Der erste Dschungellauf, oder: Losing at the beach!

von Tankred Dankmar am 29. September 2015

Liebe laufende Gemeinde!

Es mag auf der Hand liegen, dass es für einen Läufer Unterschiede gibt, wenn man vom Rheingebiet auf eine Insel im Golf von Thailand zieht, es reicht schließlich ein Blick auf die Klimatabelle aus, damit jedem das Offensichtliche sofort ins Auge springt: das Wetter – und damit die Laufkonditionen – sind grundlegend verschieden. Sehr verschieden sogar. Aber das ist natürlich noch längst nicht alles.

In Bonn zum Beispiel habe ich vor allem die langen Waldläufe am Wochenende sehr genossen, man ist in der Natur und relativ allein für sich. Hier auf der Insel gibt es keinen lichten Wald, hier gibt es dichten Dschungel. Aber nur weil ich das Weite gesucht habe, habe ich mein liebstes Hobby – das Laufen in freier Natur – ja nicht an der Landesgrenze abgegeben. Im Gegenteil. Andere Länder, anderes Laufen habe ich mir gedacht. Aber nochmal. Der Dschungel ist kein mittelrheinisches Waldgebiet.

Ganz ehrlich? In den ersten drei Wochen, als ich auf der Insel angekommen war, bin ich erst mal nirgendwo hingelaufen. Das Wetter, liebe Gemeinde, ist für einen Läufer beeindruckend heiß. Diese tropische Hitze wirkte fast ein wenig beängstigend. Da ich noch nicht akklimatisiert gewesen bin, habe ich schon im Sitzen geschwitzt wie sonst am Rhein bei Kilometer fünf. Aber – ihr kennt das sicher – irgendwann hat es mich nicht mehr in der Hängematte gehalten und ich wollte einfach nur noch losrennen. Geschickter Weise kam mir dieser Geistesblitz auch noch um 1 Uhr mittags.

Der Moment konnte also nicht unpassender gewählt sein, denn das ist hier die heißeste Zeit des Tages. Eigentlich macht man dann hier Siesta und niemand bewegt sich, schon gar nicht schnell. Nur ich zog die Laufschuhe an. Meine damalige Freundin hatte Angst um mich und wollte mir schon ein Handy mit auf den Weg geben – ´falls was passiert´. Sie rechnete wohl damit, dass mich ein Hitzeschlag mitten im Gebüsch niederstrecken würde. Ich gab ihr das Telefon zurück und trank stattdessen noch ein großes Glas Eiswasser. Das sollte genügen.

Raus aus der Hängematte und rein in die Laufschuhe!

Überall auf dieser Insel ist Dschungel, 90 % ist damit bedeckt. Ein paar Kilometer von unserer Wohnstatt entfernt gab es einen Pfad durch den Urwald, der, wie ich wusste, mich zur nächsten Bucht führen würde. Ich dachte an meine schönen Waldläufe in Bonn und nahm mir also jetzt den Dschungel vor. Ich nahm mir des Weiteren vor, schön in einem vorsichtigen Tempo bis zu diesem Pfad zu laufen und dann noch durch den Dschungel bis zu dem Strand, der dort auf mich wartete. Einmal im Wasser abkühlen, Wasser nachschütten und wieder zurück, das war der Plan.

Der Anfang geht. Erst mal durchs Dorf laufen

Ich trabte also durch das Fischerdorf, in dem ich lebe und schwitzte schon nach einem Kilometer, wie noch nie in meinem Leben zuvor. Die Thais dösten unter ihren Salas, lachten laut, als sie mich laufen und schwitzen sahen und zeigten mit dem Finger auf mich. ´Guck Dir das mal an, was das dämliche Bleichgesicht da macht´. Obwohl ich noch kein Thai konnte, wusste ich genau, was die sich da zuriefen. Ich kam mir ein bisschen doof, aber auch wie der einzige Held am Platz vor. Als ich aus dem Dorf raus war, musste ich noch knappe 2 Kilometer auf einer kleinen Straße hinter mich bringen, die parallel zur Bucht führte. Und da ging´s dann auch schon richtig los.

Es gibt hier auf der Insel kaum eine Strecke, die länger als 200 Meter lang ist und die nicht bergauf und bergab geht. Die Insel besteht nur aus Hügeln und die Wege eben auch. Es waren mindestens 38 Grad in der Sonne und jetzt musste ich mich einige Hügel hochschwitzen. Als ich auf dem ersten oben angekommen war, dachte ich, mir würde gleich der Schädel platzen. Meine Pumpe rannte wesentlich schneller als ich und ich dachte verschwommen an das Handy, das auf dem Küchentisch lag. So würde ich also sterben. Wer hätte das gedacht?

Ab durch die Hecke. Und wer braucht schon ein Taxi-Boot?

Aber ich starb nicht. Der Körper ist widerstandsfähiger, als man denkt, dachte ich mir, und als ich den Pfad in den Dschungel endlich erreicht hatte, kam ich mir ziemlich unkaputtbar vor. Mit viel Elan bog ich also in den Dschungel ab und freute mich schon darauf, dass dort die Sonne ja nicht so knallen würde. Das dichte Dach des Dschungels würde schützend seine grünen Hände über mich legen. Aber…erst einmal ging dieser Pfad noch steiler bergauf. Außerdem war das nicht viel mehr als ein Trampelpfad über Stock und Stein und ich musste ziemlich aufpassen, wo ich hintrat.

So einen Weg zu wandern war schon anstrengend, ihn zu laufen gestaltete sich für mich zu einem reinen Reaktionstest. Zum ersten Mal vermisste ich die schönen Wege durch den Bonner Wald. Das war ein Naherholungsgebiet! Dieser Dschungel hier kam mir dagegen wie eine große Falle für Läufer vor. Außerdem war es kein bisschen kühler. Dieses Dschungeldickicht hielt zwar die Sonne ab, speicherte dafür aber Wärme und Luftfeuchtigkeit. Ich war kurz davor einfach stehen zu bleiben.

Tat ich aber natürlich nicht. Ich gehöre zu der Art von Läufern, die zwar nicht immer der Bestzeit nachjagt, sich dafür aber denkt: ´Wer stehen bleibt, ist ein Loser´! Ich schätzte, dass ich noch etwa 2 Kilometer bis zum anvisierten Strand vor mir hatte. Aufzugeben kam also nicht in Frage. Spaß geht aber auch anders, dachte ich mir. Egal, weiter! Dem Pfad einfach folgen, egal ob es gerade hoch oder runter geht. Dabei achtete ich so sehr darauf, wo ich meine geschwinden Füße hinsetzte, dass ich sie fast verpasst hätte – diese Wahnsinnsaussicht. Wow!

Ich joggte einfach auf der Stelle weiter, denn das musste ich mir einfach ein paar Augenblicke lang ansehen. Ich war auf einer Klippe und rechts von mir war kein Dschungel mehr, sondern das Meer. Es lag da ruhig und blau vor mir, von der Klippe aus konnte ich in die Ferne schauen. Herrlich. Und ein schöner Kontrast. Meine Pumpe raste so sehr, dass ich mein Herz hämmern hören konnte. Das Meer dagegen war völlig still. Das war mal eine ganz andere Optik als der Wald und der Rhein in Bonn. 

Irgendwann kam ich endlich am Etappenziel an. Der Strand! Ich zog die Schuhe aus und warf mich ins Wasser. Jede Faser meines Körpers schien Feste zu feiern und ich merkte, wie mein Organismus runterfuhr und im selben Moment wurde mir schlagartig klar, dass ich jetzt nirgendwo mehr hinlaufen würde. Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, die Strecke noch zurückzulaufen, aber, liebe Gemeinde, ihr mögt es mir nachsehen, aber ich musste aufgeben. Es war einfach zu viel des Guten für den ersten Dauerlauf in den Tropen.

Wie ein Kind, das unbegrenzten Zugang zu Süßigkeiten hat, hatte ich mir so viel zugemutet, dass ich fast gekotzt hätte. Nein, ich ging heute nirgendwo mehr hin. Nur noch zu dem einzigen Taxi-Boot, das hier in der Bucht lag. Ich handelte auch nicht mehr über den Preis. Ich wollte nur noch zurück in meine Hängematte.

Aber zumindest hatte ich jetzt mal das Eis gebrochen und hatte wieder mit dem Laufen angefangen. Und dieser Gedanke versöhnte mich auch wieder mit der Hitze. Und die Flasche Wasser, die mir der Fahrer des Taxi-Bootes ohne ein Wort in die Hand drückte.

Mehr von mir gibt es jetzt regelmäßig in meiner Kolumne: Im Dauerlauf durch Südostasien hier auf run.de!


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Michel September 30, 2015 um 06:17

Hallo
Hört sich gut an, nun solltest du deine Nachbarn damit
Vertraut machen das sie sich täglich sehen. So wird aus
denMGespöt schnell Anerkennung.
Vielleicht laufen wir mal gemeinsam deine Runde.
Beneidenswert dort leben zu können.
Was treibst du außer in der Hängematte zu liegen und ein wenig
zu laufen?

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