Im Ziel sind alle Läufer gleich

von Tankred Dankmar am 1. Februar 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Einige Wochen habe ich diese Kolumne nun mal ruhen lassen und da diese Unterbrechung über Neujahr ging, wünsche ich Euch allen an dieser Stelle ein frohes, glückliches, neues Jahr – wenn auch mit einiger Verspätung. Die aufmerksamen Leser wissen ja, dass ich in Südostasien lebe und hier wird unter anderem auch das chinesische neue Jahr gefeiert. Das war letzte Woche, also bin ich doch nicht ganz so spät dran. Willkommen im Jahr des Hahns übrigens.

Das Jahr des Hahns ist im chinesischen Kalender am 28. Januar angebrochen. Frohes neues aus Südostasien!

Bild: Public Domain

Ich selbst bin nach 1.5 Jahren des Reisens durch die Nachbarländer nun mal wieder auf meiner thailändischen ´Heimatinsel´ Koh Pha Ngan angekommen und laufe wieder meine alten Strecken. Ach, und ehrlich? Es ist doch immer wieder irgendwie schön, die wohlbekannten Strecken zurückzulegen. Und wie so oft vor und nach dem – mehr oder weniger – täglichen Lauf in der Abenddämmerung, mache ich mir so meine Gedanken über das Laufen an und für sich. Und hier sind nun einige davon:

Jeder Jeck ist anders, so behauptet der Kölner. Recht hat er. Und bei keinem anderen Sport könnte er mehr Recht behalten, als beim Laufen.

Der Laufsport findet seine Freunde in allen Schichten, in allen Ständen, ungeachtet des Alters, des Geschlechts oder der Hautfarbe. Der Laufsport ist klassenlos und als eine der wenigen Sportarten hat er auch absolut nichts mit Geld zu tun. Um Tennis zu spielen, braucht man Schläger, muss sich einen Platz mieten etc. Um zu boxen oder Fußball zu spielen, muss man in einen Verein eintreten und braucht Training. Von Snowboarding oder Tauchen wollen wir hier gar nicht erst anfangen. Aber der Dauerlauf, der verlangt nichts. Jeder kann einfach sofort loslaufen, wann und wo und wie es ihm gefällt.

Man merkt es dann auch auf der Strecke. Wenn man auf bekannten und beliebten Strecken läuft – zum Beispiel im örtlichen Stadtpark – dann trifft man dort so ziemlich zu jeder Tageszeit auch mal auf andere Läufer. Und Dauerläufer sind zwar in der Regel recht kurz angebunden, wenn sie gerade laufen, aber trotzdem: Man grüßt sich, meistens nur durch ein kurzes, lässiges Kopfnicken oder ein charmantes Lächeln. Aber immer ist dieser kleine Gruß mit einem gewissen Maß an Respekt verbunden. Hier treffen sich zwei, die zu einem Club gehören, der kein Vereinssiegel kennt und auch keinen Mitgliedsausweis verlangt. Der Club der Läufer ist durch den Sport selber verbunden.

Man kann quasi überall laufen – wie hier am Eiger Gletscher. Ob zusammen oder alleine – zum Club gehört man immer.

Bild: GS | CC BY-SA 3.0

Ob da jetzt ein stinkreicher Banker im Stadtpark an einem dauerlaufenden Hippie-Studenten vorbeiläuft, merkt man gar nicht. Hier trifft die ordentliche Hausfrau auf den Ex-Knacki. Die beiden, die sich sonst wahrscheinlich nicht einmal guten Tag wünschen würden, nicken sich respektvoll zu, denn sie tun gerade beide ein und dasselbe: Sie laufen, sie keuchen, sie schwitzen und vor allem kämpfen sie beide mit ihrem innneren Schweinehund. Und der innere Schweinehund ist immer dasselbe Biest, bei jedem. Und wer dieses Biest dann immer noch an der kurzen Leine führen kann, der hat sich automatisch den Respekt der anderen Läufer verdient.

Läufer rümpfen in der Regel auch nicht die Nase über andere Läufer. Wenn ein Hobby-Läufer schon so weit ist, einen Marathon in 3:13 Stunden zu laufen, dann wird er einer etwas übergewichtigen Dame, die gerade mit dem Laufen angefangen hat und sich eher durch den Stadtpark schiebt, als wirklich zu laufen, trotzdem respektvoll zunicken, denn: Es kommt nur darauf an, dass man läuft und nicht wie der Rest der Menschheit zu faul dazu ist. Dauerläufer sind durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden, und dieses ist aus eisernem Willen und Durchhaltekraft gewebt. Wer wie schnell und wohin läuft ist erstmal sekundär. Und das ist sehr erfrischend, denn Sportler haben ansonsten oft die Eigenart, ziemlich elitär zu denken.

Nicht so der Dauerläufer, denn in erster Linie ist er auch ein Einzelkämpfer, er ist vor allem mit sich und seinem Lauf beschäftigt – und sonst mit überhaupt nichts. Die anderen Läufer empfindet er zwar als Mitstreiter, aber mit seinem Lauf selber haben die überhaupt nichts zu tun. Er muss sie nicht mitziehen, sie profitieren nicht von seinen Leistungen, er kann sie auch einfach links liegen lassen und weiter nicht beachten. Selbst während eines Massen-Marathons, wie sie in den großen Städten alljährlich veranstaltet werden, läuft jeder für sich allein. Da laufen zwar gefühlte 100.000 Menschen in einem Pulk, in einer Herde auf ein sehr fernes Ziel zu, aber jeder einzelne Läufer steckt doch in einer Art Blase, in welcher nur Platz für einen ist – und für den inneren Schweinehund an der kurzen Leine natürlich.

Selbst in einem Pulk aus vielen läuft jeder Läufer ganz für sich allein – was für ein Sport!

Bild: John Doe | CC BY-SA3.0

Trotzdem: Auch wenn sich das fast ein wenig asozial anhört, so ist der Läufer doch auch ein Gemeinschaftwesen, welches, wie gesagt, seine ´Mitläufer´ respektiert und am Rande durchaus zur Kenntnis nimmt. Es kämpft zwar jeder für sich alleine, aber dieses unsichtbare Band, welches alle Läufer verbindet, ist trotzdem da und spannt sich von Läufer zu Läufer überall auf der Welt. Selbst wenn man einen Marathon im Fernsehen sieht und selber nur ein stolpernder Anfänger im Dauerlauf ist – man spürt es, dieses Band. Es ist fast schon magisch – und das geht den meisten anderen Sportarten ziemlich ab, finde ich.

Beim Dauerlauf ist jeder herzlich willkommen, samt seinem innerem Schweinehund, seinen persönlichen Marotten, seinem selbstgesteckten Ziel, welches manchmal weit weg liegt und manchmal eher auf die kleinen Schritte abzielt. Mal ist es die neue Bestmarke, die um ein paar Sekunden überboten werden soll, mal ist es der erste 3-Kilometer-Lauf des Lebens, egal in welcher Zeit. So oder so, es ist immer dasselbe, was alle Läufer auf der Welt verbindet: Das Laufen an und für sich.

Der Dauerlauf ist irgendwie auch ein recht abstrakter Sport, viel davon findet im Inneren, der eigenen Psyche statt. Er ist auch ein sehr therapeutischer Sport, der meistens weniger der Ablenkung, der Freizeitbeschäftigung im Sinne der Zerstreuung dient, sondern der Konzentration, eines nach Innen-Gerichtetsein. Denn solange man nicht bei den Profis mitläuft, geht es immer nur darum durchzuhalten – und sonst gar nichts – bis zu dem Ziel, welches man sich selber gesteckt hat.

Und nochmal: Genau das verbindet die laufende Gemeinde. Es geht nicht unbedingt darum, besser, schneller und weiter zu laufen als der andere, sondern darum, sich selbst etwas zu beweisen, nämlich dass man es kann, dass man es erreicht, dieses selbstgesteckte Ziel. Das macht jeden Läufer gleich. Egal ob reich oder arm, durchtrainiert oder hüftspeckig, jung oder alt, auf der einen Seite des Globus oder auf der anderen. Jeder Läufer verdient sich seine Lorbeeren ganz allein und nur dadurch, dass er durchhält.

Alleine mit sich selbst, kämpft der Dauerläufer gegen sich selbst, aber auch für sich.

Bild: gemeinfrei

Mit beiden Beinen über der Ziellinie gibt es kein besser oder schlechter, sondern nur Gewinner, die sich einmal lässig wissend zunicken und sich ansonsten in Ruhe lassen. Beim Dauerlauf gibt es nicht den einen Gewinner, sondern alle die, die ihr Ziel erreichen. Jemand, der seinen ersten Marathon bis zum Ende durchhält, fühlt sich mindestens genauso als Gewinner, wie der, der seine letzte Bestmarke um drei Minuten überboten hat – auch wenn ersterer dafür 5:00 Stunden gebraucht hat und letzterer besagte 3:13.

Genau das macht den echten Dauerläufer aus. Und dass er respektiert, was die anderen Läufer schaffen. Jeder nach seiner Fasson, jeder nach seinen Möglichkeiten läuft los und keucht und schwitzt und schleppt sich bis zum Ziel. Und im Ziel angekommen ist jeder Läufer gleich – und jeder echte Läufer weiß das auch. Wer das noch nicht verstanden hat, der hat das Beste an diesem Sport bisher verpasst: Die Einheit der laufenden Gemeinde.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen ein erfolgreiches Läuferjahr 2017!

Euer Tankred

#keeponrunning


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