Der Winterweihnachtslauf des Grinch – damals und heute

von Tankred Dankmar am 23. Dezember 2015

Liebe laufende Gemeinde!

Meine Freunde aus der alten Heimat klagen mir, es wäre ungewöhnlich warm bei Euch. Nicht, dass man immer mit einer weißen Weihnacht rechnet – aber 15 Grad ist doch schon ganz schön happig für diese Jahreszeit. Aber lassen wir Weihnachten mal außer Acht, es gibt ja auch die Weihnachtsmuffel, so wie ich einer bin. Mich lockt man mit Weihnachtsgebäck und Verwandtschaftsbesuchen nämlich nicht hinterm Ofen hervor. Auch beschenkt werde ich nicht gerne.

Aber auch wenn ich der Grinch bin – als Läufer liebe ich das winterliche Fest dann doch. Auf meine Weise!

Ich habe das immer geliebt! Als Grinch hatte ich gerade die besinnlichen Tage der Feierlichkeit immer schön für mich allein. Wo andere tagelang an ihrem voll gedecktem Tisch beisammen saßen und sich gütlich an ausgesuchten Speisen und seligen Unterhaltungen mit der buckligen Verwandtschaft getan haben, habe ich die besondere Sportkluft für den Winter angezogen, die Sportschuhe geschnürt und bin schnurstracks in das nahe gelegene Siebengebirge aufgebrochen, als ich noch in Bonn gewohnt habe. Und dann bin ich schön stundenlang gelaufen. Alleine!

Erst im Winter richtig schön: mein geliebtes Siebengebirge

Foto: Weddy | CC-BY-Sa 3.0

Die Luft fuhr mir schneidend kalt in die Lunge, war klar und rein wie ein Bergsee. Meine Bäckchen wurden ganz rot von der Anstrengung in der Kälte. Die Bäume waren melancholisch und kahl, der Wald manchmal mit etwas Schnee eingedeckt und es herrschte diese ganz spezielle Stille, wie sie es nur an den Weihnachtsfeiertagen im Wald gibt. Selbst auf den Straßen wurde es heimelig ruhig, weil kein Mensch mehr unterwegs war. Alle feierten Weihnachten.

Ich auch, aber eben auf meine Weise. Meine Winterläufe waren mir immer die liebsten. Wenn nicht sowieso alle frei gehabt hätten, hätte ich mir sogar Urlaub dafür genommen. Wenn ich mutterseelenallein am ersten Weihnachtsfeiertag im Siebengebirge laufen konnte, wusste ich, dass Weihnachten war. Nicht das Fest der Liebe, sondern das Fest der einsamen, stillen Geländeläufe. Herrlich! Und die vermisse ich am meisten.

In den Tropen ist Weihnachten eben nicht Weihnachten. Und auch ein Grinch wie ich braucht ja das Weihnachtsfest, damit ich es nicht leiden kann. Ohne richtiges Weihnachtsfest ist der Grinch auch kein richtiger Grinch mehr. Aber erklär das mal den Leuten hier.

Hier stellen zwar ein paar Einheimische für die Touristen ein paar kitschig geschmückte Weihnachtsbäume aus Plastik auf und wenn es ganz dick kommt, verkleidet sich noch irgendein Thai oder Malaie als Santa Claus und bespaßt in den edleren Hotels die ausländischen Gäste – aber es ist halt nicht dasselbe. Hier kommt keine Weihnachtsstimmung auf. Und ich kann auch nicht anti sein. Doof, ehrlich.

Wie soll man hier in die richtige Grinch-Stimmung kommen?

Ich habe mir schon überlegt, ob ich doch mal fürs Fest in die alte Heimat fliegen soll. Mir fehlt es jetzt schon seit Jahren, Weihnachten doof finden zu können und meinen Missmut am ersten Weihnachtsfeiertag mit einem extra langen Lauf durch das winterliche Siebengebirge kund zu tun! Aber selbst das wäre ja nicht dasselbe, wenn ihr plötzlich an Weihnachten Frühlingswetter habt!

Ein bisschen weißwinterliche Landschaft und kalte schneidende Luft braucht der Grinch nämlich, um in die richtige Anti-Stimmung zu kommen. Er muss ofenfrisches Zimtgebäck riechen können, wenn er an den Häusern vorbeiläuft, in denen die Leute sitzen und Weihnachten genießen. Er muss wissen, dass alle glücklich unter einer edlen, stolzen, echten Tanne sitzen, Geschenke auspacken und Weihnachtslieder singen, um seinen Winterweihnachtslauf auch gebührlich zelebrieren zu können.

Kommt ihr denn bei 15 Grad richtig in Stimmung? Wahrscheinlich auch nicht so richtig, oder? Und da sag noch mal einer, die globale Erwärmung wäre eine Propagandalüge der Hippies und Ökos! Offensichtlich ist sie das nicht. Die globale Erwärmung klaut uns Weihnachten, Leute – nicht der Grinch.

Wie dem auch sei. Auch dieses Jahr werde ich keinen speziellen Weihnachtslauf im Gelände absolvieren können, sondern werde mal wieder am Strand trainieren. Da bin ich wenigstens weit weg von diesen komischen Plastikbäumen, die sie hier überall aufstellen. Selbst in meinem Hotel steht seit 2 Wochen so ein olles Ding herum. Ich habe mich richtig erschrocken, als der auf einmal neben der Rezeption aufgetaucht ist. Gruselig, echt. Dem Grinch bleibt aber auch nichts erspart.

Als ich letztens in so ein Shopping-Center musste, um was zu besorgen, plärrte ein ohrenbetäubender Lärm durch die Hallen dieses Konsumtempels.

Klassische Weihnachtslieder – auf Chinesisch! Ihr könnt Euch vorstellen, wie sich der Grinch dabei vor Schmerzen gekrümmt hat.

DAS nennt der Grinch einen Weihnachtsbaum!

Bild: Thomas Wolf | CC By-SA 3.0

Der Grinch wünscht sich dieses Jahr zu Weihnachten einen schönen einsamen Geländelauf in einem kalten, winterlichen Siebengebirge! Das wäre sooooooo schön. Aber nix da. Der Grinch wohnt ja jetzt in den dämlichen Tropen und selbst bei Euch ist es viel zu warm. Doch wir werden ja sehen. Wenn es nächstes Jahr vielleicht wieder schön kalt und winterlich zu Weihnachten bei Euch ist, kommt der Grinch mal für 2 Wochen und findet dann Weihnachten mal wieder so richtig doof. Mit allem Drum und Dran.

Er riecht Weihnachtsgebäck und hört Weihnachtslieder (in der richtigen Sprache!) und schnürt dann seine Sportschuhe, um dem ganzen Mist zu entgehen. Wenn ihm einer eine fröhliche Weihnacht wünscht, guckt der Grinch nur böse und erhöht das Lauftempo. Und der Grinch will seinen Weihnachtslauf zurück haben.

Hoffen wir also, dass es nächstes Jahr deutlich kälter wird.

In diesem Sinne. KEIN frohes Fest wünscht Euch….euer Grinch! 😉


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