Sightseeing by Laufen – laufend die Welt entdecken!

von Tankred Dankmar am 25. November 2015

Soooooo, liebe laufende Gemeinde. Im letzten Artikel habe ich ja über die hiesigen Probleme wegen der saisonalen Luftverpestung durch die Waldbrände in Indonesien und in Malaysia berichtet. Nun ist der Monsun aber langsam angekommen und es regnet sich ein. Das heißt zum einen, dass die Brände immer weniger werden, weil Wasser und Feuer und so. Zum anderen dreht sich mit dem Monsun aber auch der Wind.

Jetzt wird der Rauch nicht mehr in meine Richtung geblasen, sondern von mir weg. Und schon klappt das mit dem Laufen auch schon wieder bedeutend besser. Jetzt kann ich diese schöne, exotische Stadt laufend genießen und entdecken.

Sport und Sightseeing lassen sich mitunter ja sehr gekonnt verbinden, finde ich. Ich habe das schon immer gerne getan. Das war einer der Gründe, warum ich mit dem Laufen überhaupt mal angefangen habe.

Man braucht keine teuren Geräte, keinen Raum, sondern kann nach Lust und Laune der Nase nachlaufen und entdeckt noch gleich die Welt dabei. Und als Neuzuzügler in Penang bietet sich das ja geradezu an. Es gibt hier so viel Sehenswürdigkeiten und unterschiedliche Kulturen, alles vermischt sich, es ist ein Fest der Sinne.

Jahrhunderte alte Kolonialarchitektur, die tropische Patina angesetzt hat, moderne Hochhäuser aus Chrome und Stahl, chinesische Tempel, Little India, Rikschafahrer und importierte Sportwagen. Straßenkunst, Einkaufszentren und feine botanische Gärten. Alles da. Es ist wie ein großes Läufer-Disney Land.

Original chinesische Fassade mit Rikschas.

Penang ist 292 Quadratkilometer groß. Das ist nicht viel größer als eine große Pirateninsel. Und überall sind Schätze verborgen und zu entdecken. Hier kann ich erst mal laufen, bis der Arzt kommt und werde doch noch nicht alles gesehen haben. Schön schön. Die Insel Koh Pha Ngan, auf der ich bis vor kurzem gelebt habe, hat da weit weniger zu bieten. Auch wenn das wirklich mal eine Pirateninsel gewesen ist. Da war ich nach einem halben Jahr mit dem Sightseeing beim Laufen aber durch. Da kannte ich bald jeden Stein. Und ich freue mich riesig, dass ich nun ein neues Territorium zu entdecken habe.

In den letzten zwei Wochen habe ich mir einen Rhythmus angewöhnt, bei dem ich jeweils drei Tage je 5 bis 8 km Strecke mache, wobei ich immer mir immer ein anderes Ziel vornehme und versuche dort mit meinem Orientierungssinn hinzufinden. Zugegeben, manchmal muss ich schon mal nach dem Weg fragen. Mein Orientierungssinn in der Stadt hat ein wenig nachgelassen. Auf der thailändischen Provinzinsel orientierte ich mich eher am Stand der Sonne.

In der Stadt sucht man sich ja dagegen eher markante Fluchtpunkte wie herausragende Hochhausspitzen und Verkehrsknotenpunkte, um sich zu orientieren. Das Schöne ist: auch hier kann ich nicht wirklich verloren gehen, ich bin ja schon wieder auf einer Insel. Egal, in welche Richtung ich laufe, spätestens, wenn ich Wasser vor mir sehe, weiß ich, dass ich zu weit gelaufen bin. 😉

Inselleben. Strand erreicht. Weiter geht´s mit dem laufen nicht.

Foto: Asiadetailfeed – CC BY SA 2.0

Eins meiner ersten Ziele war hier auf Penang das weltberühmte Hotel ´Eastern Oriental´. Es ist 1882 von den britischen Kolonialherren erbaut und frönt in allem dem typisch britischen Understatement in Übersee und galt seinerzeit als das ´beste Haus östlich des Suez´. Auch heute noch gilt es als eines der besten und interessantesten Hotels in ganz Asien.

Kipling, Hesse, Somerset Maugham – einige meiner sehr wertgeschätzten Schreiberkollegen haben hier schon fürstlich residiert. Ich kann mir hier zwar eine Übernachtung auch beim besten Willen nicht leisten, aber ich kann ja wenigstens mal in Sportklamotten schwitzend vorbeilaufen und die herrschaftlichen Damen und Herren bei ihrem High Tea um 17.00 Uhr erschrecken gehen.

Das Eastern Oriental Hotel. Was Hesse wohl gesagt hätte, wenn er mich an ihm vorbeilaufen gesehen hätte?

Foto: Gryffindor – CC BY 2.5

Von dort aus dann in Richtung ´Little India´. Wie der Name schon sagt, geht es hier recht indisch zu.

Penang liegt ja in der Straße von Malakka. Dieser Seeweg war und ist immer noch viel von Schiffen befahren. So liegt Penang auf mehr oder weniger halber Strecke zwischen Indien und China, wenn man auf dem Seeweg unterwegs ist. Deshalb haben sich hier ja auch die Kulturen so sehr vermischt. Inder, Chinesen und natürlich Malayen teilen sich diese Insel. Die Inder sind meistens Hindus, die Chinesen Buddhisten oder Konfuzianer und die Malayen sind natürlich muslimisch.

Und ich habe schon einige Orte auf der Welt gesehen, aber noch keinen, in dem so viel kulturelle und religiöse Toleranz herrscht. Ehrlich, die leben hier nicht einfach nebeneinander, beäugen sich misstrauisch und lassen sich einfach nur in Ruhe.

Nein, es herrscht eine offene Akzeptanz und man vermischt sich. Die Atmosphäre ist kaum zu beschreiben. Ich rate jedem, der Vorbehalte gegen das Multi-Kulti-Konzept hat, mal hier her zu reisen, zu sehen und zu staunen. Es geht nämlich doch friedlich. Und hier schon seit Jahrhunderten!

Wo viele Inder zusammenkommen, sieht´s immer ein wenig voll aus.

Auf der Strecke muss ich mich natürlich durch den Straßenverkehr wühlen. Und wenn ich eins in Asien gelernt habe, dann ist es, dass man alles über Straßenverkehrsregeln vergessen muss, was man als Deutscher meint darüber zu wissen. Dinge wie Vorfahrt oder Zebrastreifen sollte man ad acta legen. Sonst wird man überfahren oder regt sich nur unnötig auf.

Ich muss zugeben, auch bei mir steckt das ein bisschen tief drin und ich werde schon mal ausfallend, wenn mich fast wieder einer über den Haufen fährt, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass ich als Fußgänger – oder besser als Fußläufer – gerade die Vorfahrt genießen würde…. wenn ich in Köln oder München wäre. Hier nicht! Hier hat das größte Auto IMMER Vorfahrt, so einfach ist das. Das heißt aber nicht, dass die anderen Verkehrsteilnehmer nicht freundlich wären. Sie fahren nur nach anderen Regeln.

Ein sehr freundlicher Verkehrsteilnehmer in einem stattlichen Mercedes-Oldtimer.

Und so entdecke ich nun diese Insel in Sportklamotten. Ich kann das ja jedem nur raten, der auch läuft. Packt die Sportklamotten ein, wo auch immer ihr hinreist. Und macht nicht nur eine Runde um den Hotelblock, sondern lauft, als wenn ihr auf Sightseeingtour wärt. Ich nenne das laufend wandernd.

Denn ich finde, dafür haben wir doch alle so viel trainiert – nicht, um die Bestzeit auf der Tartan-Bahn zu rennen, sondern nur, um ein bisschen schneller zu sein als alle anderen. Und dabei die Welt zu sehen und im Schweiße unseres Angesichtes so viel zu entdecken, wie es geht. Uns selber, unsere Umwelt, unseren inneren Schweinehund, manchmal. Und wenn man dann wieder zu Hause oder im Hotel ankommt, mit einem Lächeln auf den Lippen glücklich und verschwitzt zu sein.

Ach, so schön kann das Laufen sein! Findet ihr nicht?


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