Wir sind alle Usain Bolt!

von Tankred Dankmar am 24. August 2016

Liebe laufende Gemeinde!

Haben wir es endlich hinter uns. Olympia in Rio 2016 ist nun Geschichte und wir können nun zu unseren alltäglichen Routinen zurückkehren. Denn mal ganz ehrlich: Mir persönlich sind diese Zeitverschiebungen bei sportlichen Events immer ein Greuel. Das geht mir sowieso die meiste des Jahres mit der Formel 1 sowieso schon so – so ziemlich jedes Rennen hat seine eigene Startzeit und da ich keinen eigenen Fernseher habe, muss ich mir immer, da wo ich mich auf Reisen gerade befinde, eine Bar suchen, die gewillt ist, den Sportkanal anzumachen, sofern es überhaupt einen gibt. Schließlich kosten die ja Geld, Bezahlfernsehen und so.

Und ja, ich bin großer Formel 1 Fan. Ich schaue da gerne zu, wie ein paar Idioten total langweilig immer im selben Kreis herumfahren – das Totschlagargument derer, die die Schönheit dieses Sports nicht sehen. Ich finde das hingegen sehr, sehr entspannend. Außerdem fahre ich selber gerne alles, was einen Motor hat. Ich bin aber keiner, der Hunderte von Euros ausgeben würde, um selber mal bei einem Rennen dabei sein zu können. Wie gesagt, ich finde es echt entspannend, da zuzusehen, ich fiebere nicht mit oder so. Ich bin schon so manches Mal bei Runde 12 eingenickt und kurz vor dem Finale wieder wach geworden. Ein perfekter Sonntagnachmittag, wenn Ihr mich fragt. Smile

Eine Rennszene vom Grand prix in Malaysia 2015. Ich war zwar ganz in der Nähe, sah aber lieber halbwach vor dem Fernseher zu

Bild: Morio | CC BY-SA 4.0

Aber egal. Mit der Olympia-Übertragung war es dann mal wieder ganz schlimm für mich, wegen der Übertragungszeiten, meine ich. Von Malaysia bis Rio sind es satte 11 Stunden Zeitunterschied. Ich bin also in den letzten drei Wochen zu einem ausgesprochenen Nachtmenschen geworden. Aber wenigstens konnte ich alles, was ich mir anschauen wollte, entspannt im Foyer meines eigenen Hotels gucken. Nun ist es vorbei und der Nachtportier hat wieder seine Ruhe vor diesem einsamen Gast, der da teilweise stundenlang vor dem Fernseher herumgelungert ist und Bier getrunken hat.

Schauen wir uns die Ergebnisse also mal an, wobei ich versuche, mich auf das Wesentliche – den Laufsport und hier auch nur auf das Wichtigste – zu konzentrieren und hier mal für Euch zusammenzufassen, zumindest für die, die selbst nicht zugeschaut haben oder den Überblick verloren haben.

  • Insgesamt gab es 306 Wettkämpfe auszutragen. Ergo wurden auch insgesamt 918 Medaillen vergeben. Die meisten haben mit 121 mit Abstand die Athleten aus den USA geholt. Die Deutschen durften sich über insgesamt 42 freuen, 17 davon waren aus Gold.
  • Die Darbietung der Deutschen war im Laufsport nicht besonders prickelnd. Nicht eine einzige Medaille wurde hier geholt.
  • Kommen wir zu einen der am spannendsten erwarteten Disziplinen bei jeden Olympischen Spielen, dem 100 Meter Sprint. Machen wir es kurz: Usain Bolt rennt immer noch allen davon, und das tut er schon seit Jahren. Auch in Rio tat er das mal wieder elegant, charmant, fast spielerisch. Wo früher ein bulliger Ben Johnson aussah wie ein unter Verstopfung leidender Stier beim Angriff, zeigt Usian Bolt die Eleganz einer gut gelaunten Raubkatze beim Sprung – und lächelt nicht selten noch in die Kamera, die den Zieleinlauf fotografiert. In Rio lief er die 100 Meter in 9,81 Sekunden. Seinen eigenen Weltrekord ist er 2009 in Berlin gerannt – in 9,58 Sekunden.

Seit Jahren holt diesen sympathischen Ausnahmesportler einfach keiner mehr ein. Usain Bolt, hier in seiner typischen Siegerpose! Er müsste schon über seine Schnürsenkel stolpern, damit mal einer vor ihm durchs Ziel rennt.

Bild: Steven Zwerink | CC BY-SA 2.0

  • Den Weltrekord der Damen im 100 Meter Sprint hält seit nunmehr 1988 (!!!) die unvergleichliche, elegante Florence Griffith-Joyner. Die älteren unter Euch werden sich bestimmt an diese Dame erinnern. Das war die mit den langen und stets makellos lackierten Fingernägeln. Sie lief die 100 Meter damals in 10,49 Sekunden und auch in Rio 2016 konnte die Goldmedaillengewinner aus Jamaika – Elaine Thompson – mit 10,71 Sekunden der Bestmarke von Florence mit den schönen Nägeln nur hinterherlaufen.
  • Viele Hobbyläufer laufen regelmäßig ihr 5 Kilometer-Ründchen und deshalb schauen wir uns die Ergebnisse über diese Distanz nun auch mal genauer an. Die diesjärhige olympische Goldmedaille erlief sich die Kenianerin Vivian Cheruiyot bei den Damen in 14:26,17 Minuten. Unglaublich. Die meisten Hobbyläufer brauchen dafür 35 bis 40 Minuten. Bei den Herren holte Mo Farrah aus England mit 13:03,30 (Schnappszahl) Gold. Die Weltrekorde über 5000 Meter liegen bei den Damen bei 14:11,15 Minuten, aufgestellt Tirunesh Dibaba aus Erithrea 2008 in Olso, und bei den Herren bei 12:37,35 Minuten, aufgestellt von Kenenisa Bekele, ebenfalls Erithrea, in 2004 in Hengelo.
  • Für jeden Anfänger das erste große Ziel, für jeden geübten Hobbyläufer eher ein Vergnügen am Sonntagmorgen – natürlich noch vor dem Frühstück – ist der 10 Killometerlauf. Die Bestmarken aller Zeiten hier: Bei den Herren lief ebenfalls Kenenisa Bekele den Weltrekord von 26:17,53 Minuten 2005 in Brüssel. Almaz Ayana aus Erithrea schaffte den neuen Weltrekord der Damen in dieser Königsdiszplin dieses Jahr in Rio bei den Olympischen Spielen. Ihre Zeit: 29:17,45 Minuten, wobei dieser Rekord noch unter Vorbehalt genannt ist. Weiß der Geier, was die da noch zu prüfen haben. Wahrscheinlich geht´s mal wieder um das leidige Thema Doping. Gold der Herren in Rio holte sich auch über diese Distanz der Engländer Mo Farrah in 27:05,17 Minuten und hat so noch nicht mal an dem Weltrekord von Bekele gekratzt.

Wahrscheinlich die neue Weltrekordhalterin über 10 Kilometer: Alamz Ayana aus Jamaika

Bild: Erik van Leeuwen (bron: Wikipedia). GNU

  • Nun zum wichtigsten, dem Marathon. Wer hätte es gedacht, ein Kenianer holte bei den Herren Gold. Allerdings ist die gelaufene Zeit von 2:08,44 doch recht enttäuschend, wenn man bedenkt, dass der Weltrekord (Dennis Kimetto, ebenfalls aus Kenia) vom September 2014 mit 2:02,57 aber auch nicht annähernd erreicht wurde. Aber ich habe da eine Theorie. Mir ist beim Statistiken-Wälzen gerade aufgefallen, dass die Weltrekorde der letzten Jahre samt und sonders beim Berlin-Marathon erzielt wurden. Und der findet immer im läuferfreundlichen Spätsommer/Frühherbst statt. Da herrschen wohl klimatisch optimale Bedingungen in der deutschen Hauptstadt, während es im frühen August in Rio de Janeiro wohl doch noch recht warm ist. Also mein Tipp: Wenn mal endlich einer offiziell die 2 Stunden Marke knackt, dann würde ich meine Wett auf Berlin platzieren.
  • Der Weltrekord bei den Damen wurde von – Überraschung – einer Engländerin aufgestellt. Und das auch nicht in Berlin, sondern im April in London. Der Frühling in Britanien schien für Paula Radcliffe im April 2003 also auch recht hervorragende Laufbedingungen zu bieten. Sie lief die 42,195 km in 2:15,25. Dagegen verblasst leider auch das Ergebniss der Kenianerin Jemima Sumgong dieses Jahr in Rio. Sie gewann Gold in vergleichsweise mageren 2:24,04.

So, liebe laufende Gemeinde. Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich bin jetzt wieder topmotiviert auch an meinen Bestzeiten weiter zu werkeln. Nicht, dass ich noch mal nach Olympia, geschweige denn irgendeinen Rekord brechen will, aber doch meine eigenen Meilensteine kann ich immer wieder einholen. Wink

Und genau das ist doch das Schöne am Laufsport: Man kann einfach raus auf die Straße oder in den Stadtpark, in den Wald oder von mir aus aufs Laufband im Sportstudio – und dort versuchen seine eigene Bestmarke zu knacken, als wäre sie ein Weltrekord.

Und sind wir ehrlich: Wenn man seine eigene Bestzeit mal wieder unterbietet, fühlt sich das auch ein bisschen wie ein Sieg bei Olympia an. Wir sind alle Usain Bolt!

Und jetzt: Husch Husch, ab auf die Strecke!

#keeponrunning

Euer Tankred


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