Warum, warum fällt mir das Laufen nur so schwer?

von Tankred Dankmar am 20. November 2015

Liebe laufende Gemeinde!

Hilfe! Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist, aber im Moment sind meine Laufleistungen einfach desaströs. Vor allem die langen Distanzen klappen einmal so gar nicht mehr. Alles, was länger als 5 km ist, verursacht mir keine Freude mehr, sondern ein Unbehagen, wie ich es eigentlich nur noch aus meiner Anfängerzeit als Dauerläufer kenne. Verzerrtes Gesicht, die Atmung und die Beine schwer und immer nur noch einen nahen Fluchtpunkt anpeilend – so laufe ich gerade.

Wo ist die Leichtfüßigkeit, wo ist das Runners High hin? Wech! Wie weg geblasen.

Dabei hatte ich mir doch so viel vorgenommen, als ich vor knapp 4 Wochen umgezogen bin. Von der Insel Koh Phangan in der thailändischen Provinz in eine urbane Metropole kurz vor dem Äquator. Ehrlich, das ist eine Riesenstadt auf einer recht kleinen Insel, dieses Penang in Malaysia, wo ich jetzt wohne. Und ich hatte mir eben vorgenommen die ganze Stadt im Dauerlauf zu erkunden und einzunehmen. Zumindest geistig und mir ein Bild davon machend, welche Ecken es hier so gibt. Aber bisher bin echt noch nicht wirklich weit gekommen. Im Augenblick wanke ich nur mehr schlecht als recht um den Block. WTF?

Irgendwas zerrt wie Blei an meinen Gliedern, wenn ich von meinem Hotel aus los laufe. Himmel, Arsch und Zwirn, ich trabe mehr schwerfällig wie ein Ochse, als dass ich schön dahin gleite wie ein…Gipfelstürmer! Was ist das nur? Ich muss gerade wieder trainieren, als hätte ich 2 Jahre lang pausiert. Kennt ihr das?

Also, ich weiß ja auch aus eigener Erfahrung, dass man nicht immer in Top-Form ist, aber das, was ich gerade durchmache, grenzt an Demütigung. Und an meiner Motivation liegt es bestimmt nicht. Ich könnte Bäume ausreißen und eigentlich will ich auch gar nichts anderes, als einmal um meine neue Insel herumzulaufen. Aber Pustekuchen. Nüschte. Jetzt mache ich wieder Etappentraining. 3 km – kurze Pause – 3 km mit mehr Tempo – kurze Pause – dann noch mal 2 gequälte Kilometer zum Auslaufen. Und dann bin ich – frei von der Leber weg formuliert – total am Arsch und gehe mir selbst ganz schön auf den Sack dabei.

Jetzt frage ich mich natürlich, woran das eigentlich liegt. Natürlich suche ich die Gründe dafür in der Außenwelt, nicht innen. Meine Innenwelt funktioniert so gut wie schon lange nicht mehr, daran kann es also partout nicht liegen. Der Umzug hat mir gut getan, ich bin voller Energie und vor allem einfach nur geil aufs Laufen! Ja, ich will! Ich will laufen, am liebsten zwei Mal am Tag. Ich will es mir und allen anderen zeigen, wie schön das Laufen in den Tropen ist und vor allem will ich meine neue Hood per pedes – und zwar zackig – erkunden… aber ich krieg die Beine einfach nicht hoch. Als wäre ich angenagelt. Dabei habe ich mir extra neue Laufschuhe gekauft. Nicht die besten, aber bei weitem auch nicht die schlechtesten, die ich jemals hatte. An denen liegt es schon mal nicht.

Analyse. Vor nicht mal 2 Monaten bin ich noch eine Halbmarathondistanz gelaufen. Und zwar spielend. Ansonsten immer zwischen 10 und 15 km, manchmal auch nur 7 oder so. Aber immer mit viel Elan. Und heiß war es auf Koh Phangan auch. An den Tropen per se kann es also auch nicht liegen. Was hat sich mit der neuen Heimat denn sonst noch verändert? Mal überlegen. Ich bin wieder in einer Stadt und nicht mehr auf dem Land. Na gut. Die Luft ist hier etwas schlechter, weil es hier einen richtigen Straßenverkehr gibt. Das gab es auf der thailändischen Insel nicht, zumindest nichts, was diesen Namen auch verdient hätte.

Aber auch das ist meinem Läuferdasein nicht fremd. Ich bin auch schon durch Zürich, Bonn und Köln gerannt und nicht, wie jetzt, gestolpert. Nein, das ist es auch nicht. Und die Straße kann es auch nicht sein. Ich bin kein reiner Geländeläufer und ehrlich gesagt liebe ich es sogar, auf der Straße zu traben. Sich elegant durch den Verkehr zu schlängeln finde ich eigentlich ganz sexy.

Aber: jetzt bin ich auch drauf gekommen, woran es liegt! Ich habe den Schuldigen für meine misslichen Leistungen gefunden. Ich wollte es erst gar nicht wahrhaben, aber nach einer ausgiebigen Analyse und einem gesundverstandlichen Ausschlussverfahren bleibt gar nichts anderes mehr übrig. Es sind diese verdammten Waldbrände im Nachbarland Indonesien! Vielleicht habt ihr ja auch schon davon gehört? Ich als Läufer – und nebenbei noch 250 Millionen andere, die hier in Südostasien leben – sind Opfer einer der größten menschgemachten Umweltkatastrophen der vergangenen Jahrzehnte.

Kein Wunder, dass ich kaum noch Luft beim Laufen kriege und mich wie angenagelt dahinschleppe. Bei einer Feinstaubbelastungen, welche selbst hier, ein paar hundert Kilometer weit weg der eigentlichen Ursache, noch locker das 7-fache von dem beträgt, was jegliche Experten für gerade noch vertretbar halten, bleibt selbst der härteste Läufer weit unter seinem Limit. Und dieses ´vertretbar´ meinen die Experten in dem Sinne: bleiben Sie zu Hause und schließen Sie die Fenster!

Hier in Malaysia ist mittlerweile fast jeden zweiten Tag schulfrei, weil man sich berechtigterweise um die Gesundheit der Zöglinge sorgt. Und ich Depp laufe lustig drauf los! Das ist, als würde man in einem total verseuchten See schwimmen gehen. Tut man ja schließlich auch nicht. Bin ich also doch irgendwie selber schuld. Ist aber nicht das Alter, sondern meine eigene Dummheit. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich beruhigend finden soll?

´So sieht´s aus! Kein Wunder, dass ich keine Luft mehr krieg´

Foto: servus via flickr | CC BY-SA 2.0

Was ist geschehen? Machen wir es kurz. Damit auf Sumatra und Borneo genug Anbaufläche für Kokosöl gewonnen werden kann – welches übrigens die ganze Welt konsumiert, als Zutat in allem Möglichen – wird dort traditionell Brandrodung betrieben. Das ist nichts Neues. Etwas anders ist, dass es dieses Jahr hier ausgesprochen wenig geregnet hat und auch der Monsun etwas auf sich warten lässt. Dadurch haben sich die eigentlich kontrollierten Brandrodungen zu tausenden von Urwaldbränden ausgeweitet und die gesamte Region Südostasien – von Indonesien über Malaysia über Kambodscha, Thailand und Vietnam – kriegt es jetzt ab.

Hier werden gerade 600 Millionen Tonnen Treibhausgase in zwei Monaten in die Luft gejagt und ziehen mit dem Wind landeinwärts. Das entspricht etwa so viel wie der jährlichen Emission des Industriestandorts Deutschlands. ´Schland! Da ist eine ganze Menge. Der Witz ist, dass sich alle einig sind, dass das mittlerweile eine globale Krise ist. Wir haben also alle was davon, nicht nur ich, der hier an der Quelle sitzt.

Auswirkungen der Waldbrände in Indonesien

Fotocredit: „TOMS indonesia smog lrg“. Licensed under Public Domain via Commons

Kein Wunder also, dass ich kaum noch laufen kann! Aber ihr werdet auch bald langsamer, wenn das so weiter geht. Ich weiß, das ist hier echt der falsche Ort um Hippie-Floskeln zum Thema ökologisches Bewusstsein rauszuhauen, aber denk mal drüber nach, liebe laufende Gemeinde. Bald kriegen wir alle keine Luft mehr und der Spaß beim Laufen hört auf. Und warum?

Weil wir konsumieren, was das Zeug hält. Ihr fragt Euch jetzt vielleicht, was ihr mit dem Palmölanbau in Indonesien zu tun habt? Ganz einfach. Es steckt in allen möglichen Produkten des täglichen Lebens: Schokolade, Seife, Fertigsuppen, Waschmittel, Gesichtscreme und – für mich als Kind dieser Generation ganz schlimm – in Nutella auch! Und das ist nur ein Bruchteil der Produkte, die Palmöl verwenden. Warum tun die Hersteller das? Weil es billig ist. Und warum ist es billig? Weil in Indonesien keiner was dagegen hat, dass man dafür eine Umweltkatastrophe auslöst. Gibt es Alternativen? Natürlich gibt es die.

Lange Rede, kurzer Sinn: ich bin selber schuld, dass ich gerade nicht gut laufen kann, weil ich so dämlich bin, in dieser toxischen Suppe mit Laufschuhen auf die Straße zu gehen. Aber wenigstens hat meine Laufleistung im eigentlichen Sinne nicht nachgelassen, sie wird nur daran gehindert, sich entfalten zu können. Gott sei es gedankt. Ich dachte schon, ich wäre über Nacht alt geworden. Aber wenn nicht bald grundlegend etwas im Hinblick auf den globalen Umgang mit dem Konsum passiert – und das gilt nicht nur für Palmölprodukte – läuft hier bald niemand mehr irgendwohin. Dann schleppen wir uns bald alle nur noch durch die Gegend. Und zwar weltweit. Und mit Gasmaske.

In diesem Sinne! Lauft so lange es noch geht und Spaß macht!

#keeponrunning


Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: