Nur wir Läufer sind wirklich frei!

von Tankred Dankmar am 10. Dezember 2015

Zunächst einmal: schön, dass Euch Daheimgebliebenen die Kolumne vom letzten Mal anscheinend so gut gefallen hat. Freut mich ehrlich. So ist das ja auch gedacht, dass ihr Spaß beim Lesen habt.

Sollte tatsächlich mal einer von Euch lieben Läufern in diese tropischen Gefilde kommen, dann gilt meine Einladung natürlich: lasst es mich wissen, wenn ihr dann mal zusammen laufen wollt. Das machen wir dann via Email aus. Wie gesagt, auch im Urlaub fällt es dem gemeinen Läufer ja schwer, einfach nicht zu laufen und wie andere Leute auch, einfach die Füße hochzulegen und den Läufergott einen lieben Mann sein zu lassen.

Deshalb finde ich, kann man immer das Angenehme mit dem Angenehmen verbinden, wenn man als Läufer Urlaub macht: beim Lauftraining einfach die unbekannte Gegend erkunden und entdecken. Da kommt man meistens an Ecken vorbei, wo keine Reiseführer vorbei fahren und wo man als Tourist sonst nie einen Blick hinwerfen würde. Außerdem kann man die Atmosphäre der Gegend dann so schon spüren.

Einer dieser kleinen Tempel auf der Strecke, in die einen nie ein Reiseführer bringt

© Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0

Ich muss aber sagen, dass es mich schon wieder ein bisschen woanders hinzieht. Mir jucken die Wanderfüße, wenn ich ehrlich bin, obwohl Penang sowohl für mich als Läufer als auch als Reisender durchaus noch mehr zu bieten hat, als das, was ich in den letzten 10 Wochen nun kennen gelernt und belaufen habe. Aber so ist das manchmal. Wenn man hingehen kann, wohin man will, hat man meistens keine Ahnung, wo es einen überhaupt hinzieht. Dann kriegt man nur so ein unbestimmtes Gefühl, welches weder Ziel noch Richtung kennt, sondern nur andeutet, dass es bald weiter geht.

Aber egal. Laufen kann ich schließlich überall. Und das ist das Gute an diesem Sport. Wir, liebe laufende Gemeinde, brauchen nichts als ein ordentliches Schuhwerk und unseren guten Willen, um einfach überall loszulaufen. Aber das wisst ihr genauso gut wie ich, wem erkläre ich hier was? Und auch das ist das Schöne am Laufen, dass man wie ein junger Hund einfach immer die Richtung ändern kann. Der einzige Sport, der das auch noch zulässt, ist Radfahren. Wenn man ein bisschen Kondition mitbringt und nicht pünktlich zu Hause sein muss, kann man seinen Lauf (wie das Radfahren auch) völlig selbst bestimmen. Und auch das mag ich noch mehr an diesem Sport.

Nichts schränkt uns ein, niemand hält uns auf und alle Wege stehen uns beim Laufen offen. Alles, womit wir etwas beim Dauerlauf zu tun haben, sind wir selbst. Manche müssen mit jedem Schritt ihren inneren Schweinehund bekämpfen, andere genießen diese Stunden einfach nur, weil sie vielleicht die einzige wirklich freie Zeit des Tages oder der Woche sind. Ansonsten sitzt man im Büro oder in der Uni herum und abends hat man noch ein Familienleben oder trifft sich mit Freunden. So schön das alles auch ist, manchmal will man doch auch mal allein sein und der Nase nach laufen, oder nicht? Ist das nicht einfach nur menschlich?

Ich glaube, viele Läufer haben dieses Einzelgänger-Gen in sich, ein wenig mehr, als vielleicht andere Menschen. Und das Laufen ist ein unbewusster Ausdruck dessen. Da mag jetzt manch ein Familienmensch, der auch gerne läuft, entschieden mit dem Kopf schütteln. Aber ich habe ja auch nicht gesagt, dass das jeden Läufer betrifft. Aber ich schätze es sind doch mehr, als man denkt. Und in einer Gesellschaft, die keinen Platz für Einzelgänger und Individualisten lässt, ist der Dauerlauf eines der letzten Refugien der absoluten Selbstbestimmung.

Selbst die Radfahrer müssen sich noch an die Verkehrsregeln halten. Als Geländeläufer, der durch den Harz oder das Siebengebirge läuft, muss man das nicht. Und hier in den Tropen auch nicht. Wir können nach links oder rechts laufen, wann immer wir wollen. Springen, Spurten oder einfach querfeldein. Für zwei oder drei Stunden sind wir als Läufer völlig freie Menschen. Und wer kann das schon von sich behaupten, wenn er diesen wunderbaren Sport nicht macht?

Tolle Aussicht und die freie Wahl des Weges

Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, warum nicht alle gesunden Menschen laufen. Ehrlich, verstehe ich kein bisschen. Alles an diesem Sport ist einfach nur geil. Er ist sexy, wild, frei und unfassbar gesund für Körper und Geist. Gut, am Anfang ist es echt ein bisschen anstrengend, aber das kriegt man schon hin. Schließlich ist ein 5 km Lauf keine Everest-Besteigung, für die man ein Jahr trainieren müsste. 5 km kriegt jeder mit halbwegs Normalgewicht schon nach einem Monat hin. Und nach spätestens einem Jahr Training kriegt man auch den Halbmarathon gebacken. Bis zum Marathon wird es dann allerdings wieder etwas schwerer, das muss man leider sagen. Aber auch er ist ein Ziel, welches jeder erreichen kann, der will.

Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht um diesen 10 oder 15 km Lauf am freien Sonntag. Man hüpft und läuft wie ein junger Hund durchs Gelände, vielleicht mal ein Stück über die Landstraße. Man genießt den Augenblick und die Aussicht, man genießt sein aufgeregt pochendes Herz und man genießt einfach mal sich selbst und sein freies Menschsein. Denn dafür ist unser Körper von der Natur entworfen worden – zur freien Bewegung.

Ich glaube ganz fest daran, dass der Mensch laufen WILL, ob ihm das nun bewusst ist oder nicht. Aber es wie mit so vielem anderen auch – die Zivilisation und ihre bequeme Lebensweise haben es uns abgewöhnt. Sie haben es uns genommen, uns frei bewegen zu können. Aber beim Dauerlauf, liebe Freunde, da haben wir es wieder. Dieses Gefühl ein bewegter Mensch zu sein. Und deshalb sei er gelobt, unser geliebter Dauerlauf!

#keeponrunning


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