Dornröschen in lila Laufschuhen

von Tankred Dankmar am 17. Mai 2016

Aufmerksame Leser der lieben laufenden Gemeinde wissen es bereits, aber nochmal: ich mach mich langsam mal sowohl physisch als auch psychisch für meinen ersten Stadtmarathon in den Tropen startklar. Penang is calling. Ist zwar noch was hin, aber besser zu früh anfangen, als zu spät oder gar gar nicht.

Neue Insel, neues Glück. Von Penang bin ich nach Koh Lanta gezogen und habe jetzt endlich mit dem ernsthaften Training angefangen. Zur Feier der Stunde habe ich mir natürlich auch ein Paar neue Laufschuhe gegönnt und die alten – ganz symbolisch – schon mal in Penang gelassen. Das Problem ist, dass Koh Lanta eine Insel ist, die noch nicht besonders viel Infrastruktur hat.  Außerdem ist hier alles ruhig, weil jetzt Nebensaison ist. Zwei Drittel der Shops, Fressnäpfte und Bars schließen jetzt für ein paar Wochen bis zu den Sommerferien in Europa. Aber selbst wenn die wieder aufmachen würden – finde hier mal ein paar ordentliche Laufschuhe!

Ein Bild der ´Hauptstadt´von Koh Lanta. Die Auswahl an Schuhgeschäften ist wahrlich nicht berauschend.

Bild: Neitram | CC BY-SA 3.0

Hier läuft ja keiner. Die nächste größere Stadt ist 100 Kilometer weit entfernt auf dem Festland und das bedeutet eine Tagesreise. Für ein paar Schuhe? Ich hab´ mich einfach mal hier auf der Insel auf die Suche gemacht. Es hat mich letztendlich auch einen halben Tag gekostet, ein Paar zu finden, das mir auch passt. Denn – und es tut mir leid, wenn ich jetzt vielleicht Klischees bediene, die vielleicht politisch inkorrekt erscheinen – aber in Thailand fällt alles etwas kleiner aus. Die Sitze im Bus sind knapper bemessen, wenn ich ein Hemd in Größe Large kaufe, spannt es überall und selbst wenn ich nur Flips-Flops suche, finde ich nur ein paar am Ende der Skala. Und ich bin für europäische Verhältnisse wirklich nicht groß gewachsen. 72 Kilo auf 1,77, Schuhgröße 43,5.

Ich habe auf meiner kleinen Laufschuh-Odyssee genau ein einziges Paar gefunden. In einem kleinen Shop, der seltsamerweise auch nur Sportschuhe angeboten hat. Normalerweise verkaufen diese Shops von der Unterhose bis zur Gürtelschnalle alles, wie jeder weiß, der schon mal auf einer Insel in Thailand Urlaub gemacht hat. Aber dieser Shop verkaufte eben nur Sportschuhe. Da das auf einer Insel, wo keiner läuft oder Tennis spielt, wohl kaum ökonomisch Sinn machen kann, war da auch gerade Ausverkauf. Da waren noch ungefähr 12 Paar Sportschuhe in der Auslage. Und eins hat gepasst.

Ich nehme das Highlight gleich vorweg: sie sind knallig Lila. Lila. Lila. Ich laufe jetzt in lila Laufschuhen in Größe 44 herum. Welcher Mann trägt denn lila Schuhe beim Sport? Ich hätte mir die Farbe nie nie nicht ausgesucht, aber: in Flip-Flops joggen geht leider nicht so gut. Wenigstens habe ich jetzt ein Paar und kann mit meinem Marathontraining anfangen. Das ist die Hauptsache. Scheiss was auf männliche Mode, wobei das in meiner Welt schon ein Paradoxon ist. Ich gucke ja beim Laufen eh nicht nach unten. Und was die anderen denken, na, ihr wisst ja, das kann uns einmal herzlich egal sein. Hauptsache, das Training läuft.

Krokusse in Lila sind ja ganz schön, aber Sportschuhe für einen Mann in der Farbe? Kommt schon!

Der Preis kam mir verdächtig billig vor. Es sind angebliche Markenschuhe (ich nenne die Marke nicht, das ist wie beim öffentlich rechtlichen Fernsehen. Das gehört sich einfach nicht). Aber sie haben umgerechnet auch nur – mit dem Ausverkaufsrabatt – knapp 17,- Euro gekostet. Da wird der ein oder ander von Euch jetzt laut auflachen, ich weiß. Wenn man in Asien lebt, gewöhnt man sich aber an solche Preise, denn die Dinger sind eigentlich auch nicht viel mehr wert. Man zahlt in europäischen Sportgeschäften nur viel zu viel dafür. Produziert werden die unfassbar billig hier in der Gegend und sehr oft fällt auch mal was vom Laster, wie es so schön heißt.

Lila oder nicht, ich war froh, als ich mir vor ein paar Tagen endlich mal wieder die Laufschuhe schnüren konnte, um auf die Piste zu gehen.  Ich zieh also kräftig an den Riemen, um die Dinger ohne Luft an meinen Fuß zu binden und – Zack! Da war die erste Schnürsenkel-Öse auch schon gerissen. Was für ein Start in neuen Laufschuhen, schoss es mir durch den Kopf. In Asien wird man mit der Zeit abergläubig.

Was wollte mir das Universum damit sagen? Haben die Schuhe ein schlechtes Karma, weil sie lila sind? War das ein unbewusster Impuls meinerseits, weil die Dinger lila sind? Sollte Mann in lila Schuhen lieber nicht laufen? Oder hat das billige Plastik einfach zu lange im Schaufenster in der Sonne gestanden und war derart spröde geworden, dass ein kurzer, kräftiger Ruck gereicht hat, um die Grenzen zu überschreiten?

Egal. Neu schnüren, nicht verzagen,  vor allem nicht das Training vertagen, nur weil die Schuhe lila sind. So lief ich los, in schwarzer Hose, rotem Shirt und lila Schuhen, von meinem Haus auf eine Runde durch das Dorf. Einfahrt raus und auf die kleine Straße, welche dorthin führt. Und auch wenn ich normalerweise beim Laufen nicht auf den Boden schaue, es gibt Dinge in den Tropen, die erregen IMMER deine Aufmerksamkeit. Das lernt man mit den Jahren. Und alles, was aussieht, wie eine Schlange, und sei es nur in der Peripherie des Blicks, lässt einen sofort stoppen und wie angewurzelt stehen bleiben.

Ich bin in diesen Breiten beim Laufen schon stehengeblieben, weil irgendwo ein Stück Seil oder Gartenschlauch wie eine Schlange gekrümmt herumgelegen hat. Und ich habe noch nicht mal Angst vor Schlangen. Nur den nötigen Respekt. Das machen die Einheimischen auch so. Weil es hier sehr giftige Vertreter ihrer Art gibt, lernt man das automatisch, denn: never fuck around with a local snake! Sondern: mach einen großen Bogen rum und wenn man zu nahe kommt gilt: nicht bewegen und abwarten.

Was ich in meinen lila, komisch zurechtgebundenen Schuhen auf der Straße sah, war dann auch tatsächlich eine Schlange. Eine grüne mit – und das ist kein Witz – lila schimmernden Seiten-Ralley-Streifen. Und es gibt zwei Arten von grünen, nicht sehr großen Schlangen in diesen Breiten. Eine ist völlig harmlos und eine ist sehr sehr giftig. Deshalb gilt: grüne Schlange: STOPP!

Bei Grün: stehen bleiben!

Bild: H. Krisp | CC BY -SA 3.0

Lila Laufschuhe, quietschgrüne Schlange – irgendwie passten wir ja ganz gut zusammen. Wir hätten auch zusammen auf eine 80er Jahre Party gehen können. Fehlten nur noch Pailetten und ne Discokugel.  Alles wäre perfekt gewesen, wenn auch noch von irgendwoher ´Purple Rain´ von Prince erschallt wäre. Tat es aber nicht und so summte ich es nur leise vor mich hin, um die Schlange zu beruhigen und mir die Zeit zu vertreiben, bis sie sich bemühte, wieder ins Unterholz des Dschungels zu kriechen und mir endlich den Weg frei zu machen. In meinen neuen, lila Laufschuhen.

Und dann – kept on runnnig!

Euer Tankred


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