„Wenn Ihr mich ehren wollt, dann lauft!“

von Tankred Dankmar am 26. September 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Für meine Verhältnisse bin ich heute verdammt früh aufgestanden. Bereits um Acht (!!!!!) habe ich mit einem morgendlichen Eiskaffee meine Zeitungslektüre gewälzt – was in dem Fall bedeutet, Spiegel-Online zu lesen. Die meisten lokalen Tageszeitungen in Asien können mir nämlich nicht das geben, was ich trotz glücklicher Auswanderung und schönen, neuen Wahlheimaten ein paar Mal die Woche brauche – eine ordentliche Dröhnung deutschen Klatsch und Tratsch aus der Politik- und Kulturszene.

Da das hier ja eine absolut unpolitische Seite ist und ich sie auch nicht mit dem politischen Tagesgeschehen – Ihr wisst schon, die Bundestagswahl am letzten Sonntag – „verderben“ will, spare ich mir das und lasse mich diesbezüglich lieber an anderer Stelle lang und breit aus.

Wie auch immer. Nach den ganzen Meldungen und Artikeln zu Merkel, Lindner, Seehofer, Petry, Trump, Kim Jong Un und Co. war der politische Spuk dann auch mal bei dem sich überschlagenden Online-Spiegel vorbei und ich bin auf ein Interview gestoßen, welches uns viel mehr interessieren sollte. Schließlich sind wir auch bei allem politischen Chaos in Berlin immer noch auch und viele auch vor allem LÄUFER, liebe laufende Gemeinde!

Lassen wir die Politik also mal für einen Moment hinter uns – das kann uns allen gerade mal wirklich nicht schaden – und schauen wir uns stattdessen lieber an, was Misha G. Schoeneberg zu sagen hat. Weil der nämlich gedanklich und sportlich gerade ganz woanders ist. Denn Misha G. Schoeneberg ist kürzlich mit buddhistischen Mönchen quer durch Indien gereist – und zwar ZU FUSS!!! 1500 Kilometer!!! Das ist ziemlich genau so weit wie vom Brandenburger Tor in Berlin bis zum Kolosseum in Rom, wenn man die direkte Strecke über die Nord-Süd-Autobahnen nimmt. Verdammt weit also.

´So sehen thailändische Mönche aus, wenn sie schweigend durch die Gegend laufen – hier beim allmorgendlichen Prozessieren, bei dem sie sich ihre Gaben für den Tag von den Gläubigen abholen.´ – Bild: gemeinfrei

 

Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen, was denn so ein Gewaltmarsch eigentlich mit Laufsport zu tun hat, denn von einem müssen wir hier garantiert ausgehen: buddhistische Mönche haben es generell beim Laufen nicht eilig. Solange nichts brennt, haben die es eigentlich nie sehr eilig. Das könnt Ihr mir gerne glauben, ich war selbst schon ein paar Mal mit denen unterwegs, wenn auch bei weitem noch nie so lange und und noch nie so weit. Und: hat so ein gemütlich, buddhistisch angehauchter „Walkabout“ durch Indien nicht vielmehr etwas mit einer Meditation zu tun? Und ist Meditation eigentlich auch Sport, nur halt ein entspannter und mehr für den Kopf – so wie Schach oder Billard?

Schauen wir uns einfach mal an, wie Herr Schoeneberg das so sieht. Nur kurz vorweg noch: Misha G. Schoeneberg ist Jahrgang 1959 und war in jungen Jahren mal Tourmanager von „Ton, Steine, Scherben“, der gleichen Band, für die einst die blutjunge Claudia Roth, mittlerweile ja grünes Urgestein, genau denselben Job gemacht hat. Und mein schreibender Kollege ist der Misha jetzt auch, denn er hat über seine 2-monatige Wanderung ein Buch mit dem schönen Titel „Siddhartha Highway“ geschrieben und herausgebracht.

Nach eigenen Angaben haben die Mönche und Misha täglich 50.000 Schritte zurückgelegt, also knapp 42 Kilometer. Kann man sich eigentlich nicht beschweren, die reißen wir, liebe laufende Gemeinde, in zwei läppischen Halbmarathons runter und sind dafür wesentlich früher im Camp und können uns erholen und feiern. ABER: auf seinem Marsch ging es ja nicht darum, irgendwelche Rekorde zu brechen oder sich selbst zu beweihräuchern. Damit haben buddhistische Mönche nun wirklich nichts an der Mütze.

´Hier mal ein junger Mönch in Laos. Ihr seht: die sind selbst in jungen Jahren schon ziemlich tiefenentspannt und geben einen Scheiß auf Lauf-Rekorde. Wäre in den Schlappen eh kaum möglich.´ Bild:  Jean-Marie Hullot – CC BY-SA 3.0

 

Nein! Streben nach irdischen Gütern – und dazu zählen auch solche Banalitäten wie Bestzeiten und Ego-Schübe – war dem Buddha fremd. Und auch seinen Anhängern leuchtete es ein, dass die Erleuchtung nur innerhalb des Schädels zu finden ist – nicht außerhalb davon. Und der Buddha hat auch gesagt, dass er kein Gott oder auch nur Gottes Sohn oder irgendeine heilige Jungfrau wäre. Nein, Buddha hat immer gesagt, dass er ein Mensch sei. Und als Mensch wollte und sollte er auch nicht von anderen Menschen gepriesen, gelobhudelt oder gesonstwas werden. Genau deshalb ist der Buddhismus ja auch keine Religion, sondern eine Philosophie.

Nun ist der Misha mit 220 thailändischen Mönchen 1500 Kilometer durch Indien und Nepal gelaufen. Dazu hat man ihn übrigens als einziges „Bleichgesicht“ eingeladen – er hatte da wohl ein paar ganz gute Connections zu einigen der Mönche gehabt. Und warum laufen der Misha und die 220 buddhistischen Mönche so gemächlich über den indischen Subkontinent? Weil der Buddha auch gesagt: „Wenn Ihr mich ehren wollt, dann lauft! Denn Laufen reinigt den Körper und klärt den Geist!“

Genau das führt nach Buddhas Lehre zur Erleuchtung! Genau DA will ein Buddhist hin, weil „Buddha“ kein göttlicher Name ist, sondern einfach nur „der Erleuchtete“ bedeutet. Deshalb gehört es zur Pflicht eines jeden Buddhisten, viel zu laufen – im Idealfall eben eine lange, weite Pilgerreise durch das Land von Buddhas Geburt. Da unterscheiden sich irgendwie viele Religionen – wobei der Buddhismus, wie gesagt, keine Religion ist – auch nicht besonders voneinander. Die Muslims pilgern mindestens einmal im Leben nach Mekka, die Christen in irgendwelche Wallfahrtsorte, wo mal irgendwo eine Maria erschienen ist, die Hindus laufen andauernd irgendwo hin – und und und.

Die Buddhisten laufen aber eigentlich des Laufens willen, denn es geht ja nach der Lehre Buddhas gar nicht darum, irgendwo hinzukommen, dahin, wo ein komischer, schwarzer Marmorwürfel steht oder wo irgendeinem geistig verwirrten Mädchen mal die heilige Jungfrau was vom Pferd erzählt hatNein, der Buddhist läuft, weil „das Laufen den Körper reinigt und den Geist klärt“.

Und jetzt frage ich Euch, liebe laufende Gemeinde: WER WÜSSTE DAS AUSGERECHNET BESSER ALS WIR!!!! Genau DAS ist doch der Grund, warum die meisten von uns andauernd durch den Stadtpark wetzen. Es ist gesund und macht unseren Geist frei!!! 

Wir Läufer sehen das nur nicht so spirituell verklärt, sondern eben viel pragmatischer. Und ich persönlich muss sagen, dass mir beim Laufen dieser Pragmatismus auch wesentlich besser liegt. Ich habe aber auch mal die Lauf-Meditation ausprobiert, als ich einige Male in Thailand in so einem buddhistischen Meditations-Bootcamp gewesen bin. Da wird dann natürlich hauptsächlich den GANZEN TAG geschwiegen und im Lotus-Sitz meditiert.

Aber zwischendurch gab es dann auch diese Lauf-Meditations-Einheiten. Da geht man dann gaaaaanz langsam im Kreis herum, schweigt natürlich und es ist auch untersagt, anderen dabei in die Augen zu schauen. Man soll sich dabei auf jeden einzelnen Schritt fokussieren, sich solange auf die Bewegung konzentrieren, bis diese Konzentration sich auflöst und eben zur Meditation wird.

Das mache ich auch nicht mehr, denn genau das erlebe ich bei jedem Halbmarathon auch – nur schneller und heftiger. Da muss ich mich ab Kilometer 12 auch unglaublich konzentrieren, damit ich noch tapfer einen Fuß vor den anderen setze. Und ab Kilometer 18 dann verschwindet dieser Fokus völlig und ich erlebe tatsächlich Gefühle, die an Auflösung und Transzendenz grenzen – nur eben auch viel intensiver, weil ein ordentlicher Halbmarathon viel anstrengender ist – körperlich wie geistig! Und ich glaube, Ihr wisst ganz genau, was ich meine, liebe laufende Gemeinde!

Wie auch immer. Finde ich gut, was der Misha da gemacht hat, auch wenn meine spirituelle Denke in den letzten Jahren einer leicht sarkastischen Nüchternheit gewichen ist. So oder so hoffe ich aber, dass ich Euch jetzt mal ein paar Minuten von dem Drama, das gerade in Eurer Hauptstadt stattfindet, ablenken konnte.

Und Ihr wisst ja: Laufen könnt Ihr immer – ganz egal, wer an die Macht kommt. Denn uns hält keiner auf, liebe laufende Gemeinde! 

In diesem Sinne,

#keeponrunning

Euer Tankred


{ 1 Kommentar… lies ihn unten oder füge einen hinzu }

ultraistgut September 27, 2017 um 10:23

Gefällt mir – warum gefällt mir das ?

DANKE !

Gruß von einem der Läuferparadiese OSTSEE !

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