Über Trendsetter und Dauerläufer

von Tankred Dankmar am 7. Juni 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Ich habe mich vor ein paar Tagen mal über die neuesten Trends im schönen Dauerlauf-Sport informiert. Die bekomme ich sonst nämlich nicht mit, weil ich diesbezüglich echt unter einem Stein lebe. Warum? Ganz ehrlich? Mich haben Trends noch nie wirklich interessiert, weder im Laufsport noch in der Musik noch sonst irgendwo.

Trends sind so gut wie immer ein reines Fantasieprodukt der Medien oder irgendwelcher Firmen. Coca Cola hat mal den Santa Claus erfunden, heißt es ja bekanntlich. So ganz stimmt das aber auch nicht. Es gab den Mythos vom dicken, alten Mann mit Rauschebart bereits im 19. Jahrhundert. Skandinavische Einwanderer haben den Brauch, dass dieser nette Opa den Kindern die Geschenke bringt, aus ihrer Heimat mit über den Atlantik nach Amerika gebracht. Allerdings war dieser Brauch eher regional beschränkt und noch weit davon entfernt, ein globales Phänomen zu sein.

Dass der Santa Claus, wie wir ihn heute kennen und (hass)lieben, zu einem weltweit geschätzten und gefürchteten Opa in rot-weißem Pelzgewand wurde, das ist dann aber sehr wohl auf dem Mist der Coca-Cola-Company gewachsen. Die haben dieses Bild eben ab 1931 in massiven Werbekampagnen für ihre Zwecke genutzt. Schließlich ist es ziemlich schlau mit dem Image eines alten, netten Opas, der den Sack voller Geschenke hat und diese auch noch bereitwillig verteilt, werbetechnisch ein Volltreffer.

Santa Claus“ – wir hätten alle ein anderes Bild von dem Geschenkebringer an Weihnachten, hätte Coca Cola diesen Trend nicht erfunden und weltweit vermarktet.

Bild: Jonathan G Meath | CC BY-SA2.5

Also: Wir haben uns den Weihnachtsmann nicht gewünscht und haben ihn uns auch ganz anders vorgestellt. Er ist ein Trend, der gemacht und uns gebracht wurde. Ein anderes Beispiel ist Rucola. Erinnert Ihr Euch noch?

Auf einmal zu Beginn der 00er Jahre war er plötzlich da und omnipräsent. Selbst auf die Pizza hat man das doofe Kraut gelegt. Kannte vorher kein Mensch, diesen bitteren Salat. Dabei kannten ihn schon die Römer und auch hier in Deutschland kam er ab dem Mittelalter auf die Speisekarte. Hier kannte man das Zeugs aber unter seinem nicht so trendigen Namen „Rauke“. Rauke ist dann als Kulturpflanze etwas in Vergessenheit geraten, bis ein paar Trendsetter von irgendwelchen Health-Magazinen mal wieder nicht wussten, welchen Stuss sie als nächstes schreiben sollen. Und da hat irgendeiner dieser Yuppies aus Zufall was über die „Rauke“ gelesen und daraus kurzerhand ein Trend-Food gemacht – unter dem wohlklingenderen italienischen Namen „Rucola“ halt.

Wie dem auch sei. Ich schweife ab. Ich wollte nur kurz erklären, warum ich grundsätzlich auf Trend-Züge nicht aufspringe und mich auch nicht dafür interessiere. Nun habe ich aber mal ein bisschen gegoogelt und mich, wie gesagt, über neue Lauftrends schlau gemacht. Ich will ja wenigstens mitreden können, gell. Dummerweise bin ich dadurch aber kein Stück schlauer geworden, sondern wurde nur mal wieder in meinem Zynismus bestätigt. Da sitzen irgendwelche Hefte-Macher und denken sich irgendwas aus und nennen das dann Trend. UND DANN ERST fangen die Leute damit an und/oder nehmen etwas überhaupt als Trend wahr.

Die Anatomie des Trends“ – Man setzt etwas in die Welt, verstärkt es positiv und kann quasi mit einer gewissen Entwicklung rechnen. So einfach ist das, ein Trendsetter zu sein.

Bild: Squawk | CC BY-Sa 3.0 de

Bei meiner Recherche habe ich zum Beispiel gelesen, dass es in Sachen Laufsport jetzt trendig wäre, abseits der ausgelatschten Pfade zu laufen. Es geht jetzt also querfeldein durch den Wald oder über den Acker. Hauptsache über Stock und Stein und über irgendwelche natürlichen Hindernisse. Das ist ja auch wirklich eine super Sache und bestimmt wesentlich abwechslungsreicher als immer nur durch die örtlichen Stadtpark oder um den Fußballplatz. Aber das ist doch KEIN TREND! Das nennt sich Querfeldein-Laufen, und ohne dass ich jetzt wie ein Klugscheißer oder Streber klingen will; das habe ich schon vor 15 Jahren gemacht und tue es noch heute hin und wieder.

Im selben Artikel über Trends wurde auch gesagt, dass dieses Hindernis-Laufen nun auch durch Städte gemacht werde – von sehr sehr trendigen Dauerläufern. Also hier mal über eine Mauer springen, da mal ein paar Treppen hoch und runter rennen, Richtungswechsel durch kleine Gassen und so weiter. Aber…WAS, bitteschön, ist den daran neu? Wo ist der Trend? Das nennt man in meiner Welt einen ganz normalen Dauerlauf durch die Stadt. Und wenn man dabei ziemlich krasse Hindernisse überwindet – über Dächer springt, sich an Regenrinnen hoch hangelt etc. – dann nennt man das „Parkour“. Und das ist nun wirklich kein neuer Trend. Das WAR mal Ende der 80er, Anfang der 90er ein Trend, aber ist es bestimmt nicht heute, weil irgendwer darüber was schreibt.

Trendlaufsport Parkour? Mitnichten! Ein ganz alter Hut, liebe Hefte-Macher.

Bild: Alexandre Ferreira | CC BY-SA 2.0

Und ich setze noch einen drauf. Ebenfalls gelesen habe ich, dass der Trend im Laufsport zur Digitalisierung geht. Will heißen: man GPS-st sich, schnallt sich ein digitalen Bordcomputer um, der die Vitalfunktionen im mehrfachen Kommabereich zusammenrechnet und und und….und dann füttert man nach getanem Lauf seinen Computer damit und…ja, was eigentlich? Digitalisiert seine sportlichen Leistungen. Warum man das tut? Gute Frage! WEIL MAN ES KANN! Und das ist auch im Laufsport kein Trend, sondern das macht man heute einfach überall. Der Kühlschrank ist online, das Auto eh, man selbst die meiste Zeit des Tages, warum dann also nicht auch beim Laufen? Das ist aber kein Trend, sondern das ist Zeitgeist! Trends kommen und gehen nämlich. Aber die Digitalisierung wird bleiben, zumindest solange die Zombie-Apokalypse uns nicht alle vom Netz nimmt. 

Könnte ich mich aufregen, über dieses dämliche, debile Gebrabbel von irgendwelchen Schreibern, die sich nichts sinnvolles mehr ausdenken können und dann plötzlich Trends setzen wollen. WAS IST DAS? Eine Profilneurose? Das eigentlich witzige ist, dass in dem Artikel, den ich da über „Trends“ gelesen habe, mit keinem Wort erwähnt wurde, dass es ja eigentlich das Laufen selber ist, dieses high werden, weil man rennt, was uns Läufer an dem Sport so geil macht. Der Tenor des Textes war eher, dass wir immer den neuesten Trends hinterherrennen müssen, um noch unseren Kick beim Laufen zu kriegen, denn, und ich zitiere: „Laufen hat heute nicht mehr viel mit dem immer gleichen Dauerlauf zu tun und ist zur Lebenseinstellung geworden.“

Etwas dümmeres habe ich wirklich schon seit einiger Zeit nicht mehr gelesen, ehrlich nicht. Was war das Laufen denn vorher? Keine Lebenseinstellung, sondern ein lästiges Übel? Und was heißt hier eigentlich „immer gleicher Dauerlauf“? Ich weiß ja nicht, ob der Schreiber überhaupt schon mal regelmäßig gelaufen ist, aber „immer gleich“ ist das bestimmt nicht, auch nicht nach zwei Jahrzehnten. Ich kam jedenfalls immer sehr gut ohne Trends aus. Und fand ihn trotzdem nie langweilig, meinen „immer gleichen Dauerlauf“.

Das behauptet dieser Möchtegern-Trendsetter einfach mal in einem suggestiven Nebensatz. UND ICH WIDERSPRECHE AUS TIEFSTEM HERZEN! Ich habe mal einen Halbmarathon auf einer 250 Meter Tartanbahn gemacht – und es war wunderbar. Es war spannend zu beobachten, wie ich mich dabei fühle, wie sich der Lauf anfühlt, wie sehr man sich dabei fokussieren muss, weil man ansonsten keine Ablenkung hat. EIN GROSSARTIGER LAUF, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. UND ALLES ANDERE ALS LANGWEILIG!

Ob dem Marathon-Weltmeister von 2015 – Ghirmay Ghebreslassie – beim Laufen wohl langweilig wird und er über Trends nachdenkt? Sehr unwahrscheinlich. Er konzentriert sich einfach aufs schnelle Laufen.

Bild: GFDL

Na ja! Wie auch immer. Genug der Worte über anderer Leuts Worte. Lassen wir doch einfach Taten folgen, liebe laufende Gemeinde. Hopp hopp, ab in die Laufschuhe und ab auf die Strecke – ohne dabei online zu sein. Vielleicht finden wir auf dem Weg ja einen neuen Trend, der sich vermarkten lässt. 

#keeponrunning

Gehabet Euch wohl,

Euer Tankred


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