Pai – Im Dauerlauf zum nächsten Ziel

von Tankred Dankmar am 15. September 2016

So!

Langsam heißt es für mich, Abschied zu nehmen von Penang, Malaysia. Ein gutes Jahr habe ich jetzt hier gelebt. Vom kleinen verträumten Fischerdorf auf der thailändischen Insel Koh Pha Ngan bin ich damit zwar wieder auf eine Insel gezogen – denn Penang ist eine Insel – und obwohl sie nur etwas mehr als zwei Mal so groß ist wie Koh Pha Ngan ist, kann man die beiden so gar nicht miteinander vergleichen.

Auf Koh Pha Ngan leben gerade einmal knapp 15.000 Menschen, wenn man die knapp 700.000 Touristen jährlich nicht mitzählt. Aber die kommen ja auch nicht alle auf einmal und vor allem in der Nebensaison hat man hier echt seine Ruhe. Über 90 Prozent der Insel sind mit dichtem Dschungel bedeckt und Häuser mit mehr als zwei Stockwerken sucht man vergebens. Es gibt einen einzigen, einsamen Kreisverkehr und genau eine Ampelanlage, die allerdings nie in Betrieb ist. Smile

Luftbild von Koh Pha Ngan, genauer gesagt von Süden aus geschossen.

Bild: Manfred Wernder | CC BY-SA 3.0

In Penang sieht das alles schon ganz anders aus. Schon wenn man vom Festland mit der Fähre oder über eine der zwei gigantischen Brücken auf die Insel zufährt, glänzt die Silouette aus modernen Hochhäusern, dem imposanten Frachthafen, schicken teuren Einkaufszentren und edlen Hotels in Küstennähe wie eine verrückte Fata Morgana. Die Insel ist pickepacke voll, verfügt über einen eigenen, gut frequentierten Flughafen, es legen jeden Tag gigantische Kreuzfahrtschiffe aus der ganzen Welt hier an und der Verkehr zur Rush Hour ist hektisch und freudlos.

Taucht man in das Stadtzentrum selber ein, ins sogenannte George Town, mischen sich sowohl die Kulturen als auch die architektonischen Epochen. Alte, wunderschöne und oft fein restaurierte Wohnhäuser im Kolonialstil wechseln sich ab mit riesenhaften, futuristsichen Hotels und Shopping Malls von spektakulären Ausmaßen. Hier auf der Insel leben satte 700.000 Menschen, ohne die unglaubliche Menge an Touristen, die zusätzlich noch jeden Tag hier ankommt.

Als ich vom beschaulichen, ländlichen, recht traditionellen Koh Pha Ngan ins moderne, pulsierende, weltoffene Penang gezogen bin, hatte ich natürlich meine Gründe dafür: Nach drei Jahren auf einer relativ kleinen tropischen Trauminsel kriegt nämlich noch der ausgeglichenste Mensch einen Inselkoller. Mit jedem Monat wurde die Insel kleiner, ich kannte jeden Stein und jeden Baum, jeden Ladenbesitzer und jeden Expat dort. Ich war per Du mit jedem Straßenhund und die eine oder andere Ex-Freundin lebte auch noch im selben Dorf, was nicht immer zu schönen, versehentlichen, aber andauernden Zusammentreffen geführt hat. Wink

Und noch etwas: Wenn man drei Jahre lang drei Mal die Woche seine Dauerläufe über ein so recht begrenztes Eiland macht, gibt es nach dieser Zeit aber auch wirklich keine Überraschung mehr, die am Wegesrand auf einen wartet.

Also, dachte ich mir, warum nicht mal wieder für eine Zeit lang in die Großstadt ziehen. Ich hatte einfach eine Veränderung nötig, als Läufer, aber auch als Mensch.

Blick auf George Town, Penang vom Inselinneren in Richtung Meer, genauer gesagt der Straße von Malakka.

© Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0 

Nach fünf Jahren Abstinenz sah ich mir, in Penang angekommen, zum ersten Mal wieder einen Film in einem Kino an. Ich besuchte Museen und Galerien und ja, ich gebe es zu, sogar ins doofe McDonalds bin ich gegangen, einfach, weil ich´s jetzt konnte. Ich lernte neue Leute kennen, ging auf schöne Konzerte, schlenderte der Klimaanlage wegen durch Shopping Malls und lebte das komplette Jahr einfach im Hotel, weil das Angebot an Restaurants und Straßen-Fressständen hier einfach unglaublich ist. Wozu brauchte ich da selber eine Küche?

Und last but noch least: Endlich hatte ich wieder ein vollkommen unbekanntes Terrain, welches ich im Dauerlauf erkunden konnte! Endlich wieder neue Strecken suchen, auf Überraschungen am Wegesrand stoßen, mir selber neue Ziele stecken. Alleine das war schon Grund genug für einen Umzug.

Penang, vor allem sein Herz – George Town – ist eine fantastische Stadt. Ungelogen, ich habe hier viel gelernt darüber, wie verschiedene Kulturen und Religionen wirklich friedlich und recht harmonisch miteinander leben können und nicht nur nebeneinander vor sich hin existieren. Wer einmal einen Einblick haben will, wie das geht, der komme nach Penang. Das ist ein waschechter Schmelztigel und ich habe so etwas noch nirgendwo sonst gesehen.

Die Freundlichkeit der Menschen hier ist sprichwörtlich und es ist ein Ort, an den ich bestimmt des Öfteren noch wiederkehren werde. Aber jetzt habe ich auch erstmal die Nase voll von Großstadt, so schön diese ganz besondere hier auch ist. Ich will wieder auf´s Land und mit einer Posse Hunde und Katzen zusammen leben. Und eine eigene Küche will ich auch wieder haben, schließlich koche ich auch ganz gerne. Ich habe auch in Penang keinen gefunden, der ein Wiener Schnitzel so gut hinbekommt wie ich. Tongue Out

Bald wieder aus der heimischen Küche auf den Teller: Ein Wiener Schnitzel nach Art des Hauses Dankmar.

Bild: Kobako | CC BY-SA 2.5

Und sind wir ehrlich: Es gibt Schöneres, als in einer Großstadt zu laufen.

Auch wenn es viel zu entdecken gibt – es gibt auch Autoabgase, den Verkehr, auf den man ständig achten muss, es gibt Asphalt, der nicht gerade freundlich mit den Kniegelenken umgeht und es gibt mich, der ich Abwechslung brauche. Ein volles Jahr an einem Ort, und dann auch noch in einer Großstadt? Für mich ist das schon fast zu viel. Das war schon immer so und ich habe auch nicht vor, das zu ändern. Ich schlage einfach keine Wurzeln, das fühlt sich für mich nicht richtig an.

Deshalb heißt es jetzt: Weiter geht´s, woanders hin, etwas neues entdecken, als Läufer und als Mensch.

Als erstes Reiseziel habe ich mir Pai in Nordthailand ausgeguckt. Das ist eine eher gemächliche, ländliche Region ungefähr eine Stunde Busfahrt nordwestlich von Chiang Mai gelegen. Hier treffe ich auf Berge und indigene Bergvölker und auf ein paar Aussteiger-Hippies. Da werde ich mich mal umsehen und wenn es mir gefällt, dann suche ich mir ein schönes, kleines Häuschen und bleibe da. Dann wird ein Wiener Schnitzel gezaubert und dann suche ich nach tollen neuen Laufstrecken durch die Berglandschaft.

So sieht´s aus in der Region um Pai.

Bild: Paul via flickr | CC BY-SA 2.0

Und wisst Ihr was mich beim Gedanken an Laufen in Pai wirklich fasziniert?

Zum ersten Mal seit über fünf Jahren werde ich nicht auf einer Insel laufen. Warum ich das erwähne? Wenn man darüber nachdenkt, ist das doch wirklich etwas ganz anderes. Wenn man auf einer Insel läuft, dann läuft man irgendwann einfach im Kreis. Man könnte nicht immer weiter laufen, selbst wenn man wollte. Da kommt immer irgendwann das Meer, das zwar schön ist, aber einem im Lauf auch begrenzt.

Auf dem Festland in Pai könnte ich einfach immer weiter geradeaus laufen und nichts würde mich aufhalten. Und wenn ich in nordwestlicher Richtung immer weiter laufe, dann bin ich irgendwann automatisch zurück in Deutschland. Aber ganz ehrlich: Da möchte ich eigentlich nicht hin zurück, aber wer weiß. Ihr wisst ja, wenn man einmal läuft… Wink

#keeponrunning

Eurer Tankred


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