Anmeldung im Fitnessstudio, oder: Mein Gang nach Canossa

von Tankred Dankmar am 16. Juni 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Nun ist es doch noch passiert. Ich war nie ein Freund davon und ja, ich habe sogar manchmal etwas versnobt die Nase über die gerümpft, die es tun. Mir war es immer zu modern, zu einfach, zu unmännlich und zu unsportlich. Es war mir zu voll, zu verschwitzt und viel zu gesellig. Aber jetzt, nach über 40 Jahren auf dem sportlichen Trampelpfad des Daseins bin ich ein Teil davon geworden. Machen wir es kurz, mache ich es schmerzlos und sage es direkt heraus und ohne mich zu schämen: Ich habe mich in einem Fitnessstudio angemeldet! 

Puh, jetzt ist es raus. Ich fühle mich erleichtert. Selten musste ich mir ein Geständnis so hart abringen. Selten war ein Gang schwieriger, die Bürde größer, als mich zum Anmeldeschalter des hiesigen Fitnesstempels um die Ecke zu schleppen. Wie ein scheues Reh, das zum ersten Mal aus dem Wald tritt und vor einer Schnellstraße steht und nicht weiß, wie ihm geschieht, kam ich mir vor.

Ich habe mich langsam hinein getastet, mich vorsichtig umgesehen, den Augenkontakt tunlichst vermieden. Vor der netten Dame hinter dem Schalter habe ich mich geräuspert, meine Stimme und all meinen Mut gesammelt, um ihr mein Anliegen vorzutragen. Ich kam mir vor, als käme ich zum ersten Mal in einen Strip-Club.

Die heiligen Hallen eines Fitnesstempels – für mich ein bisher sehr ungewohntes Bild.

Bild: www.localfitness.com.au – CC BY-SA 3.0

Wahrscheinlich gehen viele von Euch schon seit Jahren ins Fitnessstudio. Und ich will darüber auch nicht urteilen. In meiner Welt kann jeder machen, was er oder sie will, ehrlich. Nur für mich war das einfach nichts. Ich mag es, Sport alleine zu machen. Ich kann mich dabei besser sammeln und mein Tun genießen. Und auf der Laufstrecke habe ich immer mal wieder nach Möglichkeiten gesucht, bestimmte Übungen einzubauen. Klimmzüge am Bushaltestellenhäuschen zum Beispiel. Liegestütze am Wegesrand. Sit-Ups an einer halbwegs sauberen Stelle. Solche Dinge eben. Oder ich habe ganz bewusst nach den guten, alten Trimm-Dich-Pfaden gesucht, falls Ihr die noch kennt. Oder ich bin erst meine Ründchen gelaufen und habe dann daheim noch ein paar Übungen gemacht. Alles, was halt ohne fancy Geräte so geht.

Mit anderen Worten: Wozu brauche ich ein Fitnessstudio? Das meiste geht doch auch ohne. Wenn man kein Bodybuilder ist, reicht doch der Trimm-Dich-Pfad oder das kleine Zirkel-Training zu Hause, oder nicht? Und ganz ehrlich: Das denke ich immer noch. An meiner Meinung hat sich nichts geändert.

Aber ich will Euch sagen, was sich sehr wohl geändert hat: Ich lebe in den Tropen und ich kann das heiße Wetter zur Zeit einfach nicht mehr ab! Zumindest nicht AUCH NOCH BEIM SPORT, verdammt. Hier in Malaysia ist gerade die heißeste Zeit des Jahres. Und dieses Jahr ist sie besonders heiß. Und wenn ich da jetzt zwei Stunden Sport mache, ist das nicht nur sehr unangenehm, sondern auch etwas ungesund, glaube ich. Ich bin schließlich auch keine 20 mehr. 

So stelle ich mir zwar keinen „richtigen“ Sport vor, aber dafür ist es schön kühl.

Bild: www.localfitness.com.au – CC BY-SA 3.0

Deshalb mein Gang ins benachbarte Fitnessstudio. Warum? Weil die da die Klimaanlage voll aufgedreht haben! Ganz einfach. Es sind bestimmt 10, 12 Grad kühler dort als draußen. Und das ist nicht mehr das Zünglein an der Waage, das ist ein fundamentaler Unterschied, wenn man in Ruhe sein sportliches Programm durchziehen will. Von mir aus können mich die Hartgesottenen jetzt auch eine Pussy nennen, Ihr wohnt ja auch nicht hier.  Mal kann man die Hitze beim Sport ja ganz gut ertragen, aber drei Mal die Woche? Kommt schon!

Eine wunderbar kühle Wolke begrüßte mich, als ich, wie gesagt, scheu und etwas gehemmt diese Woche zum ersten Mal ins Fitnessstudio kam. Ich spürte sofort den Schweiß auf meiner Haut trocknen, denn schon der kurze Spaziergang durch die Mittagshitze treibt einem hier das Wasser aus allen Poren. Wie einst König Heinrich IV vor den Burgtoren in Canossa um die Gunst des Papstes bettelte, damit dieser den Kirchenbann aufhob, den er zuvor über Heinrich verhängt hatte, war ich nun also letztendlich hier angekommen – im gläsernen Tempel der Fitness mit all seinen modernen Errungenschaften, die ich immer arrogant verspottet hatte.

Heinrich – hier auf einem Gemälde von 1862 – ist zwar noch trotzig, bittet aber trotzdem im Büßergewand um die Gunst des Papstes. Nun weiß ich, wie sich der Ärmste dabei gefühlt haben muss. Bild: gemeinfrei

 

Zuerst kredenzte man mir einen Protein-Shake – der war in der Aufnahmegebühr mit inbegriffen. Auch dieser war natürlich eisgekühlt, genau wie die heiligen Tempelhallen. Es war mein erster UND letzter. Das Zeug schmeckt einfach gruselig und auch, wenn ich nun den Versuchungen des Fitnessstudios erlegen bin – ein Protein-Shake geht einfach zu weit. 

Dann zog ich mich um und stand staunend zwischen all den Geräten. Ich erinnerte mich an wirklich sehr, sehr anstrengende Zirkel-Training-Orgien beim Schulsport unter der strengen Aufsicht unseres Sportlehrers. Der hatte nicht umsonst den Spitznamen „Die Peitsche“ inne, den hatte er sich redlich verdient.

Hantelbanken, die erkannte ich noch. Die ganzen anderen Geräte würde ich wohl erst einmal inspizieren müssen, ihre Mechanik genau unter die Lupe nehmen, um zu verstehen, was ich damit überhaupt anfangen sollte.

Aber zuerst einmal ab auf´s Laufband. Und was soll ich sagen? So schlecht war das gar nicht. Ich trat zwar auf der Stelle herum, aber dafür war es angenehm kühl. Die Dinger standen in Reih´ und Glied vor einer großen Glasfensterfront und ich konnte mir das Treiben auf der Straße und dem Parkplatz vor der Shopping-Mall anschauen, denn, ja: Mein Fitnessstudio befindet zu allem Überfluss auch noch in einem dieser riesigen, in asiatischen Großstädten recht üblichen Konsum-Tempeln. Aber eben schon kühl. Draußen, ein Stockwerk tiefer auf dem Parkplatz, schwitzten die anderen um die Wette.

Mir als passioniertem Geländeläufer kommen da natürlich die Tränen in die Augen, aber was soll´s. Nun mache ich es auch – Training auf dem profanen Laufband.

Bild: www.localfitness.com.au – CC BY-SA 3.0

Das Gute ist: Ich kann mir meine Arbeitszeiten selber aussuchen. Und deshalb kann ich auch dann ins Fitnessstudio gehen, wenn so gut wie alle anderen auf der Arbeit sind. Es waren noch zwei andere außer mir hier – und beide waren so damit beschäftigt, ihre Muskeln aufzupumpen und sich dabei im Spiegel zu betrachten, dass ich in keinerlei soziale Interaktion gezwungen wurde. Gut, gut, so hatte ich mir das auch im besten Falle vorgestellt. Ein leichtes Grinsen huschte über mein Gesicht. Das Geld war anscheinend also ganz gut angelegt. Allein die Klimaanlage war die paar Mäuse schon wert.

Nach einem wirklich angenehmen Dreiviertelstündchen auf dem Laufband schlenderte ich dann durch die Gerätschaften. Teilweise erinnerten sie mich an mittelalterliche Folterinstrumente aus der Zeit der Inquisition. Die haben sich ja auch so manche komplizierte Apparatur einfallen lassen, um Frauen und Männer zu schänden. In der nächsten Stunde probierte ich hier und da mal was aus, griff mir zwischendurch ein paar Hanteln und vermied es, dabei in den Spiegel zu sehen. Finde ich komisch, mich selber beim Sport zu betrachten.  Aber jeder wie er will, nicht wahr.

Zum Ende ging ich noch Mal ein Ründchen aufs Laufband, einfach, weil es so schön war. Und nicht SO HEISS! Und nach einer schönen Trainingseinheit Sport mit allem Drum und Dran – genau wie auf einem Trimm-Dich-Pfad der alten Schule – hatte ich also meine Jungfräulichkeit verloren. Ich bin jetzt einer VON DENEN. Von denen, die ins Fitnessstudio gehen. Und es ist mir herzlich egal, was Ihr jetzt von mir denkt. Denn auch, wenn ich mich eigentlich gar nicht rechtfertigen muss: ICH TUE ES DER GESUNDHEIT ZULIEBE, weil nur hier gesunde Temperaturen für eine gute, anstrengende Trainingseinheit in den Tropen herrschen. 

Willkommen in meiner Welt! Wenn Ihr mich sucht, ich bin ab jetzt häufiger im Fitnesstempel zu finden – und kann es selbst kaum glauben, dass ich das gerade gesagt habe.

Beste Grüße,

#keeponrunning

Euer Tankred


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