Der einsame Wolf entdeckt die Laufgruppe!

von Tankred Dankmar am 12. Juli 2016

Liebe laufende Gemeinde!

Letzte Woche habe ich Euch ja berichtet, dass ich dank einer glücklichen Fügung und durch die moralische Unterstützung seitens eines holden Geschöpfes des schöneren Geschlechts endlich mein Lauftraining wieder aufgenommen habe. Dem Laufgott sei also Dank: Ich laufe wieder. Aber es kommt noch besser. Ich habe mich neuerdings sogar einer Laufgruppe angeschlossen. Ja, genau. Ich kann es selbst kaum glauben. Smile

Ich bin eigentlich nicht so sehr der Typ für eine Laufgruppe. Mir kam das immer vor, als würde ich in eine Krabbelgruppe für Erwachsene einsteigen. Ich dachte mir, dass ich das mit Sicherheit nicht brauchen würde. Denn geht es in Laufgruppen nicht darum, sich gegenseitig zu motivieren? Sich im besten Falle gegenseitig in den Hintern zu treten, im schlechtesten Falle, übereinander herzuziehen? Welcher erwachsene Mann braucht Freunde beziehungsweise Mitläufer, um auf der Strecke sein Bestes zu geben? Ist ein ganzer Kerl nicht gleichzeitig auch immer ein bisschen ein einsamer Wolf, der möglichst alles selbst erledigt?

Canis Lupus – der Wolf. Die Mann, ein einsamer Wolf!

Ich weiß, mir haben schon so manche Damen leicht machoeske Züge vorgeworfen, aber ich finde, ein echter Kerl in unserer modernen Welt, die kaum noch Werte kennt, an denen Mann sich orientieren kann, muss seinen Mann stehen – und zwar alleine. Und für einen Läufer mit leicht machoesken Vorstellungen ist eine Laufgruppen-Erfahrung so ziemlich das Gegenteil von erstrebenswert. Ein echter Kerl hat vielleicht noch einen großen Hund beim Laufen dabei, aber doch keine vor sich schnatternde Laufgruppe! Dachte ich. Bis letzte Woche. Da wurde ich eines Besseren belehrt. Denn Folgendes ist geschehen…

Ich saß bei einem Feierabendbierchen in meinem liebsten Biergarten in George Town, Penang, meiner derzeitigen Heimat, wie die aufmerksamen, regelmäßigen Leser ja bereits wissen. Natürlich saß ich da erstmal alleine, denn auch trinken tut ein ganzer Mann am liebsten alleine. Lange alleine bleibe ich an diesem Ort sowieso nie, das ist ein Biergarten für die Locals, die Einheimischen also, und andere ´Westler´ verirren sich nur recht selten dort hin. Und die Locals hier sind recht kontaktfreudig, fragen mir Löcher in den Bauch, das ist ganz normal.

What is your name? Where do you come from? How long you stay in Penang? What are you doing here? Und schon ist man im Gespräch. Die Locals hier sind eben gesellige Menschen, sehr liebenswert, unglaublich freundlich, witzig und über die Maßen offen- und auch großherzig. Man trinkt, man lacht und tauscht sich aus. Alles ohne Neid, ohne Hintergedanken, ohne Missverständnisse. Deshalb liebe ich Penang ja so, und deshalb bin ich auch schon so lange hier.

Panoramablick auf George Town

Bild: Arne Müseler | CC BY-SA 3.0 DE

Ich habe hier schon so manche gute Freunde gefunden. Und jetzt habe ich sogar Lauffreunde gefunden. Was ein wenig unüblich ist, denn insgesamt ist der Laufsport in Südostasien bei weitem nicht so populär wir in Mitteleuropa. Das liegt natürlich hauptsächlich am tropischen Wetter. Hier einen Dauerlauf zu starten ist schon eine andere Hausnummer, als im Herbst in Deutschland. Aber nun gut, davon kann ich mich ja auch nicht aufhalten lassen. Und die Jungs, die ich an besagtem Abend kennengelernt habe, anscheinend auch nicht, wenn auch aus anderen Gründen als ich.

Es waren fünf Jungs, so um die 20, allesamt, die sich an meinen Tisch setzten. Nachdem der übliche Fragenkatalog abgearbeitet war und wir uns alle freundlich ein paarmal zugeprostet hatten, fing ich mal an, der Gruppe Fragen zu stellen. Denn ich konnte nicht umhin, festzustellen, dass sie anscheinend direkt von irgendeinem sportlichen Vergnügen  kamen. Alle hatten sportliche Klamotten an, hatten alle eine Sporttasche unterm Arm und waren frisch geduscht. Und es ist ja nicht ganz unüblich, dass Kumpels, die gerade Sport gemacht haben, danach zusammen einen trinken gehen. Das ist wahrscheinlich auf der ganzen Welt so. Das gehört irgendwie einfach dazu, alleine schon wegen der Elektrolythe, die ja so zahlreich im Bier enthalten sind.

Ich behielt natürlich Recht, die Jungs kamen tatsächlich gerade vom Sport. Ich riet auch gleich die richtige Sportart – Badminton. Das war kein Glückstreffer, sondern kaltes Kalkül, denn es ist naheliegend, dass fünf 20-jährige Jungs in Malaysia gerade vom Badminton kommen. Dieser Sport hat hierzulande eine viel größere Bedeutung als bei uns. Bei uns ist Badminton eher eine Randsportart, hier ist es fast Nationalsport. Und die Jungs freuten sich, dass ich das wusste und mich anscheinend respektvoll für ihre Kultur interessierte. Und Recht hatten sie. Die meisten ´Westler´ interessieren sich immer für irgendwelche Tempel und andere alte Steinhaufen, ich dagegen versuche immer so viel wie möglich über die aktuelle Erlebniswelt der Locals zu erfahren, wenn ich in einem fremden Land bin. Wie Konrad Adenauer schon sagte: Was interessiert mich das Geschwätz von gestern? Ich sage: Was interessieren mich die alten Steinhaufen von Anno dazumal?

Der malayische Badmintonspieler Lee Chong Wei im Finale der Olympischen Spiele 2012

Bild: Antony Stanley | CC BY-SA 2.0

Als ich den Jungs sagte, dass ich in meiner Jugend selbst mal ein paar Jahre Badminton gespielt habe – was nebenbei bemerkt auch stimmt – waren sie natürlich ganz aus dem Häuschen. Und natürlich wurde ich sofort dazu eingeladen, das nächste Training mit ihnen zusammen zu absolvieren. Ich versuchte zwar noch, mich da irgendwie herauszureden, aber das war nicht möglich. Die hatten mich schon fast zum neuen Maskottchen der Mannschaft gemacht. Und mit einem flauen Gefühl im Magen sagte ich also zu.

Ich erinnerte mich, dass Badminton ein unglaublich anstrengender Sport ist. Wenn der Laie auch meint, Badminton sei so etwas wie Federball am Strand, nur eben in der Halle, dann täuscht er sich aber  gewaltig. Es sind gefragt: Kraft, ein blitzschneller Antritt und eine enorme Wendigkeit. Und sehr viel Kondition, denn so ein Match kann schon ein wenig dauern. Ich erinnerte mich, dass ich damals schon nicht schlecht gestaunt hatte, als ich neben Tennis mit Badminton angefangen habe. Ich hatte auch gedacht, dass sei besseres Federball. Aber, verdammt, da täuscht man sich.

Ich erschien also am übernächsten Nachmittag pünktlich zum Training mit den Jungs. Zwei Stunden waren angesetzt. Und als die Gruppe nach dem Umziehen erstmal ihre Schläger in den Taschen stecken ließ, wurde mir auch klar, dass wir uns hier auf halbprofessionellem Terrain bewegten. Denn erstmal ging es eine gute Dreiviertelstunde raus, zum Lauftraining, wegen der Kondition. Allerdings hatten die Jungs wohl damit gerechnet, mich damit schon fertig zu machen, bevor ich überhaupt einen Schläger in die Hand nehmen konnte. Sie konnten ja nicht damit rechnen, mit mir einen leidenschaftlichen Dauerläufer vor sich zu haben. Und als sie versuchten, dass Tempo immer weiter anzuziehen, kam bei mir der Macho wieder durch. Tongue Out

Ich lief locker mit, in meiner neuen Laufgruppe mit den 20-jährigen Badminton Jungs. Und als ich dann auch noch die gute Stunde Spieltraining mit ihnen absolvierte, ohne dass mir die Puste ausging, waren Sie doch mittelmäßig beeindruckt und mir wurde viel auf die Schulter geklopft. Sie hatten sich gedacht, einen alten Mann aus dem Biergarten mal so richtig vorführen zu können, dass die Jugend das Alter in seine Schranken weisen könne. Aber nicht mit mir. Ich bin ein Mann! Und ein leidenschaftlicher Dauerläufer, der jetzt sogar in einer Laufgruppe mitmacht! Nimm das, vermaledeite, arrogante Jugend! Wink

In diesem Sinne,

Euer Tankred


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