Die Angst des Läufers vor dem Start

von Tankred Dankmar am 22. Februar 2016

Liebe laufende Gemeinde!

Wer einmal einen Marathon-Wettbewerb mitgelaufen ist, der kennt das. Vor dem Start ist jeder irgendwie nervös. Die Stimmung gleicht der vor einer wichtigen Abschlussprüfung. Alle gucken sich aus den Augenwinkeln an, schätzen ab, vergleichen sich und die Accessoires, die die Anderen zum großen Lauf mitgebracht haben. Die alten Hasen sind betont entspannt, die Frischlinge scheinen gleich losheulen oder jeden Moment hysterisch auflachen zu wollen. Der kollektive Adrenalinspiegel steigt.

Noch 10 Minuten. Letzte Fragen tauchen auf, die man sich eigentlich schon vor Wochen längst dreimal beantwortet hat. Habe ich die passende Kleidung an? Zu warm, zu kalt? Sitzt der Kompressionsstrumpf auch richtig? Genug Vaseline zwischen den Beinen und den Innenseiten der Oberschenkel? Halten die Pflaster auf den Nippeln? Der Griff geht zur letzten Banane oder wahlweise zum sündhaft teuren Powerriegel. Und noch mal schnell die Taktik für die knapp 42 km durchgehen. Ist der Lauf auch gut geplant? Was, verdammt, haben die anderen wohl vor?

Die Stunde Null rückt bedrohlich näher!

5 Minuten vor dem Start ist der kollektive Adrenalinspiegel nahe des Siedepunktes. Hat man die Liebsten mit zur Laufstrecke gebracht, bekommt man nun letzte aufmunternde Worte von der Seitenlinie zugeschrien. ´Du schaffst das Schatz!´ oder ´So oder so, Du bist meine Nummer Eins!´. Das ist das Letzte, was man gerade hören will und es stört den Fokus. Es macht einen eher unsicher denn vollkommen von sich überzeugt und auch wenn es gut gemeint ist, peinlich ist es außerdem. Laughing

Die Einzelkämpfer im Tross der Starter lächeln einen in dem Moment völlig unempathisch an, das doofe Grinsen auf ihren Gesichtern liegt irgendwo zwischen abschätzig und mitleidig bis spöttisch und frech. Man möchte im Boden versinken. Geht aber nicht. Man schwimmt ja auf der Oberfläche seines Adrenalinspiegels.

Eine Eilmeldung über den Stadionfunk: ´Noch eine Minute bis zum Start!´. Die alten Laufhasen scharren mit den Füßen, sind kaum noch zu halten in ihren unsichtbaren Startblöcken. Alles, was sie noch davor zurückhält, jetzt schon der Meute aus Frischlingen, den Siechen und den Schwachen davonzulaufen, ist die Angst davor, dann nicht gewertet zu werden.

Die Frischlinge, denen die erste harte Marathonprüfung ihres Lebens bevorsteht, fragen sich ein letztes Mal, ob sie das jetzt auch wirklich tun sollen. Vielleicht doch lieber einen Wadenkrampf vortäuschen, zur Liebsten an die Seitenlinie humpeln und ein Method Acting Schauspiel a la de Niro hinlegen und sich in die verständnisvollen Arme fallen lassen? Tongue Out

Wäre es nicht viel klüger, sich jetzt mit dem Status ´Du hast es wenigstens versucht. Beim nächsten Mal klappt es ganz bestimmt´ zufrieden zu geben, anstatt bei Kilometer 30 dann wirklich einen soliden Wadenkrampf zu kriegen und sich dort von gelangweilten Helfern des Roten Kreuzes von der Strecke tragen zu lassen?

Und überhaupt? Warum will man unbedingt 42 Komma irgendwas Kilometer durch eine Großstadt rennen? Unter 4 Stunden? Was soll das eigentlich?

Startschuss- Jetzt geht´s los! Jetzt geht´s los!

BUM!!!!!! Startschuss. Alle wetzen los! Der aufgebaute Adrenalinspiegel entlädt sich im Bruchteil einer Sekunde, flutet das Gehirn wie ein gebrochener Staudamm das Tal des Todes. Wo sich der Läufer per se gerade noch mit Fragen des Existenzialismus beschäftigt hat, läuft er jetzt wie einer von vielen einfach der Herde nach. Die Leithammel geben das Tempo vor.

Die Frischlinge staksen und stolpern ungelenk wie neugeborene Lämmer irgendwo im Pulk mit und lassen sich treiben. Die alten Hasen und die schlauen Füchse suchen sich direkt eine Nische und machen von Anfang an ihr eigenes Ding, kochen ihr eigenes Marathonsüppchen. Die Alten und die Siechen fallen schnell zurück. Aber sie wollen ja eh nur dabei sein. Ein letztes wohlwollendes Lächeln an die Schlusslichter. ´Viel Glück!´ soll das bedeuten. ´Ich bin dann mal weg´.

Der Anfang ist immer das Schwerste, behauptet zumindest der Volksmund. Tatsächlich gilt: wer als Anfänger versucht, bei einem Marathon in den ersten 10 km mit den Großen mitzuhalten, liegt bei Kilometer 15 oder 20 auf der Bahre und bekommt Sauerstoff und Bananen von den netten Helfern vom Roten Kreuz. Noch nie in der Geschichte des Marathons ist ein Frischling einem schlauen Fuchs oder einem alten Hasen bis ins 42 km entfernte Ziel voraus gelaufen. Zumindest ist das sehr unwahrscheinlich. Wer das versucht gilt für die laufende Gemeinde als übermütig und arrogant und bekommt noch nicht einmal Mitleid. Im Gegenteil. Gäbe es eine Fahndungsliste in der Welt der Läufer, dürften diese Typen NIE MEHR mitlaufen. Ein guter Läufer bewahrt Anstand und ist keine Rampensau. Und außerdem: wo bleibt da der Respekt für die Veteranen und Profis? Also ehrlich!

Ab Kilometer 10 bis 15 wird es langsam einsam für den Läufer. Mag man auch im Pulk von Tausenden gestartet sein, das Feld hat sich mittlerweile entzerrt. Man nimmt zwar die anderen noch aus den Augenwinkeln wahr, aber man ist nun mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Keiner interessiert sich mehr dafür, wie schnell der andere laufen kann oder nicht, was für tolle Klamotten oder Bordcomputer jemand trägt, denn jetzt heißt es erstmal: Durchhalten! Und: einen Rhythmus finden, der einen trägt wie auf Schienen.

Das Ziel ist noch weit entfernt. Der einzige Bekannte an der Seite ist und bleibt der innere Schweinhund. Wie auch im Stadtpark ist der immer dabei, wenn man läuft. Wie macht der das bloß? Irgendwie scheint dieser dämliche Köter auch nie ins Schwitzen zu kommen.

Läuft immer mit, der Schweinehund! Hier eine gelungene künstlerische Darstellung von J. Galischot.

Foto: Norbert Schnitzler | CC BY-SA 3.0

Tunnelblick, Runners High und die Aussicht, dass am Ziel der oder die Liebste auf einen wartet und man dort gefeiert wird wie ein Kriegsheld – das ist es, was den Marathonläufer bis ins Ziel trägt.

Die letzten 10 km waren einfach nur noch zum Kotzen, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes wegen der vielen Milchsäure, die aus den Beinmuskeln bis in den Magen gewabert ist. Vielleicht ist man mehr gestrauchelt als gelaufen, vielleicht hat man aber auch irgendwo noch ein paar Restreserven angezapft, von denen man gar nicht wusste, dass sie existierten und man ist mit stolzgeschwellter Brust durchs Ziel gerannt, als sei man erst vor 3 km losgelaufen.

Und ist der lange Lauf dann endlich zu Ende, kommt man sich sofort wieder leer vor.

Monatelange Vorbereitung, mentales und physisches Training und dieser eiserne Wille, einen Marathon durchzustehen, verpuffen in dem Augenblick, wenn die Stoppuhr aufhört zu laufen, mit einem ganz leissen Pfffffffft im großen Nirvana, im Nichts und Nirgendwo. Da wollte man also hin? Das leise Pffffffft hören? Hätte man das vorher gewusst, hätte man ja Angst bekommen vor so viel Nichtsnutzigkeit.

Ist natürlich mit einem Augenzwinkern gemeint, liebe laufende Gemeinde. Nur keine Angst vor großen Läufen!!! Wink

#keeponrunning

Eurer Tankred


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