Der Dauerlauf ist die beste Mediation

von Tankred Dankmar am 29. November 2016

Liebe laufende Gemeinde! Ich darf froh verkünden: Es läuft wieder!

Keine Schmerzen mehr, weder im Bereich der Jochbeinbrüche noch der angeknacksten Rippe. (Für die, die diese Kolumne nicht regelmäßig lesen sei es kurz erklärt, dass ich in den letzten knapp drei Monaten mit verschiedenen Verletzungen zu kämpfen hatte, die nacheinander auftraten und mich von meinem geliebten Dauerlauf ferngehalten haben. Nun aber scheint diese Durststrecke überwunden. Endlich, möchte ich da sagen). Smile

Ich habe den Laufsport vor ungefähr zehn Jahren für mich entdeckt und seitdem laufe ich nicht, um abzunehmen oder um mich einfach nur unter größten Qualen fit zu halten, nein, ich laufe, weil ich es ehrlich und wahrhaftig liebe. Das ist den meisten Nicht-Läufern nur sehr schwer verständlich zu machen, aber Euch brauche ich das wohl nicht zu erklären, warum wir tun, was wir tun. Was wir am Dauerlauf so erfrischend finden? Was er uns bringt? Was er mit unserem Geist macht und wie schön es ist, seinen Körper zu fordern und zu spüren?

Ich laufe, weil ich in einer Welt lebe, in der man sich kaum noch spürt, in welcher der Körper kaum noch benutzt wird, in der er mehr dahinsiecht als frei und tief atmet, in der man regelrecht verkümmert, wenn man nicht Acht gibt. Ich laufe auch, weil es meinem Geist gut tut, ihm Wohltat spendet, ihn durchpustet und sogar befreit. Ein schöner Dauerlauf ist besser als jede Meditation – und ich weiß, wovon ich rede, habe ich doch einige Jahre als Yogalehrer gearbeitet und meine Schüler auch mit verschiedenen Mediationtechniken, meist fernöstlicher Art, vertraut gemacht.

´Eine der Techniken, die ich unterrichtet habe, ist die sogenannte Vipassana-Mediation´. Sie wird vor allem in buddhistischen Klöstern unterrichtet und angewendet. Man nennt sie umgangssprachlich auch Atem-Meditation, weil hierbei der Atem und die Konzentration geschult werden´.

Foto: Phra Ajan Jerapunyo-Abbot of Watkungtaphao in Sirikit Dam | CC BY 3.0

Ich habe meinen Schülern aber auch immer dazu geraten, den Yoga mit Laufsport zu kombinieren, sofern sie körperlich dazu in der Lage waren. Bei den meisten habe ich da nichts erreicht, ich hätte auch mit der Wand reden können. Denn das ist das Problem mit diesen Sinnsuchenden, die ihr Heil in fernöstlichen Techniken suchen: Sie suchen es ganz weit weg, je weiter, desto besser und richtiger kommt es ihnen vor. Dabei ist oft das Naheliegendste eine gute Wahl – in diesem Fall die Laufstrecke durch den nächsten Stadtpark oder den nächsten Wald.

Vor zwei Jahren habe ich diesen Job an den Nagel gehängt, und zwar hauptsächlich deshalb, weil es nichts bringt, Ignoranten versuchen etwas zu erklären. Je mehr ein Kurs kostet und je bunter die Tücher sind, die ein selbsternannter Guru trägt und je mehr Räucherstäbchen brennen und irgendwelches Klimbim erschallt, desto mehr glauben die Sinnsuchenden, dass es funktioniert. Dabei ist das dies alles nur eine geschickt inszenierte Scharade, die einzig und allein darauf abzielt, dass sich die Sinnsuchenden mittels Autosuggestion und Manipulation seitens der falschen Lehrer wähnen, absolut auf dem richtigen Pfad zu sein. Dabei könnte nichts ferner davon sein.

Warum sollte der richtige Pfad nicht auf einer Laufstrecke durch den Stadtpark liegen? Warum muss in den Köpfen von westlichen Sinnsuchenden Spiritualität immer etwas mit Indischen Götterstatuen und Räucherstäbchen und Mantras, die keiner versteht, zu tun haben? Warum sucht man Befreiung in einer Ferne, die man gar nicht vor sich sieht, als sie direkt vor sich zu finden. Denn da liegt sie, nicht hinter dem Räucherstäbchenqualm und unter bunten Batiktüchern.

´Ganesh – der Elefantengott, wie er unter Westlern auch gerne genannt wird. Er ist in Indien der Gott für´s Glück und ist dabei behilflich, weise Entscheidungen zu treffen. Er ist ein gerngesehener Gast in jeder westlichen Yoga- und Mediationschule. Und weil er so schön exotisch aussieht, hilft das den Sinnsuchenden anscheindend bei ihrer Suche. Eigentlich nur ein cheap trick, wie man das im Englischen nennt.´

Bild: gemeinfrei

Aber ich schweife ab. Jedenfalls habe ich in all den Jahren als Yogalehrer nicht einen dazu gekriegt, es mal ernsthaft mit dem Dauerlauf als ausgleichende Meditationstechnik auszuprobieren. Glaube ich zumindest, dass ich das nicht habe. Nicht dass ich wüsste jedenfalls. Und das ist sehr schade, denn ein 10 km Lauf ist bisher immer noch die wirkungsvollste Meditationstechnik, die ich kenne, vor allem für Anfänger. Dummerweise wollen aber gerade die Anfänger hoch hinaus, am liebsten würden sie mit transzendentaler Meditation anfangen und gleichzeitig noch Kundalini-Yoga machen – und beides ist wirklich nur was für echte Könner und lang Geübte.

Ich habe meinen Schülern sogar lang und breit erklärt, warum ein Dauerlauf eine so effiziente Technik ist, um dem Geist Ausgleich zu verschaffen – und das wünschten sich ja alle, als sie in meine Kurse kamen. Ich habe ihnen erklärt, dass beim Dauerlauf Endorphine im Gehirn ausgeschüttet werden. Das nennen wir Läufer einfach das Runner´s High. Diesen glücklichen Zustand mit fernöstlichen Meditationstechniken zu erreichen, ist ungleich schwerer, das können Sie mir glauben. Das dauert und verlangt viel, viel Übung, unendliche Stunden der Praxis und des konzentrierten Willens. Beim Dauerlauf dagegen bekommt man diese Extraportion quasi gratis dazu. Aber selbst, wenn meine Schüler mir das geglaubt haben – glaubt Ihr etwa, das hätte auch nur einen von ihnen auf die Laufstrecke getrieben? Cool

Traurig aber wahr – man muss es diesen Sinnsuchenden bunt und wohlduftend verpacken, Kerzen vor einer Indischen Götterstatue aufstellen und es ihnen außerdem auch noch teuer verkaufen. Sonst glaubt einem das kein Mensch. Und die meisten Läufer haben wiederum nichts mit fernöstlicher Spiritualität am Hut, viele wissen gar nicht, was man seinem Geist beim Dauerlauf unfreiwillig antut – nämlich sehr viel Gutes!

Oder was glaubt Ihr, warum wir wie die Süchtigen losrennen, Sonntagsmorgens, wenn der Rest der Menschheit sich noch mal im warmen Bettchen umdreht und von einem besseren, ausgeglicheneren Leben träumt? Wir rennen los, weil es unser Leben eben besser macht! Und ob das jemand versteht oder nicht, ist uns herzlich egal. Wir handeln wie die wirklich weisen Sinnsuchenden, denn als solcher hat man kein Sendungsbewusstsein und will auch keinen von etwas überzeugen, was er oder sie nicht von alleine für sich findet.

´Da sind sie, die körpereigenen Liganden, zu denen das Endorphin zählt. Hier dockt es an, so entsteht Glücksgefühl – beim sexuellen Höhepunkt genauso wie bei der Einnahme von Heroin oder eben beim Dauerlauf.´

 Bild: Dcirovic | CC BY-Sa 3.0

Liebe laufende Gemeinde! Ich muss mich jetzt bei Euch entschuldigen. Ich habe mich schon wieder angehört wie zu den Zeiten, als ich noch als Yogalehrer versucht habe, anderen ein bisschen bei der Sinnsuche behilflich zu sein. Und weil ich es selbst nicht mehr hören konnte, habe ich es ja auch sein lassen. Und ausgerechnet Euch komme ich jetzt wieder damit!

Ich sollte mich eigentlich schämen, denn ich weiß, dass ich Euch nichts erklären muss. Das ist ja wie Eulen nach Athen zu tragen! Ihr wisst es doch schon längst, dass Euch der geliebte Dauerlauf zu besseren, glücklicheren Menschen macht. Aber seht es mir bitte nach, dass ich mich nun kurz darüber ausgelassen habe.

Ich bin einfach nur so glücklich, dass ich jetzt – nach drei Monaten Zwangspause – endlich auch wieder laufen kann und meinem Geist diesen schönen Ausgleich bieten kann, der nur ein schöner Dauerlauf zu bieten hat.

Ein Hoch auf das Runner´s High, meine lieben Mitläufer! 

#keeponrunning

Euer Tankred


Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: