Robby Clemens läuft von Pol zu Pol, und ich bekomme mich nicht aufgerafft!

von Tankred Dankmar am 28. Juli 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Mich zur Zeit den faulsten Mit-Läufer in unserer schönen Gemeinde zu nennen, wäre wahrscheinlich noch ein Kompliment. Wahrscheinlich bin in ich auch derjenige, der in der kürzesten Zeit am meisten dazu gespeckt hat. Es ist wirklich hanebüchen, wie „ernst“ ich unseren schönen Sport gerade nehme. Einmal gar nicht. Leider. 

Warum ist das so? Ich habe keine Ahnung. Ehrlich, ich stehe jeden Morgen mit den allerbesten Vorsätzen auf. Nur tagsüber kann ich hier in Malaysia nicht laufen, dafür ist es jetzt zur „heiß-feuchten“ Saison des Jahres einfach zu heiß, da riskiere ich ernsthafte gesundheitliche Schäden. Schwächeanfall, Hitzeschlag, Herzinfarkt und Schlaganfall hießen dann meine Trainingspartner. Nein, nein, wenn ich hier laufen kann, dann erst nach Sonnenuntergang. Und das ist immer noch zu heiß.

Ich arbeite also tagsüber unter dem Ventilator. Dabei bemerke ich aber auch, wie Stunde um Stunde meine Motivation rapide abnimmt. Und da ist dann gegen acht Uhr abends nichts mehr von übrig, sie ist wie weggeblasen. Es ist wirklich erschreckend, wie wenig Willenskraft ich zur Zeit aufbringe und wie egal mir mein körperliches und geistiges Wohlbefinden ist. Es grenzt an Selbstverrat und passive Autoaggression.

Was das Ganze auch wirklich nicht besser macht, ist, dass ich in den letzten Wochen unter anderem zwei Kochbücher geschrieben habe. Eins davon ist über die Küche Südostasiens. Da ich vor Ort bin, musste ich mich da natürlich auch gut vorbereiten. Recherchieren nennt man das unter uns Schreiberlingen dann wohl. Tja, meine sogenannte Recherche trage ich nun auf den Hüften, da ich abends, anstatt zu laufen, lieber die leckersten Restaurants und Essensstände der Stadt besucht und mich die Speisekarte rauf und runter gefressen habe. 

Lieber „Mie Goreng“ als Lauftraining. Man tut sich selbst manchmal die größten Übel an. Warum auch immer.

Bild: Gunawan Kartapranata – CC BY-SA 3.0

Seltsamerweise ist es ja auch so, dass, je mehr Gewicht man zulegt und mit sich herumschleppt, desto weniger will man damit auch noch laufen. So langsam verstehe ich die „Dicken“, die gar nicht erst los laufen und total demotiviert sind. Es fängt an, mir ähnlich zu ergehen und fortan spare ich mir wohl alle Dicken-Witze und bringe mehr Verständnis auf. Gruselig.

Ich brauche unbedingt etwas Motivation! Ich bräuchte jetzt: Robby Clemens! Von dem habe ich bei der täglichen Zeitungslektüre heute morgen ein Interview im Spiegel online gelesen. Und der Spiegel interviewt Robby Clemens, weil sich dieser Mann vorgenommen hat, von Pol zu Pol zu laufen. Jawohl, von Pol zu Pol. Und sind wir ehrlich: schwieriger kann man sich seine Laufstrecke wohl nicht aussuchen. Und er nimmt sich dafür zwei Jahre Zeit.

Gestartet ist er vor einigen Wochen am Nordpol. Da ist er gleich mal bei einem Marathonwettbewerb mit gerannt. Dann ist er 20 Tage quer durch Grönland marschiert, durch Schneesturm und gefühlte minus 50 Grad Celsius. Mittlerweile ist er in den USA angekommen und marschiert und rennt jetzt da durch. Es erwarten ihn noch Zenral- und Südamerika und der Südpol.

Pittoresk ist es da ja, am Nordpol. Als Marathonläufer hat man sich da aber ganz schön was vorgenommen. Bild: Public Domain

 

Er hat sich vorgenommen, jeden Tag mindestens einen Marathon zu laufen, wenn nicht rennend, dann zumindest zügig marschierend. Wobei er in dem Interview auch festhält, dass er auch mal stehen bleibt, um sich die Schönheiten am Wegesrand anzusehen und Land und Leute ein bisschen kennen zu lernen. Er ist ja nicht auf der Flucht, der Robby Clemens.

Wie er denn auf so eine Wahnsinnsidee gekommen ist, fragte ihn der Spiegel. Nun, sagte Robby Clemens, vor knapp 20 Jahren hat er in Deutschland alles verloren, ging so richtig schön pleite und verlor mit 2,2 Millionen alles, was die Familie hatte. Vor lauter Unglück stürzte er sich auf den Alkohol und wurde zum Vorzeige-Trinker.

Irgendwann saß er beim Arzt und der gab ihm unangekündigt eine saftige Ohrfeige und sagte ihm sehr deutlich, dass er bald sterben werde, wenn er so weitermache. Und das weckte ihn halt auf. Von einem auf den anderen Tag hörte er auf zu rauchen und zu trinken und fing an, seine stolzen 125 Kilo Schwabbelgewicht in Laufklamotten zu fummeln – und lief los.

Heute ist Robby Clemens 55 Jahre alt und läuft vom Nordpol zum Südpol. Gertenschlank ist er natürlich mittlerweile auch. Er gilt als Extremsportler und ist zumindest so bekannt, dass ihn die Band „Rammstein“ hinter die Bühne einlud, als sie in den USA ein Konzert spielten und er gerade vorbei lief. Sie sangen auch extra ein Lied für ihn, putzigerweise den alten Schlager „Ich geh vom Nordpol zum Südpol“ von Franz Schöbel. Das hat Robby Clemens sehr gefreut.

Nur eingefleischte Schlager-Fans dürften Franz Schöbel kennen. Er war einer der erfolgreichsten Sänger der ehemaligen DDR und begeisterte seine Fan-gemeinde unter anderem mit dem 1973 erschienen Hit „Ich geh vom Nordpol zum Südpol zu Fuß“. Robby Clemens setzt den Schlager jetzt in die Tat um.

Bild: Bundesarchiv, Bild 183-W0115-047 / Reiche, Hartmut – CC BY-SA 3.0 de

Und: der Mann ist in Deutschland unter anderem auch als Motivationstrainer aktiv! Und deshalb könnte ich Robby Clemens jetzt extrem gut an meiner Seite gebrauchen. Nur zu dumm, dass er sich eine Strecke am anderen Ende der Welt ausgesucht hat, um zu Fuß vom Nordpol zum Südpol zu laufen. Der ist gute 15.000 km von Malaysia entfernt. Luftlinie. Den treffe ich also nicht einfach mal im Vorbeilaufen.

Ich muss wohl versuchen, Kraft aus meinen eigenen Gedanken zu schöpfen. Was würde Robby Clemens tun? Er denkt bestimmt wesentlich weniger ans Essen als ich den halben Tag. Wahrscheinlich würde er sich auch von der niederdrückenden Hitze hier nicht aufhalten lassen. Minus 50 Grad Celsius haben ihm ja anscheinend auch nichts ausgemacht. Er würde wahrscheinlich einfach loslaufen, anstatt in einer Kolumne darüber herum zu lamentieren, dass er gerade nicht läuft und fett wird. 

Irgendwer muss mir mal eine ordentliche Ohrfeige verpassen, fürchte ich.

Liebe laufende Gemeinde! Ihr seid herzlich dazu eingeladen, hier in Malaysia vorbeizukommen und mir ordentlich eine runter zu hauen. Ich brauche das gerade. Einen Motivationsschub, auch wenn er weh tut.

Setzt Euch ins Flugzeug, kommt auf mich zu und scheuert mir eine – und zwar ohne Vorankündigung. Ich will wieder einfach loslaufen und diese fiesen Gedanken an leckeres Essen aus meinem verseuchten Hirn vertreiben. Ich will nicht mehr, dass der Hosenbund spannt. Ich will sein wie Robby Clemens! Top motiviert halt.

Ich bitte Euch um Hilfe,

Euer Tankred


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