85 Mal im Kreis laufen: Ein Halbmarathon unter bizarren Umständen

von Tankred Dankmar am 21. März 2016

Liebe laufende Gemeinde.

In dieser Kolumne möchte ich einmal eine Läufer-Geschichte erzählen, wie man sie vielleicht nicht oft zu hören bekommt oder sagen wir, die eher untypisch ist. Auch wenn sie bestimmt nicht einzigartig ist, so ist sie doch vielleicht inspirierend und mag den ein oder anderen zumindest anschließend mit der Erkenntnis zurücklassen, dass man mehr erreichen kann, als man meinen sollte, dass es eigentlich nichts gibt, was der Mensch nicht zu Wege bringt, wenn er es sich denn vornimmt. Und dass die laufende Gemeinde ein Völkchen ist, welches zusammenhält.

Keine Sorge. Ich werde hier nicht den ermahnenden Zeigefinger schwingen. Darum geht es nicht. Dass man sich zum Laufen oft überwinden muss, das wissen wir alle. Kommt ja nicht von ungefähr, dass das Lieblingstier des Läufers der innere Schweinehund ist. Nein, diese Geschichte soll nicht belehren, sondern in erster Linie unterhalten.

Zugegeben, im Subtext steckt dann doch so etwas wie eine Lehre, ein Aha-Effekt, der aufzeigen soll: wer sich vor dem Laufen drückt, weil er sich nicht vorstellen kann, jemals auch nur einen 10 km Lauf absolvieren zu können, der liegt damit nicht nur grundliegend falsch, sondern ist sich zu seinem eigenen Leidwesen überhaupt nicht dessen bewusst, was er alles hinbekommen könnte, wenn er nur wollte. Und dass man manchmal Hilfe dabei benötigt.

Der moralische Zeigefinger? Lassen wir ihn mal stecken!

Wie gesagt, diese Geschichte ist nicht einzigartig, aber eher untypisch für ein Läuferleben. Denn die allerwenigesten Dauerläufer waren einmal hochgradig drogenabhängig und sind nun ambitionierte Marathonläufer.

Es ist eher selten, dass sich jemand an den eigenen Haaren aus dem Drogensumpf zieht und daraufhin innerhalb von ein paar Wochen im wahrsten Sinne des Wortes über das Ziel hinaus schießt. Aber ein Freund und ehemaliger Klassenkamerad von mir hat dieses Kunststückchen hinbekommen und es ist nicht der Umstand, dass er jetzt sauber ist und läuft und läuft und läuft, sondern beeindruckend sind die kleinen Details aus den Anfangstagen seiner neuen Karriere als Läufer.

Vom Junkie zum Dauerläufer

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt, auch, weil sie viele Klischees bedient. Er war immer irgendwie der Wildeste in der Klasse, Disziplin war ihm stets zuwider, er war rebellisch und damals der Erste, der mit Punkfrisur, Sicherheitsnadel im Ohr und großem Anarchie-Symbol auf der Lederjacke zum Unterricht kam und dem Lehrer den Stinkefinger zeigte. Er war der Erste, der kiffte und immer der, der die meisten Biere kippte. Nach dem Zivildienst (in einer Drogenberatungsstelle, was rückblickend betrachtet, ziemlich ironisch ist) fing er an, erst Altamerikanistik und dann Pyshologie zu studieren, beendete aber nichts davon.

Dann kamen die Drogen. Erst Partydrogen – es war kurz vor dem Millenium, Untergrund-Technopartys und neue Designerdrogen  waren der neue Punkrock. Irgendwann reichte das nicht mehr und es kam, wie es kommen musste: Heroin und Kokain. Weil schnupfen und rauchen nicht reichte, drückte er sich das Zeug mit der Nadel, meistens auch noch als Cocktail. Schlimmer geht´s kaum.

Mit anderen Worten: er wurde so richtig süchtig und natürlich auch kriminell, weil seine Sucht gut und gerne 200 Euro am Tag verbrauchte. Und nach ein paar Jahren kam es weiter, wie es kommen musste und er kam ins Gefängnis. Und hier fängt die Geschichte mit dem Laufen auch letztendlich an.

So kriegt man sich kaputt. Intravenöser Drogenkonsum. Das Gegenteil von Laufen.

Bild: Hendrike | CC BY-SA 3.0

Ein Mensch, der noch nie einen kalten Entzug von Heroin und Kokain gemacht hat, kann sich nicht vorstellen, wie weh das tut, wie elend man sich dabei fühlt. Er sagte mir mal, dass würde er seinem ärgsten Feind nicht wünschen. Es gäbe auch keine Worte dafür und alles, was man darüber lesen könnte, sei nicht einmal wage dran an der Wahrheit. Aber nun gut, das hatte er sich ja schließlich selber eingebrockt. Da musste er jetzt durch, wenn auch ausgerechnet im Knast. Da er hoch dosiert war, dauerte das auch gute 4 Wochen, bis er halbwegs wieder stehen konnte. Zum ersten mal verließ er die Zelle und ging zum täglichen Hofgang.

Hofgang im Knast heißt: eine Stunde draußen im Kreis gehen. Der Kreis war vielleicht 150 Meter lang. Anfangs schaffte er 2 Kreise, zwei Tage später schon 5 und so weiter. Zwei Wochen später lief er schon die ganze Stunde und musste sich zwischendurch nicht hinsetzen. Und eine Woche später nahm er sich vor, nun auch mal ein paar Runden nicht nur zu gehen, sondern zu joggen. Erst 2 Runden, dann 5, dann 10 und dann, nach ca. 8 Wochen, stellte er verblüfft fest, dass er mittlerweile eine ganze Stunde joggen konnte. Und er merkte, wie gut ihm das tat.

Erste Laufversuche im Gefägnishof. Da wünscht man sich doch lieber in den Stadtpark!

Er meldete sich zum wöchentlichen Knastsport an. Ein- bis zweimal die Woche wurde den Knastis erlaubt, eine Stunde Sport auf dem hauseigenen Sportplatz zu machen. Die meisten spielten Fußball, aber mein Kumpel wollte nur laufen. Um den kleinen Fußballplatz herum gab es eine 250 Meter Tartanbahn. Und er lief. Jedes mal die ganze Stunde, die ihm Zeit blieb. Ansonsten lief er beim täglichen Hofgang. Auch eine Stunde lang.

Laufen, laufen. Warum? Weil es sich einfach gut anfühlte, wieder fit zu sein, wie er mir erklärte. Laufen war reiner Selbstzweck, weil es ihm klarmachte, dass er wieder gesund war, so richtig gesund. Eine Stunde beim Knastsport laufen, dass hieß gute 10 km herunterreissen zu können. 40, manchmal sogar 50 Mal um die doofe 250 Meter Tartanbahn.

Er hätte nie gedacht, dass er jemals im Leben wieder so fit werden würde, denn die Jahre der Sucht hatten durchaus aus paar Narben und irreperable Schäden zurückgelassen. So hatte er eine Beckentrombose mit anschließender Lungenembolie ein paar Jahre zuvor nur knapp überlebt. Das kam davon, weil er sich über ein Jahr die Drogen in die tief liegende Beckenvene injiziert hatte. Das rechte Bein war nunmehr dauerhaft kaputt. Und trotzdem konnte er damit laufen. Zumindest war es kein Grund, es nicht zu tun. Auch die Narbe, welche die Embolie auf seiner Lunge zurückgelassen hatte, spürte er beim Laufen. Aber egal.

Dieser eiserne Willen und der Umstand, dass er in so kurzer Zeit wie der Phoenix aus der Asche auferstanden war, beeindruckte nicht nur ihn. Auch einer der Wärter, der selber auch Dauerläufer war, verfolgte diese fulminant erscheindende Genesung. Das war Glück, denn natürlich wollte mein Kumpel nun auch den nächsten Schritt wagen und einmal einen Halbmarathon in Angriff nehmen. Aber im Knast? Wie sollte das gehen? Man hat ja nur eine Stunde Zeit! Er würde aber ungefähr zwei brauchen.

Nur eine Stunde Zeit zum Laufen? Defenitiv zu wenig für einen Halbmarathon!

Bild: Richard Huber | CC BY-SA 3.0

Im deutschen Knast muss man für alles einen Antrag stellen. Man will Besuch empfangen: Antrag ausfüllen und einreichen. Man will zum wöchentlichen Einkauf im Knastladen: Antrag ausfüllen und einreichen. Mein Kumpel wollte zwei Stunden auf der Tartanbahn, um einen Halbmarathon zu laufen: Antrag ausfüllen und einreichen. Nur solch einen Antrag hatte die Gefängnisleitung in all den Jahren noch nicht bekommen.

Welcher Häftling will schon einen Halbmarathon laufen? Und wie sollte das gehen? Es musste ja jemand die Aufsicht führen. Aber das Personal war schließlich rar gesät und deshalb anderweitig beschäftigt. Im Knast gibt es keine Sonderbehandlung, auch nicht für Dauerläufer mit ehrenhaften Ambitionen.

Die Rettung: Ein laufender Wärter!

Geht nicht, sagte man meinem Kumpel und lehnte sein Gesuch selbstverständlich ab. Und da schaltete sich besagter Wärter ein, welche die Freuden des Dauerlaufs ebenfalls kannte und genau verstand, warum mein Kumpel nun einen Halbmarathon laufen MUSSTE. Knast hin und her, ein Läufer braucht immer ein nächstes Ziel, an dem er sich abarbeiten kann.

Und so bot dieser Wärter meinem Kumpel und der Gefängnisleitung an, dass er nach seiner Schicht, also in seiner Freizeit, die Aufsicht übernehmen würde, wenn mein Kumpel den Halbmarathon da auf diesem Sportplatz im Knast absolvieren wollte. Etwas ungewöhnlich, aber es gab von offizieller Seite auch nichts dagegen einzuwenden.

Der Sportplatz und die Tartanbahn, auf der sich diese Geschichte zugetragen hat – in der JVA Rheinbach.

Bild: Wolkenkratzer | CC BY-SA 3.0

Und nun stelle man sich dieses Bild vor! Wärter und Insassen sind sich ja nun im Knast aus offensichtlichen Gründen nicht unbedingt wohlgesonnen gegenüber eingestellt. Die einen haben den Schlüssel, die anderen nicht. Aber hier waren jetzt nicht ein Wärter und ein Insasse, sondern zwei Brüder im Geiste, zwei Dauerläufer, die sich allein auf dem Sportplatz im Knast wiederfanden, wo der eine dem anderen völlig uneigennützig seine Hilfe anbot.

Der Wärter setzte sich auf eine Bank und hatte sogar eine Stoppuhr mitgebracht. Mein Kumpel ging an den Start und rockte seinen ersten Halbmarathon. Die Insassen in dem Zellenblock, der dem Sportplatz zugewandt war, schauten zu und feuerten meinen Kumpel an. Heraus kam einer, der glücklich war und seinen ersten Halbmarathon auch noch in der achtbaren Zeit von 1:47h gelaufen ist und der einem Wärter, einem von der anderen Seite des Zauns, dankbar die Hand schüttelte.

Hört sich an wie ein blöder Hollywoodfilm. Aber die Geschichte ist wahr. Es sind diese Geschichten, die das Leben schreibt. Und es ist eine Geschichte, wie sie unter Läufern geschieht, weil Laufen zwar ein Sport für Einzelkämpfer ist, aber welcher trotzdem dieses Wir-Gefühl kennt. Es gibt unter Läufern diese Verbundenheit und man unterstützt sich in unseren Reihen auch gerne.

Warum ist das so? Weil wir nie Gegner sind! Jeder läuft seinen eigenen Lauf. Und wenn der andere dabei helfen kann, so tut er das. Weil, sind wir ehrlich: ab und zu im Leben braucht jeder auch mal Hilfe. Es ist ein Geben und ein Nehmen. Auch beim Laufen.

Denkt daran, wenn ihr das nächste Mal einen auf der Strecke seht, der ausschaut, als könne er Hilfe gebrauchen. Manchmal reicht auch schon ein aufmunterndes Wort, ein flüchtiges Lächeln oder ein Schulterklopfen. Denn auf der Strecke läuft man nicht gegen einander, sondern eigentlich nur für sich. Aber immer alleine? Das ist auch ja doof! Wir sind Brüder und Schwestern im Geiste und zwar nicht auf einander angewiesen, aber immer für einander da. Sonst würden wir wohl Tennis spielen. 😉

Haltet durch & keeponrunning,

Euer Tankred.


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