Trotz meinem Sportlehrer bin ich ein Läufer geworden!

von Tankred Dankmar am 5. April 2017

Liebe laufenden Gemeinde!

„Jeder Jeck is anders“, wie der Kölner sagt. Will sagen: Jeder, wie er will und kann. Und das gilt gerade für Läufer. Denn der eigene Laufstil ist so persönlich und einzigartig wie ein Fingerabdruck. Man mag ja auf der Laufstrecke mal einem begegnen, der dasselbe sportliche Schuhwerk oder ebenfalls die neueste Kollektion Klamotten aus dem Sportbedarf des örtlichen Kaufhauses trägt, aber der Stil des Laufens selber – eben da „is jeder Jeck anders“.

Das fängt schon beim Gang an. Die einen trampeln, die andern tänzeln leichtfüßig, manche stolpern mehr, als dass sie laufen und manche laufen rund wie eine gut geölte Lokomotive. Das hat auch nichts mit dem Schuhwerk oder mit den Klamotten zu tun, das gewöhnt man sich eher an. Schon in der Schule konnte man beobachten, dass die einen beim Sport recht elegant erschienen, während die anderen ungefähr so behände agierten wie ein Sack Mehl, der umfällt.

Die einen hatten Ballgefühl und haben sich jedem auf sie zurasenden runden Ding formschön in den Weg geworfen und haben es beherzt, furchtlos aufgenommen, während andere schon beim Anblick eines liegenden Balls, welcher Art dieser auch immer sein mochte, zusammengezuckt sind, als hätten sie an einen elektrischen Zaun gepinkelt. 

UUUAAAAHHHH….HILFE!!!! Da kommt ein Ball auf mich zu! – Genauso guckt man dann, wenn man Angst vor dem Ball hat. Bild: gemeinfrei

 

Klar im Vorteil waren immer die Liebhaber und Künstler von Ballsportarten und die, die elegant Saltos und Flick-Flacks über die ollen blauen Turnmatten – die doch irgendwie recht hart waren, aber was nicht tötet, härtet ja bekanntlich ab – vollführen konnten.

Diese Gesegneten lächelte der Drill-Instructor a.k.a Sportlehrer immer versöhnlich und aufmunternd an. Die anderen, die Angsthasen und Vor-dem-Ball-Zusammenzucker, die wurden keines Blickes gewürdigt, sondern scharf kritisiert.

Nicht selten stand der Sportlehrer-Patriarch – anscheinend immer aus dem Volk der Spartaner stammend – direkt daneben, wenn eine solche Milchschnitte mal wieder bei dem erbärmlichen Versuch eines Flick-Flacks unsanft zu Boden gegangen war, schnauzte, fluchte und blies in die obligatorische Trillerpfeife, die immer um seinen Hals hing. Wo andere Lehrer Krawatten trugen, war der Phallusersatz des Sport-Hitlers seine dämliche Pfeife. Selber Pfeife, Du Pfeife. Hast es nicht bis zu einem echten Sportler gebracht und hast dann mit Mühe und Not noch Dein Lehramtsstudium inklusive Fach „Sport“ irgendwie gemacht. Herzlichen Glückwunsch, Du Arsch!

Der Archetypus eines guten Sportlers – immer sehr gefragt und bei allen beliebt. Hier zu sehen: Jim Thorpe (1912): Olympia-Sieger in den Sportarten Pentathlon (5-Kampf) und Decathlon(10-Kampf). Außerdem Star sowohl in der American Football League als auch in der American Baseball League. Aye Thorpe! Keiner mag Angeber! Bild: Public Domain

 

Mindestens die Hälfte meiner Klassenkameraden und -kameradinnen haben den Sportunterricht gehasst. In diesen Stunden erwartete sie immer nur Schmerz und Pein, weil sie Bälle ins Gesicht oder in die Eier abbekamen, die die Sport-Typen extra mitten rein platzierten. Und zusätzlich kam noch die Schmach, ausgelacht zu werden. Und die miese Type von Sportlehrer hat auch noch mitgemacht.

Die Mädels haben die Jungs, die kein Sport konnten, keines Blickes mehr gewürdigt, und die Mädels, die kein Sport konnten, wurden wiederum von den anderen Mädels aus der Gemeinschaft der Erfolgreichen ausgeschlossen. Da trennt sich schon die Spreu vom Weizen auf dem Schulhof jeder Mittelschule. Denn wer im Sport nicht gut war, sich dafür aber in Geschichte und Biologie immer als erster meldete, der galt als Streber. Und Streber waren und sind immer unerwünscht. Keiner mag Streber, aber alle lieben gute Sportler.

Das ändert sich auch im Erwachsenenleben nicht großartig. Denn wenn sich die Erwachsenen beim Klassentreffen ihres Nachwuchses dann zum obligatorischen „Spiel der Eltern“ auf dem Bolzplatz der örtlichen Schule aufstellen und gegeneinander antreten, dann haben es die Vor-dem-Ball-Zusammenzucker und die peinlichen Dicken wieder nicht einfach. Sie werden schon wieder vorgeführt wie im Sportunterricht vor 20 Jahren.

Die Sport-Typen spielen sich vor ihren billig frisierten, fast-Schönheitskönigin-Gattinnen auf, als würden sie gerade über Cäsar triumphieren und nicht auf einem Bolzplatz stehen und mit Müh´ und Not noch ein Rundes in ein Eckiges dreschen – und das auch nur, weil ein Vor-dem-Ball-Zusammenzucker im Tor steht und panisch zur Seite springt, anstatt einmal heroisch zu sein und den Ball halt ins bebrillte Gesicht zu kriegen, anstatt auszuweichen.

Das schlimmste dabei ist, dass der Nachwuchs auch noch dabei zuschaut. Der eine Daddy wird auf den Schultern von anderen Daddys als Torschützenkönig und Held des Nachmittags übers Feld getragen, während der andere Daddy langsam wieder aufsteht und sich den Staub von den Klamotten klopft, besiegt und gedemütigt.

Wenn dann auch noch derselbe Sportlehrer wie vor 20 Jahren das Spiel pfeift und mit lacht, dann ist die Schmach perfekt. Nichts hat sich geändert. Die Sport-Typen gegen den Rest eben.

Aber nun zurück zum Laufen, liebe laufende Gemeinde. Denn beim Laufen kann jeder mitmachen. Hier muss man nicht gut sein, nicht elegant und kann auch ruhig immer noch Angst vor dem Ball haben. Schließlich laufen wir ohne Ball. Wenn wir gemütlich oder beschwingt durch den Stadtpark joggen, kommt nicht von links oder rechts quasi aus dem Nichts irgendetwas hartes mit einer mordsmäßigen Geschwindigkeit auf uns zugeschossen und knallt uns ins Gesicht oder in die Weichteile.

Nein, beim Laufen zählt in erster Linie nur, dass wir laufen. Und ob das elegant ist oder nicht, spielt auch keine Rolle. Letztendlich geht es nur darum, wie viele Kilometer wir in welcher Zeit schaffen. Ob wir einen Flick-Flack unterwegs machen können oder ein Ballgefühl wie Messi oder Özil mitbringen, spielt überhaupt keine Rolle. Und das Beste ist die Gewissheit, dass wir dem doofen, dickbäuchigen Sportlehrer mit seiner dämlichen Trillerpfeife auch ganz locker davonrennen würden. Der ollen Pfeife! 

Davon hat man seit dem Sportunterricht für immer genug: die klassische Trillerpfeife – das einzige Statussymbol der Sportlehrer-Pfeifen.

Bild: Zephyris – CC BY-SA 3.0

Und da wollen wir doch mal sehen, ob die tollen Sport-Typen von damals mit uns mithalten können, wenn wir einen 10 km Lauf ganz gleichmäßig zurücklegen, mit einer Nonchalance als würden am Sonntagmorgen kurz Brötchen holen gehen. Die mögen ja einmal über den kleinen Bolzplatz dribbeln und den Ball ins Tor wuchten können, aber was hat das denn noch mit echter Sportlichkeit zu tun? Da sind doch nur noch ein paar rudimentäre Reste ihres einst so talentierten Ballgefühls vorhanden. Alle andere Sportlichkeit ist mit ihnen auf dem Bürostuhl oder der Familiencouch längst entschlafen.

Die Läufer von heute dagegen haben die wahre Sportlichkeit für sich entdeckt. Die laufen jetzt drei Mal im Jahr einen Halbmarathon und sind fit wie ein durchtrainierter Anfang 20-jähriger. DAS ist Sport, DA trennt sich wirklich die Spreu vom Weizen. Nicht, was man mal im Sportunterricht war, zählt, sondern das, was man heute auf der Laufstrecke ist.

Und genau deshalb ist der Laufsport so wunderbar. Er macht uns besser, als wir früher vielleicht mal waren.

Also: Haltet durch!

Euer Tankred

P.S.: Abschließend möchte ich noch eine kleine Anekdote aus meinem eigenen Sportunterricht loswerden. Denn wir hatten für ein paar Jahre einen Sportlehrer, der tatsächlich nicht nur die Ballsportarten abgefeiert hat, sondern dem es auch ziemlich wichtig war, dass wir laufen. Und wie wir laufen mussten. Bis wir kotzen mussten – wortwörtlich. Der Mann war ein Sportlehrer der richtig alten Schule. Er selber war mal in der Handball-Weltmeister-Mannschaft von Anno Dazumal. Mit Jugoslawien. Der hatte also mal irgendwann aus dem ehemaligen Ost-Block rüber gemacht und vedingte sich nun als Sportlehrer bei uns und kannte echt kein Erbarmen. Sein Spitzname auf der Schule: „Die Peitsche“ – ungelogen.

Und der ließ uns also am Anfang jeder Sportstunde ordentlich um den Platz rennen und schwitzen und schrie dabei in seinem Ostblock-Akzent: „ Laufen! Laufen! Wenn Du jetzt nicht laufen ich male Dir kugelrunde 6 in meine knallrote Buch!!! Laufen! Laufen!“. Ich scherze wirklich nicht, genau so war´s. Es sollte 15 Jahre dauern, bis ich mit Anfang 30 wieder den Laufsport für mich entdecken konnte. „Die Peitsche“ hatte mir den Spaß daran für´s erste echt verleidet. 🙁


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