Ein Treffen mit der Ex – Eine Liebeserklärung an ein alte Laufstrecke

von Tankred Dankmar am 24. Mai 2016

So, liebe laufende Gemeinde, für mich steht der nächste Umzug mal wieder an. Aber kein besonders weiter, es geht nur auf eine andere thailändische Insel. In meine alte Heimat, um genau zu sein, nach Koh Pha Ngan. Da war ich jetzt schon gute neun Monate nicht mehr und es wird mir eine große Freude sein, meine alte Lieblingsstrecke mal wieder zu laufen.

Sie wird sich wahrscheinlich auch wundern, dass ich wieder da bin. Ich hatte mal geschworen, nie zu ihr zurückzukehren. Aber wie das ist mit den Wegen, die zu Strecken führen. Manchmal kann man sich das einfach auch nicht aussuchen. Aber wie dem auch sei – ich freue mich auf meine alte Lieblingsstrecke.

Bild: Nicolai Bangsgaard | CC BY 2.0

Vielleicht kennt ihr das ja? Die alten Strecken nochmal zu laufen, nach einer gewissen Zeit. Es ist ein bisschen so, als würden sie einem gehören, so, als hätte man dort besondere Rechte. Weil man sie eingestampft hat, Spuren hinterlassen, Gefühle gehegt. Alles kommt einem irgendwie vertraut vor und trotzdem ist es ein bisschen anders. Je länger man nicht auf ihr gelaufen ist, desto komischer wird´s. Es fühlt sich fast so an, als wäre man in der Zwischenzeit fremdgegangen, mit anderen Strecken ins Bett gestiegen. Und die alte Strecke merkt das natürlich, keine Frage. Auf der einen Seite ist sie froh darüber, dass man wieder da ist, wieder ihr gehört, sich wieder nur mit ihr beschäftigt. Aber gerade zu Anfang bleibt sie auch seltsam distanziert und gibt sich unnahbar. Fast hat sie wieder etwas Geheimnisvolles an sich, von dem man glaubte, sie hätte es nach zu vielen Kilometern verloren.

Vielleicht macht sie es einem auch nicht leicht, wieder Fuß auf ihr zu fassen. Vielleicht legt sie einem sogar Steine in den Weg oder wirft einem Knüppel zwischen die Beine. So eine Ex-Lieblingsstrecke kann verdammt zickig werden. Dabei hat man ihr doch nie versprochen, nur noch auf ihr zu laufen. Immer auf derselben Strecke bis ans Ende des Regenbogens? Drehungen im immer gleichen Kreis? Eigentlich undenkbar, gerade wenn man ein leidenschaftlicher Läufer ist. Denn für einen Läufer ist nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel. Und Ziele sollte man sich immer neue stecken und sich nie mit nur einem zufrieden geben. Aber erzähl das mal deiner Lieblingsstrecke.

Besuch in der alten Heimat

Bild: antischokke | CC BY -Sa 2.0

Auf alten Strecken lernt man laufen. Das stimmt. Nichts fühlt sich besser an und gibt einem einen sichereren Tritt, als auf vertrautem Terrain zu laufen. Man kennt sie auf die Sekunde genau und sich selbst auf ihr. Man möchte in diesen Momenten ewig auf ihr laufen. Gleichzeitig weiß und spürt man aber auch, dass das auf Dauer doch zu wenig ist. Die Welt ist groß und es gibt noch so viele Strecken zu laufen, die einen ebenfalls mit offenen Armen empfangen. Die alte Lieblingsstrecke ist immer auf dem undankbaren zweiten Platz, weil nach ihr immer noch eine weitere kommt, die man noch nicht kennt, aber unbedingt mal ausprobieren möchte – wenn man ehrlich ist.

Meine Lieblingsstrecke auf Koh Phangan wird sich wundern. Gute drei Jahre waren wir zusammen und haben ein inniges Verhältnis gepflegt. Auf ihr habe ich meine ersten Kilometer in tropischen Gefilden absolviert. Auf ihr habe ich gelernt, mit der Hitze in diesen Breiten umzugehen, mit seltsamen Getier, was aus dem Busch kommt, mit Straßenhunden und nicht zuletzt mit dem Monsun.

Dann habe ich die Insel und sie verlassen und bin von einer Strecke zur nächsten getigert. Ehrlich, ich war seit ihr mit vielen anderen im Bett. Mit schönen, mit anstrengenden, mit chaotischen, mit wilden, mit sanften, mit üppigen, mit kargen und mit welchen, die während eines Monsunregenfalls noch feuchter wurden als sie. Aber jetzt komme ich zurück zu ihr. Nach ein paar Tagen werden wir wieder vereint sein, als wäre nichts geschehen.

Luftbild der Insel Pha-ngan

Bild: Manfred Werner | CC BY-SA 3.0

Was sie nicht weiß, diese meine Strecke, ist, dass ich nur ein paar Tage bleibe. Ich komme nur zu Besuch und bin dann auch wieder weg. Zwei Wochen bleibe ich vielleicht, und genau so lange wird es wohl auch dauern, bis wir uns halbwegs wieder aneinander gewöhnt haben. Sie wird dann vergessen haben, dass ich auch auf anderen Strecken gelaufen bin, dass ich auch neue Lieblinge gefunden habe, dass ich mich auf anderen vergnügt habe. Und ich werde das auch vergessen haben, ich werde sie wieder ins Herz geschlossen haben, ja, wir werden wieder rundum glücklich und füreinander da sein.

Doch dann werde ich meine Lieblingsstrecke auch wieder verlassen müssen. Auch wenn wir uns so gut kennen, wenn wir doch schon so viel zusammen durchgemacht haben, und wenn sie Zeter und Mordio schreit – ich muss dann weiter ziehen. Denn ich weiß, dass es mehr als nur die Freuden mit ihr gibt. Die EINE Strecke gibt es nur in meinen Träumen.

Laufstrecke im Paradies

Bild: Golfer70 | CC BY-SA 3.0

Dennoch: ich freue mich, für kurze Zeit auf sie zurückzukehren und hoffe, dass sie nicht beleidigt ist, wenn ich wieder gehe. Ich werde es nicht sein. Ich genieße bestimmt die Zeit mit ihr, tue mein Bestes auf ihr und werde jeden Moment mit ihr voll ausschöpfen. Ich hab´ sie ja lieb, meine alte Lieblingsstrecke. Aber es gibt eben auch immer wieder andere. Nur vergessen werde ich sie nie. Ihren Platz in meinem laut pochenden, wild schlagenden Läuferherzen, den hat sie inne, bis ich irgendwann mal, hoffentlich beim Laufen, tot zusammenbreche. In einer perfekten Läuferwelt würde das natürlich auf ihr geschehen, in ihren Armen.

Wünscht mir Glück – Euer Tankred


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