Ein Tipp für Genussläufer – Einmal quer über Koh Phangan

von Tankred Dankmar am 5. November 2015

Die Insel, auf der ich lebe, ist wirklich nicht groß. Klein ist sie zwar auch nicht, aber groß geht anders.

Grob geschätzt hat Koh Phangan eine Nord-Südausdehnung von knapp 18 km und eine West-Ostausdehnung von knapp 12 km. Die meisten Wege befinden sich entlang der gesamten Westküste sowie einmal durch das Inselinnere. Ein paar Kilometer befestigter Straße findet man noch im Norden. Aber das war´s auch schon. Ihr könnt Euch also vielleicht vorstellen, dass man dort schnell alles schon mal im Dauerlauf abgegrast hat, wenn man hier länger wohnt und regelmäßig laufen geht.

Wie auch immer. Ich will hier ja nicht die Topographie der Insel in allen Einzelheiten erklären, sondern nur mal kurz andeuten, in welchen Dimensionen sich hier mein Spielfeld zum Laufen erstreckt. Jedenfalls bin ich natürlich ob des begrenzten Platzes immer auf der Suche nach neuen Strecken mit neuen Herausforderungen. Und wenn man die Wege und die Insel ein bisschen kennt, liegt es geradezu auf der Hand, einmal von der südlichen Spitze in Haad Rin bis zur nördlichen Bucht von Chaloklum zu laufen. Dazu müsst ihr noch wissen, dass ich selbst im Norden lebe.

Deshalb wollte ich ja im Süden starten, damit ich dann schön erschöpft auf der heimischen Veranda aufschlagen würde, denn diese sollte mein Ziel sein. Des Weiteren müsst ihr noch wissen, dass gerade der südliche Teil extrem hügelig ist und wenn man an der Südspitze anfängt, geht es erst mal lange bergauf und anschließend genauso lange bergab. Dann wird es die Südwestküste entlang recht eben und geht mehr oder weniger gerade aus. Dann biegt man irgendwann auf die Straße durch das Inselinnere ab, hat noch ein paar Kilometer flaches Terrain vor sich, bevor wieder zwei Hügel kommen. Dann kommt man in dem Dorf an, in dem ich wohne.

Im Schweinsgalopp von Süd nach Nord

Laut Google-Maps misst diese Strecke genau 20.1 km. Das, so nahm ich an, sollte doch gut zu schaffen sein, vor allem weil der schwierige Löwenanteil der Strecke direkt zu Anfang kam. Danach würde es wohl eher ein gemütliches Traben werden. Allerdings gilt der südliche Teil auch als die unbestrittene Partymeile der Insel.

Vielleicht hat der ein oder andere geneigte Leser schon mal davon gehört: Koh Phangan ist schließlich weltbekannt für seine Vollmondpartys, die jeden Monat stattfinden. Scharen von 20-jährigen und Junggebliebenen saufen sich am Strand zu lauter Techno-Musik mit billigem Fusel ins Koma und bauen ständig Unfälle mit ihren geliehenen Motorrädern. Es ist wirklich nicht sehr schön und wenn man auf der Insel lebt, meidet man zu dieser Zeit im Monat den Süden eigentlich wie der Teufel das Weihwasser. Nicht, dass ich nicht auch mehr gern was trinke, aber was da abgeht, ist schon etwas unfein, um es vorsichtig zu formulieren. Aber das ist auch nur meine Meinung.

Da eben gerade die besagte Vollmondparty stattgefunden hatte, musste ich meine damalige Freundin auch mit zuckersüßen Worten dazu überreden, damit sie mich mit ihrem Motorrad in den Süden fährt, damit ich von dort starten konnte. Meinem Charme ist natürlich schwer zu widerstehen und ich versprach ihr auch noch, am Abend für sie zu kochen. Da sie kein Morgenmensch ist, fuhren wir also ohne Worte in den Süden und sie drehte auch direkt wieder wortlos um, nachdem sie mich dort abgesetzt hatte. Ich konnte es ihr ja noch nicht mal verdenken.

Ich fand mich nun in meinem sogenannten Sportdress – nur eine Shorts und Laufschuhe und sonst nichts – also mitten in Haad Rin wieder. Ein paar verkaterte Frühaufsteher nahmen ihr Frühstück zu sich, während andere in Rudeln und Arm in Arm schwankend versuchten, ihr Zimmer wiederzufinden. Ich sah also zu, dass ich sofort loskam, weil ich mir etwas deplatziert vorkam. Schnell weg aus Sodom und Gomorrha.

Betrunkener nach der rauschenden Vollmondnacht

Der erste Berg hatte es wirklich in sich. Kurzzeitig kam mir mal der Gedanke, einfach wieder umzukehren und mich lieber mit den Feier-Kids am Strand zu betrinken. Ich war ja schließlich der einzige, der hier im Dauerlauf rumlief und NICHT am Feiern war. Naja. Egal. Weiter.

Nachdem der Berg geschafft war, ging´s auch. Als es steil bergab ging, blickte ich mich nur bei jedem Motorengeräusch um, ob da nicht irgendein Volltrunkener mit seinem Motorrad auf mich zu hielt. Die Thais jubelten mir auf der gerade Strecke zu, ein paar Touristinnen hupten, als sie im Bikini an mir vorbei zur nächsten Afterparty fuhren.

Als ich in die Nähe der Hauptstadt Thong Sala kam, nahm der Verkehr spürbar zu und ich musste zusehen, dass ich hier nicht unter die Räder kam. Auf der Insel gibt es de facto keine Verkehrsregeln und jeder Tourist kann sich einfach ein Motorrad leihen – auch wenn er noch nie auf so einer Rakete gesessen hat. Wenn dann noch 1.5 Restpromille von der Vollmondparty ins Spiel kommen, sollte man als Läufer etwas auf der Hut sein, sagen wir mal so. Aber ich kannte das ja schon.

Der Verkehr nahm auch wieder deutlich ab, als ich aus der Stadt und auf der Hauptstraße durch das Inselinnere lief. Das war wirklich der angenehmste Teil. Fast meditierend konnte ich nun einen Fuß vor den anderen setzen, musste nicht auf den Verkehr achten und auch die Girls in ihren Bikinis verdrehten mir hier nicht mehr den Kopf. Ich hatte zwar immer noch kein Wasser zwischendurch getrunken, weil ich vergessen hatte, Versorgungsposten einzurichten, aber die paar Kilometer, die noch vor mir lagen, sollte ich wohl noch schaffen. Ich habe es immer gemocht, wenn ich beim Laufen auch mal ein bisschen leiden muss.

Kurz, bevor ich mein Heimatdorf erreichte, hatte ich aber doch kleine Visionen von Wasser. Wasser, welches meine Kehle hinunterläuft, kaltes Wasser, in das ich mich werfen konnte. Wasser Wasser Wasser!

Und dann wurde mir auch plötzlich klar, woher diese Visionen so kurz vor dem Ziel noch herkamen. Klar! Hier gab es ja schließlich einen schönen Wasserfall! Ich musste quasi daran vorbei. Es war von meiner Strecke aus nur ein kleiner Abstecher den Hügel hoch. Aber deshalb so kurz vor dem Ziel den schönen Lauf unterbrechen? Ach was! Warum denn nicht? Ich lief hier ja keinen Wettkampf, sondern um des Vergnügens willen. Meines Vergnügens übrigens, also konnte ich doch auch mal kurz….genau!

Na, wenn da schon ein Wasserfall auf der Strecke liegt…(auf der Karte weiter oben als orange/blauer Punkt eingezeichnet)

Und so kam ich dann relativ frisch auf der heimischen Veranda an. Das mit dem Wasserfall war eine geniale Idee gewesen. Überhaupt war das einer der schönsten Läufe, die ich je unternommen habe. Erst diese Anderswelt in der Partystadt, dann ein bisschen Straßenverkehr, auf den ich mit einem Auge achten musste. Anschließend das meditative Laufen in völliger inneren Ruhe und Ausgeglichenheit bis zum herrlich erfrischenden Wasserfall und die paar Restkilometer breit grinsend bis nach Hause. Und die Distanz war auch genau richtig.

Ehrlich Leute! Solltet ihr mal in auf Koh Phangan sein, probiert diese Strecke aus! Ich gebe ein Bier aus, wenn ihr sie anschließend nicht auch so zu schätzen wisst wie ich.

#keeponrunning, Euer Tankred

PS: Weitere Artikel meiner Kolumne findet ihr hier: Im Dauerlauf durch Südosatasien


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