Einfach mal entschleunigen, oder: der deutsche Wald!

von Tankred Dankmar am 14. März 2016

Schneller, weiter, sportlicher! Liebe laufende Gemeinde, muss das denn wirklich immer sein? Warum wollen wir immer der oder die Erste im Ziel sein, und sei es nur ein selbstgestecktes. Warum nicht einfach mal die Stoppuhr zu Hause lassen, den Pulsmesser ablegen und anstatt einem Intervalltraining eine zünftige Wanderung unternehmen.

Ja! Ihr habt richtig gehört. Eine Wanderung. Was so ungefähr das Gegenteil von Dauerlauf ist.

Karte statt Lauf-App, Kompass statt Bestzeit, Weinschorle statt Protein-Shake. Hört sich doch auch verlockend an, oder nicht. Hand hoch, wer von Euch schon mal eine zünftige Wanderung unternommen hat! Und wenn ja, wann war es das letzte Mal? Denkt man sich nicht immer wieder, wenn man so per pedes genüßlich über den Wald- und Wiesenboden pilgert, dass man das viel zu selten wagt, dieses Abenteuer des total entschleunigten Geländelaufs?

Es kommt einem Dauerläufer von Format fast ein bisschen wie ein Sakrileg vor, dass man auch laufen kann und dabei immer ein Bein am Boden lässt. Ist uns fremd geworden, ein wenig. Aber verpassen wir da nicht vielleicht auch etwas?

Es muss nicht immer schnell schnell gehen

Bild: Michael Fiegle | CC BY-SA 3.0

Für die, die noch nie gewandert sind: das ist nicht nur etwas für Alte und Sieche, die sich auf Spazierstöcke gelehnt und mit ihrem letzten Atemzug durch die deutsche Heimat hangeln, in der bangen Hoffnung, noch ein bisschen frische Luft außerhalb des Sauerstoffgerätes und ein wenig deutsche Naturromantik in Echtzeit einzufangen. Mitnichten! Wandern ist total hipp, Leute. War es schon immer!

Natur ist Trumpf, das sowieso, und das Ganze auch noch sich bewegend, aber nicht eilend, zu genießen, ist was für echte Könner, für Liebhaber des guten Geschmacks. Das ist nicht langweilig, das ist erhaben! Das ist königlich, nicht spießig!

Palmen versus Eichen

Ich bin vor knapp 5 Jahren aus der deutschen Heimat ausgewandert und hatte meine Gründe dafür. Mir gefällt das Leben in Südostasien einfach besser und hier habe ich mehr Ruhe und kein System versucht mich einzuschränken. Und es gibt wirklich wenig, dem ich hinterhertrauere, an das ich manchmal denke, weil ich es zurücklassen musste und nicht mitnehmen konnte in meine neue Heimat in der Ferne. Ein gutes Brot kann ich auch hier kaufen und wenn ich Sauerkraut, Kartoffeln und Schinken essen will, koche ich mir das einfach eben in meiner Küche auf der Terrasse und genieße es unter Palmen. Auch das schlechte Wetter vermisse ich nicht, auch wenn ich sagen muss, dass mir die permanente Hitze hier manchmal gewaltig auf die Nerven geht. Aber das ist Jammern auf höchstem Niveau, wie es so schön heißt. Ich weiß.

Aber eins konnte ließ sich partout nicht mitnehmen nach Asien oder wohin ich auch sonst so gehe, und manchmal vermisse ich ihn: den Deutschen Wald! Glaubt man kaum, wenn man den den ganzen Tag vor der Nase hat und sehnsüchtig auf die Urlaubspostkarte von Freunden blickt, die am Kühlschrank hängt und Kokosnusspalmen zeigt, die über ein kristallblaues Meer und goldweißen Sandstrand ragen.

Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite des Zauns. Aber genauso hart zu mähen. Ihr wollt Palmen? Ich will deutschen Wald! Ihr wollt Kokosnusspalmen? Ich will Eiche rustikal! Naja, manchmal.

Ihr könnt meine Palmen gerne haben

Es geht ja nicht um den Wald und Heimatgefühle. Aber es gibt einfach nichts, was sich so anfühlt wie eine Wanderung durch den deutschen Wald. Glaubt mir, ich hab´s mit dem Wandern schon woanders probiert. In den Tropen ist das absolut etwas ganz und völlig anderes. Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, aber mit Wandern hat das meiner Meinung nach nur wenig zu tun. Das ist mehr ein Durchschlagen, da fehlt es total an Kontemplation. Dem Ganzen geht dieser meditaive Charakter völlig ab und deshalb kann man sich das auch auch von vorne herein schenken. Außerdem schwitzt man beim Laufen durch den Dschungel viel zu sehr. Das ist Tortur und keine innere Einkehr.

Wandern im deutschen Wald hingegen – oh, welch wunderbare Tat, welch erquickliches Gelingen, welch schön genossene Zeit der Ruhe, des fürstlichen Schweigens, des Gewahrwerdens der Freuden der Natur. Allein der Gedanke stimmt romantisch. Und nur der deutsche Wald kann einem diese Erfahrung schenken. Oder Transylvanien, die Karpaten. Oder Norditalien, am Fuße der Appenninen. Oder einfach nur der Harz. Ja, da geht´s. Aber in den Tropen? Vergesst es, Leute!

Bis Ende 20 fand ich Wandern auch doof. Un den deutschen Wald erst recht! Das war in meiner Welt was für Spießer und Langweiler, für tumbe Trottel, die die Ferne scheuen und sich nicht trauen. Wer sucht schon das Glück vor der eigenen Haustür, nicht wahr? Falsch gedacht. Irgendwann habe ich mal 2 Wochen im Sommer meinen Rucksack geschnürt und bin im deutschen Wald wandern gegangen. Okay, nicht ganz freiwillig. Finanzielle Engpässe machten mir eine Fernreise zu der Zeit unmöglich, aber mal raus aus meinem Alltag musste ich doch. Also: mit Hängematte auf die schönsten Wanderrouten Deutschlands. Eine der besten Reiseentscheidungen meines Lebens!

Alleine Kilometer weit wandern, keiner Menschenseele begegnen, kein Verkehrsrauschen mehr hören, nur das Knarzen der Bäume und Vögelgezwitscher. Die Zeit am Stand der Sommersonne ablesen, ein Blick auf die Karte werfen, dort, wo der Weg sich teilt. Ein Stück Brot und mit dem Taschenmesser geschnittene Salami am Stück auf einer urigen Bank als Stärkung, der Ausblick über ein Tal, welcher die Gedanken durchlüftet. Herrlich! Könnte das Leben doch nur immer so sein.

Die Romantik des Wanderns. Hier: im Harz

Bild: Sönke Kraft | CC BY-SA 3.0

Am späten Nachmittag einen Rastplatz für die Nacht suchen, die Hängematte und eventuell einen Regenschutz an den ausladenen Ästen einer uralten Eiche spannen, nur für alle Fälle. Feuerholz suchen, eine Feuerstelle akkurat herrichten und ein gemütliches Feuer machen. Unter der Eiche und unter den Sternen schlafen und am frühen Morgen den Morgentau an den nackten Füßen spüren, bevor man wieder in die Wanderschuhe steigt und weiter wandert.

Ach ja! Es mag zwischen den Zeilen offensichtlich sein, dass ich ein großer Fan des Wanderns bin. Und deshalb, liebe laufende Gemeinde, an dieser Stelle auch mal ein Appell in diese Richtung:

Das gute Wetter, das jetzt für ein paar Wochen herrscht, will genutzt werden! Aber nicht immer nur um weiter, schneller, sportlicher zu laufen und zu rennen. Versucht doch auch mal, zu entschleunigen. Nutzt die Gunst der Stunde und genießt eine zünftige Wanderung durch den deutschen Wald.

Er liegt direkt vor eurer Nase. Denn eins könnt ihr mir glauben: wenn er plötzlich nicht mehr da ist oder zumindest in der Ferne liegt, dann sehnt man sich danach. Ihr könnt ja eine Teilstrecke auch mal im Dauerlauf machen. Aber danach wird wieder entschleunigt und genossen! 😉

In diesem Sinne

Euer Tankred


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