Lieber tot als Zweiter, oder: meine Probleme möchten viele bestimmt haben

von Tankred Dankmar am 6. September 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Kennt Ihr das Gefühl, wenn Ihr heute schlechter gelaufen seid als vorgestern? Wenn Ihr immer wieder dieselbe Strecke lauft und gleichzeitig gegen die Uhr und gegen niemanden außer Euch selbst? Und wenn die Zeit anstatt besser, wieder schlechter wird? Obwohl Ihr alles dafür getan habt, dass Ihr eigentlich schneller sein solltet? 

Wenn ja, dann geht es Euch wie mir gerade. Ich mache seit knapp drei Wochen wieder strammes Trainingsprogramm, habe mich gut eingelaufen und genieße mein Läuferleben endlich wieder ein bisschen. Aber trotzdem werde ich seit ein paar Tagen langsamer, anstatt schneller.

Warum, frage ich mich. Was soll das?

Ich war zwar noch nie ein Freund davon, ständig gegen irgendwas beim Laufen zu konkurrieren – ob das nun andere Läufer sind oder gegen die Uhr. Dennoch achte auch ich natürlich ein ganz klein wenig auf meine gelaufenen Zeiten. Mit einem Auge schiele ich auf die Uhr bevor ich loslaufe und mit dem anderen dann wieder, wenn ich zurückkomme in mein Hotel. Und normalerweise wird man doch immer schneller – oder bleibt zumindest gleich schnell, wenn man regelmäßig dieselbe Strecke läuft. Zumindest ging mir das bisher immer so.

Unfreiwillig gegen die Uhr laufen – warum tut ein Mensch, der sich eh schon auf der Strecke schindet, so etwas eigentlich? Bild: gemeinfrei

 

Und jetzt? Jetzt werde ich plötzlich langsamer! Und das ist ganz schön enervierend. So ein bisschen Stolz hat man ja schließlich auch als Läufer, der seine besten Jahre eigentlich schon hinter sich hat.  Gerade deshalb möchte man doch dieses kleine Fünkchen sportlichen Erfolg fühlen. Es muss ja kein Großbrand mehr sein, nur so ein kleines, angenehmes Lagerfeuer, an dem sich die alte, weise Seele dann auch mal aufwärmen kann. Diesen heimeligen Ort in sich spüren, den man nur erreicht, wenn man eine sportliche Leistung zur eigenen Zufriedenheit abgeliefert hat.

Verdammt! Ich freue mich nun einmal, wenn ich heute zwei Minuten weniger für die sieben Kilometer brauche. Und ich freue mich sogar, wenn die Zeit gleich bleibt. Aber wenn ich plötzlich drei Minuten länger brauche, da bleibt mir die Freude doch direkt im Hals stecken. Und wenn das ein paar Mal hintereinander passiert, bin ich eingeschnappt.

Ich komme mir dann vor, als wäre ich bei einem wichtigen Rennen als Zweiter ins Ziel gegangen. Und Zweiter sein bedeutet gar nichts! Lieber tot als Zweiter, wie man so schön sagt. Ich laufe hier schließlich gegen mich selbst. Und ich sollte doch wohl zu schlagen sein, denn ich bin nun wirklich nicht der allerschnellste. 

Tja, mit so was hadert man dann als einsamer Läufer. Man macht sich verrückt wegen zwei, drei Minütchen, die man nicht eher ankommt. Eigentlich ist das ganz schön traurig, finde ich. Dass ist „complaining on the highest level“ wie man im Englischen sagt – „beschweren auf höchstem Niveau“ halt. Oder: wenn man keine richtigen Probleme hat, dann macht man sich eben selber welche. Denn sich über Kleinigkeiten zu beschweren, dass scheint wirklich keinem anderen Völkchen leichter zu fallen als dem deutschen.

Die Deutschen gelten im Ausland mittlerweile als freundliches Völkchen, welches gern gesehen ist. Allerdings gelten wir auch als ein bisschen kleinlich und nicht ganz leicht zufrieden zu stellen.

Bild: Schorle – CC BY-SA 3.0

Als jemand, der da lebt, wo andere Urlaub machen, kriege ich das ja so mit. Jedes Volk hat seine Eigenarten. Manche sind laut, manche sind schüchtern, manche sind nie zufrieden und manche kommen aus dem Staunen gar nicht raus. Und je länger ich das so beobachte, umso mehr Klischees erfüllen sich da tatsächlich auch. Die chinesischen Touristen sind rücksichtslos, die russischen und englischen sind laut. Die amerikanischen sind oft etwas peinlich, die skandinavischen einfach nur super gelaunt und freundlich. Die italienischen trifft man nur in Gruppen und nie alleine, die französischen sind nicht selten arrogant.

Tja, und die deutschen, die sind etwas kleinlich und beschweren sich über die Hitze, das fremde Essen und darüber, dass das Hotel, welches sie via Internet gebucht haben, in der Realität anders aussieht als auf den Hochglanzbildern, die davon online sind. Wer hätte das gedacht?

Ich habe festgestellt, dass ich wohl auch noch Reste der deutschen Volksseele in mir habe. Denn wenn ich nach dem Lauf nicht zufrieden bin, weil ich zwei Minuten länger gebraucht habe, als ich mir vorgenommen habe, dann kommt der kleinliche deutsche Mann in mir zum Vorschein, der sich selbst den Spaß am Leben verdirbt und einfach nie zufrieden ist. Und das ist mir, gelinde gesagt, selbst ein bisschen peinlich.

Warum gucke ich überhaupt auf die doofe Uhr, bevor ich loslaufe? Was ist das? Ich laufe doch gegen niemanden, ich laufe nicht um mein Leben und ich will weder mir noch sonst wem etwas beweisen. Intellektuell betrachtet ist es mir scheißegal, wie schnell ich laufe – solange ich nur laufe und nicht mittendrin stehen bleibe.

Ist das ein genetischer Defekt, dass man als deutscher Läufer trotz besserer Erkenntnis doch immer auf die Uhr schielen muss?

Ich nehme mal an, dass viele meine Probleme wegen der unbefriedigenden Laufzeiten gerne hätten. Zum Beispiel die Millionen von Kindern in Afrika, die wegen ihres Hungers zu schwach dafür sind, vor irgendwelchen irren Milizen davon laufen zu können. Oder die Angehörigen der (bisher) mehr als 1.200 Toten der Flutkatastrophe, die gerade relativ unbemerkt von der Welt in Bangladesch herrscht. Da läuft niemand mehr irgendwo hin, denn da stehen zwei Drittel des Landes meterhoch unter Wasser.

Ein von der Flut zerstörtes Dorf in Bangladesch (hier nach der Katastrophe von 1991). Da macht sich bestimmt keiner Gedanken über Bestzeiten auf der Laufstrecke. Bild: gemeinfrei

 

Meine Probleme möchte ich haben und ich bin auch ziemlich froh, dass ich sie habe. Ehrlich, ich will mit niemanden tauschen. Eigentlich gibt es im Moment nur eins, das ich mir für mich selber wünschen kann, nämlich nicht mehr auf die verdammte Uhr zu schielen, bevor ich loslaufe. Und wenn es weiter nichts ist, worüber beschwere ich mich hier eigentlich?

Liebe laufende Gemeinde! Vergesst die Uhr und denkt an die, denen die Uhr gerade scheißegal ist, weil sie wesentlich größere Probleme haben.

#keeponrunning

Euer Tankred


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