Von einem ganz spontanen Marathon um Mitternacht

von Sandra Mastropietro am 30. Oktober 2013

Ein ganz normaler Samstagnachmittag. Fast. Meine Kleine schläft, mein Mann beschäftigt sich mit der italienischen Fußball Liga und ich regeneriere vom harten Bahntraining mit Annika am Vortag. Während ich also entspannt durch meinen Facebook Newsfeed scrolle, fällt auf, dass sich gefühlt alle virtuellen Freunde gerade in Frankfurt auf der Marathon Messe tummeln und gemeinsam die Stunden bis zum Startschuss am nächsten Morgen runterzählen.

Plötzlich bin ich nicht mehr so entspannt. Jede noch so verkaterte Muskelfaser in meinem Körper schreit ICH MÖCHTE AUCH EINEN MARATHON LAUFEN! DAs Läuferherz schlägt höher. JA ICH WILL!

„Schaaaaaaaaaatz, alle laufen den Frankfurtmarathon morgen… ich möchte auch mal wieder einen Laufen!“ werfe ich leicht trotzig in den Raum und merke, wie sich das Adrenalin schon allein bei dem Gedanken an die 42,195 Kilometer in mir ausbreitet.

„Ja dann lauf halt einen“ sagt er gelassen; leicht amüsiert. Mein Mann wiegt sich in Sicherheit, dass man nicht einfach mal so an einem Samstagnachmittag einen Marathonstartplatz in der Nähe organisieren kann.

Doch falsch gedacht!!! 😉

Mr. Google kann alles, weiß alles und macht auch alles möglich. Ich stoße auf den „Bestzeitmarathon“ im Münchner Ostpark. Start ist heute um Mitternacht; also in 9 Stunden. Die Anmeldung ist selbstverständlich geschlossen. Keine Telefonnummer auffindbar. Aber eine E-Mail Adresse. Mein Betreff: DRINGENDE BITTE!

Wenig später der Anruf mit der erlösenden Anweisung, mich um 23 Uhr am Münchner Michaelibad einzufinden. Yeah!

 „Du bist einfach verrückt“ sagt mein Mann kopfschüttelnd.

Ich werde panisch. Er hat Recht! Schließlich habe ich seit dem Berlin Marathon vor einem Monat gar keine Leinsamen mehr unter mein Müsli gemischt. Und meine Kohlenhydratspeicher sind bestimmt auf Tiefstand, wie oft hatte ich diese Woche Reis oder Nudeln gegessen? Ohje; und wie schaut es um die Hydrierung aus? Ich habe heute noch keine 1,5L Wasser getrunken! Mist, und meine Kompressionsocken sind frisch gewaschen, die soll man doch vorher einlaufen.

Also auf in die Stadt mit der Family, die Herbstsonnenstrahlen genießen, Kompressionssocken „einlaufen“  und nochmal einen riesen Eisbecher essen…. Am besten wäre wahrscheinlich Spagetti-Eis 😉 – aber das mag ich nicht und vertraue auf die Megakalorien des Schoko-Ingwer-Bechers. Damit sollte ich 42,195 Kilometer schaffen! 😉

Daheim gibt es dann doch noch Nudeln, und zwar mit Guacamole, einer Avocado-Tomaten Creme. Avocado soll ja auch schließlich auch Power geben. Die Zeit fliegt und gerade, als ich müde werde, ermahnt mich die Uhr, dass es Zeit wird sich in die Laufklamotten zu schmeißen und zum Marathonstart zu fahren.

Doch was zieht man an, wenn man die ganze Nacht läuft? Nix anderes als  morgens um 4 sage ich mir und streife die lange Laufhose über die Kompressionsstrümpfe, die ich seit dem Nachmittag trage. Ein langärmliches Laufshirt und ein T-Shirt drüber. Und meine kurze Lieblingslaufhose über die Lange, einfach weil mir danach ist.

Am Eingang des Ostparks haben sich schon etliche Läufer versammelt. Sie tragen Eindruck-schindende T-Shirts wie „100 Marathon Club“, „Triathlon Staffel“, „Running Company“ und und und.

Ok, wieder ein Eigentor geschossen. Ich seh mich schon einsam meine Runden drehen während alle anderen auf gepackter Technik sitzen und nach Hause wollen. HORRORVORSTELLUNG!

Die Marathonstrecke besteht aus 20 Runden á 2,11 Kilometer. Auf jeder Runde gilt es ca. 6 Höhenmeter zu überwinden. Klingt nicht viel, aber 6mx20 Runden sind schließlich 120m Gesamtanstieg – und das wiederum finde ich viel. Zumindest für mich als verwöhnte Isar-Flachland-Läuferin.

53 gut gelaunte Läuferinnen und Läufer warten um kurz vor Mitternacht auf den Startschuss. Gemeinsam zählen wir runter.

  • Drei
  • Zwei
  • Eins

Los. Wir jubeln, freuen uns auf eine durchlaufene Nacht. Die Stimmung auf der Strecke ist grandios. Aller 2 Kilometer kommen wir am Verpflegungszelt vorbei, wo uns tapfere, freiwillige Helfer namentlich anfeuern, Getränke unserer Wahl und liebevoll geschnittene Apfel-oder Bananenstückchen reichen. Alles läuft. Theoretisch. Zumindest bis ca. Kilometer 18, 9. Runde.

RUNDE! Genau die scheint mir zum Verhängnis zu werden. Ich habe noch nicht mal die Hälfte geschafft, und schon habe ich das Gefühl jeden einzelnen Grashalm, jedes Blatt auf dem Boden und jeden Kieselstein am Wegrand zu kennen. Um diese Kurve, dann kommt der Anstieg, dann wieder eine Kurve, dann bergab, dann noch eine Schleife, vorbei am Michaelibad und… dasselbe nochmal….und nochmal…und nochmal.

Die Strecke wird leerer. Es sind immer wieder dieselben, respekteinflößenden T-Shirts, die mich überrunden. Mein Blick ist voller Ehrfurcht, Respekt und ein wenig Eifersucht, denn diese Herren werden eher im Ziel und somit eher im Bett sein.

Oh bin ich müde! So müde! … und jedes Mal, wenn wir die Schleife  nach dem „bergab“ laufen, seh ich mein Auto auf dem Parkplatz – kann es quasi rufen hören. Kurz darauf führt die Strecke wieder am Verpflegungszelt vorbei, wo der Autoschlüssel liegt. Mein innerer Schweinehund zählt laut eins und eins zusammen, was gleich „Fahr nach Hause“ ergibt.

Um das Verpflegungszelt bildet sich eine Menschentraube. Ich  japse im Vorbeilaufen nach Iso und frage (bzw. keuche) den Mann, der mich so oft überrundet hat entsetzt „Schon den ganzen Marathon gelaufen?“

„…nö, doch nur den Halben. Magenprobleme“

Aha!

Für mich heißt es weiter, immer weiter… immer…. Aua!!! Alles in mir sträubt sich auf einmal gegen das Laufen. Die Muskeln, die vor einigen Stunden noch „ICH WILL“ geschrien haben schweigen und wimmern kleinlaut. Dafür schreit jedes Nervenende in meinem Körper umso lauter: Geh nach Hause, ab ins Bett!

In meiner Hüfte, wegen der ich bis vergangene Woche noch Laufverbot hatte, stecken Nadeln…glaube ich. Fühlt sich zumindest so an. Der Doc hat bestimmt ein Teil der Spritze abgebrochen und es nicht gemerkt.

Im Ostpark fliegen auf einmal blau-weiße Punkte; Konfetti?! …nein, mein Kreislauf.

Am Verpflegungszelt nach 11 Runden, 23,3 Kilometer, schalte ich die Pulsuhr auf uns will das erste Mal in meinem Leben einen Lauf abbrechen. ICH KANN NICHT MEHR, bin komplett am Ende. Physisch und psychisch.

Tränen laufen mir übers Gesicht, als ich mich zum Organisator schleppe, um ihm mitzuteilen, dass ich abbreche. Da laufe ich am Monitor mit den Rundenzeiten und Platzierungen vorbei, sehe, dass ich meinen schnellsten Halbmarathon bis jetzt gelaufen bin und zudem auf Platz 2 der Frauengesamtwertung (Gut, es waren nicht soooooooo… viele Frauen am Start aber immerhin!) 😉

Vor meinem geistigen Auge kämpfen Engelchen (der Läufer in mir) und Teufelchen (der berüchtigte Schweinehund) einen brutalen Kampf. Weiterlaufen, nicht weiterlaufen…Bett, nicht Bett… Wie Annika sagen, dass ich abgebrochen habe… wie Euch, den Bloglesern von einer Niederlage schreiben?

…wie kann ich das vor mir selbst rechtfertigen, wo ich doch mit jedem Kilometer Geld für mein ehemaliges Projekt in Indien sammle?

Ich heule immer noch und gerade, als der Läufer in mir den inneren Schweinehund erlegt hat, taucht ein als Nikolaus verkleideter Fun-Mitläufer auf, klopft mir auf die Schulter und reicht mir einen Pappbecher voller Cola. „Los, weiter machen“.

Mit einem großen Zug leere ich den Colabecher und laufe los! Ich stürze mich quasi in die Runden, erklimme die 6 Meter Steigungen. Mir kommt ein Teil der Titelmelodie von Bob der Baumeister in den Sinn (Schaut meine Tochter so gerne)…“Können wir das Schaffen? Jo wir schaffen das“ …ok ich kann nicht sing, nicht mal in Gedanken, auch keine Kindermelodien – lassen wir das!

Die Runden werden einsam, die Nebelfelder im Ostpark gespenstisch. Weiter; immer weiter! Kilometer 30! Fast geschafft!

Ich laufe wie in Trance. Vielleicht schlafwandele ich ja wirklich; geht das? Meine Gedanken gehen baden – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn jedes Mal, wenn ich am Michaelibad vorbei hechle, denke ich an die Sauna, den Whirlpool, Liegen mit Wärmelampen oben drüber…. Hach ja!

NEIN!!!

Kilometer 35.  Nicht mehr nur der Schmerz und die Müdigkeit, sondern auch der Hunger treiben mich an meine persönlichen Grenzen.

Aber es geht weiter! Wo war eigentlich der Eisbecher geblieben? Ein Pfeil, der auf dem Boden den Weg weisen soll, erinnert mich von seiner Form her an einen Weihnachtspilz-Keks. Kennt Ihr diese Ausstechförmchen in Pilzform, die man nie so richtig hinbekommt? Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Kekse!!! …mit bunten Streuseln…mhhhhhhhh

Meine Schritte werden kleiner, schwerer, langsamer. Da höre ich meinen Namen. Die Evi ist nach Ihrer Spätschicht vorbei gekommen um mich anzufeuern. Meine Miene erhellt sich. Noch 3 Runden.

Der Organisator, genannt Time Killer, läuft mit mir. „Los Los Los“ treibt er mich an! Gemeinsam kraxeln wir die 6 Höhenmeter empor, die mit jeder Runde steiler werden, rennen zerstört bergab, die Schleife, vorbei am Michaelibad, fangen unsere Gedanken wieder ein und passieren erneut das Verpflegungszelt. „Noch 2 Runden – 2. Frau“ rufen die Helfer im Chor und reichen mir wieder Cola und Apfelstücken.

„Schaff ich!“ grunze ich. 6 Höhenmeter gleichen in meinem Zustand dem Mount Everest. Den Pilz-Keks-Pfeilen folgen…

Großer Applaus am Verpflegungsstand leitet meine letzte Runde ein. Bereits gefinishedte Läufer warten, das Orga-Team sichert mir zu, immer noch auf Platz 2 zu sein. Ungeahnte Kräfte!

Schmerz vergeht, Stolz bleibt sage ich mir und setze tapfer einen Fuß vor den anderen, bergauf, bergab, Schleife, Michaelibad… und da ist es…das Ziel!!!

Nur noch wenige Meter!

FINISH!!!!

Applaus. Mein Applaus. Eine Medaille baumelt um meinen Hals,  verliehen vom Organisator himself.

Eine grandiose und so liebevoll organisierte Veranstaltung geht zu Ende.

An dieser Stelle hochoffiziellen Dank an alle Organisatoren und Helfer, ein tolles Erlebnis.

Glückwunsch allen Teilnehmern! 🙂

Nach 2 Stunden Schlaf klingelt mein Wecker. Wir sind mit unserer Kleinen zum Halloween Brunch eingeladen. Mein Mann schaut mich skeptisch an und sagt: „Guten Morgen, Du kannst gern noch ein bisschen Schlafen, denn Du musst Dich nicht mehr verkleiden! …Gehst locker als Zombi durch, auch ohne Kostüm und Schminke“

Charmant! 😉

Keep on Running

Eure Sandra


{ 2 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

Susann Oktober 31, 2013 um 12:27

Erstmal gaaanz großer Respekt! Wahnsinn, mir liefen beim lesen die Tränen, so viel Ehrgeiz und Mut. Große Klasse.

LG Susi

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Sandra November 4, 2013 um 09:48

Oh liebe Susi, vielen lieben Dank für Deine netten Worte 🙂 Fühle mich sehr geschmeichelt

LG Sandra

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