Vom Frankfurt Marathon 2014 (aus einer ganz besonderen Sicht)

von Sandra Mastropietro am 29. Oktober 2014

Vom Frankfurt Marathon 2014 (aus einer ganz besonderen Sicht)

oder auch

Vom Kampf gegen die Distanz

„Wenn Du einen Marathon läufst, dann läufst Du gegen die Distanz – und nicht gegen die anderen Läufer oder gegen die Uhr.“

Weise Worte von Haile Gebrselassie, dem Weltrekordhalter über die magischen 42,195 Kilometer von 2007-2011.

An dieser Stelle möchte ich meinen heutigen Blogbeitrag mit einem großen Applaus und einer tiefen Verneigung vor ALLEN Marathon Finishern beginnen. 🙂

Herzlichen Glückwunsch zum gewonnen Kampf gegen die Königsdistanz der Langstrecke. Ihr, nein WIR ALLE, haben gekämpft, geschwitzt und uns sicher an dem einen oder anderen Punkt die Frage nach dem Warum gestellt.

In meinem persönlichen Falle lässt sich das Warum diesmal recht leicht beantworten 😉 Ich durfte Marcus, einen Personal Training Kunden von mir, beim BMW Frankfurt Marathon begleiten. Ein wunderschönes Erlebnis, dass mir eine neue Sicht auf die Dinge ermöglicht hat.

Ja, Marathon… 8 Buchstaben, hinter denen sich unendliche Emotionen, viel Schweiß, Tränen, Zusammenhalt, vor allem aber Kampfgeist und ein starker Wille verbirgt.

Aber von vorne: Pünktlich 6 Wochen vor „seinem großen Tag“ begann Marcus mit einer immer wiederkehrenden Blockade im Iliosakralgelenk (Kurz: ISG) zu kämpfen. Orthopäde und Physiotherapeut schenkten ihm skeptische Blicke als er von seinem Vorhaben „Marathon“ erzählte, gaben ihm aber letztendlich, wohl auch bzw. nur seinem überzeugendem Auftreten als Anwalt geschuldet, doch letztendlich das GO! 😉

"Starterkit" 😉

So fanden wir uns am Sonntag den 26.10.14 um 10 Uhr in der zweiten Welle des BMW Frankfurt Marathons wieder; jubelten mit unseren neuen, kurzzeitig besten Freunden und Brüdern im Geiste dem Startschuss entgegen. Punkt 10:10 Uhr war es soweit. Wir setzen uns in Bewegung; laufen; leben unsere Leidenschaft; freuen uns auf das was kommt; hoffen auf wenig Schmerz und fiebern heimlich einer neuen Bestzeit entgegen.

Mainhattens imposante Skyline strahlt uns vor einem blauen Himmel an; freut sich sichtbar darauf 11.000 verrückte Läufer in sich aufzunehmen und an selber Stelle, 42.195 Kilometer später wieder „auszuspucken“.

Die Stimmung ist fantastisch, das Wetter gut und die Streckenführung – bis auf einen kleinen Abschnitt Landstraße – wunderbar. Zum ersten Mal bei einem Marathon nehme ich das Gebotene um mich wahr, genieße es, weiß es zu schätzen – bin den Zuschauern am Rand bewusst dankbar.

Marcus läuft trotz vorangegangener Verletzung und dem damit einhergehenden Trainingsrückstand super; die ersten 5 Kilometer nehmen wir genau wie angedacht in 6:10er Pace, also in einer guten halben Stunde. Die 10. Kilometermarke nach einer guten Stunde. Unser Tempo ist konstant, die Stimmung immer noch gut. 15 Kilometer in 1:31:58. Super!

Und während uns die Strecke immer weiter aus der pulsierenden Innenstadt hinausführt und die ersten Wolken die warme Oktobersonne verdecken, wird Marcus‘ Laufstil sichtlich „unrunder“, das Tempo verlangsamt sich.

20 Kilometer. Gefühlt befinden wir uns in Fulda, bekommen aber über Lautsprecher mit, dass Arne Gabius bereits im Ziel ist. Bester Deutscher – und das bei seinem Marathondebüt. Einfach genial. High Five mit Marcus, high Five mit meinen Laufnachbaren. Fachsimpeln bis zur Halbmarathonmarke; wo sich die Arne-Fan-Herde langsam wieder entzerrt.

Kilometer 23. Nein, es geht nicht mehr, Marcus läuft nicht mehr; er humpelt nur noch! Der Schmerz und der Ärger, die Verzweiflung stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Er möchte aufhören.

Mein Herz krampft, soll ich das zulassen? Aus Trainersicht, aus Gesundheitssicht eindeutig ja…doch bin ich selbst Marathoni, selbst Sportfanat, selbst leidenschaftlicher Läufer und spüre jetzt schon seinen Schmerz und seinen Scham am nächsten Tag…vielleicht sogar noch am selben Abend; wenn er „das Ding“ nicht finished.

„Auf, los geht’s! Wir machen ein kleines Intervall-Spiel. Von hier bis zum nächsten Straßenschild gehen wird, dann versuchen wir wieder ein paar hundert Meter langsam zu laufen… Wir sind genau auf der Hälfte; umdrehen jetzt wäre wirklich blöd.“ Sage ich mit aufgesetzt heiterer Stimme und versuche meine Sorgen zu verbergen.

Gesagt, getan. Es klappt gut. Marcus ist tapfer; kämpft beinahe schon heroisch. In seinen Augen funkelt der unbändige Wille, die Distanz zu besiegen. Wir treffen Anna auf der Strecke, eine kleine, blonde und auffällig blasse Person. „Geht’s Dir gut?“ frage ich Sie.

„Nein, ich will nicht mehr…ich weiß nicht ob ich das alles hier zu Ende bringen will!“ sagt sie trotzig und lässt verzweifelt den Kopf hängen.

„Ja willst Du; wirst Du! Du kannst es…. Und auch wenn Du von hier an gehst – ein Do Not Finish wird Dich ewig unglücklich machen“ sage ich. Anna schließt sich uns ein Stück an und auch Frank, der Wadenkrämpfe hat, humpelt für einige Zeit mit uns und nimmt meine Motivationssprüche lächelnd hin.

Von Kilometer 25-30 fungiere ich als Streckenabschnittsentertainer; feuere an und versuche zu motivieren und aufzubauen!

„Kommt Leute, über die Hälfte ist geschafft. Jeder Schritt bringt Euch näher zum Ziel, in die Festhalle; auf den roten Teppich…diesen Moment könnt und wollt Ihr Euch doch nicht entgehen lassen…nicht wegen einem kleinen Durchhänger!“ rufe ich „THIS IS YOUR DAY – da sehtes…seht…da steht es…also lauft, geht, kriecht wenn es sein muss. Aber ihr habt nicht so lange auf diesen 26. Oktober hier hintrainiert um ihn nach 30 Kilometern zu schmeißen.“

Zu uns stößt Katrin, eine Triathletin aus dem Wobenzym Team. Unabgesprochen aber äußerst gekonnt spielen wir uns die Motivationssprüche zu; Marcus trabt, erschlagen vom Redeschwall zweier Frauen bei Kilometer 32, tapfer zwischen uns.

„So Ihr hier“ sage ich laut zu allen Mitläufern um uns herum; „10 Kilometer noch. Das wäre doch jetzt wirklich gelacht oder?! 1…2…3… gute Laune und olé! Festhalle wir kommen.“

Skeptische Blicke und verzweifelte Versuche zu lachen um mich herum. Ich frage mich, ob ich Marcus eigentlich peinlich bin 😉

Katrin und auch Anna sind verschwunden, zu uns gesellt sich ein äußerst düsterst dreinschauender, älterer Herr mit Berlin Marathon Kompressionssocken.

„Na nun; nicht so böse schauen… nur noch 7 Kilometer…“ sage ich beschwingt!

„Neeeee…das ist doch alles doof hier…das wird `ne Zielzeit über 4:45 Stunde. Ne ey echt auf sowas hab ich kein Bock…Berlin bin ich vor 4 Wochen in 4:19 gelaufen.“ Grummelt er und zieht betretene Blicke auf sich!

„Du Miesepeter!“ sage ich und würde am liebsten meine Hände in die Hüften stemmen, aber so läuft es sich so schlecht „Uns allen macht das Laufen Spaß und manchmal ist eben das Ziel das Ziel. Lieber 42.195 gut gelaunte, langsame Kilometer und im Anschluss ein happy Finisher, als ein uhrgejagter Grummelmann“ sprudelt es aus mir heraus. (Ja, manchmal bin ich tatsächlich selbst überrascht wenn ich höre was da so aus meinem Mund kommt O.o )

Nickende Zustimmung von den Menschen um mich herum; Kopfschütteln vom Miesepeter.

Marcus kämpft weiter, spielt tapfer das Intervallspiel. An jeder Getränkestation machen wir kurz Pause, unterwegs wechseln wir zwischen gehen und langsamen laufen.

Bei Kilometer 36 kommen wir langsam wieder in die gut gelaunte Innenstadt. „Komm komm komm…gleich geschafft. Noch 6 Kilometer…dafür gehst Du sonst nicht mal mehr aus dem Haus.“

Mein Blick fällt auf die Uhr… für 6 Kilometer haben wir 45 Minuten. Gedanklich wiege ich ab ob ein Sub 5 Stunden Ziel realistisch ist und lüge: „Los komm Marcus…6 Kilometer in 40 Minuten, dann schaffen wir es unter 5 Stunden!!!“

Er gibt alles, humpelt…läuft…geht schnell, rennt. Die Kilometer fliegen an uns vorbei, gemeinsam fiebern wir von einer Kilometermarke zur Nächsten, zu jeder Distanz habe ich eine Beispielstrecke und einen zugegebenermaßen blöden Spruch auf Lager.

Auch wenn weder Marcus noch irgendwem um mich herum zum Scherzen zu Mute ist, rede ich unaufhörlich weiter, klatsche, applaudiere. „Los Los Los, gleich geschafft. Da vorne ist das 40. Kilometerschild! GOOOOOOO!!! …je länger Ihr jetzt für die letzten zwei Kilometer braucht, desto länger tut es weh…die Frage, ob finishen oder nicht steht jetzt sowieso nicht mehr zwischen Frankfurts Hochhäusern!“ quietsche ich.

Kilometer 40… 4:44:44 zeigt meine Uhr an… also noch eine viertel Stunde für die restlichen 2.195 Kilometer. Die Stimmung an der Strecke, die aufmunternden Rufe des Publikums, der Fakt, dass das Ziel so nah und der Schmerz dann endlich ein Ende hat, beflügeln Ihn. Wir laufen, laufen, laufen und betreten nach 4:57 endlich den roten Teppich der Festhalle.

Sub 5 ist geschafft, eine neue Bestzeit für Marcus. Mein Job ist getan, seiner auch! Erleichtert umarmen wir uns.

GESCHAFFT! Im wahrsten Sinne des Wortes! Stolz nehmen wir die Finisher Medallie entgegen, holen uns ein Bier, stoßen an. Resümiert wird nicht, noch nicht. Noch sind seine Schmerzen zu groß und die Eindrücke zu stark.

Er hat es geschafft, tatsächlich geschafft.

Neue Bestzeit; trotz allen Widrigkeiten die Distanz geschlagen, die Uhr geschlagen…alle Zweifler geschlagen!

Seine Familie empfängt ihn erleichtert und zugleich unheimlich stolz im Ziel. Nach einem kurzen Wortwechsel entferne ich mich. Denn das war nicht mein Moment; es war und ist seiner.

Es war der Tag der Kämpfer, der Beißer und der Finisher. Der Tag der Bestzeiten, des Stolzes und der Tränen.

Und wie auch immer Euer letzter Marathon ausging; seid stolz! Stolz auf Euch, Eure Leistung und Euren Willen. Seid stolz das geschafft zu haben, was so viele andere noch  nicht einmal versuchen!

Gratulation, Ihr seid nicht länger „Läufer“ , ihr seid Marathonies – Helden des Alltags!

Herzliches Danke an dieser Stelle an alle freiwilligen Helfer des FRA Marathons, besonders Ulli Löhr und Kathrin Bauer; allen Anfeuerern (besonders Anja, Elena und Marcel)

Noch einmal herzlichen Glückwunsch allen Finishern, allen voran natürlich „meinem Marcus“ 😉 , Kirsten und Adam77  aus der run.de community, Anna Geissler, Hinnerk Pott und der kleinen, blassen Anna von der Strecke, die ich dann noch kurz im Zielbereich erspähen konnte! YEAH!!!

Ich wünsche Euch eine schöne Restwoche 🙂

#keeponrunning

Eure Sandra


{ 4 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

Jenny Oktober 29, 2014 um 15:07

Oh, wie gut kann ich mit Marcus im Nachhinein mitfiebern … mir ging es bei meinem ersten Marathon ganz ähnlich und ich bin etwas traurig, dass ich dich damals nicht dabei hatte, Sandra 😉 So ein paar Stimmungsaufheller hätte ich gut gebrauchen können (stattdessen musste ich mich selbst bespaßen und überreden, nicht aufzugeben). Toll, wie du Marcus begleitet hast! Wäre das nicht auch ein prima Nebenjob für dich? Marathon-Begleiterin? 😉

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Sandra Oktober 29, 2014 um 16:05

oh Danke Du Liebe. Das Begleiten und Motivieren haben wirklich großen Spaß gemacht; manchmal ist es auch einfach nur schön sich am Glück anderer zu erfreuen 🙂

Also sag gerne Bescheid, wenn Du Deinen nächsten Marathon angehen magst 🙂 Vll ergibt sich ja was 🙂

GLG Sandra

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Patrick Oktober 30, 2014 um 08:56

Hallo Sandra,

was für ein toll geschriebener Bericht, voller Emotionen und allem was dazu gehört. Ich kann gut mit Marcus mitfühlen.
Bin heuer selber meinen ersten Marathon gelaufen, allerdings in Berlin. Eigentlich wollte ich den Berlin Marathon schon letztes Jahr laufen, allerdings hat mich da ein Hüftschnupfen drei Wochen vorher davon abgehalten, weshalb ich den Startplatz auf dieses Jahr verschieben musste.
Also wieder alles von vorne, die komplette Marathonvorbereitung und wieder alles fokusiert auf den 28.09.14
Bei meinem letzten langen Trainingslauf zwei Wochen vor dem Marathon bekomme ich wahnsinnige Probleme mit einem „Läuferknie“. Es macht sich Enttäuschung und Frustration breit, ich denke mir „nicht schon wieder“, beginne an mir selber zu zweifeln.
Bin dann die zwei Wochen vor dem Wettkampf überhaupt nicht mehr gelaufen, nicht mal mehr ne kleine Runde, ich wollte einfach nichts riskieren. Habe mein Knie komplett geschont, Kraft- und Stabiübungen intensiviert, Faszien mit der Blackroll behandelt und mich tapen lassen, ich wollte es einfach probieren.
Bin also mit dem Gedanken nach Berlin gefahren, lauf soweit es geht, entweder das Knie spielt mit oder eben nicht.
Also stand ich im letzten Startblock zusammen mit tausend anderen Erstmarathonläufern. Ich wäre mich gut auf, gehe nochmal tief in mich und motiviere mich selber, bin nämlich ohne Begleitung gestartet.
Dann der Startschuss, Adrenalin pur.
Erste Versorgungsstation bei 5km, läuft. Dann fasse ich den Entschluss jede Versorgungsstation mitzunehmen, zu gehen und zu trinken etc., weil ich gemerkt habe, dass ich das so schaffen kann und mein Knie mitspielt.
Die Taktik ging auf, bis km 25 lief alles super, dann fing ich schon langsam an mich zu fragen, „was machst du hier eigentlich“. Also nochmal selbst motivieren, über die Hälfte ist geschafft, der Klassiker „jetzt umzudrehen wäre auch doof“ geht immer :). Das Ziel kommt immer näher, mit jedem Schritt, km 30, km 35 und auf einmal durchströmt den Körper das Gefühl „jetzt schaffst du es“. Letzte Kurve bei km 41 und dann seh ich das Brandenburger Tor vor mir auftauchen, Massen an Zuschauern, ich muss mir die Tränen verkneifen. Sub 5 Std. hab ich leider nicht geschafft, aber ich bin überglücklich und stolz nach 5:13 Std. über die Ziellinie gelaufen. Ich habe es geschafft und es allen gezeigt. Jeder hat mir abgeraten zu starten wegen der „Verletzung“, keiner hat an ein Finish geglaubt, nur ich habe gesagt, ich versuche es wenigstens und nun habe ich es geschafft. In dem Moment wo man die Ziellinie überschreitet und die Medaille umgehängt bekommt, dieses Gefühl ist unbeschreiblich. Ich bin zu einem Marathonie geworden und werde ich ein Wiederholungstäter werden :).

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Sandra November 3, 2014 um 15:14

Hallo Patrick,
wow – vielen lieben Dank für Deinen Kommentar und herzlichen Glückwunsch zu diesem super-hart-erkämpften Finish!
Yes, you are definitely a Marathoner! 🙂

Sicher, aus medizinischer Sicht und auch aus allgemeiner Vernunft sollte man nicht verletzt an den Start gehen… aber ich persönlich bin der Meinung, dass man ganz individuell abwägen muss, ab wann der „mentale Schaden“ größer ist als der physische.

Ich gebe jedem Recht, der Dich unter den beschriebenen Bedingungen von Deinem Vorhaben abhalten wollte – verstehe aber auch Dich als Starter, Sportler und in erster Linie leidenschaftlichen Läufer.

Ich hoffe dem Knie geht es inzwischen wieder gut und/oder ist in bester Behandlung. 🙂

Alles Gute für Deine weitere LAUFBahn und nochmals herzlichen Glückwunsch!
LG Sandra

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