Über den langsamsten Marathonlauf aller Zeiten und über eine Frau, die sich traut

von Tankred Dankmar am 17. Juli 2017

Liebe laufende Gemeinde! Zwei Wochen habt Ihr nichts von mir gehört, weil ja Sommer ist. Alle machen irgendwie Ferien, Politiker machen auch mal Urlaub, genauso wie diverse Webseiten-Betreiber 😉 – Aber das muss ja auch mal sein, denn ich gehe einfach mal großzügig davon aus, dass sich jeder seinen Urlaub auch redlich verdient hat. Zumindest bei den Webseiten-Betreibern, mit denen ich so zusammenarbeite, bin ich mir da relativ sicher. Bei den Politikern allerdings nicht.

Aber nun gut, mir war die Pause, das man in der schreibenden Zunft „Sommerloch“ nennt, ebenfalls eine willkommene Abwechslung, weil ich mich mal wieder verstärkt der Prosa widmen konnte. Und auch wenn die Ferien in deutschen Landen noch etwas dauern, fange ich mal wieder mit „business as usual“ an – ich habe schließlich eigentlich immer Urlaub. Obwohl mich nun auch diverse Freunde aus der alten Heimat hier in meinem tropischen Sonnenparadies besuchen kommen – so wie jedes Jahr – kann ich ja zwischendurch auch mal „was arbeiten“. Von nix kommt nix – Sommerloch hin, Sommerloch her.

Ich möchte die Kolumne diese Woche nach der kurzen Sommerpause auch betont locker anfangen. Dafür habe ich mich mal wieder durchs WWW gewurschtelt und für Euch zwei recht kuriose Läufer-Geschichten gefunden – und die erste geht so:

0,14 cm pro Minute, oder: der langsamste Marathonlauf aller Zeiten

Yep, das ist KEIN Druckfehler – 0,14 cm pro Minute. Und das auf einer Strecke von 40,2 Kilometern bei einem olympischen Marathonlauf. Die erste Frage, die auftaucht: Wieso nur 40,2 km und nicht die üblichen 42,195? Die will ich gerne zuerst einmal beantworten. Die Organisatoren des Marathons bei den olympischen Spielen 1912 haben es einfach nicht ganz so genau genommen mit dem Abmessen der Distanz. Und um diesen Marathon geht es in dieser Geschichte. Das ist auch schon alles.

Die zweite, sehr drängende Frage ist, wie viel Zeit das genau macht, wenn man auf 40,2 km nur 0,14 cm pro Minute zurücklegt? Auch die will ich gerne beantworten. Das macht genau: 54 Jahre, 8 Monate, 6 Tage, 8 Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden. Und die dritte Frage ist fast schon banal, aber offensichtlich: Wie ist das überhaupt möglich? Und das kam so:

Die olympischen Spiele 1912 in Stockholm waren ein spannend erwartetes Ereignis. Zum ersten Mal in der Geschichte des damals noch recht jungen Olympia der Neuzeit waren Athleten von allen fünf Kontinenten vertreten. Erstmals war auch Asien mit dabei, unter anderem zwei Athleten aus Japan: ein Kurzstrecken-Sprinter und der 20-jährige Shizo Kanakuri. Er war der beste japanische Langstreckenläufer und sollte den Marathon für sein Land bestreiten.

Bild: gemeinfrei

„Der 20-jährige japanische Langstreckenläufer und Olympionike Shizo Kanakuri – auf dem Foto weiß er noch nicht, was bald auf ihn zukommt.“

Die Anreise von Japan bis nach Schweden dauerte mehrere Wochen. Mit dem Schiff und mit der Eisenbahn. Alleine die Strecke mit der Transsibirischen Eisenbahn dauerte stolze vier Wochen. Man kann sich also vorstellen, dass der gute Herr Kanakuri ein wenig aus dem Training geriet. Aber nun gut, er hatte gute Vorsätze und trainierte dann in Schweden noch ein bisschen vor dem eigentlichen Wettkampf.

Dummerweise war es in diesem Sommer allerdings ungewöhnlich heiß in Schweden. Temperaturen jenseits der 30 Grad machten den Athleten ziemlich zu schaffen. Und vor allem beim Marathon ist das ja bekanntlich eher suboptimal. 33 der gestarteten 68 Käufer mussten denn auch frühzeitig aufgeben. ABER: aufgegeben hatte Shizo Kanakuri eigentlich nicht. Er lief sogar bis Kilometer 27 ganz gut mit der Spitzengruppe mit. Allerdings herrschte damals im Dauerlauf-Sport noch der Irrglaube, dass man müde wird, wenn man viel schwitzt. Und so vermied es auch Shizo, unterwegs etwas zu trinken und sich zu stärken. Ein Fehler, wie heute jedem Hobby-Läufer klar sein dürfte. Damals wusste man es nicht besser.

Bei Kilometer 27 musste Shizo jedenfalls mal eine Pause machen und weil er völlig dehydriert war (Überraschung!), verlor er auch mal kurz das Bewusstsein. Eine Anwohner-Familie sah den armen, schwachen, jungen Japaner und gab ihm erst einmal ein Glas Saft. Und dann boten sie ihm noch an, dass er sich mal kurz auf ihre Couch legen könne, um zu verschnaufen. Das nahm er ebenfalls gerne an, pennte aber tief und fest weg und erwachte erst am nächsten Morgen wieder auf.

Das Rennen war natürlich gelaufen. Und wie die Japaner so sind, schämen sie sich maßlos, wenn sie gewisse Erwartungen nicht erfüllen. Und auch wenn keiner erwartet hätte, dass der junge Athlet aus Ostasien die Goldmedaille mit nach Japan bringt – einfach aufgeben und weg pennen, das ist unehrenhaft und es droht der „Gesichtsverlust“. Und was macht Shizo deswegen? Er haut einfach still und schweigend ab und fährt wieder zurück nach Japan. Derweil sucht ihn halb Stockholm, weil auch ein anderen Läufer auf der Strecke an einem Hitzeschlag gestorben ist.

Aber Shizo bleibt verschwunden und es entstehen Mythen „über den Japaner, der beim Marathon verschwand“. Bis 1967 ein schwedischer Journalist die Story noch mal aufnimmt, recherchiert und Shizo Kanakuri schließlich endlich wiederfindet – als Professor für Geographie an der japanischen Universität in Tamana. Und weil Shizo Kanakuri den Marathon 1912 nie beendet, aber auch nie offiziell aufgegeben hat, lädt das olympische Komitee ihn ein, dies nun endlich zu tun. Und das tut er auch, denn so viel Humor hat er.

Shizo reist 1967 nach Stockholm und nimmt seinen Lauf genau an dem Punkt auf, wo er 1912 stehen geblieben ist – bei Kilometer 27. Und dann joggt er ganz gemächlich und mit der Aufmerksamkeit von mindestens genauso viel Presse wie 1912 den Rest der Strecke und zerreißt das Zielband – im Stadion, dass sich seit 1912 kaum verändert hat – nach 54 Jahren, 8 Monaten, 6 Tagen, 8 Stunden, 32 Minuten und 20,3 Sekunden. Und auch wenn es nicht zu einer Medaille gereicht – Hey! Dabei sein ist schließlich alles, oder? 

„Dabei sein ist alles – beim Marathonlauf von Olympia 1912 in Stockholm, auch wenn man ihn 1967 erst beendet.“ – Bild: gemeinfrei

 

Eine Frau, die sich traut, oder: Verpiss Dich, Macho!

Ihren Namen in dem Anmeldeformular für den Boston-Marathon kürzte Kathrine Virginia Switzer mit K. V. Switzer ab. Ihre langen Haare versteckte die Dame beim Abholen der Startnummer 261 einfach unter einer Wollmütze, was auch nicht weiter auffiel, denn es war in diesem April in Boston bitter kalt und es fiel Schnee. Und so fiel auch keinem auf, dass hier nun eine Frau ganz offiziell beim Männerrennen startete.

Nun hört sich das erst einmal gar nicht soooo spannend an. Aber man muss vorher noch folgendes wissen: Es gab damals noch keinen Marathon für Frauen, zumindest nicht in Amerika. Denn – und jetzt wird’s etwas gruselig – die Organisatoren solcher Rennen, Männer eben, gingen davon aus, dass Frauen keine 42,195 km laufen können, weil sie zu schwach seien und (Obacht!) ihnen die Gebärmutter raus fallen könnte. 

Deshalb wurde ihnen einfach kurzerhand verboten, einen Marathon zu absolvieren – zumindest offiziell. Offiziell war es Frauen nur erlaubt, eine Strecke von höchstens 2,4 km (!!!) zu rennen.

Dabei war Miss Switzer zuvor schon ihrem Trainer bei einem gemeinsamen Trainings-Marathon davon gelaufen. Der wollte sie eigentlich auch keinen Marathon laufen lassen, aber dem wollte sie es einfach auch mal zeigen – was sie dann auch tat. Nach der Marathondistanz wollte sie noch die 50 km voll machen, während er schnappatmend zusammenklappte. Ich sag´s ja immer wieder: Jungs! Legt Euch nicht mit starken Frauen an! 

Dann war Miss Switzer also nun im April 1967 mit der Nummer 261 auf der Strecke in Boston und nahm nach ein paar Kilometern die Wollmütze ab. Ihre langen Haare flatterten jetzt im Wind und jetzt ging selbst der dämlichen Rennleitung ein Licht auf. Gut ein Drittel der Männer im Feld der Starter hatte nämlich schon längst bemerkt, dass hier eine Frau heimlich mitläuft. Die hat das aber nicht interessiert beziehungsweise fanden sie das gut. Schließlich sind Dauerläufer in der Regel recht nette, weltoffene Menschen, denen es um Sportsgeist und nicht um verstaubte Rollen-Klischees geht.

„Heute sind alle beim Boston-Marathon willkommen – und nicht nur stramme Athletentypen, für die sich ja bekanntlich ALLE Männer halten.“

Bild: Ericshawwhite – CC BY-SA 3.0

Jedenfalls rannte dann der Rennleiter des Laufs – und wir nennen den Pfosten hier ruhig mal beim Namen: Jock Semple – wie von der Tarantel gestochen auf die Strecke und hinter Miss Switzer her. Er beschimpft sie und grabscht nach der Startnummer. Er will sie ihr einfach abreißen. Aber der Depp hat nicht mit Switzers Freund gerechnet, der solidarisch neben seiner Liebsten mitläuft. Sein Name: Tom Miller. Und Tom Miller ist zu dieser Zeit nicht nur professioneller Hammerwerfer, sondern auch ehemaliger Footballspieler. Und der kommt jetzt angerauscht und schubst den doofen, grabschenden und vor Gift und Galle schäumenden Rennleiter mit seinem 115 kg muskelbepackten Körpergewicht einfach in hohem Bogen von der Strecke. 

Das doofe Gesicht hätte ich gerne gesehen. Und es guckte wahrscheinlich noch fassungsloser aus der Wäsche, als Kathrine Switzer nach 4:20 Stunden konsequent und unbeeindruckt durchs Ziel lief. Und sie hatte auch noch immer ihre Startnummer und – man höre und staune – die Gebärmutter hatte sie unterwegs auch nicht verloren! So wurde sie die erste Frau, die offiziell mit einer registrierten Startnummer einen amerikanischen Stadt-Marathon absolvierte.

Und so wurde Kathrine Switzer natürlich zu einer wichtigen „Schrittmacherin“ des Frauensports. Ironischerweise hat ihr dabei der wütende Rennleiter Jock Semple (mit dem sie später eine Freundschaft verband) ziemlich geholfen.

Wäre der nicht wie ein geifernder Grinch in Lackschuhen hinter ihr her gerannt und hätte man dieses Ereignis nicht in Bildern festgehalten, hätte auch kaum einer von der einzigen Dame auf der Strecke Notiz genommen. So aber wurde mal wieder über „Frauen und Sport“ diskutiert und über die Jahre hat man sich ja glücklicherweise „dafür“ entschieden.

„Kathrine Switzer – hier auf einem Bild von 2011 beim Berlin-Marathon – ist ihrem Sport treu geblieben und hat Bücher geschrieben und ist als Organisatorin tätig. Heute ist sie stolze 70 und läuft den Boston-Marathon übrigens immer noch. Die Rennleitung gibt ihr jedes Mal ihre alte Startnummer 261.“

Bild: Marathona – CC BY-SA 3.0

Heute starten beim Boston-Marathon jedes Jahr durchschnittlich 30.000 Läufer. Knapp die Hälfte von ihnen sind Frauen. Und dass das so gekommen ist, dazu hat Kathrine Switzer einen großen, wichtigen Schritt beigetragen – und eben auch der Rennleiter Jock Semple, wenn auch eher unfreiwillig.

So, liebe laufende Gemeinde! Ich wünsche Euch allen noch einen schönen Sommer und einen wohl verdienten Urlaub.

Bis nächste Woche dann,

#keeponrunning

Euer Tankred.


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