Der Berlin-Marathon aus der Sicht eines „Normalos“

von Sandra Mastropietro am 2. Oktober 2013

„Berlin, Berlin – wir laufen durch Berlin“ war das Motto der knapp 41.000 Teilnehmer des 40. Berlin Marathons am 29. September 2013.

Für alle Finisher, speziell aber für Irina Mikitenko und Wilson Kipsang, ein ganz besonderer Tag.

Weltrekord in Berlin

Der Kenianer Wilson Kipsang hat es geschafft, den bestehenden Weltrekord seines Landsmannes Patrick Makau (2011 in Berlin) von 2 Stunden 03 Minuten und 38 Sekunden um ganze 15 Sekunden zu unterbieten und somit die magische Zeitgrenze über 42,195 Kilometer nun auf 02:03:23 nach oben bzw. unten zusetzen 🙂

Die Deutsche Irina Mikitenko brach mit 02:24:54 den Masterweltrekord für Frauen über 40 Jahren.

Berlin zählt zu den schnellsten Marathonstrecken der Welt und darf sich somit neben unter anderem New York, Chicago und London als „Welt Marathon“ bezeichnen.

Mein Berlin Marathon

Wie ich als „Normalo“ es erlebt habe; die vom Schweiße der Weltstars gezeichnete 42,195 Kilometer lange Sightseeing Tour durch unsere Hauptstadt zu laufen, möchte ich Euch hier berichten 🙂

Nun ja, neben Kipsang’s Ankündigung den Weltrekord brechen zu wollen, war der Berlin Marathon dieses Jahr hauptsächlich durch die heftigen Sicherheitsvorkehrungen in den Medien.

Startunterlagen gab es auf der Marathonmesse nur gegen Vorzeigen des Personalausweises und am „Tag des Geschehens“ durfte man ausschließlich mit dem blauen Teilnehmerbändchen und der Startnummer in den umzäunten Startbereich. Als Sporttasche war lediglich der weiß-blaue BMW Beutel zugelassen, den man mit den Startunterlagen bekommen hat; mehr durfte nicht mit auf das Gelände genommen werden. Das führt bei 41.000 nervösen Menschen zwar zu dem ein oder anderen Stau, war aber alles in allem gut organisiert. 🙂

Was es zur Organisation noch zu sagen gibt: Wie auf nahezu jedem Lauf gab es viel viel viel zu wenig Toiletten! 🙁 Man musste selbst für einen Platz hinterm Baum anstehen. Nichts für schwache Blasen…ähm Gemüter, wollte ich sagen 😉

Foto: Norbert Wilhelmi

Als ich mich nach der Taschenabgabe und Baumanstehen endlich in meinen Startblock vorgekämpft hatte (oder besser „nach hinten gekämpft“, denn ich startete im Letzten), stockte mir der Atem. Tausende Läufer, die unter hellblauem Himmel angespannt auf der Stelle treten und den Blick in Richtung Siegessäule gebannt haben. Ein grandioser An- und Augenblick.

Der Geruch von Schweiß liegt schon jetzt in der eisigen Morgenluft.

8:40 Uhr Die Weltstars des Marathonlaufens werden vorgestellt. Ich kann Sie nicht sehen, stelle mir Ihren „Starteinlauf“ aber so ähnlich wie beim Boxen vor. Ihr wisst schon, ganz am Anfang wenn die beiden Boxer aus Ihren Umkleiden rauskommen und mit von einem Bein auf das Andere tippelnd in den Ring schreiten 😉

8:45 Uhr Der erste Startschuss fällt.  Die Marathonelite sprintet zum Weltrekord.

Der Startbereich ist in verschiedene Blöcke unterteilt, in die man sich je nach Marathonzielzeit einordnet.

Ich stehe im Block H, der Block für Läufer mit einer Zielzeit von über 4:15 Stunden. Der letzte Block…

Kurz nach 9 Uhr ist die Strecke auch für uns freigegeben und gemeinsam mit tausenden anderen Menschen renne ich in Richtung Siegessäule, der Sonne entgegen. Ein wunderschöner Anblick. Wieder Gänsehaut.

Die Masse trägt mich und ehe ich überhaupt realisiere, dass ich gerade an einen Weltmarathon teilnehmen darf, taucht auch schon das Bundeskanzleramt rechts von mir auf.

Kanzleramt Kanzleramt … das kommt doch erst zwischen Kilometer 6 und 7 denke ich und stelle meine Allgemeinbildung in Frage, bis die 7 Kilometermarke wenig später meine Selbstzweifel aufhebt 🙂

Wo waren die Kilometer hin? Zu sehr war ich beschäftigt, Laufshirts der Leute um mich zu analysieren. Sehr inspirierend – in Myanmar scheint es einen Marathon zu geben 😉 Mit einigen Mitläufern komme ich ins Gespräch, Pace und Geschwindigkeit sind unwichtig und in dem Pulk von Menschen sowieso schwer einzuhalten – was soll’s; es macht Spaß!!! 🙂

Wir strömen vorbei am Reichstag, vorbei an Massen von gutgelaunten Menschen die jubeln, klatschen und Schilder hochhalten, bei denen man nicht anders als Schmunzeln kann.

Meine Laune ist fantastisch!

Bands spielen am Straßenrand und zaubern Läufern und Zuschauern ein breites Lächeln aufs Gesicht. Ich habe noch nie so viele strahlende und entspannt wirkende Läufer kurz vor der 10 Kilometermarke gesehen. 🙂

Es ist einfach eine unglaubliche Stimmung auf einer unglaublichen Strecke mit unglaublichen Läufern und noch unglaublicheren Zuschauern.

„WENN DU SCHON DURCH DIE HÖLLE GEHST, DANN LAUF HALT EINFACH WEITER“

„ANFEUERN IST AUCH ANSTRENGEND“

„IHR SCHAFFT DAS“

„JEDER LÄUFER IST EIN HELD“

„QUÄL DICH“

…steht auf den Schildern. Bei jedem einzelnen muss ich lachen. Am Straßenrand stehen strahlende Kinder, die Ihre kleinen Hände in Erwartung auf ein Runner’s High Five in die Höhe recken.

Der Fernsehturm taucht neben uns auf und während wir als Läuferarmee die ganze Innenstadt lahmlegen und eine noch größere Zuschauerarmee die Straßenränder säumt und sichert, frage ich mich, ob in Berlin die Geschäfte eigentlich auch sonntags geöffnet haben?! Wenn ja; jetzt wäre der ideale Zeitpunkt um shoppen zu gehen. 😉 …kurzer Abstecher?! Nein, Contenance Sandra – wo wandern Deine Gedanken denn jetzt schon wieder hin? Ermahne ich mich 😉

Kilometer 15: Ein Verpflegungspunkt – mhhhhhhhhhhhhhhhhhh… aber was ist das…?! Sind meine Beine etwa schon jetzt so schwer, dass sie förmlich am Boden kleben bleiben? …ach nein, auch andere Läufer scheinen Fortbewegungsprobleme zu haben. Kai-Uwe, ein erfahrener Berlin-Marathon Läufer, erklärt mir, dass es an jeder Getränkestation, an der es Iso Drinks gibt, etwas klebrig zugeht, aber ca. 500 Metern „Alles wieder knorke“ ist. Er hat Recht.

Schulter an Schulter laufe ich mit den anderen 4:15+ Stunden Zielzeitlern durch Neukölln und Kreuzberg, bis wir in Schöneberg das „Halbmarathontor“ durchlaufen.

„One Day, or another…I gonna get you get you get you…“ singt eine blonde Frau mit rauchiger Stimme am Straßenrand und ich frage mich, ob Herr Kipsang schon im Ziel seinen Weltrekord feiert?!

Hindurch durch Steglitz, hinein nach Zehlendorf und vorbei am Wilden Eber. Yeah!!! 29 Kilometer sind schon geschafft. Die Motivationsplakate „JETZT UMDREHEN WÄRE AUCH DOOF“ und „DER SCHMERZ GEHT UND DER STOLZ BLEIBT“ gewinnen an Bedeutung und Wahrheit.

Kilometer 30: Mein linker Schuh ist zu locker geschnürt, ich muss auf Toilette und Hunger habe ich auch.

Kilometer 31: Leute, die am Straßenrand stehen und anfeuern, sind super. Leute, die sich sonnend, kaffeeschlürfend und rauchend auf dem Hohenzollerndamm niedergelassen haben um das Ganze mit dem schweißneutralisierenden Abstand betrachten, nicht!

Ich lasse mich mit der Masse treiben und überlege, warum Dunkin Donuts eigentlich nicht die Streckenverpflegung übernimmt? Das wäre doch mal was! Uiii ja, das werde ich im Feedback Bogen als Verbesserungsvorschlag angeben! 😉

Kilometer 33: Was esse ich, wenn ich endlich im Ziel bin? Welchen Laufstil laufen die Läufer rechts und links von mir? Vorder- oder Mittelfuß…oder gar Ballen? Was würde Annika dazu sagen?

Kilometer 35: Vorbei am Hard Rock Cafe! Mhhh, vor meinem geistigen Auge wird mir ein saftiger Burger serviert. Hey und da ist NikeTown. Ich winke der Club der Töchter Homebase. Schließlich winken meine Co-Runners auch ständig irgendwem. 😉

Kilometer 37: Potsdamer Straße / Potsdamer Platz. War ich hier nicht schon mal heute? …oder halluziniere ich nach 3000 verbrannten Kalorien bereits? Mein linker Schuh hängt an meinem Fuß wie ein wackliger Zahn. Neubinden? Nö! Das wäre vielleicht die Minute wenn ich bei 04:31 Stunden ins Ziel komme!

Kilometer 39: Zielgerade Zielgerade…hinter der nächsten Ecke verbirgt sich bestimmt schon das Brandenburger Tor. Die vorherigen Kilometer haben sich so gezogen, da müssen sich diese Letzten doch raffen.

Kilometer 40: Links von uns ragt das Konzerthaus am Gendarmenmarkt empor. Ein wirklich schönes Gebäude – aber das Brandenburger Tor wäre mir lieber 😉

Kilometer 41: Ha, fast geschafft. Wie lang kann denn so ein Kilometer eigentlich sein? Mein Dauergrinsen scheint für kurze Zeit dem gequälten Gesichtsausdruck einer Frau, die nötig auf Toilette muss, gewichen zu sein.  Ein Sani schaut mich skeptisch an…

Kilometer 42: Yeah! Auch ohne Brille kann ich es sehen. Klar und deutlich. Ich komme ihm immer näher; dem Wahrzeichen unserer Hauptstadt. Noch nie zuvor habe ich das Brandenburger Tor als so mächtig wahrgenommen. Yes yes yes gleich geschafft. Nochmal Gas geben…warum ist da eigentlich noch Kraft in den Beinen?

Nicht nachdenken – LAUFEN!!! Finishen!

Ich hüpfe durch das Brandenburger Tor…um dann festzustellen, dass das noch gar nicht das Ziel ist. Mist, dabei sah mein „Jump“ bestimmt total elegant aus. 😉

Da vorne ist das Erdinger Alkoholfrei Ziel! Perfekt. Also nochmal ein kurzer Sprint. Ziel! Ziel! Ziel – Marathonfinish!!! Yes Yes Yes! Ich möchte die Arme in die Höhe reißen, Freudentränen weinen, mein Runner’s High genießen… doch ein Sicherheitsmann schiebt mich weiter und holt mich mit einem „Bidde einmal weider jehen, hier wird nich stehen geblieben junge Dame“ auf den Boden der Massenveranstaltung zurück.

Einmal Schlange stehen. um die wohlverdiente Finisher – Medallie zu holen. Kaum habe ich sie mir selbst um den Hals gehängt, werde ich wieder weitergedrängt. Kein anerkennender Blick von irgendwem…

Wo ist das silber-goldene Thermopapier, mit dem man sich wie ein Weltstar fühlt? Es ist gelben Adidas Plastik-Decken gewichen. Schade.

Wieder weiter. Wieder treibe ich in der Masse. Wo sind die Toiletten? Mensch Leute, ich bin gerade 42,195 Kilometer in irgendwas um die 4:30 Stunden gelaufen – ich möchte nicht noch einmal soweit laufen, um aufs Klo gehen zu können und endlich etwas zu essen!

Ohne mich eines Blickes zu würdigen drückt mir eine junge Frau eine weiße Plastiktüte mit Nahrung in die Hand.

Ein Apfel, eine Banane, ein Schokocroissant, PowerBar und Salzstangen (super!!! 🙂 )

Die Massenbewegung nimmt ein Ende und ich lasse mich mit meiner gelben Plastikplane auf die Wiese vor dem Reichstag sinken. Irgendwie bin ich traurig – dabei sollte ich über glücklich sein.

Mein Handy klingelt. Mein Mann. Ich nehme ab und flüstere „Ich habe es geschafft Schatz“ in den Hörer. Kaum ausgesprochen, realisiere ich das soeben Getane und merke, wie die Tränen der Erleichterung meine Wange hinunter rollen.

„Ja in 4 Stunden und 17 Minuten – das ist klasse! Ich habe alles über die Berlin Marathon App verfolgen können!“ sagt er aufgeregt.

Was, kann das sein? 4:17 Stunden? Meine Pulsuhr bestätigt.

Eine Zeit, besser als erwartet, aber schlechter als „notwendig“. Berlin ist eine unwahrscheinlich schnelle Strecke, aber nur für die, die ganz vorne mit dabei sind. Für alle anderen gleicht der Lauf eher  einer großen Völkerwanderung durch die Hauptstadt. 😉

Da ich den Berlin Marathon, für den ich überraschend über Wobenzym Deutschland einen Startplatz gewonnen hatte, als Trainingslauf für Mumbai angesehen habe, stand für mich der Spaß auf der Strecke im Vordergrund. Den hatte ich – jeden einzelnen Kilometer.

Mit der Leidenschaft in Herz und Bein habe ich es geschafft, die 42, 195 Kilometer ohne besondere Vorbereitung zu laufen. Längste „im Training“ gelaufene Distanz war ein Halbmarathon.

Distanz ist, was der Kopf draus macht.

…Als ich mich aus dem Zielbereich hinaus gekämpft habe, erwarteten mich meine Eltern mit meiner Tochter Marina freudestrahlend. Ich falle allen dreien in die Arme. Mein persönliches Highlight an diesem Tag 🙂

Keep on Running 🙂

Eure Sandra


{ 3 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

Daniela Oktober 2, 2013 um 19:11

Erst einmal herzlichen Glückwunsch zu deinem erfolgreichen Marathonlauf. Es ist ein wunderbarer, ausführlicher und auch witziger Bericht, den du da geschrieben hast. Sehr schön. Und Hut ab vor dieser läuferischen Leistung! 🙂

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Anja Jütte Oktober 4, 2013 um 21:50

…RESPEKT…

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Sandra Oktober 7, 2013 um 13:55

Hallo Ihr Beiden,

vielen lieben Dank für das nette Feedback. Darüber freue ich mich immer sehr 🙂

@Daniela – ein ganz toller Blog 🙂 *daumen hoch*

#keeponrunning

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