Motivationskrise beim Laufen – geschüttelt, nicht gerührt

von Tankred Dankmar am 9. Juni 2016

Liebe laufende Gemeinde! Zur Zeit leide ich mal wieder unter allgemeiner Lauffaulheit. Weiß der Geier, wo die auf einmal hergekommen ist, aber es fällt mir schwer, mich in die Laufschuhe zu zwingen. Es fällt mir schon schwer, mich überhaupt runterzubeugen und sie zu verschnüren. Kennt Ihr das? Oder geht nur mir das manchmal so.

Dabei laufe ich ja generell nicht wegen irgendeines Fitnessgedanken oder kämpfe Kilometer für Kilometer gegen Übergewicht – klar, dass auf dieser Grundlage das Laufen eher weniger Spaß macht. Dann muss man ja schließlich auch. Und wer unterliegt schon gerne solchen Zwängen? Nein, ich laufe ja gundsätzlich, weil es mir Freude bereitet, mich zu bewegen, draußen zu sein, meinen Körper zu spüren. Und ein klein bisschen ist es auch die Wettkampfeitelkeit, das gebe ich zu. Auch wenn ich nicht sehr oft an wirklichen Wettkämpfen teilnehme, so ist doch jeder Lauf auch ein Wettkampf mit mir selber.

Aber im Moment bewege ich mich generell recht ungerne. Schon der Gang zum Schreibtisch macht mir Mühe. Es sind keine Gebrechen oder körperliche Beeinrächtigungen, es ist mehr etwas rein Mentales. Bewegung stinkt mir gerade gewaltig und ich hätte nichts gegen einen Zivi, der mich den ganzen Tag im Rollstuhl durch die Gegend karrt. Selbst für kürzeste Strecken schwinge ich mich lieber auf´s Motorrad und fahr das Stück, obwohl das Ziel wirklich nur einen Steinwurf entfernt ist.

Das nenne ich auch gerne ´die thailändische Krankheit´. Wer schon mal hier im Land des Lächelns war, hat es vielleicht mitbekommen: hier läuft keiner bis zum Bierbüdchen an der Ecke, hier setzt man sich auf´s Motorrad. Wirklich, ich spaße nicht. Selbst wenn es nur 40, 50 Meter weit weg ist, würde hier so gut wie keiner auch nur auf den Gedanken kommen, das Stück zu laufen. Es sei denn, es ist grad kein Motorrad da.

´Zum Bierbüdchen an der Ecke mit dem Motorrad – willkommen in Thailand´

Und kaum bin ich wieder hier, bin ich auch schon wieder genauso fußlahm. Es ist erstaunlich, wie schnell man in alte Gewohnheitsmuster zurückkehrt. Der Mensch ist wohl wirklich ein Gewohnheitstier und das Unbewusste tut alles dafür, damit man wieder in die alten Verhaltensmuster zurückkehrt. Wirklich, es ist faszinierend, wie dieses Gehirn funktioniert – in guten wie in schlechten Tagen.

Trotzdem: nur weil ich zu dem Bierbüdchen, das ich hier von der Veranda aus sogar sehen kann, mit dem Bike fahre anstatt wie ein normaler, gesunder Mensch eben zu laufen, erklärt immer noch nicht, dass ich mich plötzlich dagegen sträube, in die Laufschuhe zu steigen und auf die Strecke zu gehen. Ich komme allerdings auch nicht dahinter, warum das jetzt schon seit ein paar Tagen so ist. Dabei sind die Vorraussetzungen gerade eigentlich hervorragend.

Es ist halbwegs bewölkt und die Sonne brennt ausnahmsweise mal nicht. Gleichzeitig hat der schwere Monsunregen aber auch noch nicht angefangen. Da gerade Nebensaison ist, ist die Insel auch nicht voller Touristen, die betrunken Motorrad fahren und ich mich auf der Strecke umgucken müsste. Die Strecken sind schön frei und ich könnte ganz genüßlich vor mich hintraben, ohne bei jedem Geräusch einer quietschenden Bremse panisch zu werden. Ich habe neue Laufschuhe und neue Sportklamotten und ich kenne die Gegend wie meine Westentasche.

´Alles ist perfekt – die Sonne knallt nicht und die Strecken sind leer´.

Alles ist perfekt – nur meine Motivation ist im Keller. Dabei habe ich nur noch knapp 5 Monate bis zum Stadtmarathon in Penang und zur Zeit (Vorsicht: Wortspiel!) hinke ich meinem Trainingsplan schon ordentlich hinterher. Oder besser: ich hinke noch nicht einmal, ich sitze dauernd nur am Schreibtisch, anstatt mich in Form zu bringen für 42 Kilometer durch die Tropen – am Stück und unter 4 Stunden! Wenn ich nicht bald mal wieder einen Motivationsschub bekomme, muss ich mich gar noch ummelden und nehme nur am Halbmarathon teil.

Was für ein gruseliger Gedanken, das darf natürlich auf gar keinen Fall passieren. Ich brauche doch nur diesen Motivationsschub! Rein intellektuell ist es auch nicht schwierig, mein Kopf sagt: lauf schon endlich los, du Depp! Aber mein Körper sagt: nö, keine Lust! Aber mal so gar nicht. Vielleicht sollte ich mir mal wieder Forrest Gump angucken. Da kriegt doch jeder direkt Lust, loszulaufen, oder nicht? Lauf, du Depp, lauf!

Vielleicht sollte ich zuerst einmal wieder den Standpunkt ändern. Ich meine nicht den metaphorischen, sondern den rein lokalen. Bewegung tut immer gut, vor allem dem Gemüt. Also schwinge ich mich gleich mal auf´s Motorrad und fahr zum Reisebüro und kaufe mir ein Busticket irgendwohin. Es muss ja gar nicht weit weg sein, Hauptsache weg von hier, weg von dem Ort, der mich auf einmal so fußlahm gemacht hat. Irgendetwas saugt hier meine Motivation auf wie ein Vampir, habe ich den Eindruck.

Eigentlich sollte ich ja zum Reisebüro joggen, verdammt. Das ist doch nur knappe 12 Kilometer weg, Herr Gott nochmal. Es ist bewölkt, die Straßen sind leer und nach Regen sieht es auch nicht gerade aus. ALLES spricht dafür, einen Dauerlauf zu unternehmen und das Busticket zu Fuß kaufen zu gehen. Gleichzeitig erwische ich mich bei dem Parallelgedanken, das alles einfach mal wieder auf morgen zu verschieben. Das ist mir alles schon wieder viel zu viel Aufwand und ich finde es gerade auf der Veranda am Schreibtisch ganz erbaulich.

´Back to the basics, back to the Veranda´.

So geht das im Moment Tag für Tag. Alles wird auf den nächsten verschoben, vor allem das Marathontraining. Es ist ganz schrecklich und es ist zum verzweifeln. Mit solch einem unmotivierten Gemüt ist es doch eigentlich das denkbar beste, sich ein paar Flaschen Bier zu holen und schnell wieder auf die Veranda zurückzukehren. Aber das Bierbüdchen ist schließlich auch so weit weg. Gute 50 Meter trennen mich von der erquicklichen Labsal mit Hopfen und Malz. Verdammt, wo ist eigentlich mein Motorradschlüssel?

Bis gleich und Prost, euer Tankred 😉


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