Läufer: Willkommen in der Welt des Schmerzes, oder: Lernt von Walter Sobchak!

von Tankred Dankmar am 21. November 2016

Liebe laufende Gemeinde!

Trotz etwas stechender Schmerzen in der rechten Flanke – wegen einer angeknacksten Rippe – habe ich mein Lauftraining wieder aufgenommen. Smile Obwohl das Wandern in den Bergen hier im äußersten Nordwesten von Thailand ja auch mal ganz schön ist, reicht es mir jetzt einfach mit dem Stillstand. I´m back on the track – Schmerzen hin, Schmerzen her. Ich sagte es ja letzte Woche in dieser Kolumne bereits: Ein Indianer kennt keinen Schmerz! Und mal ehrlich: Ein passionierter Dauerläufer eben auch nicht.

Ein Indianer kennt keinen Schmerz, sondern erträgt ihn mit stoischem Gesichtsausdruck – wie hier Häuptling Sitting Bull vom Stamm der Lakota-Sioux. Bild: gemeinfrei

Nein, liebe laufende Gemeinde! Wir kennen den Schmerz nicht nur, wir liebe ihn sogar. Wir lieben ihn, weil er uns zeigt, dass wir am Leben sind und dass wir das Richtige tun, nämlich unseren Körper bis an seine absoluten Belastungsgrenzen zu führen. Der Schmerz ist spätestens ab Kilometer 10 unser ständiger Begleiter, unser vertrautester Laufpartner, den wir meistens besser kennen als das Sozialverhalten unserer Kinder auf dem Schulhof oder die hormonell bedingten Stimmungsschwankungen unserer Partner – und das gilt für Männlein wie für Weiblein, denn auch Kerle haben ihre Tage, wie jede aufmerksame Frau schon längst herausgefunden hat. Wink

Schmerzen werden dem Gehirn immer dann gemeldet, wenn etwas mit dem Körper nicht stimmt. Er ist ein Alarmsignal, welches uns bewusst machen soll, dass gerade etwas nicht ganz so für den Körper läuft, wie es im Idealfall sein sollte.

Ein Kopfschmerz am Tag nach einem großen Besäufnis sagt uns, dass der Elektrolytehaushalt im Körper ziemlich unausgewogen ist und wir schleunigst etwas dagegen unternehmen müssen. Nachdurst ist hier das Zauberwort. Also viel trinken und am besten Elektrolyte-Drinks nachkippen. Wer schlau trinkt, der genehmigt sich einen Elektrolyte-Cocktail bereits, BEVOR er trunken ins Bett steigt und ohnmächtig wird. 😉

Der Schmerz einer angeknacksten Rippe sagt uns eigentlich nur eins: Da ist eine Rippe angeknackst. Dummerweise kann man nur so gar nichts dagegen tun, man kann den Brustkorb schließlich nicht eingipsen. Die verheilt auch nicht unbedingt schneller, wenn man im Bett liegen bleibt. Sie tut halt einfach nur weh und das einzige, auf das man achten sollte, ist, nicht nochmal auf dieselbe Stelle zu fallen, weil sie dann wirklich durchbrechen könnte und die Knockensplitter in die Lunge getrieben werden. Das wäre unter Umständen dann wirklich etwas problematisch.

Also kann ich doch als Läufer eigentlich die angeknackste Rippe komplett ignorieren. Die Verletzung wird ja nicht schlimmer, nur weil ich laufe und der Brustkorb sich etwas mehr bewegt, weil tiefer und schneller geatmet wird. Also kann mich diese angeknackste Rippe doch mal kreuzweise, denn an dem bisschen Schmerz ist doch eigentlich gar nichts auszusetzen. Im Gegenteil: Er soll mir sogar willkommen sein, denn wie schon gesagt: Als Dauerläufer ist man Schmerzen doch gewohnt.

Wir Läufer gehören mit zu den schmerzresistentesten Sportlern, die es gibt. Wir sind nicht wie diese gegelten Fussballprinzessinnen, die sich, vor angeblichen Schmerzen kameratauglich schreiend, bei der kleinsten Berührung auf das Spielfeld fallen lassen und sich dann in der Spucke der Mitspieler wälzen und krümmen.

Nein, wenn wir beim Laufen langsam Schmerzen kriegen, dann wissen wir, dass der große Spaß jetzt erst richtig anfängt! Genau das wollten wir doch! Den Körper an seine Grenzen und natürlich weit darüber hinaus bringen, bis er anfängt, Schmerzen zu senden, bis er uns bewusst macht: Bis hier hin und nicht weiter. Aber wir Dauerläufer wissen, dass es immer noch ein gutes Stück weiter geht. Wo die ganzen Luschen dann aufhören, wissen wir, dass wir jetzt auf dem richtigen Weg sind. Ah, einfach herrlich, dieser Schmerz!

Schmerzübertragung, hier in einer Zeichnung von Descartes dargestellt: Der Fuß verbrennt sich am Feuer und die Nerven senden ein Signal durch den ganzen Körper bis zum Gehirn. Denn im Gehirn entsteht Schmerzempfinden, nicht da, wo es der Schmerz herrührt. Alles reine Kopfsache also 😉

Bild: gemeinfrei

Wie heißt es im Filmklassiker ´The Big Lebowski´ doch so schön? You´re entering a world of pain! Willkommen in der Welt des Schmerzes! Danke Walter Sobchak! Der gute John Goodman, der den Walter Sobchak im Film so gelungen darstellt, hat zwar wirklich nicht die Statur eines Dauerläufers, aber er ist ein Bruder im Geiste. Walter ist ebenfalls völlig schmerzfrei und stellt sich Gefahren einfach in den Weg. Er als alter Vietnamkriegs-Veteran hat vor nichts Angst, schon gar nicht vor ein bisschen Schmerz! Und wenn Walter Sobchak der Trainer von Christiano Ronaldo wäre, würde der sich nicht andauernd auf den gepflegten Rasen werfen, weil ihn jemand ein bisschen am Trikot gezogen hat, sondern er würde auch mit einem gebrochenen Knöchel noch auf einem Ascheplatz voller Schlaglöcher weiter aufs gegenerische Tor zurennen. So wie es sich für einen echten Sportler gehört. Cool

Wir Dauerläufer wissen, was Schmerzen sind und wie man sie überwindet. Und wir erwarten auch keine Lorbeeren dafür. Wir sind mit unserem Schmerz vollkommen alleine, da ist keine Kamera, die uns begleitet und die unschönen Fratzen, die wir mit jedem gelaufenen Kilometer noch ein bisschen grässlicher schneiden, in eindruckvollen Nahaufnahmen für ein Publikum festhält. Da sind nur wir und unser Schmerz. Wir reden noch nicht einmal darüber. Denn am Ende zählt nur der Lauf und das Ergebnis.

Zugegeben, damit prahlen wir dann schon mal ein bisschen, am liebsten und vor allem vor Nicht-Läufern. Wenn wir mal wieder einen Halbmarathon noch vor dem sonntäglichen Frühstsück absolviert haben als sei das gar nichts, dann reiben wir das schon hin und wieder mal jemanden ganz beiläufig unter die Nase und genießen auch die Wows und Ooohhs, die wir damit ernten. Aber über den Schmerz, der uns dabei begleitet hat, verlieren wir doch nie ein Wort.

Ganz im Gegenteil: Wir tun so, als hätten wir jede Minute der 21 Kilometer genossen, als sei dies nur ein ausgedehnter Waldspaziergang gewesen, den wir Arm in Arm mit einem Bikinimodel in einem Bilderbuch-Nachsommer unternommen haben.

´Wie ein gemütlicher Spaziergang kommen uns die sonntäglichen Halbmarathons vor – behaupten wir zumindest vor den ganzen Nicht-Läufern so gerne´.

Bild: gemeinfrei

So geht Laufen, liebe Freunde!

Schmerzen gehören einfach dazu und wer keinen Trümmerbruch im Schienbein oder gerade eine neue Lunge transplantiert bekommen hat, der läuft einfach weiter. Wenn es möglich ist, dann laufen wir halt. Das ist Teil unserer Natur geworden. Mit jedem weiteren langen Lauf überwinden wir den inneren Schweinehund und kartografieren ein neues Stück auf der Landkarte der Welt des Schmerzes. Und genau deshalb laufe ich jetzt auch mit der angeknacksten Rippe. Wer mir sagt, dass sei fahrlässig, den nenne ich – Entschuldigung – ein Weichei! Ich möchte eben kein gegelter Wohlfühl-Sportler sein, ich möchte wie Walter Sobchak sein, einer, dem ein paar Schmerzen noch lange nicht den Spaß verderben eben.

Wo kämen wir Dauerläufer denn hin, wenn wir uns von ein bisschen Stechen und Zerren, einem leichten Schwindelgefühl oder einem Krampf aufhalten lassen würden? Genau! Wir kämen nirgends hin. Wir kämen kaum über Kilometer 5. Aber wir wissen auch, dass es da noch überhaupt nichts interessantes für uns zu entdecken gibt. Wir wissen eben, dass wir dieses Eldorado, unser gelobtes Land erst erreichen, wenn wir durch die Welt des Schmerzes gegangen sind – und zwar im Dauerlauf!

´So fühlt sich das gelobte Land hinter der Welt des Schmerzes an: Ein Sonnenuntergang an einem paradiesischen Sandstrand erwartet den Dauerläufer´.

Bild: gemeinfrei

Also liebe laufende Gemeinde! Der Schmerz ist unser Verbündeter, er ist halt ein Teil des Ganzen. Ohne den Schmerz gibt es keinen Dauerlauf. Nehmt ihn an, versucht ihn nicht zu bekämpfen, sondern willkommen zu heißen. Macht ihm den schönsten Platz in Eurem Dauerläufer-Dasein bereit. Und lasst vor allem das Gel aus den Haaren und die Schminke aus dem Gesicht. Das brennt beim Schwitzen eh nur in den Augen und verzerrt den Blick aufs Wesentliche –  auf Euer Ziel, welches hinter der Welt des Schmerzes liegt! Laughing

Ein Prosit auf die Schmerzen beim Laufen!

PS: Es handelt sich hier um eine Kolumne und nicht um einen Fachartikel. Hier werden Dinge gerne mal bewusst überzeichnet dargestellt. Wenn ihr tatsächlich dauerhafte oder schlimme Schmerzen habt, solltet ihr diese natürlich abchecken lassen und nicht blind weiterlaufen und die Schmerzen ignorieren. Aber ich denke das versteht sich ja von selbst.

#keeponrunning

Euer Tankred


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