Barfuß durchs Paradies? – Im Dauerlauf durch Südostasien

von Tankred Dankmar am 28. Oktober 2015

Heute möchte ich zunächst einmal mit einem kleinen Mythos aufräumen. Vielleicht ist das bei Euch Profi-Hobbyläufern aber auch völlig überflüssig, deshalb versuche ich mich kurz zu fassen. Eigentlich leuchtet es auch ein. Aber es kommt schon mal vor, dass, wenn ich in meinem Bekanntenkreis daheim in deutschen Gefilden darüber berichte, dass ich auch hier in den Tropen gerne laufen gehe, man mich fragt, ob ich das denn nicht auch barfuß machen würde. Schließlich könne man ja hier eigentlich die ganze Zeit, das ganze Jahr und überall und überhaupt ohne Schuhe herumlaufen.

Warum also nicht auch beim Dauerlauf?

Echt jetzt? Hier barfuß joggen?

Vielleicht seufzt der ein oder andere Leser jetzt auch schon. Oder schmunzelt, es besser wissend. Denn das kann man natürlich nicht. Also, man könnte schon, aber das ist für einen Läufer nicht sehr angenehm. Die Frage kann auch nur von Leuten kommen, die selbst nicht laufen. Schließlich klotzt man Kilometer um Kilometer über den Asphalt und über Stock und Stein, egal ob auf einer tropischen Trauminsel oder durch den Stadtpark von Wanne-Eickel. Und das auch nicht unbedingt in Schrittgeschwindigkeit. Das alles barfuß zu machen, ist, als fahre man einen kleinen, wendigen Sportwagen ohne die Bereifung, sondern glatt auf der Felge. Oder mit anderen Worten: man kann gar nicht genug Hornhaut unter den Füßen bilden, als dass das noch was mit Spaß zu tun hätte. Ne, ne. Vielleicht gibt es ja ein paar ganz abgedrehte Spezialisten, die das mögen. Ich persönlich halte das für die reinste Folter.

Am Strand ist das natürlich etwas ganz anderes, da stören Schuhe nur. Aber wie jeder ernsthafte Läufer weiß, hat das auch nur bedingt was mit ´richtigem´ Sport zu tun. Immer wieder denselben Strand auf und ab zu laufen ist mehr etwas zum warm werden. Oder um mit den Hunden zu spielen. Das schont zwar die Gelenke und baut ordentlich Beinmuskeln auf, weil man sich im Sand ja viel kräftiger abstoßen muss, aber wie gesagt: für echte Dauerläufer ist das nur Kinderkram. Alles, was nicht mindestens über 10 km geht, ist was für Luschen! Gut. Der feine weiße Sand zwischen den Zehen am Strand…das hat schon was.  Aber schließlich will man hier ja nicht spazieren gehen oder das Strandleben genießen – hier geht´s um Sport und um Kilometer auf Zeit und sonst gar nichts, liebe Freunde.

Der Strand vor meiner Haustür – die Bucht von Chaloklum

Ich bin damals unter anderem auf eine tropische Insel gezogen, weil ich mir selbst ein Motto ausgegeben hatte, welches lautete: ´Ich möchte so leben, dass ich keine Schuhe mehr tragen muss´. Ganz einfach! Weder das Wetter noch ein Arbeitgeber sollten mich noch dazu nötigen, wieder in feste Treter zu schlüpfen. Weil ehrlich: Flip Flops sind voll mein Ding. Die Dinger sind, glaube ich, dazu erfunden worden, die Welt zu entschleunigen. Ehrlich, mit Flip Flops nicht langsam zu schlendern und zu schlurfen, ist fast nicht möglich. Gott sei Dank muss ich nirgends mehr hinrennen. Busse oder Bahnen kann man hier ja nicht verpassen.

Allerdings hat mich diesbezüglich mein guter thailändischer Freund Narong auch eines besseren belehrt. Er war in den ersten beiden Jahren, die ich hier verbrachte, mein Vermieter und wohnte direkt nebenan. Und er hatte irgendwie seine helle Freude daran, dass ich fast jeden Morgen im Dauerlauf meine Runden durchs Dorf und durch die Gegend zog. Und ich habe ja schon in einem anderen Artikel beschrieben, dass die Thais so langsam auf den Geschmack von Fitness kommen. Obwohl sie wie gesagt lieber Fahrrad fahren. Aber nicht so Narong. Sich so ein teures Spaß-Bike anzuschaffen würde ihm nie in den Sinn kommen, dazu ist er zu sehr alte Schule. Das ist ihm viel zu fancy. Aber er guckte sich das an, was ich da so machte mit meinem Dauerlauf – in Laufschuhen wohlgemerkt!

Eines Morgens kam ich also von meiner Runde und bog wieder auf den Dschungelpfad zu unserem Holzhäuschen ein, da kam mir der gute Narong entgegengerannt. Ich hatte ihn noch nie rennen sehen. Ich glaube, ich habe vorher noch nie einen Thai rennen sehen. Als ich auf seiner Höhe ankam blieb ich auch verdutzt stehen und fragte ihn verblüfft: ´What are you doing? Why are you running?´ Ich schaute mich in der Gegend um, aber offensichtlich wurde er von nichts verfolgt. Und ein Bus fuhr auch nirgends ab. Er blieb auch gar nicht erst stehen, sondern rief mir nur zu: ´Exercise! Exercise!!!´. Ich konnte es kaum fassen. Der Gute hatte den Dauerlauf für sich entdeckt. Aber…natürlich in Flip Flops! Herrlich!

Man stelle sich hier bitte Narong beim Dauerlauf in Flip Flops vor!

Also: Dauerlauf barfuß ist doof. Dauerlauf in Flip Flops ist offensichtlich doch eine Möglichkeit, auch wenn ich das vorher immer bezweifelt habe. Aber für echte Läufer kommt auch auf einer tropischen Insel nur ein vernünftiger Laufschuh in Frage. Denn sind wir ehrlich: nur so macht der Dauerlauf auch richtig Spaß. Zumindest geht mir das so. Ich schlag mir nämlich auch so schon dauernd irgendwo irgendeinen Zeh an, wenn ich in Flip Flops herumschlendere.

Und ich muss mir echt nichts beweisen, in dem ich barfuß durch den Dschungel hetze. Das ist doch eher was für die, die auch im Dschungel hausen: Makaken, Schlangen, Hundertfüßler und handtellergroße Spinnen. Die brauchen keinen Laufschuh. Und noch nicht mal Flip Flops. 😉

#keeponrunning, Euer Tankred

PS: Weitere Artikel meiner Kolumne findet ihr hier: Im Dauerlauf durch Südosatasien


{ 1 Kommentar… lies ihn unten oder füge einen hinzu }

uncipaws November 2, 2015 um 19:00

Ich bin kein dauerläufer, dafür aber dauerbarfüßler mit einem bescheidenen tagesmittelwert von 6000 schritten (eben ein schreibtischarbeiter, der sich ab und zu in bewegung setzt). Fast alle davon barfuß zu jeder jahreszeit mit ausnahme von strengem dauerfrost, das allermeiste allerdings in gemütlichem gehtempo, ob in der stadt oder im gebirge.

Ich kann mir keine barfußjogger vorstellen, die nicht auch alltagsbarfüßer sind. Ich bin gut „bereift“ und benötige auch für schwierigeres gelände keine schuhe, vorher geht mir die puste aus, aber auf meine füße kann ich mich verlassen, denen geht es besser denn je, auch nach 20 km an sehr aktiven tagen. Wenn es mir spaß macht, laufe ich gerne auch mal schneller, aber einen halben oder ganzen marathon in schuhen zurückzulegen, wäre nicht nur aufgrund der schuhe eine tortur, sondern auch deutlich über den möglichkeiten meiner kondition.

Der „sportwagen auf der felge“ wäre ein trainierter dauerläufer, der von heute auf morgen die schuhe weglässt. Dann besteht ernsthafte verletzungsgefahr. Ich komme von der ganz anderen seite her: Bei mir ist die maschine dahinter gar nicht so leistungsfähig, sondern nur so, wie ich es bei meiner gemütlichen lebensart brauche. Ich bin kein ernsthafter sportler, ich bin völlig unsportlich. Ich bin nur gerne in der lage, überall und jederzeit ohne schuhe jeglicher art auszukommen. (Und mit flipflops komme ich überhaupt nicht klar.)

Ich hoffe, mein kommentar als nichtrennläufer ist hier trotzdem willkommen. Ich bin überzeugt, dass es barfußdauerläufer gibt, die all die gezeigten landschaften wirklich genießen, aber das ist wohl eine sehr individuelle sache, was als genuss und was als quälerei empfunden wird. Für mich ist das tragen von schuhen, vor allem beim sport, eine qual.

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