Wo laufen sie denn hin?

von Tankred Dankmar am 18. Januar 2016

Okay, einmal noch: frohes, neues Jahr, liebe laufende Gemeinde!

Ich wünsche uns allen, dass wir weiter, schneller und noch freudiger laufen, als im letzten Jahr. Und jetzt lassen wir das mit den guten Wünschen. Nun ist 2016, die Uhren sind umgestellt und jetzt können wir uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren: das Brauchtum des Laufens!

Aaaaaber…..was ist das eigentlich für ein seltsames Brauchtum? Warum, weshalb und wohin laufen wir eigentlich?

Ein paar Gedanken…

Wohin, weshalb, warum?

Keine Ahnung!

Um die Ecke, um den Sportplatz, um die Stoppuhr zu schlagen? Um wegzulaufen, um einen selbstauferlegten Parcour, um den Acker vom Bauern nebenan? Um die Wette, um Kalorien zu verbrennen, um sich nicht mit sich selbst und seinen Problemen beschäftigen zu müssen? Um die neuen Schuhe geschmeidig zu machen, um schneller von A nach B zu kommen oder vielleicht um die Gegend besser kennen zu lernen? Um uns selbst zu gefallen, um die Nase zu rümpfen, um angeben zu können? Um nicht der Letzte zu sein, um am Ende nicht total dumm da zu stehen oder vielleicht einfach nur, um zu laufen?

Wo laufen sie denn hin?

Bild: Patrick Gruban | CC BY-SA 2.0

Warum laufen wir? Oder besser – Wohin?

Was ist das Ziel von mindestens 1000 km im Jahr, die wir laufen ohne ein echtes Zeil zu haben? Keiner von uns läuft von Köln bis nach Venedig, sondern wir laufen meistens nur im Kreis. Hätte das einer unserer Vorfahren auch gemacht, nur um zu laufen? Wahrscheinlich nicht. Aber wir tun das. Wir laufen um des Laufens Willen. Ohne einen trifftigen Grund. Abnehmen kann man auch auf dem Laufband. Oder mit FDH (Friss die Hälfte).

Selbst wenn man durchs Laufen schon eine Bikinifigur bekommen hat, läuft man noch immer weiter. Man kann nicht damit aufhören.

Aber warum eigentlich nicht?

Ich kenne Menschen, die haben im Knast mit dem Laufen angefangen. Man stelle sich das als normaler Mensch einmal vor! 23 Stunden in einer 8 Quadratmeterzelle eingeschlossen, alles, was man tun kann sind Liegestütze, Bücher aus der Gefängnisbibliothek lesen, Fernsehen gucken und die Wand anstarren. Kein Urlaub, kein Sex, kein richtiger Job. Kein Lob, kein Mitgefühl, kein Bier mit einem Freund. Kein Konzertgang, keine Wahl und auch kein Einkaufsbummel am Samstagmorgen in der Fußgängerzone. Kein nichts.

Nur einmal am Tag 1 Stunde Hofgang. Was macht man, wenn man nicht total irre werden will? Genau! Man fängt an zu laufen.

Eine Stunde am Tag auf dem Hof rennen, auspowern, alles irgnorieren. Rennen im Kreis, die Mauern vergessen, die Wärter und das andere Pack an sich vorbeiziehen lassen, und zwar so schnell wie möglich. Man will wegrennen, aber man kann nicht. Aber wenigstens kann man das Gefühl haben, das man rennt. Dass man seinen Körper einmal spürt. Dass man in diesem Moment doch etwas freier ist, als man dachte.

Oder mit anderen Worten: dass einen alle mal für eine Stunde am Arsch lecken können. Das kann einem keiner nehmen. Dieses Gefühl zu rennen, das zu tun, was der Mensch nun mal sehr gut kann: Laufen! Und es genießen!

Drehungen im Kreis um nicht irre zu werden

Bild: Public Domain

Wenn man joggt, verschieben sich die Gehirnaktivitäten vom präfrontalen Cortex woanders hin. Was macht der präfrontale Cortex? Er denkt nach. Dort haben wir Stimmungen, schwere Gedanken und Depessionen zum Beispiel. Und wo gehen die beim Laufen hin? Und zwar: die Energien, die dem Gehirn zur Verfügung stehen – welche es sonst vielleicht mit schwerer Nachdenkerei verschwendet – muss das Gehirn beim Laufen mit solch profanen Dingen wie Motorik, Atmung und Körperwahrnehmung, sprich: Gleichgewichtsssinn, verbrauchen.

Oder mit ganz einfachen Worten: Wenn man läuft, hat das Gehirn keine Zeit und keine Kapazitäten für Depressionen respektive zum Nachdenken. Der Läufer lässt das Philosophieren sein und läuft ganz einfach, ohne einen Grund zu haben. Der Grund ist, keinen Grund zu haben und sich gut dabei zu fühlen!

Viele Läufer kennen das! Man läuft ohne einen trifftigen Grund. Es ist nicht das Übergewicht, auch nicht der Wettkampf und noch nicht einmal das schöne Wetter, welches einen in die Laufschuhe und auf die Piste treibt. Es ist nur das Laufen selber. Denn schönes Wetter treibt die meisten Läufer in den Biergarten und nicht auf den Parcour.

Aber mag da kommen, was es will: Läufer, die Blut geleckt haben, müssen immer wieder und immer weiter und manchmal auch schneller laufen. Warum? Weil das Gehirn es möchte. Es ist wie eine Droge. Denn beim Laufen wird Serotonin ausgeschüttet. Das ist das sogenannte Glückshormon. Das wird auch beim Orgasmus oder bei einem Schuss Heroin ausgeschüttet. Und beim Laufen eben auch, zumindest nach einer bestimmten Zeit. Das ultimative Glücksgefühl ist dann das sogenannte ´Runners High´. Ein guter Grund also, sich die Laufschuhe zuzubinden. Und ein weiterer Grund, um auf die Strecke zu gehen, ist: weil man es kann!

Übrigens ist es auch dieser gleichbleibende Rhythums beim Laufen, welcher das Laufen so angenehm für Körper und Geist macht. Laufen ist wie Tanzen, nur dass es ein reiner Solotanz ist. Dieses Tak Tak Tak beruhigt Körper, Geist und Seele. Es ist wie eine Kur, eine Auszeit, ein Erblühen. Das mag vielleicht etwas poetisch klingen, aber sind wir ehrlich: das ist das Laufen auch.

Laufen ist eines dieser Gefühle, die sehr schwer zu beschreiben sind. Dafür müsste man eigentlich auch die Poesie bemühen. Oder hat einer von Euch, liebe laufende Gemeinde, schon einmal einem Nicht-Läufer nur mit einfachen Worten klar machen können, warum ihr lauft? Gibt es ein treffliches Wort für diese Freude?

Gibt es einen trifftigen Grund, einen, den andere auch ohne Weiteres verstehen, warum wir laufen, als hänge unser Leben davon ab, obwohl nichts und niemand hinter uns her ist?

Da denken wir zum Anfang unseres neuen Läufer-Jahres einmal nach. Und abschließen will der Autor diese Gedanken noch mit einem Gedicht eines anderen. Dieser war zwar kein Läufer, aber ich glaube, er fängt den läuferischen Grundgedanken ganz gut mit seinem Poem ein.

´Der Panther´ von Rainer Maria Rilke

Sein Blick ist im Vorübergehen der Stäbe
ganz trüb geworden, dass ihn nichts mehr hält.
Ihm ist´s als ob es tausend Stäbe gebe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Sein Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein starker Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille,
sich lautlos auf, dann fällt ein Blick hinein,
fährt durch der Glieder angespannter Stille
und hört im Herzen wieder auf zu sein.

In diesem Sinne! Immer weiter, schneller, freudiger!

Euer Tankred.

#keeponrunning


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