Ein Traum wurde wahr – Sandra´s Marathon Debüt in Jerusalem

von run.de am 4. März 2013

Hallo liebe Leser,

am Freitag um 7 Uhr Morgens israelischer Zeit, 6 Uhr deutscher Zeit, war endlich es soweit:
Der Startschuss, der die 1024 Starter des Jerusalem Marathon, den bergigsten Stadtmarathon der Welt, in Bewegung setzt, wurde abgefeuert.

Der Start

Die Stimmung ist trotz der Nervosität großartig. Die Weltreligionen, die in diesem Land -mal mehr mal weniger gut- „nebeneinander“ Leben, beweisen zum 3. Mal in Folge, dass sie gemeinsam schwitzen, lachen und weinen können. Gänsehaut, als eine Gruppe von Juden vor dem Start mit Ihren weißen Kurdeln (Zizit) an der Hose beten, daneben eine ältere, durchtrainierte Damen,die den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten lässt.

ca. bei 16 Km

Trotz Bergen, die verlangen, dass man den Kopf in den Nacken legt um den „Gipfel“ zu sehen, scheinen die ersten 20 Kilometer nur so an mir vorbei zu fliegen…die vielen Impressionen und Erlebnisse der letzten Tagen scheine ich erst jetzt beim Laufen wirklich verarbeiten zu können.

Einmal raus zur Hebräischen Universität, diese Umrunden, und zurück… das Schild Kilometer 21 lässt mich schmunzeln. „Wow, schon die Hälfte geschafft.“ 🙂

Jetzt laufen wir in die Altstadt; erst durch das Armenische Viertel, dann durch das Gate of Zion, hinunter (Jap, jeden Berg, den man erklimmt, führt auch wieder hinab :)) Richtung Klagemauer. Wieder Gänsehaut. Eine unglaubliche Kulisse mit unglaublichen Zuschauern am Rande. Vor dem Gate of Zion sehe ich einen Ultraorthodoxen, der uns zulächelt und in die Hände klatscht. Ein Bild für die Götter, wahrhaftig 😉

-24Kilometer geschafft!

Die Strecke führt uns nun Richtung Bethlehem Road; der Name klingt viel versprechend, bietet jedoch wenig, bis auf Soldaten, die rauchen, mit dem Handy spielen oder uns auch mal skurriler Weise mit erhobenen Maschinengewehren zujubeln.

ca bei 26 Km

Kilometer 29 habe ich dann meine erste „Durststrecke“. Ich sehe wenig Läufer vor mir und niemanden mehr hinter mir… Omg, ist meine große Befürchtung tatsächlich wahr geworden und ich die Letzte?! …ich halte es nicht aus und switche auf meiner Pulsuhr in den Uhrzeitmodus (eigentlich wollte ich gar nicht auf die Zeit schauen)… 10:03 Uhr… 3 Stunden für 29Kilometer…und trotzdem Letzte?! 🙁

Nein natürlich nicht 🙂 …und während ich den sogenannten Mann mit dem Hammer aus meinem Kopf und meinen Beinen verjage, nähre ich mich der Hebron Road und dem Schild Kilometer 30. …also quasi nur noch 10 Kilometer…eine ausgiebige Südpark Runde…das schaffe ich doch locker.

Kilometer 31… Nur noch 10 Kilometer… fast… Ich stelle den mp3 Player etwas lauter und schalte auf „NOSSA NOSSA“, unser Halbmarathonlied. Hihi, ich muss lachen.

Kilometer 32… Nur noch ein bissl mehr als 8 Kilometer …

Kilometer 33… Gleich sind es wirklich nur noch 8 Kilometer…

Kilometer 34… ein Verpflegungsstand. Ohhhhhhhhhhhhhh genau das habe ich jetzt gebraucht. Eine Banane und eine geviertelte Grapfruit.

Ich bin wieder gestärkt… für die letzten ein bisschen mehr als 6 Kilometer 😉

Kilometer 35 – ich kann schon den Wendepunkt sehen; die Moshe Baram Road.

Juhu; Kilometer 36 erreicht. Sau gut. Jetzt wirklich nur noch 6 Kilometer…nein eigentlich 4 Kilometer, die letzten 2 Kilometer zählen gar nicht so richtig…machen ja auch nur 5% der Strecke aus…also!

Wir biegen in die Yehuda Street ein. Überall stehen Leute und jubeln… kleine Kinder wollen ein Runners High Five bekommen. Ich habe Tränen in den Augen!

Kilometer 38: Oh nein, ein ganz gemeiner Berg bei der Hapalmach Road. Aua! Meine Füße laufen zwar von alleine, aber ein Berg mit solch einem Anstieg auf den letzten Kilometern verlangsamen leider den neu entwickelten Mechanismus…Hoffnungsvoll sehe ich der Kurve entgegen, hinter der sich hoffentlich eine bergab Strecke verbirgt.

Nein; auch die Fichman Road hält einen Anstieg für uns bereit. „Nossa, nossa…“ 😉

Ohweh… da ist es… noch ganz klein in der Ferne aber schon deutlich erkennbar; das Schild: 40 Kilometer! Gleich geschafft. Gleich, gleich, gleich… meine Augen füllen sich schon wieder mit Tränen… ich fühle mich meinem Ziel plötzlich so greifbar nahe.

Kilometer 41 – ein Berg. Egal. Nichts und niemand kann mich aufhalten. Zielgrade. Heiße Tränen auf heißen Wangen. Stöpsel aus den Ohren. Ich höre die Leute, ich höre die Zielgrade. Ich sehe die Zielgrade. Oh Gott, gleich habe ich es geschafft, gleich bin ich den bergigsten Stadtmarathon der Welt gelaufen.

Ich sehe die große Uhr neben dem Zieleinlaufbogen; 4:44:41…jetzt Gas geben; bloß nicht die dreiviertel Stunde voll machen… ich habe noch Kraft für einen Sprint.

4:44:50 überquere ich die Ziellinie und es ist, als ob alles von mir abfällt; der Stolz und das Adrenalin übermannen jeden Schmerz und jede Erschöpfung im Körper.

Ein großer Mann hängt mir eine Finisher Medaille um den Hals; eine Frau hängt mir ein Thermopapier um. Jemand drückt mir ein Wasser in die Hand. Die Tränen fließen nur so aus mir heraus. Ich habe es tatsächlich geschafft, ich habe meinen großen Traum verwirklichen können.

Geschafft!!!!

Sobald ich wieder atmen kann, rufe ich meinen Mann an. „Schatz, ich habe es geschafft!“ weine ich in mein Handy und wünsche mir nichts mehr, als diesen Moment der Freunde mit meinen beiden Liebsten live teilen zu können.

Da kommt meine Freundin Maria auf mich zugerannt und umarmt mich. Sie ist den Halbmarathon gelaufen, ich gerade meinen 1. Marathon. Wir liegen uns in den Armen – Wir haben es geschafft!

YES YES YES!!!

Überglücklich und unheimlich stolz lassen wir diesen wundervollen und ereignisreichen Tag mit saunieren, essen und Wehwehchen pflegen ausklingen.

Liebe Leser; wenn jemand unter Euch ist, der mit dem Gedanken spielt, auch einmal einen Marathon zu laufen; tut es! Wirklich! Ihr schafft es! …und der Stolz im Nachhinein, so eine „Sache“ abgeschlossen zu haben, ist viel viel größer als der Muskelkater und die erschöpften Kniescheiben.

Werde ich noch einen Marathon laufen? Auf jeden Fall!!! …im Jemen soll es einen tollen Wüstenmarathon geben, oder in China den „Chinese Wall Marathon“.

Ja, ich bin „infiziert“ 😉 …Laufen und Reisen gehören für mich von nun an zusammen.

Ob ich mit meiner Zeit zufrieden bin? Auch hier ein klares ja! Gerechnet habe ich mit 5 Stunden plus, da der Jerusalem als einer der schwersten Marathons welteit gilt. Unter „Fachmännern“ sagt man; dass man in Jerusalem sogar teilweise eine Stunde mehr als „normal“ läuft. Mein Trainingsplan war für 4 Stunden bei einem „normalen“ Marathon ausgelegt.

Der Tag danach: Mir geht es überraschend gut. Klar, das Treppenauf und -absteigen schaut lustig aus, auch das Hinsetzen und wieder Aufstehen, aber schlecht fühle ich mich keinesfalls. Im Gegenteil. Der Gedanke, mein großes Ziel erreicht zu haben, zaubert mir ein permanentes Lächeln auf das Gesicht 🙂

The Day after!

Maria und ich verbringen den „Tag danach“ entspannt am toten Meer.
Liebe Leser, vielen Dank für Euer Interesse und Eure Unterstützung 🙂
Keep on Running!

Liebe Grüße aus Israel
Sandra


{ 11 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

Jens März 4, 2013 um 15:13

Liebe Sandra, ich habe leider nur zwei Daumen, die ich nach oben recken kann! Dafür aber um so höher und länger. Tip-top Leistung und sehr anschaulich beschrieben, wie Du am Schluss gekämpft und die „bösen“ Gedanken vertrieben hast. Nossa-Nossa! LG, jens

Antworten

Hanna März 4, 2013 um 15:28

WOHOOOOO. großartig. Freu mich sehr für dich!

Antworten

Andreas März 5, 2013 um 17:23

Hei meine Liebe,

hab am Freitag an Dich gedacht. Herzlichen Glückwunsch und feste gedrückt!! Ich freu mich riesig für Dich. Dein Bericht war ergreifend. Chinese Wall das klingt mal wie ein neues Ziel. LG Andreas

Antworten

Christof März 6, 2013 um 07:04

Aller größten Respekt .Klasse Leistung

Antworten

Franz Utz März 6, 2013 um 12:03

Liebe Sandra,

Helmut und ich haben’s gewußt! War doch logisch, dass Du das schaffst!
Wir gratulieren herzlich! Chapeau!!!

Helmut und Franz

Antworten

Sandra März 7, 2013 um 06:55

Vielen Dank !!! Ihr seid toll! 🙂

Antworten

Gregor März 7, 2013 um 10:51

Hallo Sandra,

der ganze Bericht…klasse! Und großen Respekt vor dieser Leistung! Weiter so…

Grüße vom Kollegen
Gregor

Antworten

PATRICK März 7, 2013 um 19:31

Hallo Sandra,

mein großer Respekt gehört Dir. Ich habe ein Jahr lang versucht einen Läufer aus mir zu machen…war nix…aber ich habe so eine Ahnung wie es sich für Dich anfühlt. Du hast Deinen Traum erfüllt. Am besten gefällt mir Dein Motto: Just Do it!
Gruß aus der PL

Patrick

Antworten

Gorazd März 8, 2013 um 07:50

Hallo,
aller größten RESPEKT. Ich spiele ja auch schon länger mit dem Gedanken eine Marathon zu laufen. Leider fehlt mir noch die letzte Überwindung.

Antworten

Thorsten März 8, 2013 um 08:59

Hi Sandra,

nochmal herzlichen Glückwunsch zu dieser tollen Leistung! Freut mich für Dich. Ist bestimmt nicht einfach, während der Vorbereitungszeit den riesigen inneren Schweinehund immer wieder neu zu besiegen.

Beste Grüße
Thorsten

Antworten

Domi März 10, 2013 um 13:07

Hi Sandra, wirklich ein toller und ergreifender Bericht. Wenn man schon mal in Jerusalem war weiß man allein um die spannenden Ansichten, aber auch Schwierigkeiten, die dieses Stadt bietet. Wünsche dir weiter viel Erfolg und Spaß bei allem was du machst!

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: