Monotonie im Quadrat: Marathon auf dem Laufband mit verschlossenen Augen?

von Tankred Dankmar am 20. Juni 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Ich habe Euch ja in der letzten Kolumne davon berichtet, dass ich nun notgedrungen Teil der Fitnessstudio-Community geworden bin. So kommt es eben ,dass ich neben einem Zirkeltraining an den unterschiedlichen komischen Gerätschaften und mit den Hanteln, nun auch den größten Teil meines Laufpensums in den gut klimatisierten Räumen des Sporttempels absolviere. Auf dem Laufband halt.

Ich muss zugeben: Ich hatte beim Laufen schon immer etwas für Monotonie übrig. Ich habe nie etwas dagegen gehabt, immer und immer wieder dieselbe Strecke zu laufen. Mir hat es mitunter durchaus gefallen, stundenlang um den Sportplatz zu rennen. Ich habe sogar mal einen Halbmarathon auf einer 250 Meter Tartanbahn um einen kleinen Bolzplatz absolviert. Wo andere sich gerne über „das immer Gleiche“ beschweren, weiß ich eben genau das zu schätzen.

Warum ich das schätze? Weil ich mich dann voll und ganz aufs Laufen konzentrieren kann. Es ist fast wie bei einer Meditation – nichts lenkt einen ab, alles wiederholt sich nur noch wie die Atemzüge, wie die Trittfolge, wie die Geräusche. Man verfällt viel schneller in eine Art Trance und in sein „Runner´s High“, wenn keine neuen Eindrücke einer unbekannten oder kaum bekannten Strecke auf das Bewusstsein einstürmen.

Laufen als Mediation? Es muss nur monoton genug sein.

Bild: Phra Ajan Jerapunyo-Abbot of Watkungtaphao – CC BY 3.0

Es gibt dazu einige interessante Experimente. Zum Beispiel: Man setzt sich vor eine weiße, glatte Leinwand und starrt darauf. Diese Leinwand muss wirklich weiß und glatt sein. Da darf kein Fleck drauf sein und es dürfen auch keine Schatten darauf fallen. Nix. Auch keine Geräusche und nichts, was in der Peripherie des Blickes auftaucht. Man sieht nur diese weiße, ebene Leinwand vor sich.

In den ersten Minuten konzentriert sich der Blick noch, richtet sich das Bewusstsein auf das, was man sieht, nämlich die weiße, stumme Wand. Aber nach einiger Zeit stellt unser Gehirn das Bewusstsein langsam ab, einfach, weil es keinen Reiz gibt. Da ist ja schließlich nichts zu sehen – obwohl wir die Augen weit geöffnet haben. Das ist dem Bewusstsein beziehungsweise dem Gehirn aber irgendwann egal oder einfach zu doof und deshalb schaltet es ab.

In diesem Zustand dann ist man zwar vollkommen bei Bewusstsein, verfällt aber auch in eine Art Trance, weil, wie gesagt, die Reize ausbleiben, mit denen sich das Bewusstsein beschäftigen könnte oder müsste. Und so kommt es, dass sich diese weiße Leinwand, auf die man starrt, schon bald mit allen möglichen Bildern und Farben füllt, welche aus unserem Unterbewusstsein kommen und darauf projiziert werden.

Glaubt Ihr nicht? Probiert es mal aus. Als ich noch als Yoga- und Mediationslehrer gearbeitet habe, habe ich meine Schüler das regelmäßig machen lassen, weil man so schneller lernt, in einen echten meditativen Zustand zu gelangen. Man manipuliert sein Gehirn ein bisschen, aber eben so, dass man es besser für seine Zwecke nutzen kann.

Wie die drei Affen, nur alle zusammen – nicht sagen, nichts hören, nichts sehen – und schon „rutscht“ das Bewusstsein auf eine andere Ebene. Bild: Public Domain

Was hat das mit dem Laufen um den Sportplatz zu tun? Ganz einfach: Die Monotonie dabei hilft, dass sich das Bewusstsein viel besser fokussieren kann. Zumindest geht mir das so. Man muss sich nur ein bisschen auf die Monotonie fokussieren und nicht darauf, wie langweilig es doch ist, immer wieder dieselbe Runde zu laufen. Man muss dem Ganzen eine echte Chance geben, und nicht genervt sein. Man muss es als Experiment betrachten, nicht als Hindernis zum Genuss.

Und nun zurück zum Laufband in meinem Fitnessstudio. Ich kann mir nämlich nur eins vorstellen, was noch monotoner ist, als stundenlang im Kreis um den Bolzplatz herum zu laufen. Und zwar: stundenlang auf dem Laufband vor sich her zu traben. Echt jetzt. „Langweiliger“ geht es doch nun wirklich nicht, oder?

Genau deshalb habe ich mir jetzt vorgenommen, einen Marathon auf dem Laufband zu absolvieren. Klar, ich bin dann bestimmt nicht der erste, der das gemacht hat, aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht um die Monotonie, um das Erlebnis. Denn sind wir ehrlich: Mit ein bisschen Training einen Stadtmarathon mit ein paar geschwätzigen Kumpels und ein paar Fans am Wegesrand fertig kriegen, das kann doch jeder! Aber alleine auf einem Laufband in Malaysia – das ist doch wirklich mal eine spannende Aufgabe. 

Ich habe mir auch überlegt, dass ich mir beim Training gleich noch beibringe, das Ganze mit Ohrstöpseln UND VOR ALLEM mit verbundenen Augen zu können. Denn stellt Euch nur diese Monotonie einmal vor! Knapp vier Stunden nichts sagen, nichts sehen und nichts hören, dafür aber nur einen Fuß vor den anderen zu setzen und NIRGENDWO hinzurennen. Ein fantastischer Gedanke und eine echte Aufgabe. Das ist echtes „Zen“.

Zen auf dem Laufband – ich komme!

Bild: Marco VerchCC BY 2.0

Wenn ich jetzt schon im Fitnessstudio laufe, dann mache ich mir wenigstens auch einen Spaß daraus, einige längst überfälligen Experimente zu wagen. Wobei ich mich auch frage, ob das überhaupt möglich ist, was ich da vor habe. Ob das Gehirn das überhaupt mitmacht, meine ich. Nicht, dass es dabei allzu sehr in Trance gerät und ich stolpernd und sehr unsanft von dem Laufband katapultiert werde.

Wir werden ja sehen. Ich versuche es erst einmal mit kleineren Einheiten. Erstmal 15 Minuten mit Ohrstöpseln und Augenbinde laufen und dann langsam steigern. Mal sehen, wann das Gehirn aussteigt. Und genau das richtige Tempo muss ich ja auch noch finden, damit ich das durchziehen kann und nicht dauernd wechseln muss.

Hört sich das zu durchgeknallt an? Kann mir noch irgendwer folgen? Nicht auf´s Laufband natürlich, sondern gedanklich? Als ich gestern nämlich einer lieben Freundin von meinem Vorhaben berichtet habe, hat die gelacht und mich für verrückt erklärt.  Aber die läuft schließlich auch nicht. Vielleicht stoße ich bei Euch ja auf etwas mehr Verständnis. Ihr wisst ja schließlich selbst, wie geil ein „Runner´s High“ ist. Und jetzt stellt Euch doch einfach mal vor, das wäre noch viel, viel intensiver. Fett, oder?

Na ja, bisher ist das ja alles nur Theorie. Ich werde das in den kommenden Wochen aber mal antesten, ob meine Theorie auch praktikabel ist. Wenn ja, dann habe ich damit eine ganz neue Form des Laufens erfunden. Dann brauche ich ein guten Namen dafür, eventuell ein Patent, eine Vermarktungsstrategie, Buchverträge etc. 

Wie auch immer. Ihr sollt die ersten sein, denen ich von dieser großartigen Idee berichte. Über die Fortschritte halte ich Euch dann auf dem Laufenden.

#keeponrunning

Eurer Tankred


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