Laufen – Ein Weg aus der Krise?

von Tankred Dankmar am 17. Februar 2016

Liebe laufende Gemeinde!

Ich habe mal an anderer Stelle – es ging natürlich ebenfalls ums Laufen und das entsprechende Pathos, was damit einhergeht – gelesen,  dass viele Läufer irgendwann mal mit dem Laufen angefangen haben, weil sie in irgendeiner Art von Krise steckten. Das gilt vielleicht nicht für die hochprofessionellen Langstreckenläufer, deren Talent schon früh erkannt und gefördert wurde, könnte aber für viele Quereinsteiger gelten.

Ich fand die These gar nicht mal schlecht. Am Anfang dachte ich: stimmt! Nicht für alle Dauerläufer, aber bestimmt für mehr als nur eine Hand voll. Aber wenn man wegen einer Krise anfängt zu laufen, kommt man auf diesem Wege auch aus ihr heraus?

Der mathematische Wendepunkt, wenn es zur Krise kommt

Bild: Wolfgang Dvorak – CC BY-SA 3.0

Einige Gedanken dazu:

Da hat man vielleicht seit Jahren Übergewicht und traut sich schon lange nicht mehr im Urlaub in den Bikini respektive die Badehose zu steigen. Man sitzt alleine in ein ausladendes Tuch oder in wallende Gewänder gehüllt etwas abseits der Meute, die ihre Modelmaße in der Sonne knusprig braun bruzzeln lässt und man selbst kämpft gleichzeitig mit einem ekeligen Minderwertigkeitskomplex und hadert mit sich.

Die Konsequenz: die einen fahren nur noch da hin in den Urlaub, wo viel Klamotten den ausgebeulten Körper kaschieren können, die anderen aber kann dieser Umstand in eine echte Krise stürzen. Crash-Diäten, Veganismus und Yoga haben nichts verändert, also greift man nach dem letzten Stohhalm: Laufen!

Und es funktioniert so gut, dass man nicht nur 2 Jahre später mit den Topmodels halbnackt an der Strandbar in Thailand sitzt, selbstbewusst flirtet und Cocktails trinkt, sondern man bleibt auch beim Laufen, weil´s einfach so schön ist. Aus der Not heraus ist ein Läufer geboren!

Nicht wenige Knastbrüder fangen übrigens auch an zu laufen. Ich habe da mal einige persönliche Statistiken gemacht. Ehemalige Junkies zum Beispiel, die im Knast auf einmal eine andere Dröhnung verabreicht bekommen, auf Freiwilligenbasis natürlich. Serotonin und Endorphine, die beim Dauerlauf nämlich ausgeschüttet werden, schicken den Heroin- und Kokainverwöhnten ins Runners High und nicht selten bleibt der vorher Süchtige dann beim Dauerlauf.

Früher hat er geknickt an der Ecke gestanden und Stoff vertickt, heute läuft er in Sportschuhen schnell wie der Wind daran vorbei, selig grinsend wegen der Endorphine. Auch andere Knastbrüder entdecken nicht selten ihre sportliche Seite, wenn sie hinter Gittern sitzen. Schließlich mag der Körper Bewegung und im Gefängnis ist die Bewegungsfreiheit naturgemäß recht eingeschränkt. So wird Laufen in der Dauerkrise zum gesunden Tonikum für Körper und Geist.

Ein Psychologe, welcher sein Handwerk versteht, gibt manchen seiner Patienten ebenfalls den gutgemeinten und außerdem kompenten Rat, bei depressiven Verstimmungen am besten regelmässig das Laufbein zu schwingen. Der Grund, warum dies ein recht hilfreiches Mittel gegen Depressionen ist, sind wieder die beim Laufen vermehrt ausgeschütteten Endorphine. Denn Depressionen entstehen entgegen landläufiger Meinung nicht, weil die Freundin weg ist oder der Hund überfahren wurde, sondern durch ein Ungleichgewicht der Gehirnchemie. Die ausgeschütteten Endorphine beim Laufen helfen, diese wieder in ein gesundes Gleichgewicht zu bringen – wenn man regelmässig läuft! Und schon wieder ist ein neuer passionierter Dauerläufer geboren.

V. van Gogh: An der Schwelle zur Ewigkeit So fühlen sich Depressionen an. Also: hoch vom Stuhl und ab in die Laufschuhe!

Krise im Studium, Mobbing am Arbeitsplatz, kein Geld mehr auf der Bank oder Probleme in der Beziehung – beim Laufen ist das alles für ein paar Stunden einfach weg. Und weil´s so gut funktioniert, bleibt man schließlich dabei. Laufen wird zur Sucht und zur Verdrängungsstrategie. Aber ist das wirklich hilfreich? Kann Laufen Probleme lösen und Krisen überwinden? – Natürlich nicht! Aber es hilft zumindest schon mal für den Moment. Und manchmal braucht man nur einige Momente der Klarheit, um Probleme und Krisen mittel- und langfristig überwinden zu können oder um Problemlösungen zu finden, wo vorher kein Ausweg zu sein schien. Laufen hilft und ist bestimmt nicht schädlich, wenn man in einer wie auch immer gearteten Krise steckt. Aber das Laufen allein hat auch noch kein Problem gelöst.

Na gut, das mit dem Übergewicht schon, aber auch nur, wenn man nachher nicht zurück in die Schockstarre eines Couch-Potato fällt. Dem Junkie hilft es auch nur dabei, einmal zu sehen, dass man auch anders high werden kann, aber die Suchtproblematik an sich bleibt ungelöst. Und auch Depressionen verschwinden nicht gänzlich, nur weil man 20 Kilometer im Monat joggt. Da steckt weit mehr dahinter und das Laufen ist nur ein Mittelchen unter vielen gegen diese Verstimmungen, aber nur im allerseltensten Falle die letztendliche Lösung. In jedem Fall kann man vor einem Problem nicht weglaufen oder aus einer Krise einfach schnurstraks hinaus, aber das Laufen beflügelt den Geist, um sich selbst in der Krise besser reflektieren zu können und letztendlich Lösungen zu finden.

Und deshalb stimmt die These, dass eine gute Anzahl Hobby-Läufer mit dem Laufen angefangen haben, weil sie in einer Krise steckten. Das mag bewusst oder unbewusst passiert sein, aber so oder so hat man intuitiv zu einem Mittel gegriffen, das Problem besser in den Griff zu kriegen und die Krise besser meistern zu können. Und das, liebe laufende Gemeinde, ist hochinteressant!

Eine glückliche Läuferin ohne Krise auf der tropischen Trauminsel

Aus der Krise in die Krise?

Vielleicht nutzt ihr diese Gedanken einmal dazu, noch einmal zu reflektieren, wann, wo und warum ihr eigentlich angefangen habt mit dem Dauerlauf. Was war eure Motivation damals und wie würdet ihr diese heute, nach hunderten, tausenden zurückgelegter Kilometer in euren Laufschuhen, einschätzen?

Hat Euch das Laufen beschwingt oder vielleicht sogar aus einer Krise geholfen? Oder seid ihr vielleicht etwas ernster geworden, vielleicht sogar etwas verkrampft. Denn nicht selten neigen Menschen mit einem Hang zur Sucht dazu, alles zu übertreiben. Dann wird selbst das Nützliche irgendwann schlecht. Wer nur noch ans Laufen und an Bestzeiten denkt, nervt seine Umwelt und lässt in seinem Kopf keinen Spielraum mehr fürs Leben. Und schon steckt man in einer neuen Krise. Keiner will mehr mit einem ausgehen, weil man nur noch über sein Laufpensum quasselt und wer in seinem Kopf keinen Platz mehr für die Liebe zum Partner hat, der ist diesen auch bald los.

Man sollte es mit dem Laufen, wie mit allem anderen auch, nicht allzu sehr übertreiben. Vor Wettkämpfen, wie einem Marathon zum Beispiel, ist das ja okay, aber wenn man nur noch fürs Laufen lebt, wird´s schnell ungesund. Aus der Krise in die Krise? Das muss ja nun wirklich auch nicht sein. Ab und zu muss man im Leben auch mal die Zügel etwas lockerer lassen. Und das gilt nicht nur fürs Laufen. Aber eben auch.

Auf ein gesundes Gleichgewicht!  

Euer Tankred


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