Uhr fällt, marschiert die Armee bildhübscher Frauen los. Die einen Richtung neuer 10k Bestzeit, die anderen zum eigens designten Finisher-Goldkettchen. Aber heute ist es ist egal, für was sie laufen, denn sie laufen und sie haben riesigen Spaß dabei! Gleichmäßig klingen die gut gedämpften LunarGlides auf Berlins Straßen, hallen in den pink ausgeleuchteten Unterführungen. Bands spielen am Streckenrand, die Stimmung ist fantastisch.

Im Ziel liegen wir uns alle in den Armen, jubeln, busseln, knipsen weiter Selfies und färben facebook pastell-türkis ein.

Stolz nehmen wir unser hübsches Finisher Kettchen entgegen, ziehen uns um (oder auch nicht) und gehen nach der wohlverdienten Trenderfrischung Kokoswasser rüber in die Max-Schmeling-Halle zum Miss Platnum Konzert; wer Laufen kann, darf nämlich auch feiern!

Und so lassen wir gemeinsam einen ereignisreichen Tag ausklingen, schwelgen schon jetzt in Erinnerungen, wie schön es doch war; schauen wieder und wieder die Fotos durch – lachen über uns und das erlebte, über das sportliche Mädchen, dass wir heute Nachmittag und Abend sein durften.

Und ich denke, genau in diesem Punkt liegt die Faszination des Frauenlaufs. Frau muss sich nicht beweisen, nicht mit Männern messen, mit denen sie sonst gleich auf sein will und muss. Frau darf einfach Frau sein, die alltägliche Verantwortung abgeben und sich nur auf sich besinnen; weit Weg von Geschlechterkampf und Gleichberechtigung, weg von dem alltäglichen stark und taff.

Mein Fazit:

Schon mal nett, so ein Frauenlauf. Macht wirklich Spaß! Ein toller Einstieg für Frauen in den Laufsport und eine Motivationsveranstaltung für alle „frisch dazugekommenen“

Das breite Lächeln und das Leuchten in den Augen vieler Mädels, die zum ersten Mal offizielle 10k gelaufen sind – wunderschön und unbezahlbar; besonders als Trainerin 🙂

Dennoch freue ich mich schon jetzt wieder auf meinen nächsten offiziellen Lauf, bei dem es dann tatsächlich nur ums Laufen geht und mich die Männer um mich herum, mit denen ich unbedingt mithalten möchte, zu neuen Bestzeiten motivieren.

Ganz liebe Grüße und eine wunderschöne Woche 🙂

#keeponrunning

Eure Sandra


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