Halbmarathon auf einer tropischen Insel

von Tankred Dankmar am 13. Oktober 2015

Wie ich meine tropische Jungfräulichkeit verlor,

oder:

ein Halbmarathon der etwas anderen Art

Irgendwann musste es ja mal sein. Endlich mal wieder einen Halbmarathon auf Zeit in Angriff nehmen. Ich hatte diesen bereits ein gutes Jahr vor mir hergeschoben und hatte nie mehr als 10 km Läufe auf der Insel gemacht. Um mich zu akklimatisieren, wie ich mir einredete. Und um mich an die ganzen Hügel rauf und runter zu gewöhnen.

Die Insel ist zwar nirgendwo wirklich hoch – der höchste Punkt ist der Berg Khao Ra mit knapp 620 Metern – aber dafür ist auch keine Strecke wirklich lange eben. Es geht dort immer irgendwo rauf und wieder runter. Bei hohen Temperaturen und bei hoher Luftfeuchtigkeit ist das so eine Sache. Da sehnt man sich nach Flachland, ehrlich. Und ich bin am Niederrhein geboren. Da gibt es quasi keine Hügel, die Landschaft in meiner Heimat ist flach wie ein stiller See.

Einfach mal eben und geradeaus? Pustekuchen!

In Bonn, wo ich mit dem Dauerlaufen angefangen hatte, gibt es zwar auch Erhebungen, aber da macht einem das Wetter wenigstens nicht so zu schaffen. Meine beste Halbmarathonzeit dort: 1 Stunde 49 Minuten. Und da war ich schon stolz auf mich.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt: ich bin ein Hobby- und Genussläufer, Zahlen interessieren mich nur am Rande. Ab und zu kontrolliere ich mal, ob ich auch nicht langsamer geworden bin, so alles in allem. Aber jede Sekunde zählt bei mir auch nicht. Wenn ich jetzt einen Halbmarathon unter 2 Stunden auf der Insel hinbekommen würde, würde mich das quasi zu einem Profi machten, dachte ich mir. Ich, für mich selber, würde mich dann in den Adelsstand der Hobbyläufer erheben. Jawoll! Smile

Aber erst einmal musste ich eine Strecke finden, die mich von meiner Holzhütte aus etwa 22 km laufen ließ, um dann wieder zu Hause anzukommen. Ich laufe ja alleine und egal wo ich sonst hinlaufen würde, es würde ja keiner am Ziel auf mich warten. Da ist es schon praktisch so ganz ausgelaugt wieder auf der heimischen Veranda anzukommen.

Also fuhr ich mit meinem Motorrad einige Möglichkeiten ab. Die Insel bietet viele kleine und größere Wege, aber viele führen auch einfach nur in den Dschungel hinein. Sackgasse im grünen Dickicht sozusagen. Konnte ich nicht gebrauchen. Außerdem wollte ich nicht die ganze Zeit nur auf der Straße laufen, da war es bekanntlich am wärmsten. Ich nahm mir also mein Bike und einen halben Tag Zeit, und fand folgende Strecke:

Strecke auf der Karte (schwarz). Die Wege mussten jeweils 2 Mal gelaufen werden

In Bonner Zeiten und als blutiger Anfänger war ich einmal vermessen genug gewesen, einen selbstgesteckten Marathon ohne jeglichen Versorgungsposten anzugehen. Ihr ahnt es schon, liebe laufende Gemeinde – weiter als bis Kilometer 30 bin ich ohne Wasser und Müsliriegel nicht gekommen. Dann musste ich auch noch mit dem Bus zurück nach Hause und habe mich vor lauter Krämpfen auf der Rückbank gewunden und habe jämmerlich gewimmert. Auch die 2 Tage danach waren alles andere als angenehm. Grimace

Um einen Halbmarathon auf einer tropischen Trauminsel zu laufen bedurfte es also vor allem ausreichend Wasser. Allerdings habe ich ungern etwas bei mir, wenn ich vor mich hin trabe. Also musste ich vorher an geeigneten Stellen, Wasser und Bananen hinterlegen. Das tat ich bei einer Bekannten, die ein nettes kleines Café ganz im Norden der Insel im Dorf führt und einmal am südlichsten Ende der Strecke bei einer lieben Freundin, an deren Haus ich ja zweimal vorbei musste. Das sollte wohl reichen.

Jetzt galt es nur noch ein gutes Timing zu finden. Ganz so spät wollte ich nicht los. Ab etwa 10 Uhr am Morgen wird es langsam richtig heiß auf der Insel, vor allem wenn die Sonne ungehindert scheinen kann. Allerdings bin ich auch nicht unbedingt ein Morgenmensch und mein Organismus arbeitet vor 9 Uhr einfach noch nicht rund. Also beschloss ich, meinen Versuch um 9 Uhr zu starten, auch wenn es zur Mitte der Distanz dann etwas warm werden könnte. Aber – siehe oben – ich hatte mich ja schon ausreichend akklimatisiert.

Hügel hoch

Und so ging es dann also los. Meine damalige Freundin schlief zu solch unchristlicher Zeit noch. Ich bin nicht unbedingt der Typ, der angefeuert werden muss, ein motivierendes Wort hätte aber auch nicht geschadet. Naja, sie hatte meinen Enthusiasmus für die Lauferei nie verstanden. Ich bin mir sicher, einige geneigte Leser werden an der Stelle mit dem Kopf nicken. Manche Partner sind für einen schönen Dauerlauf einfach nicht zu begeistern.

Ich schon und mit fest geschnürtem Schuhwerk ging´s auf die abgemessene Piste. Und es lief sich von Anfang an gut an. Ich war topmotiviert und bildete mir ein, der erste Pionier ever zu sein, der versucht, mit einem Halbmarathon diese Insel zu bezwingen. Siegfried gleich tötete ich jetzt diesen Drachen beziehungsweise brachte diese knapp 22 km, die für einen Hobbyläufer die Welt bedeuten können, hinter mich.

Und Hügel wieder runter

Es lief wie am Schnürchen. Mit stolzgeschwellter nackter Brust schritt ich aus über Berg und durch Tal, selbst die doofen Straßenhunde verstummten, obwohl die mich sonst immer versuchten anzufallen, wen ich an ihnen vorbeilief. Ich muss wohl ziemlich beeindruckend ausgesehen habe, mit einem Gesichtsausdruck, der keine Kompromisse mehr hinnahm und Störungen nicht dulden würde auf dem Weg zum Sieg über die Insel! Tongue Out

Oh…und ich sage Euch, liebe laufende Gemeinde, es wurde ein Sieg auf ganzer Linie beziehungsweise auf ganzer Strecke. Die Sonne brannte zwar schon ab 9.30 Uhr, aber auch dieser Feuerball konnte mich nicht mehr aufhalten. Es machte einen Heidenspaß, jeder einzelne der 22 km war für mich ein Fest. Und trotz Hügeln und Hitze schaffte ich meinen ersten Halbmarathon in tropischen Gefilden unter den gesetzten 2 Stunden.

Es wurden 1 Stunde 56 Minuten, die mich hier in meinem Bekanntenkreis kurzzeitig sogar zur Legende machten. Die liefen ja alle nicht und waren mächtig beeindruckt ob so viel kämpferischem Sportsgeist – bis dieser wieder schnell in Vergessenheit geriet.

Aber hey! Ich laufe ja schließlich nur für mich und nicht für den unsterblichen Ruhm. Auch wenn ich meiner Meinung nach durchaus hierfür eine gute Portion davon verdient hätte.

Mächtig beeindruckter Straßenhund

Aber vielleicht erinnern sich ja wenigstens die Straßenhunde an mich. Die müssen schließlich auch den ganzen Tag hier rum laufen. Wink

#keeponrunning, Euer Tankred

PS: Weitere Artikel meiner Kolumne findet ihr hier: Im Dauerlauf durch Südosatasien


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