Wir Läufer sind neurotische Kopfrechenkünstler!

von Tankred Dankmar am 27. April 2017

Liebe laufende Gemeinde!

Ist Euch vielleicht auch schon aufgefallen, dass wir Läufer ziemlich gut im Kopfrechnen sind? Zumindest weit besser als der gemeine Durchschnitt der nicht-laufenden Quarktaschen, welcher durch die Straßen stolpert. Denn unsere nicht-laufenden Mitmenschen, wann kommen die schon mal dazu, irgendwas im Kopf ausrechnen zu müssen?

Selbst wenn sie mal etwas berechnen wollen, dann holen sie halt ihr immer griffbereites Handgerät heraus und lassen das kleine Wundermaschinchen diese Aufgabe für sich erledigen. Wir Läufer dagegen, tja, wir müssen dauernd kopfrechnen – ohne Maschine und in vollem Galopp.

Und das kommt aus einem ganz einfachen Grund andauernd vor: Beim Laufen berechnen wir ständig unsere Durchschnittsgeschwindigkeit. Oder irgendwas anderes, was zum Laufen dazu gehört.

  • Wie viele Kilometer noch in welcher Zeit?
  • Was ist, wenn ich in dem Schneckentempo weiter wanke?
  • Wann muss ich mal einen Gang höher schalten, um mein selbst gestecktes Ziel auch wirklich zu erreichen? Und wie lange muss ich dafür schneller laufen?
  • Und wann kann ich mal wieder einen Gang runter schalten?
  • Um wie viel habe ich die Zeit, die ich für das Ründchen durch den Stadtpark brauche, im letzten Monat schon verbessert?
  • Und im letzten Jahr erst? Ist diese Leistungssteigerung gut, mittel oder eher schlecht?
  • Laufe ich eigentlich schneller oder langsamer, wenn gerade Vollmondzeit ist?
Beim Laufen leider viel zu selten mit dabei: ein japanischer Suanpan (oben) oder ein Soroban (unten) – sprich einen exotischen, aber etwas zu sperrigen sogenannten Abacus – Bild: Public Domain

 

Für viele bleibt es dann noch nicht einmal bei den bloßen Fragen der Zeit versus Distanz, echte Cracks beschäftigen sich auch noch mit dem Energieverbrauch. Wie viel Proteine muss ich nachher zu mir nehmen, damit ich die Energiereserven wieder adäquat auffülle, wenn ich jetzt so und so schnell und so und so lang daher trabe?

Besonders komplex werden solche Berechnungen, wenn man auch noch versucht abzunehmen. Ab welcher Minute fängt der Körper noch gleich an, Fett zu verbrennen anstatt Glucose? Und wie hoch darf der Puls dann sein? Wie viele Kilometer muss ich in welcher Geschwindigkeit laufen, um endlich Bikinimodellmaße zu erreichen? (Meistens eine ganze Menge). 

Irgendwas gibt es immer zu berechnen. Irgendwas MUSS berechnet werden. Sonst fühlt sich der Läufer als Wesen etwas unwohl. Es ist schon fast eine neurotische Störung, dass sich die meisten von uns auf der Laufstrecke ständig mit Zahlen und teils absurden Berechnungen beschäftigen. Dreisatz, Durchschnittswerte, Statistiken vergleichen. Nährstofftabellen auswendig lernen und immer abrufbereit haben.

Puls, Distanz, Zeit – die heilige Dreifaltigkeit des Läufers, ob Amateur oder Profi. Was berechnet werden kann, muss auch berechnet werden. Und der Witz ist, dass so gut wie alles in diesem Universum mathematisch untersucht und in Zahlen zusammengefasst werden kann, und so auch jedes Detail beim Laufen.

Und all diese Berechnungen machen wir Läufer, ohne online oder verschweißt mit unserem Smart-Dingsbums zu sein. Nur ein paar echte Freaks tragen einen Bordcomputer beim Laufen mit sich herum, die meisten von uns rechnen beim Traben im Kopf mit.

Und jetzt kommt der Clou: Wenn das Gehirn derart mit komplexen Lösungsvorschlägen von teils recht bizarren Leistungsformeln ist, ja, dann verbrennt das Denkorgan zwischen unseren Ohren auch wieder mehr Energie als im Normalzustand.

Und wie fügt man denn nun diese neue Variabel adäquat in die Gleichung ein? Da müsste man wohl doch mal zur hiesigen Uni marschieren und einen Biochemiker oder Sportbiologen kontaktieren. Und überhaupt sollte man eigentlich viel öfter den Kontakt zu denen suchen, die die Antworten wohl von Berufswegen besser parat haben sollten als unsereins.

Unser Gehirn – durch das ständige Kopfrechnen beim Laufen verbraucht es mehr Energie als normal. Aber wie viel eigentlich?

 

Foto: FastFission-brain.gif | CC BY-SA 3.0

Ich persönlich muss sagen, dass ich den Mathe-Unterricht immer gehasst habe. Das war so gar nicht meins und vor allem in der Oberstufe habe ich da total auf Durchzug gestellt. Ist einfach nicht mein Talent, ich bin eher musisch veranlagt. Das dachte ich zumindest ziemlich lange. Bis ich ernsthaft mit dem Dauerlauf als Sportart angefangen habe.

Und bereits ab dem ersten Kilometer habe ich erstaunlicherweise angefangen, mitzurechnen. Ich habe alles berechnet, genau wie oben beschrieben. Wenn ich jetzt in dem Tempo so und so lange weiter laufe, in welcher Zeit bin ich mit dem Halbmarathon dann durch? Und wann habe ich Bikinimodellmaße? Und so weiter.

Ich habe früher irgendwann sogar mal damit angefangen, mir beim Laufen selber den Puls zu messen – ohne Pulsmessgerät natürlich. Alles im Kopf. So und so viele Schläge pro 15 Sekunden. Mal vier macht in der Minute XY. Das habe ich alle paar Kilometer gemacht und die Ergebnisse wiederum damit verglichen, wie weit ich in welcher Zeit gekommen bin.

Nach ein paar Wochen war mein Gehirn natürlich auch noch voll von Leistungs- und Nährstofftabellen – dabei wollte ich noch nicht einmal abnehmen, es gab keinen Grund dafür. Nein, ich berechnete diese Zahlen, WEIL ICH ES KONNTE.

Und darüber habe ich mich dann schon etwas gewundert, darüber, wie leicht mir die ganze Rechnerei auf einmal fiel. Nicht, dass ich den Dreisatz und einfache Rechen-Mathematik nicht schon in der Schule verstanden hätte, ich bin erst bei der Kurvendiskussion mental ausgestiegen und wurde zum akademischen Leistungstotalverweigerer – aber hätte mir damals jemand gesagt, dass ich mal damit anfangen werde, gerne und zwanghaft alles mögliche freiwillig im Kopf durchzurechnen, hätte ich mich ziemlich beleidigt gefühlt. Ich hatte der Mathematik schließlich nicht grundlos den Krieg erklärt. 

Mathe-Unterricht in einem Bild von Gregor Reisch von 1508 – sah schon damals stinklangweilig aus – Bild: gemeinfrei

 

Plötzlich konnte ich die Mathematik aber ganz gut gebrauchen. Gut, die Schulzeit und meine 0 Punkte in der Mathe-Abi-Klausur waren schon mehr als zehn Jahre her, aber ich konnte es noch. Obwohl ich im Unterricht immer auf Durchzug gestellt hatte, war anscheinend doch relativ viel hängen geblieben. Erstaunlich, wie das Gehirn funktioniert. Selbst Sachen, die man aus tiefsten Herzen ablehnt, merkt es sich einfach ungefragt.

Und noch schlimmer: Es entwickelt auch noch diese bizarre Läufer-Neurose, das zwanghafte im Kopf-Mitrechnen, während man eigentlich doch nur den Lauf genießen sollte: mal nichts zu denken, nur zu sein und sich zu spüren, und das meistens auch noch frei in der schönen Natur.

Der Läufer ist halt ein seltsames Wesen. Ich versuche deshalb seit zwei, drei Jahren mir das Kopfrechnen unterwegs zu sparen. Sobald ich auf der Strecke merke, dass ich wieder mal dummes Zeugs ausrechne, versuche ich diesem Drang zu entsagen. Aber es ist wie mit so vielen schlechten Eigenschaften: man gewöhnt sich diese Sch…. nur schwer wieder ab. Aber ich habe mir in meinem Leben auch schon ganz andere schlechte Eigenschaften wieder abgewöhnt.

Da wird das dämliche, zwanghafte Kopfrechnen eigentlich keine großartigen Probleme bereiten dürfen. Tut es aber, es ist erstaunlich hartnäckig. Aber wenn ich mir nur oft und lange genug selber sage, wie sehr ich KEINEN Gefallen an der Mathematik an sich habe, dann sollte dieser kleine Rechenkünstler in meinem Kopf eigentlich bald mal das Handtuch werfen – und lieber die frische Luft und die Landschaft genießen können.

Kopfrechnen ist doof, beim Laufen lieber die Landschaft genießen – aber bring das mal dem neurotischen Kopfrechenkünstler im Läufer-Kopf bei!

Bild: Interstate295revisited| CC BY-SA3.0

Ich habe vor ein paar Jahren mal eine schöne Postkarte gesehen. Darauf zu sehen war ein sehr missmutiges Kind, dass an einer Schultafel steht, auf der wirre Zahlen geschrieben sind. Darüber der prägnante Spruch: „MATHE IST EIN ARSCHLOCH“. 

In diesem Sinne – hört auf mitzurechnen. Befreit Euch von der Läufer-Neurose und lauft einfach wild, frei und ungehemmt und genießt es!

#keeponrunning

Euer Tankred


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ulrich April 29, 2017 um 08:55

Ein lustiger Text, der ein Randthema gelungen aufs Korn nimmt, gratuliere. Persönlich habe ich halt damit Probleme, wenn eine Gruppe (der ich zufällig auch angehöre) ins neurotische Eck gestellt wird. Laufen ist Freiheit, Kreativität und Autonomie, ja, wenn es um´s Traillaufen geht fast schon Anarchie. Laufen ist die schönste Form von Egoismus und Meditation.
Klar, es gibt auch Laufneurotiker, aber es gibt ebensolche Laufkindsköpfe wie meinereiner.
https://ulrichsblog.wordpress.com/tag/marathon/
mit sportlichen Grüßen
Ulrich

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