Über die Bewegungsfreiheit im Hier und Jetzt …. und über einen Panther

von Tankred Dankmar am 7. September 2016

Liebe laufende Gemeinde!

Wie die aufmerksamen Leser dieser Kolumne bereits wissen, zwingt mich derzeit eine fiese Jochbeinfraktur dazu, im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Boden der lästigen, verletzungsbedingten Tatsachen zu bleiben. Kein Sport ist möglich, schon gar nicht ein schöner Dauerlauf. Das würde dem Heilungsprozess dieses zentralen Mittelgesichtsknochen nämlich arg im Wege stehen. Außerdem schmerzt mein Antlitz auch schon im Ruhemodus. Es ist zum aus der Haut fahren.

Oh weh! Ich würde mich so gerne emporschwingen auf den Flügeln eines veritablen Runner´s High, würde gerne mein Herz das Blut durch meinen Körper in Bewegung pumpen spüren, würde gerne schwitzen wie eine Sau, hier unter der tropischen Sonne Malaysias, während ich im Dauerlauf weiter diese Insel erkunde. Aber nichts dergleichen.

Stillstand, zwangsbedingte Pause, kein laufender Mensch mehr, sondern ein schleichender, ein ruhender. Nur der, welcher selbst schon mal nicht rennen durfte, obwohl er gerne wollte, kann nachempfinden, was mir gerade fehlt. Frown

Ein galoppierendes Pferd – so ziemlich das Gegenteil von meinem derzeitigen Stillstand. Bild: gemeinfrei

Ich weiß, ich höre mich leicht pathetisch an. Nennen wir es ein poetisches Stilmittel oder eine literarische Narretei, die Euch, liebe LAUFENDE Gemeinde klar machen soll, wie schön es ist, LAUFEN ZU KÖNNEN. Man weiß immer erst, was man an etwas oder jemandem hat, wenn es oder er gerade nicht mehr da ist.

So ist der Mensch. Ein seltsames Tier, welches besser vermissen kann, als sich über etwas zu erfreuen. Das Freudige ist kurzlebig, flüchtig wie eine Brise, die vom Meer kommt. Das Schlechte, das, was schmerzt, bleibt uns immer länger und tiefer in der Erinnerung – wie ein schwerer, bedrohlicher Sturm, der ganze Landstriche zu verwüsten vermag.

Ein Gedicht fällt mir zum Thema ´nicht Laufen können´ ein. Schon in der Jugend hat mich dieses so sehr berührt, dass ich es auswendig lernte, obwohl es nicht auf dem Lernplan stand. Es stammt aus der Feder von Rainer Maria Rilke und passt für mich im Augenblick wie die Faust auf´s Auge – ein trefflicher Vergleich, habe ich doch genauso den Jochbeinbruch davon getragen. Wink

Es lautet wie folgt:

Rainer Maria Rilke als 25-jähriger. Sein Gedicht trifft wie die Faust das Auge. Bild: gemeinfrei

Sein Blick ist im Vorübergehen der Stäbe
Ganz trüb geworden, dass ihn nichts mehr hält.
Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Sein Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
Sich lautlos auf, dann fällt ein Blick hinein.
Fährt durch der Glieder angespannter Stille
Und hört im Herzen wieder auf zu sein.

Nun gut. Schon wieder werde ich pathetisch und gebrauche dazu auch noch die Worte eines anderen. Auch ist mein Schicksal nicht wirklich zu vergleichen mit dem des Protagonisten dieses Gedichts, denn Rilke schrieb diese Verse, als er in einem Zoo einen Panther in seinem Käfig beobachtete. Was maße ich mir da an, meine kleine Auszeit vom Laufsport mit der Qual eines wilden Tieres zu vergleichen, welches den Rest seiner Tage auf ein paar Quadratmetern, den obzönen, voyeuristischen Blicken einer unempfindlichen Zuschauermeute ausgesetzt, fristen muss.

Es ist nicht fair dem stolzen Wanderer durch den Dschungel gegenüber, wenn ich hier auf seine Kosten dermaßen rumheule, weil ich ein paar Wochen die Laufschuhe verstauben lassen muss. Und dennoch: Genauso fühlt es sich eben an, wenn man laufen will, aber nicht kann!

Der Panther und Rilke mögen mir also verzeihen. Schließlich müssen die beiden hier durchaus für ein edles Ziel herhalten und mich ungefragt in meinem Bestreben unterstützen, Euch, liebe laufende Gemeinde, nochmal darauf hinzuweisen, wie schön der Laufsport doch ist und dass Ihr jede einzelne Minute, jeden Augenblick, jeden Zieleinlauf und jedes Glücksgefühl dabei genießen sollt, zu schätzen wisst, dass keine Stäbe Euch aufhalten – und auch keine Jochbeinfraktur.

Bis der Panther aus dem Dschungel entführt und in einen Käfig gesperrt und im Zoo ausgestellt wurde, hat er sich wahrscheinlich auch keine Gedanken darüber gemacht, wie gut er es eigentlich hat. Das klingt etwas zynisch, aber nochmal: So ist das Lebendige, ob Mensch, Panther oder Ratte. Schlechte Erinnerung sitzen tiefer als die guten. Das ist experimentell erwiesen.

Deshalb sollten wir unser Bewusstsein hin und wieder dazu nötigen, kurz inne zu halten und auf das zu schauen, was wir haben und was wir können, nicht auf das, was wir nicht haben und nicht können. Das ist der Genuss im Hier und Jetzt. 

Ein entspannter Panther NACH einem Dauerlauf durch den Dschungel.

Bild: Qilinmon – CC BY-SA 3.0

Und gerade der Laufsport ist eine vortreffliche Gelegenheit, genau im Hier und Jetzt zu sein und sich und sein Dasein zu genießen. Neben allen Rekorden und sportlichem Wetteifern – ist dies nicht genau der Grund, warum wir uns für den Laufsport entschieden haben? Weil er den Augenblick und das Glück allein zelebriert? Weil wir uns hier spüren können, sowohl intuitiv als auch intellektuell? Weil wir in Bewegung sind, herumrennen wie ein junger Hund, der von der Leine gelassen wird? Weil es beim Dauerlauf keine Stäbe gibt, sondern nur einen offenen, weiten Horizont? Und ist es nicht genau das, was den Menschen und den Panther ausmacht? Freiheit in der Bewegung? Bewegungsfreiheit?

Ich finde schon. Geld macht nicht frei und die Liebe auch nicht. Religion ebensowenig wie Wissenschaften. Selbst die Kunst ist nicht so frei wie ein Mensch in Bewegung. Uns, als Menschen in Bewegung, steht die Welt im wahrsten Sinne des Wortes nach allen Seiten hin offen. Man muss nur mal darüber nachdenken, während man läuft. Wer oder was sollte einen aufhalten, wenn man einmal die Stagnation hinter sich gelassen hat und in Bewegung kommt? Nur die Stäbe eines Käfigs könnten das – und den bauen wir uns höchstens selber. Und eine Jochbeinfraktur, die kann das anscheinend auch. Hinterher ist man immer schlauer.

Ich werde es jedenfalls wieder zu schätzen wissen, wenn ich wieder auf die Piste kann. Ich werde auch versuchen, beim Dauerlauf wieder mehr im Hier und Jetzt zu laufen, anstatt einem Zeit- oder Distanzziel hinterher zu eilen. Ich werde versuchen bei jedem Atemzug an den Panther in seinem Käfig zu denken, so traurig dieses Bild auch ist. Aber es gemahnt mich daran, mich auf das Freudige, das Gute in meinem Läuferleben zu besinnen, anstatt andauernd zu vergessen, wie schön das Laufen doch ist oder es als selbstverständlich hinzunehmen.

Zu pathetisch, liebe laufende Gemeinde?

Es sei mir einmal gestattet, weil ich gerade nicht laufen kann. Doch umso mehr Spaß wünsche ich Euch in Euren Laufschuhen. Und versucht hin und wieder mal beim Laufen an den Panther zu denken. Wink

#keeponrunning

Euer Tankred


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