Der Mumbai Marathon 2014

von Sandra Mastropietro am 23. Januar 2014

Mahatma Gandhi, Anführer der indischen Befreiungsbewegung, sagte einmal „Stärke wächst nicht aus körperlichen Fähigkeiten – viel mehr aus einem unbeugsamen Willen.“

Genau dieser unbeugsame Wille hat mich am Sonntag, den 19 Januar 2014, in Mumbai nach 42,195 Kilometern über die Ziellinie getragen!

Aber lasst mich von Anfang an berichten:

„4:30 Uhr German Time“, sagt meine Freundin Kranti lachend, als wir am Vorabend über die Abfahrt zum Marathon sprechen. Soll heißen: 4:30 Uhr pünktlich! Das klingt in der Theorie sehr gut, denn der Startschuss ist für 5:40 Uhr geplant.

In der Praxis sitzen wir am Morgen erst um 4:35 Uhr am Frühstückstisch und schaufeln angespannt einen Brei aus Süßkartoffeln, Weizenvollkorn, trockenen Früchten und Zimt in uns hinein. 20 Minuten später, um 4:55 Uhr, quetschen wir uns in das Auto des Nachbarn, der uns zum Startgelände fahren soll. Er hat seine ganze Familie dabei, warum weiß ich nicht.

„Wir sind zu spät, wir kommen zu spät, schnell“ Reden Kranti, ihr Mann Pramod und ich aufgeregt durcheinander. Der Nachbar nickt, schaltet das Fernlicht ein, hält die Hupe gedrückt, dreht die Bollywoodmusik auf und fliegt über die Straßen. Andere Autos weichen. Ich halte mir die Augen zu und schicke Stoßgebete an allen indischen Göttern, die ich kenne.

5:35 Uhr erreichen wir das Startgelände. Die Nachbarsfamilie segnet uns noch schnell, während ich mit meiner deutschen Pünktlichkeitsmanier tausend Tode sterbe.

„Wir haben ja sogar noch Zeit für ein Foto“ sagt Kranti erleichtert.

Kranti Pramod und ich vor dem Start

Knips und just in diesem Moment ertönt der Startschuss. Wir sprinten zur Startlinie und scherzen; dass das ein grandioses Warm-Up Programm ist.

Um 5:42 Uhr durchlaufen wir unter lautem Jubeln das Marathontor am Chhatrapati Shivaji Terminus, bekannt als Victoria Station.

Eine Welle des Glücks durchströmt mich; ich laufe ihn…ich laufe ihn tatsächlich… DEN MUMBAI MARATHON! Ich kann nicht anders als zu lächeln und mich großartig zu fühlen. Die Vorfreude auf jeden einzelnen Kilometer verleiht mir ein wohliges und selbstbewusstes Gefühl!

Nach ca. 1,5 Kilometern erreichen wir die Küstenstraße, an der die freiwilligen Helfer gerade damit beschäftigt sind, Getränkestände aufzubauen und Bühnen für ein späteres Entertainment Programm zu präparieren.

Während ich mit 3600 Indern den Marine Drive entlang in Richtung Sealink, Mumbais Golden Gate Bridge, renne; lasse ich die letzten Wochen und Monate Revue passieren. Die Trainings, der Verzicht… all das hat sich schon auf den ersten Kilometern mehr als nur „bezahlt“ gemacht.

Die Lichter der gegenüberliegenden Halbinsel Malabar Hill spiegeln sich im Arabischen Meer und lassen Bombay, die Stadt die niemals ruht, fast friedlich erscheinen.

Kranti und ich passieren den 1. „Checkpoint“ bei Kilometer 11,3 nach 00:58:05 Wir liegen gut in der Zeit.

Die Strecke führt uns bergauf zum Babulnath Tempel, geradewegs auf die Rajiv Gandhi Sealink Brücke, hinter der auch schon der Halbmarathonpunkt auf uns wartet :-)

Vertieft in Gedanken und Eindrücken fliegen die Kilometer nur so vorbei, immer wieder klopfen mir freudestrahlende Inder auf die Schulter „You run for India, good girl!“ Unwillkürlich muss ich lachen und strecke meinen Daumen nach oben. „Jai ho“ (frei übersetzt so viel wie: Wir sind Gewinner)

Auf der Sealink Brücke werden uns kalte Schwämme und ein Electrolyte-Drink gereicht. Beides nehme ich dankend entgegen.

Den Schwamm drücke ich in meinen Nacken und wische mir danach über die verschwitzte Stirn, es sind inzwischen ca. 30Grad. Die Sonne klettert in Form eines roten Feuerballs hinter Mumbais Skyline empor. In wenigen Kilometern wird sie hoch am Himmel stehen und erbarmungslos auf uns herunterbrennen.

Kilometermark 17. Ich fühle mich immer noch gut. Auf der Skylink weht ein angenehmer Gegenwind. Eine Traube Inder hat sich um mich gebildet, die Fotos mit mir machen wollen und mich fragen, wo ich her sei. Jeder von Ihnen war entweder schon mal selbst in Deutschland und / oder hat einen aller besten Freund in München ;) Ach ja; die Inder .. ;)

Halbmarathonpunkt: Die 21 Kilometerschranke überqueren Kranti und ich in 1 Stunde und 52 Minuten. Wir sind zufrieden und guter Dinge, scherzen und lachen.

Nun führt uns die Strecke auf den Mahim Causeway. Hier ist die Straßenabsperrung nur einseitig. Auf der anderen Seite stapeln dich die Autos förmlich für ein Hupkonzert übereinander. Ein nahezu unerträglicher Lärm. Ich spüre wie die Abgase meine Nase füllen und das atmen erschweren. Die Sonne steht stolz am Himmel und scheint aus vollster Kraft hinab. Nach einigen Kurven passiert etwas, dass ich mir auch heute, 4 Tage nach dem Marathon, noch nicht erklären kann.

Die Luft „steht“ plötzlich. Ich muss husten, bekomme keine Luft mehr…werde panisch. Der Geruch von Abgasen klettert durch meine Nase in mein Gehirn hinein. Die Straße unter mir gibt nach… oder sind es meine Beine? Ich schnappe nach Luft, doch mein Kopf scheint nur noch leer und leicht… alles wird weiß…ich muss mich übergeben.

Das nächste, woran ich mich erinnere ist, dass ich zitternd über einer Mauer hänge. Einige Inder sind stehengeblieben und wissen nicht so ganz, was sie mit mir machen sollen… jemand zaubert eine Flasche Wasser hervor. Ich spüle mir den Mund aus, schütte mir etwas ins Gesicht und über den Kopf, den Rest trinke ich.

Die Streckenposten der Polizei sind durch die kleine Traube an Interessierten auf mich aufmerksam geworden. Mit erhobenen Bambusstöcken machen sie sich den Weg zu mir frei. Ich klammere mich immer noch an der Mauer fest, spüre aber wie das Adrenalin meine Kräfte reaktiviert.

ICH MUSS WEITERLAUFEN ist der einzige Gedanke, den ich klar fassen kann. Meine Schläfen pochen.

Die beiden Polizisten in beiger Uniform deuten an, dass sie mich aus dem Rennen nehmen wollen. Verständnislos schüttele ich den Kopf und setze mich langsam wieder in Bewegung. Die Inder jubeln und klatschen, die Beamten rufen mir etwas in Marathi, der Lokalsprache, hinterher. Es ist nichts Nettes.

Mein Körper, meine Beine, mein Kopf…alles fühlt sich so unglaublich schwer an. Ich brauch Wasser, bitte bitte Wasser. Die Sonne brennt. Kurz vor Kilometer 30 entdecke ich einen Verpflegungsstand. Ich fühle mich wie eine Comic Figur in der Wüste, die sich unter erbarmungslosen Sonnenschein zum Wasserloch schleppt.

WASSER!!! Ich bleibe kurz stehen und  trinke. Erst eine 0,2 Liter Flasche, dann noch eine. Dann ein Trinkpäckchen Electrolyte. Straßenkinder tanzen um mich herum und singen indische Volkslieder. Sie betteln nach Wasser. Ich lasse mir noch ein Flasche geben, werfen sie Ihnen zu und laufe weiter.

Die Streckenführung bringt uns „real Bombay“ näher und führt am Rand eines Slums vorbei. Der beißende Geruch von Fäkalien und Abfall stellt meinen angeschlagenen Magen vor eine erneute Herausforderung. Am Streckenrand spielen Kinder in zerfetzter Kleidung mit leeren Flaschen. Einige klatschen und rennen einige Meter mit, andere versuchen Ihre Portion Aufmerksamkeit durch das Werfen leere Plastikflaschen zu bekommen.

Ich versuche zu lächeln, wünsche mir aber eigentlich nur Schatten und ein großes Glas Eiswasser.

Hinter mir ertönt lautes Gejubel. Motorengeräusche und schnelle, laute Schritte lassen erahnen, dass nun gleich das Feld der Elite Runner an uns vorbei zieht. Dem ist so. Die kenianische Front rennt in unglaublichem Tempo um das Preisgeld.

Come on, noch 11 Kilometer – you can do it! JAI HO!… sage ich mir beim 31. Kilometerschild. Die 2 Inder, die mir während meiner Übelkeit geholfen haben, sind immer noch in meiner Nähe. Ob sie sich nicht trauen, mich allein zu lassen?

Mein Körper fühlt sich geschwächt, aber mein Kopf verbietet jegliches Wehleid!

Zähne zusammenbeißen und los, noch 10 Kilometer. Ab jetzt heißt es herunter zählen!!!

Wieder der Berg, den wir damals bei Kilometer 10 schon erklommen haben, danach geht es zurück auf den Marien Drive. Meeresluft! Come on, fast geschafft!

Am besagten Berg muss ich einen jämmerlichen Eindruck machen, denn eine Frau die am Rand steht und klatscht, schaut mich mitleidig an. Sie reicht mir einen Schokoladenriegel „Du schaust aus als bräuchtest Du etwas Süßes“. Ich nicke und reiße den Riegel auf, bin dankbar für die Ablenkung und den Zucker.

Noch 9 Kilometer, zurück auf dem Marien Drive. Kein Schatten, kein Wind. 37 Grad. Um mich herum gehen alle nur noch, es ist einfach zu heiß. Die freiwilligen Helfer liegen am Rand, wer kann es Ihnen verdenken?

Eine Polizistin hält sich ein Kühlpack in den Nacken und wedelt sich mit der anderen Hand Luft zu.

„Please“ sage ich verzweifelt„…Please….Ice!!!“ Sie zögert nicht sondern gibt mir sofort Ihr Kühlpack! Dankbar flüstere ich „Dhanyavad“ (Hindi: Danke)

Noch 8 Kilometer. Langsam füllt sich der Streckenrand mit Schaulustigen. Aus der Ferne höre ich Musik.

Von hinten gesellt sich ein Inder zu mir „Let’s do this together“ sagt er.

„Yes“ antworte ich.

Noch 7 Kilometer, der Inder ist verschwunden, dafür habe ich zwei neue, hechelnde Mitläufer gefunden. Sie machen Fotos von mir und jubeln, verfallen nach wenigen 100 Metern aber auch wieder in den Laufschritt.

Bei Kilometer 36 befindet sich eine noch besetzte Getränkestation. WASSER!

Jemand reicht mir einen Lutscher. „Sugar is good for you“ sagt er und wackelt mit dem Kopf.

„Ok“ sage ich.

„SandraMadam, SandraMadam“ ruft eine aufgeregte Stimme im Indischen Englisch. Haha, wie witzig, da heißt jemand wie ich denke ich. Ein kleiner, rundlicher Inder springt auf die Straße und reicht mir Wasser und eine Banane.

Oh… es ist jemand von Krantis Angestellten, die sich der Strecke entlang postieren wollten um uns zu versorgen.

Noch 5 Kilometer. Das Wasser und die Banane geben mir einen Powerschub, die Leute am Rand helfen mir meine Gedanken von dem Ereignis bei Kilometer 27 loszulösen.

Mit jedem Kilometer, den ich mich nun dem Ziel nähere, wird die Stimmung besser, ein Entertainment Programm ist geboten. Die Indische Navy spielt Blaskapelle, einige Kinder tanzen eine Bollywood-Playback Show.

Ehe ich mich versehe sind es nur noch 2 Kilometer to go! Mein Kopf weißt meine Füße an, tapfer einen vor den anderen zu setzen. Noch 1 Kilometer. Überall Leute, überall Inder. Männer, Frauen, Kinder. Alle Jubeln.

Ich sehe den Flora Fountain, noch 500 Meter. Ich sehe das Ziel. Jeder Schmerz ist vergessen… ich überquere die Ziellinie…wanke, stoppe, sinke auf meine Knien. Tränen laufen mir über das Gesicht. Das Gelände dreht sich…

Ein Inder kommt und hilft mir auf „Keep walking Madam, keep walking“  Jemand reicht mir eine ThumbsUp, die Indische Cola. Ich leere sie in Sekunden.

„Keep on walking“ schreien Sicherheitskräfte. Ich lasse mich in der Menge bis zum Medaillenstand treiben. Die Masse in der ich mich befinde verschwimmt vor meinen Augen zu einem Brei. Eine Frau hängt mir eine Medaille um den Hals und gibt mir eine Tüte mit einem Apfel, einer Flasche Wasser und Glukose Plätzchen. Ich realisiere nicht. Es ist vorbei, ich habe es geschafft.

Mit der Medaille um den Hals und dem Care-Päckchen in der Hand lasse ich mich in den Schatten fallen. Alles pocht. Mein Herz, meine Schläfen…mein Mund ist trocken, die Zunge fühlt sich geschwollen an. Mein Magen und meine Beine krampfen. Die Stimmen und die Musik klingen zu weit weg. Ich schließe die Augen, weine.

Weine, dass ich es tatsächlich geschafft habe, weine, dass ich trotz sehr guter Vorbereitung nicht unter 4 Stunden geblieben bin, weine für die Straßenkinder die mit leeren Tetrapacks und Plasikflaschen gespielt haben.

Eine emotionale Achterbahnfahrt bei 37C im Schatten.

„Madam can we take Photo please!” holt mich eine Gruppe junger Inder zurück auf das staubige Cricketfeld in der Innenstadt Mumbais.

„No, not now please“ Enttäuscht ziehen sie von dannen.

Mit letzter Kraft richte ich mich auf, schreibe meinem Mann und Annika eine SMS, versuche Kranti in der Menge aufgedrehter und fotoposender Inder zu finden.

Wir laufen uns tatsächlich in die Arme. Tauschen uns kurz aus. Wenig später finden wir auch Pramod, Ihren Mann.

Jetzt komm ich um das Foto nicht herum. Kurz posen, lächeln und dann ab nach Hause.

Nach einer kalten Dusche, 2,5 Litern Wassern und einem 3 Stündigen Mittagsschlaf geht es mir etwas besser. Ich betrachte meine Finisher Medaille und bin stolz! Stolz, einen Marathon unter diesen Umständen gefinished zu haben, stolz über 1000€ für mein altes Projekt in Indien erlaufen zu haben, stolz auf meinen unbeugsamen Willen.

Am Abend trinken Kranti, Ihr Mann und ich ein King Fisher, indisches Bier und resümieren die 42,195 Kilometer durch Mumbai. Sie fragen, ob ich je wiederkommen würde und wenn ja, vielleicht sogar nochmal einen Marathon in Indien laufen würde…

„Aber Natürlich…beides!“ sage ich fest entschlossen. Wir umarmen uns alle 3 und verabreden uns für den Mumbai Marathon 2015.

Am Montag, dem Tag nach dem Marathon heißt es Abschied nehmen. Am Abend geht mein Flieger zurück nach Deutschland. Schnell noch ein paar Mitbringsel shoppen und dann auf zum Flughafen. 9 Stunden Wadenkrämpfe später lande ich in München, wo mich meine Freundin Alisa morgens um 6 Uhr am Flughafen erwartet. Am Abend darf ich meinen Mann und meine Tochter endlich wieder in die Arme schließen. Das schönste Gefühl überhaupt!

Jetzt warte ich auf die Rückkehr meiner Seele, die noch irgendwo zwischen Deutschland und Indien schwebt. Die letzten 2 Nächte bin ich aufgewacht und habe mich gefragt, ob ich all das nur geträumt habe?!

Ein unglaublicher Trip mit unglaublichen Erfahrungen in Incredible India ist zu Ende gegangen. Danke an alle, die mich auf diesem Weg begleitet haben, mit Mut zugesprochen haben und meinen Weg verfolgt haben.

Danke an alle, die dieses Finish möglich gemacht haben. An erster Stelle natürlich bei meiner wundervollen Familie, bei Annika und bei Alisa, bei run.de und all meinen Lauffreundinnen (Paulina, Julia, Veronika, Stephanie, Steffi, Anna, Anna, Iris, Bianca, Kathrin und Laura), bei allen, die sich an der Spendenaktion beteiligt haben, bei meinen Kollegen und meinem Chef, die vom Pre-Marathon Wahn natürlich nicht verschont geblieben sind, bei all meinen großartigen facebook Followern und allen anderen, die an mich geglaubt haben! IHR SEID SPITZE, DANKE!

Danke selbstverständlich auch an Kranti und Ihren Mann für die wunderbare Herberge, die gute Fürsorge und all das leckere Essen – schade, dass ihr das hier nicht lesen könnt ;)

#keeponrunning & always finish

Eure Sandra

 


{ 3 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

Barbara Maul Januar 23, 2014 um 13:59

Sei stolz!!! Ich hatte Tränen in den Augen, als ich deinen Artikel las.
Wahnsinns FRAU!!!!

Antworten

Brennr.de Januar 23, 2014 um 14:53

Glückwunsch und Respekt für diese Leistung!
Aber auch vielen Dank für diesen tollen Bericht!

Antworten

TiNe DieBöHse Januar 24, 2014 um 12:28

Liebe Sandra,

auch von mir den allergrößten Respekt und Herzliche Glückwünsche, Du hast es Dir verdient!!!

Und —-> DANKE für`s dran teilhaben lassen!!!

lg
TiNe…*

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: