Über die Unfreude an gebrochenen Knochen, oder: Wandern statt Laufen!

von Tankred Dankmar am 16. November 2016

Über die Unfreude an gebrochenen Knochen, oder: Wandern statt Laufen!

Himmel und Arsch und Zwirn!!! Tschuldigung, liebe laufende Gemeinde, dass ich meine Kolumne diese Woche mit einem Fluchen aus den tiefsten Abgründen meiner Selbst beginnen muss, aber es ist auch wirklich nur noch zum Kotzen. Hatte ich mich nach zweimonatiger Laufpause wegen eines unschönen, mehrfachen Jochbeinbruchs nun endlich wieder langsam aber sicher in meine Laufschuhe und auf die Strecken in meiner neuen Wahlheimat in Nordthailand begeben können, habe ich mir prompt vor einer Woche die nächste Verletzung angelacht.

Diesmal habe ich mir den rechten unteren Rippenbogen angeknackst. Yell Das ist zwar an sich keine weiter schlimme oder komplizierte Sache, nur dummerweise ist sie äußerst schmerzhaft. Im Sitzen und beim Gehen geht es ja noch, aber sich im Bett zu wälzen oder aufzustehen fühlt sich an, als schlage jemand mit dem Hammer drauf. Und natürlich tut es auch beim Laufen weh, weil der Brustkorb ja durch die tiefere, schnellere Atmung besonders beansprucht wird und damit auch die dämliche angeknackste Rippe.

Wer die Kolumne aus der letzten Woche gelesen hat, der weiß, dass ich in dieser das Leben ein Arschloch genannt habe, weil es sich eben manchmal wie ein Arschloch verhält und einen nichts als Dreck fressen lässt. Ich habe aber auch darauf aufmerksam gemacht, dass diese Phasen immer mal vorbei gehen, wenn das Leben nämlich die Lust daran verliert, sich wie ein dämliches Arschloch aufzuführen. Ich habe in der letzten Woche das Ende einer mehrwöchigen Phase des Dreckfressens gefeiert und dem Arschloch-Leben dreckig ins Gesicht gelacht. Das hätte ich wohl nicht so selbstbewusst tun sollen, denn anscheinend war es noch nicht ganz außer Hörweite, sondern kam nochmal zurück, um mir ein fieses Bein zu stellen. Smile

Was geschehen ist? Ganz einfach. Ich habe mich beim Wandern an einem malerischen Wasserfall hier in den Bergen Nordthailands auf die Fresse gelegt, als ich ein paar glitschige Felsen erklimmen wollte.

Der Sturz war auch nicht weiter schlimm, es ist ansonsten nichts passiert. Nur bin ich dabei mit meinem ganzen Gewicht genau auf dem unteren rechten Brustkorb gelandet. Und erstmal war auch nichts weiter, ich habe darüber gelacht. Aber als ich am nächsten Morgen aus dem Bett raus wollte, habe ich gedacht, mich trifft der Schlag. Schmerz! Scheisse, echt! Das Leben, das Arschloch! Grimace

Schön anzusehen, aber manchmal etwas biestig zu erklimmen: Ein Wasserfall in der Region um Pai

Bild: RegentsPark | CC BY-SA 3.0

Wie dem auch sei, jedenfalls ist jetzt wieder seit ein paar Tagen Schicht im Schacht mit dem Dauerlauf. Und so wie es sich anfühlt, wird das auch noch eine weitere Woche so bleiben. Tolle Wurst! Was mir jetzt noch bleibt, ist das Wandern. Wenigstens etwas. Und wenigstens bin ich dafür in genau der richtigen Region. Die Berge, überhaupt die ganze Landschaft hier rund um das kleine Städtchen Pai nahe der Grenze zu China hat anscheinend irgendeiner nur aus einem Grund hierin gestellt: Um den gepeinigten Geist bei einer wundervollen Wanderung wieder ins Gleichgeischt zu bringen.

Ich fahre also mit dem Motorrad immer erst ein Stück, bis ich die Stadt hinter mir gelassen habe und die Natur beginnt. Naja, was man hier so Stadt nennt. Pai hat gerade mal knapp 2.300 Einwohner. Da ich das letzte Jahr in George Town in Malaysia gelebt habe, ist das für mich eher ein Dorf. George Town hat über 700.000 Einwohner, da kommen mir die paar hier in Pai wie eine halbe Busladung vor. Aber es gibt auch noch ein paar Hundert Touristen, die jeden Tag an- und abreisen. Da noch Nebensaison ist, hält sich das aber in Grenzen. 😉

Straßenbild in Pai kurz vor Sonnenuntergang

Bild: Kansaikiwi | CC BY-SA 3.0

Immer beliebter ist Pai nun übrigens auch bei Touristen aus Thailand, vor allem aus Bangkok. Und das hat einen witzigen Grund: Hier spielten sich nämlich ein paar Folgen einer hierzulande äußerst beliebten Seifenoper ab. Und die Thais lieben ihre Seifenopern. Sie verehren sie und hängen kollektiv vor den Bildschirmen, wenn die neuesten Folgen ausgestrahlt werden. Wie üblich geht es darin fast immer um eine verbotene Liebe, die nicht sein darf und in der Regel von einem strengen Vater und/oder unbeliebten, neidischen und hexenhaften Stiefmutter unterbunden oder gleich tatkräftig torpediert wird. Jedenfalls finden sich die beiden Liebenden dieser bestimmten Seifenoper dann wohl in Pai wieder und hier zu ihrem Glück. Grund genug für zahlreiche Thai, auch einfach mal ein paar Tage nach Pai zu kommen und die Drehorte und Kulissen zu besuchen. Hier hat sich das Pärchen heimlich geküsst! Und hier, schau! Hier wurden die krummen Machenschaften der bösen Stiefmutter entlarvt. Und so weiter. Irgendwie süß, finde ich. Alles im Namen der Liebe natürlich! Kiss

Ich schweife ab, es geht schließlich nicht um Liebe, sondern ums Wandern und warum das Leben immer noch ein Arschloch ist. In meiner Welt ist die Liebe jedenfalls gerade ganz weit weg und höchstens noch rudimentär und abstrakt deshalb noch ein bisschen darin enthalten, weil ich die Natur liebe und dieser Liebe in der Gegend um Pai eben so wunderbar frönen kann. Die angeknackste Rippe tut zwar auch beim leichten Wandern weh, aber das ignoriere ich einfach. An Schmerzen ist auch noch keiner gestorben und ein Indianer kennt keinen Schmerz, wie mein Vater stets zu sagen pflegte, als ich klein war.

Ist schon schön hier, wenn man gerne wandert

Bild: Yarzaryeni | CC BY-SA 4.0

Wie dem auch sei. Genug lamentiert. Doofe Rippe, dämliches Arschloch-Leben, aber irgendwann ist auch mal gut. Ich habe keine Lust mehr, mir die gute Laune verhageln zu lassen, sondern genieße nun eben mal eine Zeit lang das Wandern anstelle des Dauerlaufs. Vielleicht will mir das Leben ja auch irgendetwas mitteilen? Vielleicht sollte ich ein bisschen ruhiger werden? Vielleicht mehr im Moment leben anstatt zu hetzen? Deshalb bin ich ja vor fünf Jahren auch nach Südostasien ausgewandert.

Vielleicht sollte ich die Wanderungen dazu nutzen, mir nochmal das Wesentliche klar zu machen:

Das Leben wird nicht voller oder interessanter, wenn man rennt und hetzt. Im Gegenteil: So zieht es nur viel zu schnell an einem vorbei. Bleibt auf Euren Dauerläufen also auch einfach mal stehen, geht ein Stück gemütlich und fokussiert Euren Geist nur auf das hier und Jetzt, das Euch umgibt. Meistens kommt nur gutes dabei raus!

In diesem Sinne, Euer Tankred


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