Ein etwas anderer Blogbeitrag – Laufend Gutes Tun II – Kiew

von Sandra Mastropietro am 28. August 2014

Hallo liebe run.de Leser,

zuerst einmal möchte ich mich für die Verzögerung entschuldigen. Aus Montag wurde Donnerstag, was wohl etwa damit vergleichbar ist, die Marathon-Zielzeit um vier Stunden zu überschreiten. :-/

Das tut mir leid. Ursprünglich wollte ich „nur noch kurz“ auf Fotos von Maria, die in der Ukraine zu Besuch war, warten. Doch dann kam Sie mit so vielen Eindrücken und Erlebnissen zurück, dass ich mich spontan dazu entschlossen habe, den Blog umzuschreiben und ihr zu widmen.

Dementsprechend rückt der sportliche Aspekt hier etwas in den Hintergrund und weicht einer spannenden und emotionalen Erzählung über der Ukraine, so wie Maria sie erlebt hat.

Die Unabhängigkeit und Freiheit des Menschen beruht weniger auf der Kraft seiner Arme als auf der Mäßigung des Herzens.

*Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778)

Am 24. August 1991 verabschiedete das ukrainische Parlament die Unabhängigkeitserklärung. Seit nunmehr 13 Jahren zelebriert das Land ihren Unabhängigkeitstag. Eine Feiertag, die dieses Jahr bedeutender denn je war.

An diesem besonderen Datum war meine Freundin Maria, mit der ich genau heute in einem Monat den Kiew Boost Halbmarathon laufen werde, in Ihrem Heimatland zu Besuch.

run.de: Maria, Du warst gerade, einen Monat nach Deinem letzten Besuch, wieder in der Ukraine. Erzähl doch mal; wie kam es und was hast Du dort gemacht?

Ja, genau. Vergangenen Monat, also im Juli, war ich bereits in meiner Heimatstadt Kiew. Dieser letzte Besuch war einfach so prägend, überwältigend und emotional, dass ich zeitnah zurückkehren musste. Das habe ich nun letzte Woche getan.

run.de: Darf ich fragen was genau Du mit „prägend, überwältigend und emotional“ meinst?

Ach weißt Du; ich war -nein ich bin- schlichtweg überwältigt, wie stark und vor allem wie sichtbar die Liebe der Ukrainer zu ihrem Land geworden ist. Das habe ich so noch nie erlebt.

Das mag vielleicht ein bisschen ironisch klingen, aber während der letzten beiden Besuche ging mir oft der Spruch „In guten wie in schlechten Zeiten“ durch den Kopf. Besonders jetzt, wo die Ukraine und ihr Volk einer starken militärischen Aggression durch Russland ausgesetzt sind, kann man förmlich zuschauen wie die Bevölkerung zusammenwächst und die Liebe zum Land neu entdeckt. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die „früher“ noch auswandern wollten; jetzt aber trotz oder eben gerade wegen der Krise und harter Reformen im Land bleiben, um „es aufzubauen“.

Junge Menschen, die früher das Tragen ukrainischer Trachtblusen (sog. „Vyschyvanka“) belächelt oder gar verpönt haben, schmücken nun in „dieser Uniform“ Kiews Straßen. Das war schön zu sehen. Überall in der Stadt sind Nationalflaggen zu sehen; an Häusern, Autos, in Geschäften und sogar an Polizeiwägen…

Bitte versteht diesen Patriotismus nicht falsch! Ich weiß, dass solch ein Verhalten von Deutschen oft verurteilt wird… Diese Art von Patriotismus ist absolut keine „rechten Bewegung“ oder ähnliches. Nein, der ukrainische Patriotismus ist nicht exklusiv, sondern inklusiv.

Das soll so viel heißen wie; jeder ist willkommen, solange er nur mit Respekt für die Menschen und die Kultur des Landes mitbringt.

Hier lebten und leben immer noch so viele unterschiedliche Volksgruppen friedlich zusammen – Ukrainer, Russen, Krimtataren, Armenier, Georgier, Deutsche; ausländische Studenten aus Asien und Afrika. Die Stimmung war immer gut, der Flair besonders!

Apropos, mir kommt da gerade wieder ein Bild vor Augen. Ich habe mich bei meinem Besuch im Juli ganz besonders gefreut einen afrikanisch-stammenden jungen Mann in Vyschyvanka zu sehen. 🙂

run.de: Oh wow, das klingt wirklich sehr packend. Wo hat Dich Deine Reise diesmal hingeführt und warum?

Diesmal war ich in der Westukraine; in Lemberg (auf Ukrainisch: Lwiw).

Diese uralte Stadt war nicht immer ukrainisch – sie war mal polnisch, mal österreichisch, dann wieder polnisch, und später sowjetisch. Erst seit der Erklärung des unabhängigen ukrainischen Staates im Jahre 1991 ist Lemberg offiziell ukrainisch.

Vielleicht gilt Lemberg genau wegen dieser sehr eigenen Geschichte als Kulturhauptstadt der Ukraine.

Die Bevölkerung der Westukraine galt übrigens schon immer als sehr patriotisch und wurde früher durch die kommunistische Sowjetpropaganda verleumdet. Die „Westler“ seien nationalistisch.

Es wurden zahlreiche Legenden erfunden, die die Bevölkerung der Westukraine als aggressive Nationalisten darstellten. Auch meiner russischstämmigen Familie wurde damals vor dem Umzug in die Ukraine gesagt, sie seien verrückt zu den unfreundlichen Nationalisten umzuziehen!

Heuer wurden alte Legenden wiederbelebt. Massive Propaganda im russischen TV verbreitet Gerüchte und Falsch-Nachrichten. Das finde schrecklich unfair!

Lange Rede, kurzer Sinn: Deswegen habe ich mich entschlossen, am Tag der Unabhängigkeit des ukrainischen Staates in  Lemberg zu sein.

run.de: Aber Du warst nicht nur „zum Vergnügen“ dort, richtig?

Richtig! Am ersten Tag besuchten wir, also meine Schwester und ich, ein Militärkrankenhaus. Dort übergaben wir die Sachspenden, die uns Freunde und Bekannte aus Deutschland mitgegeben haben.

Während unseres Aufenthaltes lernten wir viele Volontäre kennen, die die zum großen Teil auch freiwilligen Soldaten versorgen. Da das Land praktisch pleite ist und das Gesundheitssystem vollkommen zusammengebrochen, sind Ärzte auf  Hilfe aus der Bevölkerung angewiesen.

Es fehlt wirklich an allem: Medikamenten, Geräten, Pflegeprodukten, Lebensmitteln und Kleidung.

…ich glaube, an diesem Tag habe ich das ganze Ausmaß der aktuellen Lage in meinem Land erst so wirklich begriffen…

run.de: Puh, jetzt weiß ich gar nicht was ich sagen soll. Eine ganz tolle Aktion von Dir und Deiner Schwester – Respekt!

Erzähl uns doch bitte vom Nationalfeiertag selbst. Wie lief das ab?

Ja gerne. Lemberg zieht am  Tag der Unabhängigkeit zahlreiche Besucher aus unterschiedlichen Regionen der Ukraine an.

Am 23. August  wird in der Ukraine der Tag der Nationalflagge gefeiert. Und in der Tat, die Stadt war wunderschön blau-gelb geschmückt. Die Menschen haben diesen Tag richtig zelebriert.

Am 24. August ist der Tag der Unabhängigkeit des ukrainischen Staates. Ganz Lemberg war aufgeregt, denn am Abend sollte die ukrainische Band „Okean Elzy“ vor mindestens 40.000 Besuchern auftreten.

„Okean Elzy“ war schon immer sehr beliebt in der Ukraine, Russland, Polen und weiteren ehemaligen Sowjetländern. Das ist eigentlich ziemlich ungewöhnlich, denn die Songtexte sind alle in Ukrainisch geschrieben. Also der Sprache, die nicht jeder versteht.

run.de: Oh, ein schönes Beispiel dafür, dass Musik verbindet.

Ja, absolut! Während der Revolution hat die Band eine neue, wichtige Aufgabe übernommen. Der Frontmann Slawa Wakartschuk ist inzwischen weit mehr als talentierter Musiker. Er ist ein singender Botschafter, der die Ukraine zusammenhalten will. Er rockt und kämpft für sein Land. Er trommelte auf der Maidan-Bühne für die Wende in Kiew und sang im kalten Dezember vor ca. 200.000 Menschen.

In Lemberg sangen wir zusammen mit Wakartschuk die ukrainische Hymne. Noch nie hatte ich so viele Menschen mit Tränen den Augen um mich herum. Gemeinsam sangen wir, dass  „die Ruhm und Freiheit der Ukraine nicht gestorben sind, dass die Ukraine noch das Lächeln des Schicksals erleben wird. Das wir bereit sind, unsere Seelen und Körper für die Freiheit zu opfern“.

Ich kann mit gutem Gewissen behaupten, dass die Konzerte von Okean Elzy weit über ein „Unterhaltungsprogramm“ hinausgehen – vielmehr ist es ein unsichtbares Band, das die Ukraine an den unterschiedlichen Orten vereinigt.

40.000 Menschen singen zusammen mit Slawa Wakartschuk die ukrainische Hymne. Das Konzert wurde in der Ukraine und in Polen Live in TV übertragen.

run.de: Das hast Du schön beschrieben und gesagt. Vielen Dank dafür. Möchtest Du abschließend noch etwas sagen oder mit auf den Weg geben?

Mh, es war wirklich eine sehr intensive, wunderschöne und gleichermaßen erschreckende Erfahrung, die ich jetzt vor Ort machen durfte. Mir ist viel bewusst und noch klarer geworden. Ich freue mich sehr auf unsere Aktion LAUFEND GUTES TUN und auf unseren gemeinsamen Besuch in Kiew.

Auch hier möchte ich noch einmal zum Spenden aufrufen. Viele kleine Beträge ergeben einen Großen! Sachspenden sind herzlich willkommen. Wir werden Sie persönlich überbringen.

Abschließend möchte ich noch einmal auf Okean Elzy zurückkommen. Auf dem letzten Album, das im Mai 2013, also noch vor der Revolution erschienen ist, gibt es einen Song, dessen Titel so viel wie „Umarme mich“ bedeutet. Der Text lautet frei übersetzt so: „Wenn der Tag kommt, an dem der Krieg beendet ist; in welchem ich mich selbst verloren habe, als ich in seine Tiefe blickte. …. Umarme mich, ganz zärtlich. Lass uns nie wieder loslassen, umarme mich, lasset den Frühling kommen“.

Wie gesagt wurde dieses Lied Monate vor dem Krieg geschrieben. Dennoch ist der Text jetzt, wo tausende Frauen um ihre Männer, Söhne, Brüder und oder Väter bangen und beten, sich eine Umarmung herbei sehnen, aktueller denn je.

run.de: Vielen lieben Dank Maria!

So. Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber ich bin ziemlich fertig nachdem ich das Gespräch mit Maria niedergeschrieben habe. Der Blick auf den Kalender lässt mein Herz höher schlagen; vor Nervosität. Heute in einem Monat findet der Boost Kiew Halbmarathon statt. Maria und ich werden ab dem 24. September vor Ort sein, Ihre Familie und Freunde besuchen, helfen wo es geht und Sachspenden überbringen.

Wer das Projekt unterstützen möchte kann dies gerne tun, bitte einfach eine Email an sandra@run.de schreiben 🙂

Übrigens: Die ALS Organisation hat durch die Icebucket-Challenge inzwischen knapp 95Millionen US Dollar an Spendengeldern verzeichnen können. Wer eine Alternative dazu sucht, darf sich gerne der LAUFEND GUTES TUN Challenge anschließen 🙂

In diesem Sinne

#keeponrunning

Eure Sandra


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