Die Hitze, das Alter und die Arroganz der Jugend

von Tankred Dankmar am 19. April 2016

Eigentlich wollte ich ja am letzten Donnerstag mal für den Sommer nach Europa zurück, nach Spanien, Valencia, um genau zu sein. Aber zwei Stunden vor Abflug hab´ ich dann kalte Füße bekommen, und das als Läufer! Zurück nach Europa, und das nach fünf Jahren in Südostasien? Irgendetwas hielt mich davon ab.

Auf einmal fand ich, dass das eine ziemliche Schnappsidee gewesen ist, sich dieses Flugticket überhaupt zu kaufen. Denn ehrlich: ich habe hier ein sorgenfreies Leben. Die Menschen sind freundlich, die Kultur und vor allem die Natur sind bombastisch und als Schreiber habe ich dank Internetverbindung für hiesige Verhältnisse ein recht akzeptables Einkommen. Warum wollte ich für ein paar Wochen nach Europa? Besser konnte es da ja schließlich nicht werden, wenn man mal so darüber nachdenkt. Höchstens schlechter.

Warum um alles in der Welt sollte ich hier weg wollen?

Jetzt sitze ich gerade in der untergehenden Sonne kurz vorm Äquator und weiß plötzlich wieder, welcher Esel mich geritten hat, als ich dieses Ticket kaufte. Es ist einfach so unfassbar heiß hier. Ich schwitze beim Tippen am Computer und in den letzten Wochen konnte ich einfach nicht mehr mit dieser permanenten Hitze umgehen. Tag und Nacht, immer heiß! Ich konnte das einfach nicht mehr ertragen.

Ich habe es zwar schon ein paar Mal in vorherigen Artikeln erwähnt, aber das Lauftraining oder auch nur ein Spaß-Lauf sind hier echt eine hohe Hausnummer. Jeder Kilometer ist bei 35 Grad im Schatten eine Herausforderung. Beim Gedanken an ein paar Monate Spanien hat mir vor allem gefallen, dass ich mal wieder etwas unbeschwerter würde laufen können. Ich vermisse es nämlich, beim Laufen zu lächeln und nicht nur zu hecheln, Sprints einzulegen, ohne einen Gehirnschlag oder einen Herzinfarkt fürchten zu müssen. Immerhin bin ich auch schon 40 und da sollte man als Läufer in so einer Hitze nicht immer die jungen Pferde mit sich durchgehen lassen.

Das wäre wohl die Höchsttemperatur in Valencia gewesen. Schön kühl also.

Bild: Muns | CC BY-SA 3.0

Das ist natürlich auch Quatsch, denn schließlich ist man immer nur so alt, wie man sich fühlt, oder? Na, schön wär´s! Wenn das mal so einfach wäre, wie der Volksmund sich so gerne etwas unbedacht gut zuredet, dann würden wir ja alle ewig leben. Und laufen und laufen und laufen. Tun wir aber nicht. Die älteren Läufer unter Euch werden es wahrscheinlich auch schon bemerkt haben: ganz so frei von der Leber weg wie früher geht das mit dem Sport nicht mehr. Also ich habe seit drei, vier Jahren Schmerzen im linken Knie, spätestens ab Kilometer sieben. Humpele ich deshalb aber zum Arzt? Nein, denn dafür komme ich mir auch noch nicht alt genug vor. Aber ich bin alt genug, um einfach die Zähne zusammenzubeissen und trotz Wehwehchen besser zu werden.

Aber wie gesagt: diese Hitze macht mich fertig beim Laufen! Ich wünschte, dem wäre ncht so, aber ich muss es mir wohl oder übel eingestehen. So langsam werde ich wohl älter. Das Problem ist tatsächlich, dass man immer nur so alt ist, wie man sich fühlt. Mit 20 schaut man mitleidig auf 40-jährige und da sind Welten zwischen einem. Diese alten Säcke und Säckinnen scheinen in einer ganz anderen Welt zu leben als man selbst als Jungspund, der abscheinend in einen Kessel Zaubertrank gefallen und unkaputtbar ist. Aber der Witz ist: wenn man selber 40 ist, bemerkt man, dass man überhaupt nicht in einer anderen Welt als die Jungen lebt. Man lebt in derselben Welt wie sie, nur leider nun eben als alter Sack.

Das ist wohl das, was man einen Generationenkonflikt nennt. Man selbst will mit den Jungen ein paar Bierchen kippen, wird dann aber plötzlich gesiezt, wenn man sich im Biergarten an ihren Tisch setzt. Das passiert mir jetzt seit ein paar Jahren immer öfter und ich finde das sehr, sehr ernüchternd, geradezu deprimierend finde ich das. Empören kann ich mich darüber allerdings nicht, denn ich war mit 20 ja genauso. Aus Höflichkeit und Respekt vor dem Alter siezt man die Alten eben und aus jugendlicher Arroganz und nicht vorhandenem Mitleid distanziert man sich gleichzeitig von ihnen. Aber, verdammte Jugend, ich bin doch nicht alt!

Nur Hohn und Spott hat diese junge Frau für den alten Sack übrig. Na, vielen Dank!

Sagt der, der gerade gesagt hat, er habe Angst davor einen Gehirnschlag oder einen Herzinfarkt zu bekommen, wenn er durch die Hitze der Tropen rennt! Aber wisst ihr was? Das kann Euch jungen Hüpfern genauso passieren – wenn auch zugegeben statistisch nicht so häufig. Aber trotzdem! Man muss nicht alt sein, um beim Joggen durch den tropischen Dschungel einsam nach einem Hirnschlag zu sterben und anschließend von wilden Tieren aufgefressen zu werden! Ja, denn diese Hitze ist im wahrsten Sinne des Wortes mörderisch. Nimm das, Du verdammte Jugend!

´Jammern auf höchstem Niveau´  würde mein Vater dazu sagen. Immerhin kann ich ja noch durch die Tropen laufen! Wer auf einer thailändischen Trauminsel sitzt und sich beschwert, dass es zu heiß für Sport ist, der hat es eigentlich auch nicht verdient oder sollte sich zumindest ein Flugticket zurück nach Europa kaufen. Moment! Das hatte ich ja schon! Also beschwere ich mich wohl besser mal nicht weiter über die Hitze beim Laufen. Das ist ja albern, gerade zu grotesk und ein wenig arrogant ist es außerdem. Dann wäre ich ja kein Deut anders als die arrogante Jugend, die mich mitleidig siezt, wenn ich mich mal zu ihr gesellen will. So war ich in dem Alter aber, wie gesagt, auch, also verzeihe ich Euch das.

Und dazu eine schöne Anekdote zum Schluß, die so wahr ist, wie ich hier gerade beim Sonnenuntergang sitze. Ich war 16 und sportlich schon seit Kindertagen immer sehr aktiv. Mein Vater war damals 47 und hatte vor ein paar Monaten mit dem Dauerlauf angefangen – ironischerweise um einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall vorzubeugen, also genau den gesundheitlichen Attacken, von denen ich mich hier in den Tropen beim Laufen so bedroht fühle. Nun ja, egal.

So sieht ein Schlaganfal auf dem MRT aus. Sieht genauso bedrohlich aus, wie es sich anhört, finde ich.

Bild: Dr. C Grefkes, Uniklinik Köln | CC BY 3.0

Eines Abends zog er die Laufschuhe an und sagte: ´Sohn, komm mit! Wir machen einen Wettlauf!´ Es ging dabei um seine übliche, knapp 4 km lange Runde durch den nahegelegenen Wald. Ich sagte: ´Ich laufe Dir davon, alter Mann!´ und spottete noch ein wenig, von wegen Alter versus Jugend und so. Und jetzt ratet mal, wer schon geduscht beim Abendbrot saß, als ich endlich winselnd von der kleinen Runde nach Hause kam! Genau! Das Siegergrinsen meines alten Herrn in dem Moment werde ich nie vergessen. Und eigentlich hätte mich wegen meiner anfänglichen Arroganz damals in der Jugend schon der Hirnschlag treffen sollen!

Also, ihr Alten! Lasst Euch von der Jugend nicht einschüchtern. Sie sind nur so, weil sie es noch nicht besser wissen. Und Euch Jungspunden sei gesagt: wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten! Vielleicht werdet ihr im Alter dann auch mal so gut wie wir.

Aber: ob jung oder alt, immer schön weiter laufen! 😉

#keeponrunning

Euer Tankred


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