Vom Warschau Halbmarathon 2016 oder auch von einem ganz anderen Wochenende, als geplant ;)

von Sandra Mastropietro am 6. April 2016

Vom Warschau Halbmarathon 2016

oder auch

Von einem ganz anderen Wochenende, als geplant 😉

„Man soll die menschlichen Pläne und Unternehmungen nie nach ihrem Ausgang beurteilen.“

*Friedrich II., der Große (1712 – 1786)

 Freitagmorgen, 01.04.2016

Die Stewardess begrüßt uns mit lieblicher Stimme an Board und wünscht uns eine erholsame Stunde „Offline“. Schon beschleunigen wir, heben ab, bohren uns durch die Wolkendecke in Richtung Osten.

Meine heutige Destination: Warschau, Polens Hauptstadt.

Entspannt lehne ich mich zurück, nippe an meinem Pfefferminztee und blättere leicht verträumt im Reiseführer – um festzustellen, dass ich eigentlich so gar nichts über mein Wochenendziel weiß…

Im zweiten Weltkrieg zerstört, danach wieder aufgebaut. Ein Stalinbau als bekanntestes Gebäude. Erhöhter Vodkakonsum und einige Klischees, auf die ich aber nichts gebe.

Die Vorfreude darauf, die mir noch unbekannte Stadt 21.1 Kilometer auf laufende Art und Weise zu erkunden, wächst unaufhörlich und mit ihr die Lust auf Kultur, Museen und landestypisches Essen.

Kaum im Hotel eingechecked, treffe ich mich auch schon mit Daniela, eine der beiden Gewinnerinnen für den Halbmarathonstartplatz am Sonntag.

Warschau hat eine große und vielfältige Barkultur

Nach unserer „Guided Walking Tour WARSAW IN CRIME“ kehren wir in eines der vielen, kleinen Lokale, welche die Weichsel säumen und das Stadtbild maßgeblich zeichnen, ein. Nach einem Teller leckerer Piroggen (gefüllte Teigtaschen) stößt auch Annika (genannt Nika), die Gewinnerin des zweiten Startplatzes, zu uns. Ein erstes Kennenlernen zu Dritt. Die Chemie stimmt, trotzdem beschließen wir anzustoßen, auf diese Zusammenkunft und unser bevorstehende Lauf-Kultur-Mädelswochenende.

Der hausgemachte, aromatisierte Vodka ist vorzüglich. Traditionell mit Essiggurke danach. Zum Neutralisieren. Wir verstehen uns prächtig, lockern immer mehr auf. Stellen viele Gemeinsamkeiten fest. Alle drei legen wir großen Wert auf Ernährung, gönnen uns aber auch gerne mal was 🙂 Also noch einen Vodka. Wir fragen die Barfrau welchen sie empfiehlt. Einzige Bedingung: hausgemacht. Und wieder mit Essiggurke. Wir trinken Aronia-Vodka. Weil die Aroniabeere gut für das Immunsystem ist. Daniela wird nächste Woche in Wien ihren 1. Marathon laufen, ich in zwei Wochen Hamburg. Wir dürfen kein Risiko eingehen, krank zu werden. Es soll der letzte „Stamperl“ sein, sagen wir uns. Prost oder auch: Na zdrowie. Einige Einheimische werden auf uns aufmerksam und wir kommen ins Gespräch. Erzählen stolz, dass wir für den Halbmarathon und eine Stadtbesichtigung hier sind. Sie tauschen einen Schwank „Insider-Tipps“ mit uns und bestellen noch einen Vodka, auf die Freundschaft. Mist, doch noch einmal anstoßen.

Während der Alkohol von innen wärmt und meine Gedanken zäher als gewohnt fließen, frage ich mich, wie lange es wohl her ist, dass ich mehr als ein, maximal zwei Gläser Wein getrunken habe… ich kann mich nicht erinnern.

Der Barkeeper mischt sich ins Gespräch ein, gibt eine Runde aufs Haus. Wieder stoßen wir an, diesmal darauf, dass wir hier sind und einen guten Halbmarathon laufen werden.

So nimmt der Abend seinen Lauf, und uns unseren – zumindest ist das einer der letzten Gedanken, die ich klar fassen kann bzw. an die ich mich noch erinnern kann. „Wie zum Teufel soll ich bloß in ein paar Stunden einen anständigen Halbmarathon laufen?“

Danach: Blackout. Draußen wird es bereits hell.

Der nächste Tag: (also eigentlich nur wenige Stunden nach Verlassen der Bar)

Alles dreht sich. Warum? Wo bin ich? Ah…Warschau. Mein Hotel. Warum schmerzt mein Kopf so? Verschwommen tauchen einige Bilder vom Vorabend vor meinem geistigen Auge auf. OH NEIN! Nicht wirklich oder? Wie konnte… Mist!

Starten oder nicht, das ist die große Frage!

Ich versuche aufzustehen – jedoch zu schnell für meinen Kreislauf. Wo ist mein Handy? Langsam und schwerfällig taste ich auf meinem Nachtschrank herum. Jede Bewegung tut weh. Alles ist anstrengend.

Ich hab´s! Akku leer.

Ok, dann eben erst duschen. Der Boden unter meinen Füßen federt mit jedem Schritt. Das lauwarme Wasser tut zwar gut, kann aber auch keine Lebensgeister in mir wecken. Der Gedanke an ein Frühstück bringt den ohnehin sehr wackligen Kreislauf wieder zu Fall.

Selbstdiagnose: Komplett zerstört, dickster Kater seit Jahren! …und das nach wochenlangen „Verzichten“ und „Nein, lieber nicht. Ich darf nicht krank werden, mein Körper muss in den nächsten Wochen einiges leisten können.“ Die Ironie der Situation lacht mir laut ins Gesicht.

Mühsam und furchtbar langsam ziehe ich mich an, frage mich, wie ich es schaffen soll, in 10 Minuten beim vereinbarten Treffpunkt für die Stadtführung zu sein. An schnellere Bewegungsabläufe als Schneckentempo ist nicht zu denken…. Denken?!

Wo war doch gleich mein Handy? Ach ja – am Ladegerät. Selbst das Zahnfleisch schmerzt beim Zähneputzen. Ich jammere still vor mich hin. Bloß nicht nach unten schauen. Ich brauch frische Luft.

Mit gefühlten 0.5 km/h bewege ich mich in die Hotellobby. Das „Bing“ vom Aufzug hallt in meinem Kopf wieder und wieder. Ähnlich zerstört wie ich mich fühle sehen Daniela und Nika aus.

Wir 3 schauen uns aus kleinen Augen an… und brechen in schallendes Gelächter aus. Unser Quieken schmerzt im Kopf, doch wir können den eigenen Hohn nicht zurückhalten. Angestrengt versuchen wir, die Puzzleteile des Vorabends zusammenzusetzen.

Wie drei geschlagene Ritter waten wir mit gesenkten Häuptern unserer Stadtführerin hinterher. Versuchen, uns zu konzentrieren, die Geschichte aufzunehmen. Zu verstehen. Durch die bunte Altstadt, welche 1980 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, entlang Regierungsgebäuden, durch Museen und vorbei an zahlreichen Statuen. 6 Stunden lang Warschau kompakt. Beeindruckend und interessant, jedoch unter gegebenen Umständen unglaublich anstrengend.

Ich schäme mich, muss aber auch immer wieder lachen. Wäge ab, wie groß das Ausmaß dieses einen, aber zugegebener Maßen exzessiven, Fehltrittes wohl ist.

In meinem Kopf beginnt das Rechnen. Noch 18 Stunden bis zum Halbmarathon und jede Menge Restalkohol im Blut, Nahrungsaufnahme bislang unmöglich. Re-Hydrierung auch nicht machbar – der Magen ist selbst für Wasser zu aufgeregt.

Die Gedanken, die mir selbst nicht gefallen, werden von Gelächter unterbrochen. Daniela und Nika schauen Handyfotos, rekonstruieren so unseren Abend. Ohweh. Ich stimme in das Gelächter ein.

Am späten Nachmittag können wir eine leichte Verbesserung unseres Zustandes feststellen, ein paar Piroggen essen und zumindest Cola für den Kreislauf trinken. Sehr zeitig verabschieden wir uns ins Bett.

Der Halbmarathonmorgen:

Der Wecker klingelt um 6:30 Uhr. Zu zeitig. Zu laut. Mist, immer noch im Jammermodus!

Ich fühle mich nicht fit, bin wacklig auf den Beinen und verschwitzt. Gesundheitlich fehlt mir jedoch nichts; es ist der Kater, der mir in den Knochen steckt.

Ich überlege zum ersten Mal in meinem Läuferleben, ob ich überhaupt starten soll oder lieber nicht… und verschiebe die Entscheidung bis nach dem Frühstück.

Revitalisierendes Frühstück

Einige frische Säfte sowie Haferflocken mit Jogurt und Obst später beschließe ich, jegliches Selbstmitleid abzuschütteln und zumindest einen Teil „meiner Mission“ hier zu erfüllen. Ich werde starten. Ich werde laufen, ich werde die Stadt genießen, den Halbmarathon entlang der geschichtsträchtigen Route.

Gesagt, getan.

So stehe ich wenig später mit knapp 13.000 Gleichgesinnten an der Startlinie, zähle auf Polnisch (nein, spreche ich nicht!) die für mich unaussprechlichen Zahlen herunter.  An meiner Seite: ASICS Frontrunner Kollege Lutz.

Tja, wäre nun alles gekommen, wie einst angedacht, so würden wir vermutlich gemeinsam meiner neuen Bestzeit entgegen laufen. Die Form stimmt, die vorangegangenen Kilometer dank dem Israel Trail auch. Der Warschau-Halbmarathon wirbt mit seiner flachen, schnellen Strecke.

Lutz schaut mich jedoch nur mitleidig an. Immer noch ist mein Gesicht eingefallen und farblos. Ich bin mir sicher, dass ich stinke. Er bleibt dennoch an meiner Seite, motiviert mich, irgendwie das Beste aus der gegebenen Situation zu machen, und sei es nur das Erfreuen der Streckenführung.

Der Startschuss fällt.

Das Feld setzt sich in Bewegung. Das Leistungsniveau ist unglaublich hoch, höher als in Deutschland. Der Ehrgeiz kicked in. Ich möchte mithalten. Bei wunderbarem Sonnenschein, welcher die Stadt in warmes, freundliches Licht hüllt und einem leichten Wind ziehen wir an allen „Must Sees“ vorbei. Lutz korrigiert mich, fordert eine aufrechte Haltung und große Schritte. Jetzt soll ich etwas trinken. Die erste Hälfte vergeht wie im Flug, 13 Kilometer in 01 Stunde und 1 Minute.

Dann kommt der Einbruch.

Mein Magen krampft, meine Zunge ist schwer und trocken. Mein Kopf weigert sich ab diesem einen Moment schlichtweg, meine Beine weiterhin anzutreiben. Lutz versucht diesen Part zu übernehmen, jedoch vergebens.

Alles, was ich noch von mir gebe, sind stöhnende Laute und ein gehecheltes „Ich will nicht mehr“ oder „Ich saufe nie wieder“.

Ein mentaler Zusammenbruch, der Müdigkeit und dem Vodka geschuldet.

Auch wenn alles, aber auch wirklich alles wehtut, so kann und muss ich doch noch über mich selbst lachen.

„Wer lachen kann, der kann auch laufen – also gib Gas!“ Nimmt Lutz den Faden auf, seinen leicht verzweifelten Blick kann er jedoch nicht verbergen. Ein leises „Mensch Mädchen“ schiebt er schon fast in väterlicher Besorgtheit hinterher.

Trotz guter Stimmung und schöner Strecke: Die letzten Kilometer scheinen für mich unendlich. Lutz rechnet und versucht mich vergebens zu motivieren. Der 1:40 Pacermaker zieht in atemberaubender Geschwindigkeit an uns vorbei. Schnell ist er außer Sichtweite. Von nun an ist jeder Schritt ein Kampf. „Große Schritte, kein Tapsen“ zischt Lutz neben mir. Ich resigniere.

Das Kilometer 20 Schild taucht auf. Lutz wird lauter. „Du hast genau noch 5 Minuten und 30 Sekunden um dieses Ding unter 1:45 nach Hause zu holen. Los, wer saufen kann, der kann auch laufen!“

Logisch scheint mir seine Argumentation in diesem Moment zwar ganz und gar nicht, dennoch beiße ich im wahrsten Sinne des Wortes die Zähne zusammen und versuche meine Schrittlänge noch einmal zurück auf „Normal“ zu bringen. Es gelingt mit Ach und Krach. Nach 1:44:40 durchquere ich den Zielbogen, falle Lutz in die Arme und japse erschöpft: „Wasser!“

Mit Lutz im Ziel

Eine Dame hängt mir eine schwere und aufwändig gestaltete Finisher-Medaille um den Hals. Einen Moment halte ich inne und betrachte sie, lasse den Trip Revue passieren.

Ja, es war großer Mist und hochgradig unvernünftig, uns Freitagabend so „gehen zu lassen“. Aber wisst Ihr was? Ich würde das Wochenende um nichts eintauschen wollen. Schon gar nicht gegen eine neue Bestzeit, die man irgendwann irgendwo wahrscheinlich eh wieder knackt. Und selbst wenn nicht. Einem Abend mit (neugewonnen) Freunden, Tradition und ganz viel Spaß kann nichts so schnell das Wasser (oder auch den Vodka ;)) reichen!

vor dem Palace of culture and Science (Geschenk Stalins)

Danke Warschau, danke WarschauTourism, Danke Daniela (und viel Erfolg in Wien) und Nika (gute Besserung) sowie natürlich Danke an meinen Held Lutz und das ganze ASICS Frontrunner Team (Ihr seid die Besten!)

Last but not least: Danke an alle, die dieses unvergessliche und tatsächlich sonderbare Wochenende möglich gemacht haben – vor Ort oder unterstützend daheim!

Wer im September Lust auf einen etwas anderen Städte-Marathon-Trip, dem empfehle ich den Warschau Marathon am 25.09.2016 (selbiges Wochenende wie der Berlin Marathon)

https://www.facebook.com/events/248881045462342/248886795461767/

Warschau hat einiges an Kunst und Kultur zu bieten, ist preisgünstig und Laufverliebt. Die Stadt blüht, die Menschen sind freundlich und die Gastronomie empfehlenswert.

Für Fragen stehe ich Euch gerne jederzeit zur Verfügung.

Beste Grüße

Eure Sandra


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