Liebesbrief an die Läufer, die ich zurückgelassen habe

von Tankred Dankmar am 2. Dezember 2015

Eins muss ich Euch ja sagen, liebe laufende Gemeinde in der alten Heimat – ich vermisse Euch! Ehrlich!

Ich bin zwar nie gerne pärchenweise oder womöglich in der Gruppe gelaufen, aber ihr wart trotzdem immer da. Auch wenn ich immer alleine in meinem eigenen Rhythmus gelaufen bin, ohne dabei lästige Konversation und Konkurrenzkampf betreiben zu müssen, sondern mich auf mich und meinen feinen Geisteszustand beim Dauerlauf konzentrieren konnte und das auch sehr wertschätzte, liefen wir uns doch andauernd über den Weg – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir warfen uns dann meistens gegenseitig anerkennende Blicke zu, nickten einmal kurz und lässig und versuchten dabei auch bei Kilometer 12 noch so entspannt wie möglich auszusehen. An schlechten Tagen ging mir das Getue zwar etwas auf die Nerven, aber jetzt vermisse ich es!

Ich scheine hier in Penang nämlich der Einzige zu sein, der Dauerlauf betreibt. In den neun Wochen, die ich nun hier lebe, ist mir noch nicht ein anderer Läufer begegnet. Nicht beim Laufen an sich und auch nicht, wenn ich sonst irgendwie unterwegs bin. Der Dauerlauf wird von den Malayen anscheinend nicht genug gewürdigt! Vielleicht ist es ihnen zu doof, für nichts als die Gesundheit und den Spaß im Trab irgendwohin zu laufen, vielleicht ist es ihnen hier aber auch einfach nur grundsätzlich zu heiß. Okay, zugegeben, jetzt ist gerade Regenzeit. Das heißt zwar nicht, dass es die ganze Zeit gießt wie aus Eimern, aber zu der Hitze gesellt sich eben in diesen Monaten auch noch eine drückende Luftfeuchtigkeit. Ich schwitze schon, wenn ich nur am Computer sitze.

Aber hält mich das vom Laufen ab? Mitnichten! Natürlich nicht.

Mitten in Penang. Kein anderer Läufer weit und breit in Sicht

Und Euch würde es sicher auch nicht davon abhalten, die Sportschuhe zu schnüren, da bin ich mir ganz sicher. Ihr wisst den Dauerlauf genauso zu schätzen wie ich. Und  deshalb vermisse ich Euch so sehr. Ich hätte zwar nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber jetzt muss es einfach raus. Ich vermisse Euch in euren teuren, megasportlichen Outfits. Ich vermisse Euch und eure Vitalmessgeräte am Arm. Ich vermisse sogar die Fraktion, die immer eine Trinkflasche beim Laufen in der Hand hat, warum auch immer man so etwas tut?

Ich vermisse die gut gebauten Mädels in ihren engen Läuferhöschen, die immer so böse gucken, wenn man ihnen hinterhersieht. Ich vermisse sogar die topfitten Sportstudiotypen, die so beeindruckend fit und gesund aussehen und mit stolz geschwellter Brust und Pop-Musik auf dem MP3-Player an mir vorbeiziehen und mir ein Gefühl der Minderwertigkeit geben konnten. All das ist nun weit weg und ich ziehe meine Bahnen hier ganz allein.

Schluchz und Jammer! Schande über mich. Harte Männer weinen und tanzen bekanntlich ja nicht. Ich sollte mich also tunlichst zusammenreißen. Aber das Gras ist ja auch immer grüner auf der anderen Seite des Zauns und heute bin ich irgendwie melancholisch. Darum schreibe ich euch diesen Liebesbrief. Auch wenn ich so gut wie nie ein Wort mit Euch daheim gewechselt habe, empfanden wir doch diese Zuneigung zueinander.

Läufer haben dieses Gefühl eben und die Nichteingeweihten wissen nicht, wovon wir hier überhaupt sprechen. Ihr und ich, wir aber wissen darum. Wir verstehen einander auch ohne Worte. Uns reichen ein Blick und ein lässiges Nicken, wenn wir im Stadtpark aneinander vorbeilaufen, um alles zu sagen. Da ist alles drin – wir teilen dann kurz dieses gute Gefühl, welches man nur beim Laufen hat, aber auch den Schmerz, der einfach dazu gehört.

Ich vermisse Euch!

Bild: Thomas Netsch / gemeinfrei

Und wenn wir ganz ehrlich zu uns sind, wissen wir auch, dass wir, diese Elite, ein bisschen besser sind als die, die nicht laufen. Das schweißt uns zusammen. Wir sind die Speerspitze einer ungesunden Gesellschaft voller Couch-Potatoes und Schreibtischtäter. Wir halten unseren Körper, unseren Tempel des Geistes und der Seele, fit und schön.

Mit einem kurzen Nicken beim Vorbeilaufen zeigen wir einander Respekt und desrespektieren dabei gleichzeitig den ganzen lahmen Rest, der nicht dazu im Stande ist, 10 oder 20 Kilometer am Stück und auf Zeit zu laufen. Wir sind eine eingeschworene Gemeinde, die ihre eigenen Rituale und Aufnahmekriterien hat. Wer noch keinen Halbmarathon unter 2 Stunden gelaufen ist, ist höchstens ein Anwärter auf eine Mitgliedschaft im Kreise der Auserwählten. 😉

Wenn andere am Sonntagmorgen ausschlafen und dann mit fünf Croissants mit Milchschaumkaffee ihren freien Tag genießen, laufen wir zu jeder Jahreszeit ein paar Stunden durch den Wald, machen dabei noch den Fitnesspfad, der da schon seit unserer Kindheit steht und trinken nachher einen Proteinshake. Aber nur wir haben dabei dieses ganz bestimmte Lächeln im Gesicht und dieses Strahlen in den Augen. Ihr wisst, was ich meine.

Ich vermisse es, euch Lächeln und Strahlen zu sehen. Nicht, dass ich mir hier beim Laufen allein durch die Tropen dumm vorkommen würde, aber ich habe diesen Genuss auch nur alleine. Der Volksmund sagt: geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich aber sage: Glück, welches man nicht teilen kann, ist gar kein Glück! Ich brauche Euch, um glücklich zu sein. Liebe laufende Gemeinde!

Kommt vorbei und lauft mal mit mir. Von mir aus betreibe ich dabei sogar Konversation – wenn es denn unbedingt sein muss. Wir können uns auch im Wettkampf messen, wenn ihr möchtet. Ich zeige Euch dabei diese tolle exotische Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten. Nachher mixen wir uns einen Proteinshake und essen frische Früchte, die ihr daheim gar nicht kaufen könnt. Kommt und teilt das Glück des Läufers mit mir. Ich bin es leid, der einzige zu sein, der hier durch die Straßen joggt. Ihr fehlt mir einfach ganz, ganz doll!

Und manchmal bin ich sogar so verzweifelt, dass ich mir schon selber anerkennend zunicke, wenn ich mein Spiegelbild beim Laufen im Schaufenster sehen kann. So sehr vermisse ich Euch. Und das musste jetzt einfach mal gesagt werden.

In Liebe, euer Tankred


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Gudrun Dezember 2, 2015 um 16:21

Hallo Trankred,

leider scheint Dir ja niemand zu schreiben. Auch wenn ich nicht viel Zeit habe, dachte ich mir, dass ich mich mal kurz melde und Dir sage wie schön es ist von Dir zu hören. Allerdings ist es mir ein Rätsel, warum Du so weit weggegangen bist, wenn Du uns so sehr vermisst. Auf jeden Fall wünsche ich Dir dort, wo Du jetzt bist, ganz viel Freude an den schönen Strecken, die wir hier gar oft gar nicht so zu würdigen wissen. Für mich ist die Natur immer das Schönste beim Laufen und ich laufe fast immer alleine, da sich kaum jemand auf meine Strecken verirrt. Am Sonntag habe ich sogar mal drei Läufer getroffen, das war schon Weltrekord verdächtig, denn in der Regel bin ich ganz alleine unterwegs.
Ich wünsche Dir ganz viel Freude beim Laufen und lass Dich bloß nicht entmutigen.
Herzliche Grüße aus dem Norden Deutschlands…

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