Nach London ist vor Berlin, oder: warum deutsche Leichtathleten nur Mittelmaß sind

von Tankred Dankmar am 17. August 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Die Leichtathletik WM in London ist vorbei und der Deutsche Leichtathletik-Verband spricht davon, mit dem Ergebnis „zufrieden“ zu sein und dass man sich auf die EM 2018 im heimischen Berlin freue. Und das ist ja auch sehr schön für die Bürohengste des Verbandes, dass die sich freuen und zufrieden sind. Aber so richtig zuhören tun die den deutschen Leichtathleten immer noch nicht, oder?

Typisch deutsch! Alles schön reden, Kritik – vor allem Eigenkritik – tunlichst vermeiden, nie auf Missstände hinweisen, sondern immer nur das Positive sehen, auch wenn es noch so unspektakulär ist. Mit 1 Mal Gold, 2 Mal Silber und 2 Mal Bronze steht Deutschland an 10. Stelle des Medaillen-Rankings dieser WM. Und man ist also zufrieden damit. Weil – und ich zitiere den Cheftrainer der deutschen Leichtathleten Idriss Gonschniska – „das ist im Rahmen dessen, was wir uns vorgestellt haben“.

Die Sport-Arena in London – ein paar mehr Medaillen hätten die deutschen Leichtathleten da schon raus tragen dürfen. Bild: freie Nutzung

 

So so, haben wir das? Ich denke nicht, dass wir das haben. Ihr vielleicht, die meisten von uns hatten aber mit deutlich mehr gerechnet. Und anstatt auf die wahren Gründe für dieses Abgleiten ins Mittelmaß, das schon seit Jahren immer deutlicher zu sehen ist, hinzuweisen, hat man jetzt ganz schnell eine tolle Ausrede parat: Magen/Darm-Probleme der GESAMTEN deutschen Mannschaft. Aha!

Man kann mir ja viel erzählen, aber nicht das eine GESAMTE Mannschaft in LONDON auf einmal von ein und demselben fiesen Bakterium oder was auch immer befallen wird. London liegt doch nicht in den Tropen oder im Herz von Afrika! Und ich kann mir auch nur sehr schwer vorstellen, dass die GESAMTE deutsche Mannschaft wild knutschend zusammen in einem Whirlpool gefeiert hat. Und dass die Russen das Frühstücksbuffet unserer Athleten mit Erregern kontaminiert haben, kann ich mir auch nur sehr schwer vorstellen. Denn vor deutschen Leichtathleten zittert die Welt genauso wenig wie vor der Bundeswehr.

Ne ne, das hört sich für mich nach einer verdammt lahmen Ausrede an. Denn dass deutsche Leichtathleten durch die Bank weg kaum noch Spitzenleistungen bringen und der Weltspitze in fast allen Disziplinen höchstens noch hinterher humpeln, liegt bestimmt nicht an dem Fraß in London. Es liegt daran, dass die deutsche Politik nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts für die Förderung der Leichtathletik tut.

Nur mal zwischendurch – die Siegerehrung im Marathon dieser WM . Gold: Geoffrey Kiuri (Kenia), Silber: Tamirat Tola (Äthopien), Bronze: Alphonse Felix Simbu (Tansania).

Bild: Marco Verch – CC BY 2.0

Machen wir uns nichts vor. In Deutschland stellen sich Politiker gerne mit Medaillengewinnern vor die nächstbeste Kamera und schütteln aufgeregt und lobpreisend Hände – mehr aber auch nicht. Was da an Fördergeldern in die Leichtathletik fließt, ist dagegen lächerlich und weit weniger wert als ein medienwirksames Photo. In einer (Sport)-Welt, in der Leichtathleten auf internationalem Niveau trainieren müssen, aber gleichzeitig mit 30 noch bei den Eltern wohnen, weil sie nebenbei noch studieren, da sie wohl nie von ihrem Sport leben werden können, da läuft doch etwas nicht ganz richtig. Selbst einige bettelarme Staaten in Afrika behandeln ihre Spitzensportler besser als die Deutschen.

Himmel, Arsch und Zwirn! Spitzensportler zu sein – oder auch nur, um aus einem vielversprechenden Talent einen zu machen – das ist ein Vollzeitjob! Und irgendwer muss dafür das Gehalt aufbringen! In Frankreich und England zum Beispiel sind Spitzen-Athleten verbeamtet, damit sie sich ganz auf das Wesentliche konzentrieren können. Da wird sich auch nach der aktiven Karriere noch drum gekümmert. Und genau so wird sportlich korrekte Politik gemacht, Ihr Pappnasen! (Nicht ihr, liebe laufende Gemeinde. Ich meine den politischen Betrieb).

Jetzt soll mir an dieser Stelle bitte keiner die Geld-Karte ausspielen. Ein paar Hundert Talente zu fördern und Spitzen-Athleten zu versorgen kostet nun wirklich nur Peanuts. Wir müssen ja keinem Millionengagen zahlen. Aber vernünftig und ausreichend fördern – das wäre ziemlich klug. Und das auch nicht nur im Sinne der Sportler, sondern auch im Sinne des Volkes und damit auch im Sinne der Politik.

Mensch Leute, echt aye! Das Volk will Medaillen! Das Volk will Rekorde brechen sehen! Das Volk will, dass seine Heroen als erste durchs Ziel schweben, am weitesten werfen und am längsten durchhalten. Denn jeder mag Sieger! Kund keiner interessiert sich für das Mittelfeld! Und wie wir am Erfolg der „Mannschaft“ (gemeint ist die Nationalmannschaft) sehen, tun der Volksseele Erfolge auf der sportlichen Ebene extrem gut. Und das wissen auch die verantwortlichen Politiker. Warum sonst schieben die sich so gerne und so medienwirksam in jedes Bild, das sie gemeinsam mit erfolgreichen Sportlern zeigt?

Liebe laufende Gemeinde! Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin wirklich der Letzte, der beim Sport mit aufgemalter Fahne im Gesicht „Deutschland“ schreit. Ich gehöre der Generation an, welcher das immer noch ein wenig suspekt vorkommt. Ich fühle mich sogar recht unwohl dabei, wenn links und rechts neben mir irgendwas „Deutsches“ abgefeiert wird. Da läuft es mir kalt den Rücken runter, echt.

Aber ich finde auch, dass die deutschen Leichtathleten es einfach nicht verdient haben, jetzt so schamlos dafür getröstet zu werden, dass sie „nur“ Mittelmaß geworden sind. Das ist nicht ihre Schuld und auch nicht die eines ominösen englischen Magen/Darm-Erregers. Die Schuld liegt ganz klar an der mangelnden Förderung und dem deutlichen Desinteresse der politisch Verantwortlichen. Und wenn man damit „zufrieden“ ist und sich schon auf die EM in Berlin „freut“, dann könnte ich KOTZEN!

Typisch deutsch eben. Auf Missstände möglichst nicht hinweisen, sich zufrieden geben und schön die Fresse halten. Und gleichzeitig zeigen sich die Politiker mal wieder völlig blind dafür, was sie da durch ihr Unvermögen so anrichten. Ich finde das verlogen, kurzsichtig, ein bisschen arrogant und ziemlich dämlich obendrein.

Wenn der Cheftrainer Idriss Gonschinska dann noch in einem Interview zugibt: „Ich habe nicht ganz nachvollziehen können, das über Medaillenhoffnungen gesprochen wurde, die wir nie gehabt haben“, dann unterstreicht das nur meine böse Ahnung: die deutschen Leichtathleten haben die Hoffnung bereits aufgegeben, dass sie in absehbarer Zeit mal wieder mehr als nur einen respektablen 10. Platz im Medaillen-Ranking erreichen werden. Und das, liebe laufende Gemeinde, ist verdammt traurig. Mir tun die deutschen Leichtathleten wirklich leid, weil sie in einem Land leben und trainieren müssen, das sich anscheinend einen Scheiß für sie, ihr Talent und ihre Leistungen interessiert.

Das ist Gina Lückenkemper. Sie ist wohl das größte Sprint-Talent in Deutschland. Sie muss auf internationalem Niveau trainieren und studiert gleichzeitig Wirtschaftspsychologie in Bochum. Sie wird von der Sportstiftung NRW gefördert. Es ist die einzige Sportstiftung im bevölkerungsreichsten Bundesland und hat pro Jahr lediglich 5,4 Millionen Euro zu vergeben – was für sämtliche Sport-Talente in NRW reichen muss.

Bild: Frank Haug – CC BY 3.0

Gina Lückenkemper ist im Vorlauf des 100 Meter-Sprints der Damen sagenhafte 10.95 Sekunden gelaufen. So schnell ist seit 26 Jahren keine Deutsche in einem offiziellen Wettkampf mehr über diese Distanz gerannt (zuletzt gelang das Katrin Krabbe bei ihrem WM-Titel in Tokio). Und mit dieser Zeit hätte sie auch die Chance, bei den „richtigen“ internationalen Größen mitzulaufen – wenn man sie ordentlich unterstützen und fördern würde. Denn ansonsten bleibt dieser Ausnahme-Lauf eine Eintagsfliege.

Na ja, ich versuche mich trotzdem mal mit allen anderen auf die EM 2018 in Berlin zu freuen.

In diesem Sinne,

#keeponrunning

Euer Tankred


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