Der Kiew Halbmarathon 2014 – Friede, Freude und Wareniki

von Sandra Mastropietro am 2. Oktober 2014

Friede, Freude und Wareniki (gefüllte Teigtaschen, ukrainisches Nationalgericht)

oder auch

Der Kiew Halbmarathon 2014

„Mut steht am Anfang des Handeln, Glück am Ende“ *Demokrit

Ganz genau! Und so musste ich am Donnerstagmorgen sogar jede Menge Mut aufbringen, um mit meiner Freundin Maria den Flieger nach Kiew zu besteigen.

Kiew; Ukraine … für viele von uns (momentan) ein schwarzer Fleck auf der Weltkarte; ein Land, dass irgendwie im Krieg mit Russland steht; in dem gekämpft wird.

Ich weiß nicht genau, was ich von Kiew erwartet bzw. nicht erwartet habe; aber schon in ersten Stunden meines dortigen Aufenthaltes merkte ich, dass dieses durch Medien und Unwissenheit geprägte Bild schlichtweg falsch ist.

Die ukrainische Hauptstadt und ihre Bevölkerung empfingen uns in aller Herzlichkeit; präsentierten sich trotz niedriger Temperaturen sonnig und auf ihre ganz eigene, charmante Art und Weise warm.

Nachdem der Donnerstag unter einem organisatorischen Stern stand, entdecken wir Freitag und Samstag das wunderschöne Kiew zu Fuß. Liefen die Berge; die das Stadtbild zeichnen, in Anbetracht des bevorstehenden Halbmarathons ehrfürchtig auf und ab; verweilten auf dem Maidan, Schauplatz der „Revolution“; besuchten einige der vielen Klöster, die majestätisch auf den Hügeln thronen; aßen Wareniki und tranken Horilka, den ukrainischen Wodka.

Wir waren ganz normale Touristen in einem ganz normalen Land; fühlten uns zu jeder Zeit frei und sicher; wurden überall herzlich willkommen geheißen und bei Fragen oder Fotobitten gerne unterstützt.

Als krönenden Abschluss unserer Touri-Tour holten wir am Samstagabend unsere Startunterlagen. Die Vorfreude stieg von nun an unaufhaltsam und sollte am kommenden Morgen, pünktlich zum Startschuss, ihren absoluten Höhepunkt finden… wäre doch da bloß nicht dieses undefinierbare, doofe Ziehen im Oberschenkel…

Auf dem Nachhauseweg laufen wir an einer Apotheke vorbei. Hier stoppe ich kurz und frage nach einer Art Wärmecreme gegen Verspannungen und oder Muskelverhärtungen. Die freundliche Apothekerin empfiehlt Finalgon; ein wirksames Relikt aus Sowjetzeiten.

„Ok; let’s try it“ sage ich und trage am Abend getreu dem Motto viel hilft viel die halbe Packung auf. Ein großer Fehler, den ich mit einer schlaflosen Nacht und dem Glauben, mein Bein zerfiele in Asche, unmittelbar bezahle.

Wehmütig, unausgeschlafen und mit schmerzend-knallroten Oberschenkeln geht es Morgen zum Kontraktova Square, Start des Halbmarathons. Neben strahlendem Sonnenschein präsentiert sich uns ein wildes Gewusel, scheinbar kopflose Läufer die nervös in der Toilettenschlange Ihr Warm-Up absolvieren.

Ich muss lächeln; überall auf der Welt das Gleiche 😉

Warm müsste ich mich eigentlich nicht machen; denn meine Oberschenkel sind nicht nur warm, nein; sie sind überhitzt – alle Muskel- und Nervenenden sicherlich versengt. Ohje! :/

Als die ukrainische Nationalhymne angestimmt wird reihen wir uns eilig in den Startblock ein. Ich finde mich zwischen zwei Männern in blau-gelben T-Shirts wieder, deren Hand entschlossen auf ihrer linken Brust ruht während sie lauthals „Shche ne vmerla Ukrainy i slava i volya” mitsingen. Fasziniert lasse ich meinen Blick durch die Masse gleiten, viele Augen um mich sind mit Tränen gefüllt, viele Lippen zittern und halten so das unterdrückte Schluchzen in Zaum. Was für ein emotionaler Moment, auf den auch mein Körper mit Gänsehaut und Tränen reagiert.

Der Startschuss fällt; die blau-gelbe Masse setzt sich energie- und emotionsgeladen in Richtung Dneper in Bewegung. Ich lasse mich treiben, sauge alles um mich herum auf.

Ein Verkehrspolizeiauto begleitet den Läufer-Konvoi, in dem ich mich befinde, eine Weile. Aus dem uralten Auto, Modell Lada, schmettert Ace of Base’s Happy Nation

„happy nation living in a happy nation
where the people understand
and dream of the the perfect man
a situation leading to sweet salvation
for the people for the good
for mankind brotherhood“

Dröhnt es mir ins Ohr, ein junger Polizist hängt sich aus dem Autofenster und klatscht und johlt, reckt die Daumen in die Höhe.  Wir Läufer tuen es Ihm gleich. Die Stimmung auf der Strecke ist einmalig; geballte Hoffnung, Momente des Glücks – Verständnis. Sport verbindet, Laufen ist Zuversicht; Leidenschaft.

Ich spreche leider weder russisch noch ukrainisch, dennoch verstehen wir uns wortlos auf der Strecke. Blicke sagen mehr als tausend Worte, Mimik und Gestik sind der beste Kommunikator. Wenn jemand offensichtlich kurz vorm Aufgeben ist, klopft man ihm auf die Schulter, wenn man jemanden überholt oder überholt wird, feuert man sich gegenseitig an.

Wir überqueren Brücken und Wälder, durchlaufen breite Straßen, erklimmen Hügel. Was rauf geht, geht auch wieder herunter, sage ich mir mit zusammengebissenen Zähnen. Die „brennenden Oberschenkel“ bekommen für mich plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Finalgon – oh wie ich fluche. Nie nie wieder!!!

„What wrong“ fragt ein Läufer neben mir mit tiefer Stimme im slawischen Englisch. Erst jetzt merke ich, dass ich mir während des Laufens die Oberschenkel halte, meine Lauftight immer wieder für kurze Momente von der Haut löse; autsch.

„Finalgon“ sage ich.

„Oh no – very very bad burning, long burning, long pain“ sagt er mitleidig.

„Yes“ – sage ich seufzend.

„Me, I am very hungry. I want McDonalds. Burger…mhhhhh“ Sagt er grinsend.

„Oh, ok…“ entgegne ich und überlege, was ich darauf sagen soll; frage mich insgeheime warum er mir das mitteilt 😉

„Cheeseburger, Hamburger, Chicken Burger – I will eat all after marathon“ erzählt er mit großer Begeisterung.

Nachdem ich nur nett lächle und ihm ein Daumen Hoch als Antwort gebe, macht er noch schnell ein Selfie von uns und rennt weiter.

Mein Blick haftet an der Dneper und ich überlege tatsächlich für einen kurzen Moment, anzuhalten um meine Oberschenkel mit ihrem kühlen Wasser zu beträufeln.

Die Sonne spiegelt sich auf der Wasseroberfläche, Kiew’s Stadtstrand liegt dem Fluss einsam zu Füßen während am Horizont die „Mutter Heimat“ wachsam Ihr Schwert in Richtung Osten streckt.

Oh Du wunderschönes Kiew, denke ich und nehme die letzte Brücke in Angriff.

Warum sind Brücken eigentlich immer im Bogen gebaut, sie könnten doch auch gerade von einem Ende des Flusses zum anderen gehen?

…Schiffe; Schiffe müssen drunter durchfahren wirft mein mit sauerstoffunterversorgtes Hirn ein.

Ach ja, ok…alles klar… sage ich zu mir selbst und kämpfe mit dem Anstieg.

Ahhhhh; endlich den Höhepunkt der Brücke erreicht, nun geht es endlich wieder bergab. 🙂 Yeah. Ich sehe das Kilometer 20 Schild; jubele, klatsche – High-Five‘ einen unbekannten Mitläufer… wir laufen unter einer anderen Brücke hindurch, nutzen das Echo, jubeln wieder; einige Mitläufer stimmen die Nationalhymne erneut an.

Ein letzter Berg; Sprint und Ziel! 😀  Unfassbare Freude! Eine Medaille um den Hals und Tränen in den Augen. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich bin überglücklich und unendlich dankbar für diese Erfahrung gerade; selig, diesen Mut aufgebacht zu haben hier an den Start zu gehen.

Vladimir Klitschko, Bürgermeister von Kiew, hält eine Rede auf der Bühne; spricht den Bewohnern Mut zu, bedankt sich bei den Läufern.

Nach dem Halbmarathon –sowie die letzten 3 Tage- erwartet uns eine kalte Dusche. Warmes Wasser gibt es auf Grund der ausbleibenden Gaslieferungen an die Ukraine nämlich gerade nicht. Auch heizen ist ein großes Problem; so werden Schulen und Kindergärten geschlossen, Eltern können aufgrund der fehlenden Betreuung nicht mehr arbeiten gehen. Niemand weiß, wohin die Krise führen wird, was es noch mit sich bringt; aber alle hoffen das Beste; hoffen mit Zusammenhalt und gegenseitigen Verständnis viele Dinge bewältigen zu können.

Als wir am Montag wieder zum Flughafen fahren, bringen wir die Sachspenden im Militärkrankenhaus vorbei. Auch hier ist es eisigkalt. Junge Männer, kaum 18 Jahre alt, liegen verletzt und frierend zu sechst oder acht in einem kahlen, weißen Raum. Betreut und behandelt werden sie von Volontären.

Unsere Stimmung auf dem Restweg zum Flughafen ist gedrückt; wir sinnen über das Erlebte, hören Okreah Elzy; eine ukrainische Pop-Rock Band  die vom Wunsch nach Frieden singt.

Mutter Heimat

Die Reise in die Ukraine hat mir wieder einmal mehr bewusst gemacht; wie wichtig die menschlichen Werte sind. Frieden und gegenseitiger Respekt sind die Grundlage unseres Zusammenlebens, leider ist das aber nicht überall selbstverständlich. Viele Leute, mit denen ich geredet habe, haben verzweifelt mit den Schultern gezuckt und gesagt „Wir haben unsere Gasrechnung immer gezahlt; wir wissen nicht was mit unserem Geld geschehen ist…. Aber nun lässt sich die Situation nicht ändern, wir müssen das Beste aus den Dingen machen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Ein müdes Lächeln legt sich auf die Lippen meines Gegenübers, während er den letzten Satz spricht. Ich wünsche mir, dass er noch an seine Worte glaubt.

Abschließend möchte ich mich noch ganz herzlich bei allen Spendern und Unterstützern der Aktion LAUFEND GUTES TUN bedanken, ganz besonders bei www.run.de; die mir wieder die Plattform und ihre Reichweite zur Verfügung gestellt haben. Auch bei den Mitarbeitern der Caritas möchte ich mich bedanken; ihr leistet großartiges – ich hoffe die Spendengelder erleichtern Euch die Arbeit vor Ort etwas!

Außerdem bei Klaus Bachmann vom Gymmy in München, der mir viele wertvolle Trainingstipps gegeben hat und nochmals bei Lendstar, der sozialen Banking App 😀

Ganz besonderer Dank gilt wie immer meiner wundervollen Familie, ohne deren Unterstützung die Aktion nicht möglich gewesen wäre. Auch nochmals lieben Dank an Maria und Ihre lieben Freundinnen vor Ort, dank denen ich Kiew „local“ entdecken konnte (Inklusive Bus und Ubahnfahrte ;))

Liebe Grüße aus München

#keeponrunning

Eure Sandra


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