Trendsport, Neymar und warum ich froh bin, „nur“ ein Läufer zu sein

von Tankred Dankmar am 7. August 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Beim Stöbern durchs Internet habe ich gerade eine Schlagzeile gelesen, in welcher der Laufsport als ein „Trendsport“ beschrieben wird. Findet Ihr nicht auch, dass das ziemlicher Unsinn ist? Ich meine, natürlich laufen immer mehr Menschen durch den Wald und über Wiesen, aber das ist doch kein Trend. Ein Trend ist etwas, das verstärkt auftaucht und dann wieder genauso schnell verschwindet. Aber das Laufen, das war doch immer schon da, oder nicht?

Man kann ja nun wirklich beim Laufen nicht von einer Modesportart sprechen. Seitdem es Fitness gibt, gibt es auch den Laufsport für Hobbyisten. Eine Mode…tse…Wingsuit-Gluiding – oder wie man das auch immer nennt in diesem Batman-Kostüm – das ist eine Trendsportart. Trampolin-Springen im Fitnessstudio, das ist eine Trendsportart. Aber doch nicht das Laufen.

Aber ich weiß ja, was der Autor dieser Headline sagen will: Es gibt immer mehr Laufsport-Begeisterte – und das ist ja auch gut so. Alle ernähren sich gesünder, geben besser auf sich acht und gerade Konditionssportarten sind voll im Trend. Was den Laufsport aber nicht zu einer Trendsportart macht, sondern es ist ein Trend, dass plötzlich so viele laufen. Ein kleiner, aber feiner grammatikalischer Unterschied. Und ich stehe jetzt wie ein Klugscheißer da. Das hatte ich eigentlich nicht vor. 😉

Themenwechsel!

Apropos Trendsport. Ich finde es ja etwas erstaunlich, wie wenig mediale Aufmerksamkeit die Leichtathletik-WM in London gerade bekommt. Oder geht nur mir das so? Ich empfange ja kein deutsches TV, vielleicht geht das nur hier in Malaysia fast spurlos an mir vorbei. Aber ich lese mich eigentlich auch ein paar Mal die Woche durch diverse deutsche und internationale Online-Zeitungen. Und da muss ich schon nach Artikeln darüber suchen.

Dafür springt mich aber auf gefühlt jeder zweiten Seite irgendwas mit Fußball an. Bedenklich, wenn man die Leistungen von Top-Leichtathleten mit denen eines Fußballspielers vergleicht, finde ich. Nicht, dass ich die Leistungen von Fußballspielern hier schmälern will. Das käme mir nie in den Sinn. Aber verglichen mit einem Zehnkampf oder einem schnellen Marathon…

Fußball auf jeder Titelseite, während die „echten“ Athleten sich in London die Füße wund laufen.

Bild: Christopher Johnson – CC BY-SA2.0

Der Brasilianer Neymar ist jetzt also der teuerste Spieler aller Zeiten. Sagenhafte 222 Millionen Euro hat Paris St. Germain für das Ausnahmetalent springen lassen. Ich persönlich finde ja, dass wenn überhaupt einer dieses stolze Sümmchen wert sein sollte, dann ist es Messi. Aber der ist ja unverkäuflich. Ich bin mir aber sicher, dass sich Ronaldo bei der Nachricht über den Rekordtransfer seine pomadierten Haare ganz schön gerauft hat. Er steht doch so gerne im Mittelpunkt und ist so eitel. Das hat ihm bestimmt ganz und gar nicht gepasst, dass da jetzt einer mehr kostet als er. 

Der Shitstorm in den Medien und in sämtlichen Facebooks und Twitter-Dingsbums im Netz war ja abzusehen. Gerade Weltverbesserer haben jetzt wieder eine ganze Menge zu posten. Wie viel Nahrung für hungernde Kinder könnte man für die Transfersumme eines brasilianischen Fußballspielers kaufen? Und so weiter. Und das ist ja nur richtig so, diese Fragen darf und sollte man an dieser Stelle ruhig einmal stellen.

Wie viel sollte uns Sport wert sein? Vor allem, wenn man ihn – so wie die meisten „Fußballverrückten“ – gar nicht selbst ausführt, sondern ihn nur vor der Glotze konsumiert. Denn durch dieses Konsumieren von Fußball kann es  sich ein Verein überhaupt erst leisten,  solche Summen für Spieler zu berappen. Das kommt ja nicht vom Himmel geflogen, sondern wird von Werbepartnern bezahlt, die jetzt noch mehr bezahlen, weil Herr Neymar nun eben bei Paris St. Germain spielt und das Ganze auch sehr medienwirksam aufgeführt wurde. Dazu kommen noch Einnahmen aus dem Fanartikel-Verkauf und Anteile an Bezahl-Fernsehsendern. Und und und.

Fußballspieler sind heutzutage Marken – gut zu verkaufen und profitabel. Hier sehen wir den teuersten Spieler aller Zeiten – Neymar.

Bild: checkbrazil – CC BY 2.0

Nur nach London, da schaut kaum einer. Wer da den Siebenkampf der Damen gewonnen hat, weiß kein Mensch. Aber das Neymar 222 Millionen gekostet hat und jetzt in Paris spielt, das weiß jeder – auch die, die sich nicht für Fußball interessieren. Verrückte Welt.

Wie gut, dass wir nur Hobby-Läufer sind. So schön unkompliziert, so entspannt. Wir laufen alleine oder in der Kleingruppe durch den Wald und über Wiesen und brauchen dafür auch nichts anderes als ein paar olle Klamotten am Leib.  Uns guckt auch keiner zu und wir werden dafür auch nicht beschimpft, weil wir dabei Geld verheizen, das bei afrikanischen Kindern sicherlich besser aufgehoben wäre.

Ach ja, das Laufen ist so ein reiner, edler Sport. Genau das Richtige für echte Weltverbesserer. Wir haben es gar nicht nötig, unsere Wut über die Ungerechtigkeit der Sportwelt in den Untiefen des Internets herum zu posten. Wir machen die Welt besser, weil wir Läufer sind und über Fußballverrückte nur snobistisch unsere feinen Näschen rümpfen. 😉

Tun wir natürlich nicht. War nur Spaß.  Wir könnten aber, wenn wir wollten. Aber wir sind viel zu entspannt, um uns auf solche Diskussionen einzulassen. Und um uns noch besser fühlen zu können, sollten wir uns das nächste Paar neue Laufschuhe einfach mal sparen, die alten richtig auftragen und einen kleinen Scheck nach Afrika schicken. Und wenn wir das getan haben, dann schauen wir uns die Leichtathletik-WM an. Denn wenn keiner nach Paris St. Germain guckt, dann war Neymar das viele Geld auch gar nicht wert. Und dann wird so ein Wahnsinn sicherlich nicht noch mal passieren.

In diesem Sinne,

#keeponrunning

Euer Tankred


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