Der Mann mit der Wampe schleppt sich durch die Hitze der Stadt

von Tankred Dankmar am 8. Mai 2017

Boah aye, ist das heiß! Jammern auf dem höchsten Niveau, oder, wie der Engländer sagt: complaining on the highest level. Ich weiß, ich weiß, ich lebe dort, wo andere ihren tropischen Traumurlaub verbringen. Es ist fast unverschämt, wenn ich mich da über zu viel Sonne beschwere.

Aber über irgendwas muss ich mich ja auch beschweren, und so leicht findet sich da nun mal nichts. Da muss dann eben das Wetter herhalten – mal wieder, schließlich beschwere ich mich nicht zum ersten Mal an dieser Stelle darüber. Ich möchte ja nur, dass die daheimgebliebenen Läufer verstehen, was ich hier mitunter mitmache. Es geht auf keine Kuhhaut, dieses tropische Wetter.

Als Bedingung für Läufer in meinem Alter, also knapp über 40, ist diese drückende, schwüle Hitze alles andere als ideal. Wenn Ihr wüsstet, wie sehr ich mich manchmal nach einem schönen, langen Lauf durch das frühherbstliche Siebengebirge sehne, dann könntet ihr mein Jammern bestimmt besser verstehen. Das Gras ist halt immer grüner auf der anderen Seite des Zauns, nicht wahr.

Hier schwitze ich schon, wenn ich mir beim Inder in gemächlichen Gang etwas zu essen holen gehe. Und wenn ich laufe, dann zeigen mir nicht selten Einheimische, die beim Bierchen an der Straßenecke sitzen, einen Vogel. Verständlich, würde ich auch machen, wenn ich nicht selber Läufer wäre.

Panoramablick auf das frühherbstliche Siebengebirge – sehnsüchtig denke ich na meine Läufe hier zurück. – Bild: gemeinfrei

Die letzten Monate habe ich weites gehend auf Reisen durch Nordthailand und Laos verbracht. Da wird es wenigstens gegen Abend angenehm kühl, weil Berge und so. Dann war ich auf den Inseln im Süden von Thailand unterwegs, da wird es abends nicht viel kühler als tagsüber. Aber da weht wenigstens meistens eine angenehme Brise vom Meer her. Das geht eigentlich.

Jetzt bin ich aber wieder in meiner Lieblingsstadt, in George Town, Penang, Malaysia. Hier, nahe des Äquators, ist es Tag und Nacht drückend heiß und es weht wegen der vielen Bauten auch kein Lüftchen. Der ganze Beton heizt sich tagsüber auf und gibt 24/7 Wärme ab. Manchmal kann ich das beim Laufen richtig spüren, da kommen dann feuchte, warme Dämpfe von unten und machen jeden Schritt noch schwerer, als sie beim Dauherlaufen sowieso schon sind.

Jaja, complaining on the highest level, ich weiß. Ich hör jetzt auch auf damit. Kühler wird es deshalb nämlich auch nicht. Eigentlich mache ich mir mein Läuferleben so ja nur selber schwer. Ziemlich kontraproduktiv, habe ich mir doch gerade einen strengen Trainingsplan zurecht gelegt. Der beinhaltet vor allem: mindestens 40 km in der Woche zu galoppieren, komme, was da wolle. Hört sich nach nichts an, ich weiß.

Als ich noch in Bonn gewohnt habe, habe ich die locker geschafft, quasi im Vorbeigehen. Aber da war ich auch noch etwas jünger und es war – Entschuldigung – nicht so verdammt heiß dabei. Außerdem muss ich zugeben, dass ich es sportlich betrachtet im letzten Jahr etwas habe schleifen lassen. Da war ich deutlich besser im Ausreden finden, nicht zu laufen, als zu laufen. 

So fällt mir jetzt alles ab der 5-Kilometer-Marke doch etwas schwer, wenn ich ehrlich bin. Ich gebe bestimmt ein ziemlich peinliches Bild ab, wenn ich mich hier über die tropischen Trampelpfade schiebe. Und nicht nur, dass ich mir unsportlich dabei vorkomme, nein, das Schlimmste ist, dass ich im letzten Jahr ziemlich zugenommen habe. Das ist etwas, was mir vorher noch nie passiert ist.

Ich hatte immer mein Idealgesicht von 72 bis 74 Kilo. Immer. Auch ohne Dauerlauf. Es muss wohl daran liegen, dass sich der Stoffwechsel verändert, wenn man älter wird. Hätte ich nie für möglich gehalten, dass mir das auch mal passiert, aber jetzt habe ich den Salat. Beziehungsweise zu viel fettiges Dressing auf den Hüften. 

Das ist Daniel Lambert. Er galt Anfang des 19. Jahrhunderts als der dickste Mann der Welt. Wenn ich nicht bald was tue… – Bild gemeinfrei

 

Jetzt bin ich zum ersten Mal in meinem Leben dazu gezwungen, ernsthaft abzunehmen. Ganze 80 Kilo wiege ich nämlich jetzt. Das heißt, da müssen gute 7 Kilo wieder runter. Und dabei esse ich ganz gerne. Und gerade George Town ist ein Paradies für alle, die gerne Schlemmen wie im Schlaraffenland. Diese Stadt ist weltweit berühmt für ihre artenreiche Küche. Indisch, Chinesisch, Thai, Arabisch und der ganze westliche Kram – alles da und alles wunderbar zubereitet.

Ich persönlich steh ja auf Indisch – und selbst die Inder sagen, dass es hier besseres indisches Essen gibt als in Indien selbst. Da muss ich jetzt einen weiten Bogen drum herum laufen, am besten im Galopp und in Sportschuhen. Verdammt!

Nun ja, trotzdem, so kann es einfach nicht weitergehen. Ich bin etwas unsportlich geworden und zu dick bin ich obendrein. Oder mit anderen Worten: Ich fühle mich nicht mehr ganz so wohl in meiner Haut. Da muss man dann eben was tun und nicht mehr nur zwei Mal die Woche laufen gehen, sondern vier Mal. Und da kann man dann nicht zwei Mal am Tag lecker essen gehen, sondern eben nur noch ein Mal. Es geht aber kein Weg daran vorbei. Wenn ich mich beim Laufen im Spiegelbild einer Scheibe ansehe, erschrecke ich mich nämlich regelrecht darüber, was ich neuerdings für eine Wampe vor mir her schiebe. Damit ist jetzt Schluss, jawohl!

Mindestens 40 Kilometer die Woche also. Und, ganz wichtig: eine Diät machen. Da ich kürzlich ein Buch über intermittierendes Fasten geschrieben habe, habe ich auch gleich mal diese Form der besseren, umsichtigeren Ernährung gewählt. 20:4-Intervall. Das heißt, ich esse und trinke außer Wasser für 20 Stunden am Tag nichts und darf dann für 4 Stunden essen und trinken, mehr oder weniger, was ich will.

Natürlich sollte es nur nicht so viel sein, dass ich die Kalorien dann eben in der kurzen Zeitspanne in mich hinein schaufle, als gebe es am nächsten Tag nichts zu essen. Gibt es ja, die ganze leckeren indischen Restaurants sind auch morgen noch da und für mich geöffnet. Das sage ich mir wie ein Mantra immer wieder selber, wenn ich mal wieder in der Abstinenzphase Appetit auf ein Curry oder ein paar Samosas bekomme. Einfach dem Drang widerstehen. Und natürlich laufen, laufen, laufen, auch wenn es dafür eigentlich viel zu heiß ist.

Lecker indisch essen – hier ein sogenanntes Thali. Das gibt es jetzt eben nicht mehr drei Mal am tag, sondern höchstens noch ein Mal, bis das Idealgewicht wieder erreicht ist.

Bild: Hendrikm2 – CC BY-SA 3.0

Liebe laufende Gemeinde, Ihr seht also, dass man auch als freiberuflicher Schriftsteller, der in den Traumtropen lebt, durchaus so sein Probleme hat. Aber jetzt ist auch gut mit der Jammerei. Ich habe fertig!

Jetzt gehe ich meine Wampe sportlich durch die Gegend schleppen, und anschließend gehe ich lecker indisch essen. Alles wird gut und ich irgendwann wieder sportlich und rank und schlank. Bei der Hitze kann da ja eigentlich nicht so lange dauern, wenn ich nicht vorher einen Hitzeschlag kriege und qualvoll auf der Strecke sterbe. 🙂

Wünscht mir Glück,

#keeponrunning

Euer Tankred


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