Ein offener Brief an alle „Laufenden Eltern“

von Sandra Mastropietro am 13. Juni 2016

Liebe Mütter,
liebe Väter,
liebe werdende Eltern!

Nur allzu häufig wird mir die Frage: „Wie schaffst Du es bloß, neben Kind, Arbeit und Haushalt noch so viel Sport zu machen?“ gestellt.

Ja, am Anfang meiner „Laufkarriere“ bekam ich diese gar so oft zu hören, dass ich irgendwann zu zweifeln begann.

Zweifel, ob ich meiner Rolle überhaupt gewachsen, geschweige denn eine „gute Mutter“, sei.

Heute (4,5 Jahre später) weiß ich: Genau weil ich mein Leben so organisiere, wie ich es tue, nämlich mit genügend Raum für Sport und Ausgleich, bin ich solch eine gute Mutter – und meiner Rolle allemal gewachsen.

Doch von Anfang an:

Ich wollte wieder fit werden, irgendwie. Und ein bisschen Ruhe; Zeit zum Durchatmen und zum Realisieren. Realisieren was sich alles in so kurzer Zeit so positiv verändert hatte. Die unendliche Liebe spüren, das Vermissen mit jedem Schritt, den ich mich weiter von daheim wegbewegte. Erst waren es nur 20 Minuten Gehen – Laufen – Gehen. Dann etwas mehr, etwas weiter. Ich spürte die Verbesserung und die Freude, welche der Laufsport mit sich brachte. Die in viele Bereiche übergreifende Selbstbestätigung, welche damit einherging. Spürte die Ausgeglichenheit. Zufriedenheit meines Selbst.

So wurden die Distanzen weiter und der Zeitaufwand größer.

Ist das egoistisch? Ja, wahrscheinlich – gleichzeitig aber auch irgendwie nicht.

Denn: Unsere Kinder werden älter. Und sie spüren, ob die Mama oder der Papa zufrieden ist, spüren es ganz genau.

Und auch unser Nachwuchs soll lernen, dass Erwachsene bestimmte Dinge zur eigenen Zufriedenheit tun (müssen). Hobbies, Freunde, „Auf die Gesundheit achten“.

Nein, das Laufen ist für mich kein Entkommen aus dem Alltag und schon gar keine Flucht vor der Verantwortung als Elternteil. Überhaupt nicht. Ich laufe darauf zu. Jedes Mal aufs Neue. Denn von jedem Lauf komme ich bestärkt zurück, „entstresst“. Schmeiße mein Handy in die Ecke und konzentriere mich zu einhundert Prozent auf mein Kind. Ohne Wenn und Aber.

Meine Tochter weiß, dass die Zeit unmittelbar nach dem Sport „Kuschelzeit“ ist. Häufig liegen wir dann nämlich gemeinsam auf der Couch und lesen (vor). Entspannen ist nämlich wichtig. Je nach Tagesablauf gehen wir im Anschluss raus. Auch Marina macht sehr gerne Sport. Fangenspielen oder Käsekästchen hüpfen, Seilspringen oder klettern. Wir genießen unsere gemeinsame Zeit in vollsten Zügen, jede Sekunde davon.

Ich möchte mich in diesem Brief an euch nicht als Allwissende und schon gar nicht perfekte Mutter darstellen. So etwas gibt es nicht. Dennoch wage ich zu behaupten, dass mich der Ausgleich durch den Laufsport zu einer besseren Mutter macht. Besser als ich es ohne wäre.

Und ich möchte euch bestärken. Darin, euch die Freiheit zunehmen und trotz (oder gerade wegen) des Kindes das zu tun, was euch glücklich, ausgeglichen und gesund macht. Euer Stresslevel niedrig zu halten.

Denn auch das sind wir unseren Kindern schuldig. Dass sie den Mami oder Papi ohne den Arbeitsalltag im Hinterkopf erleben, dass sie die Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen gebührt. Die beiden Elternteile gesund, fit und zufrieden sind.

Natürlich schreibt sich all das leicht herunter; wir alle haben mit verschiedensten Umständen zu kämpfen. Nicht jeder hat Großeltern in der Nähe oder einen Kindergartenplatz, einen Partner der unterstützt bzw. akzeptiert.

Dennoch: Wer etwas will, der findet (Um-)Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe. Und manchmal ist „Jammern“ eben tatsächlich einfacher und der schnellere/sicherere Weg zur Aufmerksamkeit. Der, des geringeren Widerstandes.

Es muss keine 10k Runde sein, sowieso muss es nicht mal der Laufsport sein. Ersetzt bitte an dieser Stelle das Laufen mit jedem beliebigen Entspannungsritual für euch – das euch gesund, fit und ausgeglichen hält.

Doch leider viel zu oft sind Kopfschütteln und pauschales Verurteilen leichter als ein rationales Abwiegen der eigenen Bedürfnisse. Manchmal sind die Schienen zu fest eingefahren und die Angst vor dem Aufwand der Veränderung zu groß.

Und leider, leider wird Quantität in Bezug auf Zeit immer noch über Qualität gesehen.

Ich wünsche euch alles Gute und viel Raum für Bewegung

Sandra


Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: