Laufen, Radfahren und was die Thais damit zu tun haben

von Tankred Dankmar am 8. Oktober 2015

Aufgrund eines sehr gut gemeinten Kommentars zum Artikel vom letzten Mal, möchte ich diesmal zu Anfang etwas klarstellen. Die thailändischen Dorfbewohner haben mich nicht wirklich ausgelacht, als ich bei meinem ersten tropischen Dauerlauf bei hoch stehender Sonne und 35 Grad Celsius im Schatten schwitzend und keuchend durch ihr Dorf gewankt bin, im Gegenteil: sie waren im höchsten Grade amüsiert, und zwar auf eine gutgemeinte Weise. Dieser böse Spott, wie man ihn vielleicht woanders erwarten könnte, ist den Thais ziemlich fremd. Es gibt da wirklich kulturelle Unterschiede.

Ein Beispiel: Wenn in unserer Gesellschaft jemand ordentlich an Gewicht zugelegt hat, sprich: dick geworden ist, würde sich sein Umfeld eher die Zunge abbeißen, als ihn darauf hinzuweisen. Bei einer Dame wäre der größte Fauxpas, der einem da passieren kann, die Frage, ob sie endlich schwanger geworden ist. Das würde jedes Tischgespräch bestimmt im Keim ersticken und die Atmosphäre würde augenblicklich deutlich abkühlen. Nicht so bei den Thais. Die würden sich alle scheckig lachen, und das nicht aus purer Bosheit, sondern weil es wirklich witzig ist.

Genauso würde eine Thai ihre Freundin ohne sich etwas Böses dabei zu denken und ohne Umschweife auch darauf ansprechen, dass sie ´pombui´, dass sie dicklich ist… und beide würden herzhaft lachen. Weil es ja einfach mal so ist. So ging mir das eben auch, als ich meine erste Runde durchs Fischerdorf gelaufen bin. Die Dorfbewohner, die gerade liegend ihre Siesta machten, fanden das einfach nur zum Schreien komisch, dass ich so blöd gewesen bin, meinen Marsch ausgerechnet zur heißesten Tag des Jahres zu machen. Weiter nichts.

Im Kommentar zum Artikel hieß es weiter, ich solle nur weiter laufen, damit sich die Dorfgemeinschaft daran gewöhnt und vielleicht sogar mitläuft. Auch hier würde ich gern noch etwas erklärend ausholen, denn den Thais ist der Laufsport nicht unbedingt fremd. Der Nationalsport hier ist Muay Thai, bei uns auch einfach Thaiboxen genannt. Und die Jungs und Mädels müssen echt fit sein, ehrlich. Und wenn die nicht jeden Tag trainieren, halten die keine Runde beim Kampf durch. Zum Anfang des Trainings gehört eben auch ein Dauerlauf für die Kondition. Allerdings machen die nicht solche Gewaltmärsche von 10 oder 20 km, wie ich das so gern tue. Die laufen vielleicht 2 oder 3 km zum warm werden. Und sie tun das kurz vor dem Sonnenuntergang, wenn die Schatten lang und die Sonnenstrahlen nicht mehr ganz so unbarmherzig sind.

Wer aber von Anfang an ein viel größeres Gewese um mein regelmäßiges Laufen bei hochstehender Sonne gemacht hat, sind die anderen Bleichgesichter, die hier leben. Und das sind die, die sich am allerwenigsten bewegen. Das sind Tauchlehrer oder Bar- und Restaurantbesitzer, Aussteiger eben. Die haben mich da schon eher für verrückt erklärt und tatsächlich wollte mir der ein oder andere das sogar ausreden. Typisch Westler eben. Überall hat er was zu zu sagen und besser zu wissen. Die Thais leben eher nach dem Motto: Leben und leben lassen beziehungsweise: lass den Depp doch laufen bis er umfällt, wenn er das so gerne macht.

typischer Streckenabschnitt außerhalb des Dschungels

Ein weiterer Unterschied in puncto Sport und kultureller Mentalität ist, dass die Thais gerade erst diesen ganzen Fitnessbereich für sich entdeckt haben. Klar haben hier immer schon Leute Sport gemacht, aber dann auch aus einer anderen Motivation heraus, als einfach nur fit sein zu wollen. Diese Mentalität des ´ich muss mal was tun´ kennt nur der Westler, der im Büro sitzt. Und doch hat der westliche Lebensstil Südostasien längst eingeholt. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der sogenannten Tigerstaaten in Südostasien – zu denen Thailand eben auch zählt – kam auch der unbegrenzte Zugang zu Fastfood, Brauselimonaden und Analogkäse.

Und damit werden eben auch die Thais jährlich im Schnitt etwas dicker (siehe oben: ´pombui´) und unter Strich zwar glücklicher, dass sie sich leisten können, wonach ihnen gerade der Sinn steht, aber eben auch ungesünder. Und schon hält auch hier der Fitnessgedanke seit einigen Jahren Einzug. Jetzt machen die Thais nicht mehr nur Sport, weil´s lustig ist, am Strand Ball zu spielen oder um sich im Ring gegenseitig Respekt zu verschaffen, sondern weil sie merken, dass es besser für die Gesundheit ist, zwischendurch mal den Burger aus der Hand zu nehmen und sich zu bewegen. Schön, dass immer alles zwei Seiten hat.

Allerdings ist hier das Lauffieber noch nicht ausgebrochen und ich bezweifle auch, dass das noch kommt. Das passt nicht zu den Thais. Ich weiß, bei uns kam mit der Aerobik vor dem Fernseher auch das Laufen durch sämtliche Stadtparks der westlichen Welt. Wir Westler leiden ja auch gerne ein bisschen, wenn wir Sport machen. Das gehört einfach dazu, sonst ist er es nicht wert, getan zu werden, da ist ein brachialer Dauerlauf gerade das Richtige.

Die Thais haben dafür jetzt das sportliche Fahrradfahren für sich entdeckt. Das geht auf eine Initiative des überall hochverehrten Königs von Thailand – Bhumibol – vor einigen Jahren zurück. Als weiser Mann, hat er mit als erster bemerkt, dass sein Volk langsam zu dick und ungesund wird und dass es sich mal wieder etwas mehr bewegen sollte. Da er sein Volk kennt, weiß er wie er sie ködern kann: mit ihrem Spieltrieb. Und das ist keineswegs von oben herab gemeint, im Gegenteil. Die Thais brauchen diesen Spaßfaktor… und das ist eine wunderbar herzerwärmende Eigenschaft, von der man sich als Bleichgesicht eine Scheibe von abschneiden sollte.

Spaß-Biker: das neue Ding in Thailand

Wenn ich jetzt also meine Runden über die Insel laufe, begegnen mir immer mehr Spaß-Radfahrer. Und die haben das ganze Programm am Start. Profi-Rennklamotten samt aerodynamischem Helm und passender Sport-Sonnenbrille. Das ganze kostet das Vielfache meines gesamten Haustandes. Dazu ein Bike, das teurer ist als mein gebrauchtes Motorrad. Ihr seht also: sie haben Geld und sie haben Spaß daran und bewegen sich noch dabei. Mit dem Laufen würde man dagegen keinen Thai von seiner Sala locken, mit so einem Spaß-Bike aber sehr wohl.

Zugegeben, sie fahren nicht auf Tempo oder so was. Sie schlendern mehr und sind auch meistens in Gruppen unterwegs, wobei auf den Langsamsten Rücksicht genommen wird. Ich bin sogar einmal über 2 km neben so einem Radfahrer-Pulk nebenher gelaufen, als es lange bergauf ging. Und das schönste daran war, dass wir uns alle die ganze Zeit gegenseitig angefeuert und Witze über unser Tun gemacht haben. Aber die gegenseitige Anerkennung hat uns auch diesen Berg hochgebracht. Und wenigstens bewegen wir uns, weil wir fit sein wollen und weil es verdammt noch mal viel Spaß macht. Als es auf der anderen Seite aber wieder bergab ging, haben wir uns verabschiedet und die Radfahrer haben sich gemütlich ins Dorf rollen lassen. Ich hatte noch 5 weitere Kilometer bergab vor mir, was ganz schön auf die Gelenke geht.

Aber glaubt es oder nicht, liebe Leser: als ich unten im Dorf ankam, hat der Radfahrer-Pulk in voller Montur auf einer Sala gesessen und mit einem kalten Bier auf mich gewartet. Es wurde ein richtig schöner Abend unter Gleichgesinnten von der Bewegungs-Front und wieder einmal habe ich festgestellt, dass laufen einfach Spaß macht, egal wo.


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