(7) Vegan for Fit? – Ein Selbstversuch

von Sandra Mastropietro am 25. März 2014

>>Läuferleben<<

VEGAN FOR FIT? – Ein Selbstversuch

Eines sonnigen Februartages stehe ich im überfüllten Buchhandel und beobachte, wie junge, alte, dicke und dünne Menschen ein blau-, grau- oder orangefarbenes Kochbuch zur Kasse schleppen. Euphorisch blättern sie durch die scheinbar heiligen Seiten, können es kaum erwarten zu bezahlen.

Ich schüttle den Kopf und kann den Trend der veganen Ernährung, die auch gerade im Sport ein immer größeres Thema spielt, nicht nachvollziehen. Hieß es nicht früher immer „Iss Kind, iss…das Du groß und stark wirst!“? Oft habe ich zu diesem Satz ein Wurstbrot in die Hand bekommen. 😉

Doch spätestens seit Veröffentlichung der VEGAN FOR FIT / YOUTH / HEALTH Reihe von Attila Hildmann gibt es kein Entkommen mehr; das Thema der vegetarisch-cholesterinfreien Ernährung (vegan) und dem damit angeblich einhergehenden „Neuem Körpergefühl“ ist omnipräsent.

Aus reinem Interesse kaufe auch ich diese „vegane Kochbibel“; denn ich möchte wissen, was hinter dem Trend dieser Ernährungsart steckt.

VEGAN FOR FIT liegt ein Heft bei, in dem Teilnehmer der sogenannten 30-Tage-Challenge (30 Tage am Stück, in denen man sich konsequent vegan ernährt) von Ihren Erfahrungen berichten.

Gewichtsabnahme, eine bessere Verdauung, Kraft- und Ausdauerzuwachs, mehr Ausgeglichenheit, erhöhte Konzentrationsfähigkeit und bessere Laune sind nur einige der vielen positiven Effekte, von denen fast alle Teilnehmer einheitlich berichten. In Gedanken tue ich dies als Marketingmaßnahme ab und merke, dass ich dem Veganismus äußerst skeptisch gegenüberstehe.

Da ich allerdings nichts verurteilen möchte, was ich nicht selbst ausprobiert habe, beschließe ich, mich der Herausforderung zu stellen. Der März soll vegan werden!

Mein Mann ist so entsetzt von meinem Vorhaben, dass ich doch glatt am Abend das Heft mit all den positiven Challenger-Berichten offen auf der Couch herumliegen lasse 😉

… Morgens verkündet er; zumindest die erste Woche „mit im Boot der re-inkarnierten Weidetiere“ zu sein – Yeah 😉

Am darauffolgenden Tag setzen wir uns zusammen und planen das Vorhaben; denn der Umstieg vom „Allesfresser“ zum Veganer auf Zeit will gut vorbereitet sein.

Zur Challenge:

Natürlich spielt auch bei VEGAN FOR FIT die Gewichtsreduktion eine große Rolle. Hildmann empfiehlt, neben Emulgatoren, Geschmacksverstärkern etc. pp, auch  30 Tage lang auf Zucker und Weißmehlprodukte (z.B. „Normale Nudeln“) zu verzichten. Außerdem unterteilt er seine Gerichte in zwei Stufen. Morgens sollen Kohlenhydrate (Gerichte der Stufe 2) und abends vor 19 Uhr eine eiweißreiche Mahlzeit nach Stufe 1 gegessen werden.

Da mein Mann und ich nicht abnehmen möchte und uns zusätzlich zum Veganismus nicht noch eine Gerichtsauswahleinschränkung auferlegen wollen, beschließen wir die Einteilung nach Stufen unbeachtet zu lassen.

Der 1. vegane Einkauf (28.Feb. – einen Tag vor dem Start der Challenge):

Wir gehen in den gut besuchten Bioladen um die Ecke und bemerkten schon beim Hineingehen, wie die Leute vorne an der Kasse sehr viel Geld für sehr wenig Einkauf bezahlen… und während wir eine vegane Grundausstattung von gepoppten Amaranth, Quinoa, Bulgur, Naturrundkornreis über Mandelmus, Sojamilch und- Jogurt sowie Tofu etc. in den Einkaufswagen laden, ahnen wir, dass es uns nicht anders ergehen wird. 🙁

Obst und Gemüse kaufen wir anschließend -wie immer- von der Discounter-Bio Marke. Mehrkosten im Vergleich zum „Normalen Wocheneinkauf“: ca. 35 Euro

Der Challenge-Beginn (1. März)

Es ist ein Samstag und das ist gut; denn so kann ich meinen Mann und auch mich in aller Ruhe mit veganen Apfel-Pancakes zum Frühstück davon überzeugen, dass die nächsten Tage gewiss nicht so schlimm werden 😉

Auf das erste vegane Glücksgefühl folgt allerdings schon bald ein kleiner Dämpfer: Am selben Tag, mittags, treffen wir uns mit Freunden im Zoo. Während die Kids (meine Tochter isst selbstverständlich normal weiter) genüsslich eine Pizza und unsere Bekannten Currywurst verschlingen; gibt es für uns „nur“ Obst, welches wir schnell vor Abfahrt in die Tasche geschmissen haben. 🙁

Noch sind wir nicht gut organisiert, was die Versuchung vom schnellen „Food to go“ natürlich um so größer macht!

Hungrig kehren wir nachhause zurück, machen uns uns etwas zu essen und beginnen vorzukochen! Quinoa-Avocado Salat, Naturrundkorn-Milchreis, Fenchel-Risotto, Gemüse-Curry; die vegane Arbeitswoche kann kommen 😉

Unter der Woche trinken wir morgens Power-Smoothies zum Frühstück. Diese bestehen hauptsächlich aus Nüssen, Haferflocken, Leinsamen, Obst und Hafer- oder Mandelmilch; hat man einmal die Konsistenz raus, so kann man frei variieren. Schmeckt auf jeden Fall immer super lecker, macht satt und ist leicht zu verdauen. Ein prima Start in den Tag.

(Tipp: Spühlt den Blender direkt nach dem Shaken mit Wasser aus, so ist der „Mehr-Aufwand“ durch den Smoothie am Morgen äußerst gering.)

Mittags essen wir warm (vorgekocht) und abends meist Brot mit Avocado oder selbstgemachten Brotaufstrichen, wie zum Beispiel Hummus.

Schon nach wenigen Tagen fühlen wir uns merklich fitter. Während mein Mann total begeistert ist und auch den Rest der 30-Tage-Challenge dabei bleiben möchte; bin ich noch immer skeptisch, ob sich das positive Gefühl wirklich auf die Ernährungsumstellung zurückführen lässt.

Widerwillig muss ich zugeben, dass uns nichts fehlt. Die Gerichte sind sehr lecker, der Aufwand – wenn man sich organisiert – nicht so groß wie erwartet und die Mehrkosten beim Einkaufen relativieren sich durch das Wegfallenden des „To-Go-Food“.

Tag 10: Der erste und bislang einzige Durchhänger:

Nach einem überraschend schnellen 10er beim Westparklauf sind meine Speicher leer. Ich möchte Currywurst und Gummibärchen. Außerdem wurmt es mich, dass mein Mann mehr Disziplin an den Tag legt als  ich, und überhaupt gar nicht vom „irgendetwas vermissen“ jammert!

Alle darauffolgenden Tage:

Wir fühlen uns großartig. Mit jedem Einkauf werden wir geübter; versuchen uns oft an neuen veganen Gerichten und auch an Eigenkreationen.

Ich trau es mich kaum zu sagen; aber vegan macht Spaß. Vegan vermittelt tatsächlich ein neues Lebensgefühl und schränkt – wenn man es „richtig“ macht, also darauf achtet trotz umgestellter Ernährung alle Nährstoffe zu sich zu nehmen, überhaupt nicht ein … GANZ IM GEGENTEIL! Vegan macht fit!

Man is(s)t bewusster; verlässt das Haus nicht mehr mit der „Hol ich mir schnell was unterwegs“ Einstellung und findet Freude am Kochen und Ausprobieren!

Mein Mann und ich haben beschlossen, auch nach der 30-Tage-Challenge größtenteils vegan zu leben. „Größtenteils“, weil wir es aus den rein egoistischen Beweggründen des „Neuen Körpergefühls“ machen und nicht aus ethischen Gründen.

Übrigens hat mein Mann in knapp vier Wochen 5 Kilo verloren; ich 2,5 Kilo – trotz der Missachtung des Stufenprinzips.

Unsere Tipps für Alle, die planen an der Challenge teilzunehmen:

  1. Bereitet Euch vor. Ihr werdet Euch nur fit(ter) fühlen, wenn Euer Körper alle Nährstoffe bekommt. Bitte belest Euch über die optimale Zusammensetzung der Mahlzeiten; also was solltet Ihr wie oft zu Euch nehmen.
  2. Warnt Euer Umfeld vor, erklärt Eure Beweggründe, ladet sie zum Essen zu Euch nach Hause ein – wenn sie erst einmal sehen bzw. schmecken, wie lecker veganes Essen sein kann werden sie Euch vielleicht besser verstehen. 🙂
  3. Es muss nicht 1:1 das VEGAN FOR FIT / HEALTH / YOUTH Rezept sein. Fakt ist: die Gerichte nach Hildmann sind sehr teuer, die Zutaten teilweise extravagant. Nach nur ein paar Gerichten hatten wir den Dreh raus und haben „gefree-stlyed“.

Mein Resümee:

Ich bin mehr als nur positiv überrascht. Nicht Herr Hildmann, sondern das Körpergefühl, hat mich überzeugt. Wichtig ist jedoch, dass man sich ausgewogen ernährt!

Eigentlich hatte ich erwartet, im Sport nicht mehr so leistungsfähig zu sein. Das war ganz und gar nicht der Fall. Ob meine neue 10k Bestzeit am 10. Tag der veganen Ernährung allerdings auf diese zurückzuführen ist, wage ich zu bezweifeln 😉

Fakt ist: Ich fühle mich energiereicher, benötige weniger Schlaf und bin letzte Woche meine bisher schnellste Intervall-Einheit gelaufen.

Sollte dieser Blog Fragen zum Thema offen lassen; könnt Ihr Euch gerne jederzeit an mich wenden 🙂

Liebe Grüße und #keeponrunning

Eure Sandra


{ 4 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

Kai März 25, 2014 um 22:50

Hallo,
vielen Dank für den guten Artikel, den fand ich bisher am interessantesten.
Zum Thema:
Was habt ihr denn im Vergleich in den Wochen zuvor gegessen ?
Grüße

Antworten

Sandra März 26, 2014 um 13:03

Hallo Kai,

danke für Deinen Kommentar. Vor der veganen Challenge haben wir uns bereits überwiegend gesund ernährt; allerdings nicht „außergewöhnlich gesund“ 😉 McDonalds etc. war schon ab und an auch mal mit dabei 🙂

Man könnte also quasi sagen: Normal ! 🙂

LG Sandra

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Carlito April 1, 2014 um 20:04

Interessanter Beitrag. Komme glatt ins grübeln, es nicht auch mal zu versuchen… 🙂

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Ernie Juni 29, 2014 um 13:55

Hallo Sandra,
schöner blog und interessanter Selbstversuch.
Treibe selbst seit 50 Jahren Leistungssport ( jetzt, mit 62, in der AK 🙂 ), zeitweise Hochleistungssport, und kümmere mich seit 45 Jahren um Ernährung. Da sammelt man Erfahrung und Erkenntnisse. Und sieht aber auch die „Glaubenskriege“! Selbst habe ich vor 35 Jahren von konventionell auf vegetarisch umgestellt, doch dabei ist es nicht geblieben. Der Gegensatz von vegetarisch oder vegan ist, vom gesundheitlichen ( und Sport-leistungsmäßigem ) Standpunkt aus betrachtet nicht wirklich das Fleisch oder der Fisch, also tierisches Protein, sondern Zucker und Weißmehlprodukte und konzentrierte Kohlenhydrate im Allg..
Über die vielen Jahre ist von der vegetarischen Ernährung geblieben, daß ich nach wie vor große Mengen Obst, Nüsse und Gemüse, mind. 50 % roh, esse, vermutlich, auf Grund meines Kalorienbedarfes, mehr, als die meisten Veganer. Doch bin ich inzwischen bei einer sehr stark kohlenhydratarmen Kost gelandet, kombiniert mit ca. 1,5 g Protein pro kg Körpergewicht und Tag. Mein Blutbild war noch nie so gut und meine sportliche Leistungsfähigkeit absolut Spitze ( mehrfach Dt. Meister in der AK und auch internat. ).
Und diese Proteinmenge ist einfacher zu realisieren, wenn ich auch Fleisch und Fisch dazu nehme. Dazu kommt, daß Veganer bei einigen wichtigen Nahrungsbestandteilen schon richtige Klimmzüge machen müssen, wenn sie daran nicht über lange Zeiträume verarmen wollen.
Der Verzicht auf konzenztrierte Kohlenhydrate wie Kartoffeln, Nudeln, Reis, Brot usw. scheint mir ein stärkerer „Jungbrunnen“ zu sein, als alles, was ich vorher in der Ernährung gemacht habe.
Dazu kommt der Benefit für das Gehirn, wenn es nicht nur Glucose ( welches beim Marathonlauf nach ca. 35 km als Muskel- und Leberglykogen am Ende ist und der Mann mit dem Hammer kommt, weil das Gehirn den Körper zurückfährt, um die Glucosereste selbst zu nutzen, statt sie beim Laufen zu verbrennen ), sondern auch Ketonkörper nutzen kann. Diese Eigenschaft entwickelt das Gehirn aber nur, wenn man sich mind. 14 Tage streng kohlenhydratarm ernährt oder sogar fastet. Danach ist das Gehirn „an den Fettstoffwechsel angeschlossen“ ( Zitat von Peter Mersch ) und bremst nicht mehr den Körper aus, weil unsere Fettreserven ja bekanntermaßen nicht nur für 1 Marathonlauf reichen.
Mach vielleicht auch da mal einen Selbstversuch. So habe ich auch anegfangen, und bin dann dabei geblieben 🙂

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